Wie fühlt sich die Leere an?

Ich fühlte mich zeitlang leer, weil abgestumpft. Ohne Leidenschaft, ohne Begeisterung und damit quasi regungslos. Ich funktionierte, das schien meine Ausflucht. Wie hab’ ich’s also mit der Leere?

DBE-Glas

Die Leere ist ein weiter und breiter Begriff. Welche Leere meine ich? Fühle ich mich leer, weil ausgelaugt, ausgesaugt? So leer wie ein Glas leer sein kann? Entleert? Oder fühle mich leer, weil entseelt, entkernt? So leer wie eine Maschine? Wie so oft ist’s ein Sowohl-Als-Auch. Im Zweifel aber fühle ich mich spirituell leerer, seelisch leerer.

Ich schimpfe, ich schreibe schon seit Jahren gegen “die Gesellschaft”. Ich abstrahiere darin mein Unbehagen mit unserer Zivilisation, mit unserer Zeit. Ich empfinde diese Zeit, diese Gesellschaft als “leer”. Leer insofern, als sie keinen Sinn stiftet. Also spirituell leer. Die Geschichten sind erzählt. Die zweite Religiosität befremdet die klassischen Religionen. Wir sind abergläubischer, unsicherer und anfälliger geworden.

Erscheinungen wie SVP, Brexit oder Trump sind für mich Symptome dieser grossen Leere. Diese Akteure überzeugen einen nicht rational, sie begeistern unsere Herzen, unsere Emotionen. Sie füllen uns mit Sinn, mit einer Mission, mit Aufgaben, mit Überzeugungen. Es sind moderne Weltanschauungen. Sie sind komplett, totalitär und allumfassend. Und sie sind menschlich-berührend.

Was ist nun die meine Leere? Meine Leere ist, dass ich das alles fühle. Ein Analytiker dürfte einwenden, ich schultere die Last der Welt und fühle mich als Märtyrer. Ich überfordere mich, ich übersteige und überhöhe mich. Ich überschätze meine Rolle. Ja gewiss, ich übertreibe vermutlich. Aber ich fühle so. Man kann meine Gefühle durchaus pathologisieren. Aber ändern kann ich’s nicht. Ich fühle echt und wahr. Die heutige Welt lässt mich verzweifeln. Es beschäftigt mich.

Denn wir haben wirklich nichts, worauf wir derzeit stolz sein können. Selbstverständlich landen wir mit unseren Robotern auf Planeten, wir erkunden. Wir tauchen in die Tiefe der Weltmeere, wir erforschen unentdeckte Arten. Aber wir haben noch viele andere issues, die grundsätzlich schwerer wiegen. Ich denke hier an den sexuellen Konkurrenzkampf, ich denke an den wirtschaftlichen Dschungel, ich denke hier an die allgemeine Sinnlosigkeit, an die Kapitulation der Philosophie. Ich denke an alle diese Arbeiter, die alltäglich im Trott marschieren.

Ich denke an alle die Seelen, die vereinsamen. Ich denke an alle diese Menschen, die nicht beantworten können, wer sie sind und wieso sie hier sind. Ich denke an alle die Hungernden, die nicht einmal daran denken können. Ich denke an alle die Verfolgten und Verjagten, die sich Sinn und Glück in der westlichen Hemisphäre erträumen. Ich denke an alle, die sich nach unserem Leben sehnen, aber nicht ahnen, wie sinnlos es ist.

So fühlt sich meine Leere an. Diese Leere dominiert mein Gefühl. Ich kenne viele Wirkstoffe, die dem entgegentreten. Ich meine nicht bloss Alkohol und der illusorisch freiheitsliebende Zigarettenrauch. Ich meine alle diese Surrogate, die Glück und Sinn versprechen. Das sind unter anderem Bewegung, Arbeit, Sexualität, Geselligkeit, Kulturindustrie. Wer weitere finde, möge sie anfügen. Man kann diese Liste fortführen. Sternzeichen, Freikirchen und TV-Serien darf man selbstverständlich anreihen.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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One thought on “Wie fühlt sich die Leere an?

  1. […] seelische Leere zeigt sich gerne auch als mangelnder Lebenssinn. Als eine Art der Gegenwartsbewältigung möchte ich […]

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