Month Dezember 2022

Ups, ich habe mich angemeldet

Ich habe mich jüngst für den Basler Ableger VOLT angemeldet. Diese Sektion ist vermutlich seit Jahren eingeschlafen. Sie fristet wohl. Die Zürcher Variante hat mal vor der Pandemie ein Meetup organisiert. Mehr war nicht zu registrieren. VOLT ist wohl hierzulande nicht einmal als offizielle Partei zugelassen. Macht nichts. 

Ich bin zwar ein funktional depressiver Möchtegern-Schriftsteller, der hier für Freunde und Feinde publiziert, nebenbei ein umtriebiger Unternehmensberater, der Sinn, Zukunft und Motivation verkauft, wo bloss noch Erschöpfung und Entpersonalisierung drohen. Aber ich bin auch politisch beseelt; anfangs Jahr habe ich mein Parteiprogramm veröffentlicht

Politisch harre ich auf verlorenem Posten. Eine eigene Partei zu gründen, ist sehr anstrengend. Das würde mich überfordern. Überhaupt bin ich alleine nicht lebensfähig; privat, beruflich wie politisch. Ich bin auf Gesinnungsgenossen angewiesen; ich brauche ein Team, das ich aktivieren und entfalten kann. 

Ich erhoffe mir von VOLT, eine zwar einigermassen motivierte, aber eingerostete Gruppe zu finden, die auf Führung resoniert. Ich beanspruche keine ultimative Führung; ich könnte auch höchstens im Hintergrund unterstützen. Aufgrund meiner vielfältigen Fähigkeiten bin ich allerdings flexibel einzusetzen – wo gerade im Sinne der Sache es Wert schöpft.

Aufgrund meiner ebenso vielseitigen Vergangenheit könnte man öffentlich mich gut demontieren. Ich wäre maximal exponiert und verletzlich. Das könnte mich auch menschlich und authentisch zeigen. Immerhin wäre ich kein Recht-und-Ordnung-Politiker, der etwas heuchelt oder verheimlicht.

Ich könnte einfach alles im Voraus offenlegen, was man mir vorwerfen könnte: finanzielles, moralisches, familiäres, emotionales oder auch berufliches. Ich kann alles vertreten, ich schäme mich nicht. Ich kann mich einfach prospektiv denunzieren – dadurch alles entwaffnen; ich könnte ebensogut eine Serie starten; jede Woche eine Überraschung.

Aber ja, Politik sollte nicht auf die Person sich fixieren; nicht auf den Botschafter. Aber ich bin abgeklärt genug, dass man auch die Person bespielen muss. Ich würde sogar noch Grünzeug beifügen, weil es bei den Weiber gut ankäme; schliesslich dürfen sie ja auch wählen.

VOLT ist leider derzeit noch ziemlich vergrünt; auf Velo und Windrädern sexuell verarmt. Velos sind bequem, Windräder schmücken jeden Hügel, sind noch imposant anzuschauen – aber leider keine Zukunftstechnologie, keine faustische Naturbeherrschung, die ungemein erotisiert und elektrisiert. 

Man müsste noch einiges auch inhaltlich korrigieren. Immerhin behauptet VOLT, man sei pragmatisch. Ich könnte dadurch eine Kriterienmacht bemühen; mittels Sprachregelung die Wirklichkeit ändern. Aber auch das wäre intensiv. Ich hoffe, dass die Basler VOLT Sektion tatsächlich eingeschlafen ist; man müsste sich bloss wachküssen, befeuern. 

Wie auch immer. Jetzt warte ich mal mindestens einen Monat. Ein lokaler «Community Manager» werde mich kontaktieren. Vermutlich wird nichts passieren. Ich habe nicht einmal eine Rechnung erhalten. Das beweist, dass bereits Kernprozesse nicht mehr automatisiert sind; vermutlich ist das Personal wegen den Feiertagen anderweitig beschäftigt. 

Das motiviert mich.

Meine Lieblingsserie: Babylon Berlin

Ich berücksichtige selten zeitgenössische Erzeugnisse der Kulturindustrie. Ich habe einige Bücher Houellebecqs hier besprochen. Das war bislang eine Ausnahme. Eine neue Regel möchte ich nicht schaffen. Dennoch umtreibt mich ein Produkt dergestalt, dass ich es hier erwähnen respektive lobpreisen möchte. Es ist Babylon Berlin, die preisgekrönte Serie. 

Die Serie hat alles, was eine Serie braucht. Ein wenig Nazis, die anfänglich noch im Hintergrund agieren, aber über die Staffeln immer präsenter werden. Einige historische Figuren wie Stresemann oder Hindenburg. Einige angelehnte Figuren wie Alfred Nyssen statt Fritz Thyssen, Günther Wendt statt Hans Friedrich Wendt, Hans Litten statt Hans Achim Litten und so weiter.

Auch die Ringvereine Berlins sind vertreten und konkurrieren um den Kuchen des Milieus. Drogen sind alltäglich; Opium wie Kokain – Tabak und Alkohol sowieso und maximal gewöhnlich. Die Armut Berlins in den Hinterhäusern der riesigen Mietskasernen ist ebenfalls dramatisiert, das Schlafgängertum normalisiert, die Gelegenheitsprostitution üblich.

Die Serie zitiert die Zwischenkriegszeit permanent – logischerweise. Auch wenn einigermassen in Geschichte bewandert, erkennt man nicht alle Zitate. Die Serie regt zum permanenten Nachforschen und Auskundschaften an. Beispielsweise ist die Quellenlage einer Organisation namens Die Weisse Hand ziemlich dürftig. 

Meine Lieblingsfigur ist eine nebensächliche. Es ist Doktor Anno Schmidt, vormals Rath. Vermutlich hat er nach dem Krieg eine neue Identität angenommen, um seiner Herkunft zu entfliehen. Er stammt aus dem Umfeld Adenauers Kölns; war verheiratet, hatte einen Sohn und einen Bruder. 

Er hat sich in Berlin neu erfunden als Psychoanalytiker und Allgemeinarzt. Er hat sich auf die Leiden von Kriegsveteranen spezialisiert. Vermutlich herrschte er im Invalidenhaus Berlin. Er experimentierte mit Elektroschocks, Amphetamin und anderen Medikamenten, um aus den «Krüppel» perfekte Maschinenmenschen zu formen. In der Freizeit unterstützt er eine okkulte Szene mit seinem hellseherischen Medium.

Er ist auch Analytiker von beispielsweise Alfred Nyssen und beeinflusst so dessen Werdegang. Schliesslich ist Nyssen aufgrund des Schwarzen Donnerstags der damals reichste Mann der Welt; fantasiert von bemannten Mondflügen und finanziert Werner von Braun sowie Hitler. 

Auch ist Dr. Schmidt Mentor des brutalsten Gangsters der Stadt. Er flickt ihn nach jeder Schiesserei zusammen, motiviert und lenkt ihn. Er designt in der letzten Staffel eine Art Privatarmee von abgestumpften Maschinenmenschen, die nach Führung und Ordnung trachtet; eine Art Borg-Kollektiv. Das gefällt mir. 

Wie so oft erreichen Serien rasch einen «Zenit». Dann überschlagen sich die Ereignisse, sie werden immer unglaubwürdiger und absurder. Immerhin weiss man, wie diese Serie enden wird. Die Machtergreifung Hitlers ist noch knapp zwei Jahre entfernt. Die meisten Protagonisten werden dann deportiert; ein Journalist ist bereits jetzt eingesperrt. 

Da die Serie in einem spezifischen historischen Kontext ist, sind gewisse Ausgänge vorhersehbar. Man weiss bereits, wie alles ausgeht. Das entspannt und beruhigt. Man kann quasi zuschauen, wie eine Gesellschaft sich selbst sabotiert und in den Abgrund wirft. Und alle sind ahnungslos.

Noch ist Hitler Vertreter einer rechtmässigen Partei, von den Konservativen als «böhmischer Gefreiter» verunglimpft. Niemand nimmt ihn ernst – wie vormals Alfred Nyssen, der zuvor als Strohmann für die schwarze Reichswehr wirkte, belächelt und als verweichlichtes Muttersöhnchen abgetan wurde. Er konnte sich dank Dr. Schmidt umrüsten. 

Männer, die sich benachteiligt fühlen, verletzt, ignoriert, belächelt wurden, können eine gewaltige Wirkung entfalten. Nyssen reflektierte das mit Dr. Schmids Hilfe richtig als Rache; er will nicht dem deutschen Volk dienen, sondern sich primär seiner Mutter und den Generälen rächen, die ihn stets klein hielten. 

Wie auch immer. Die Serie lebt von historischen und auch psychologischen Referenzen. Die Serie ist ebenfalls perfekt produziert; die düstere, schwarze Stimmung Berlins, beinahe stets dunkel oder regnerisch im maximal urbanisierten Raum, ist sehr ansehnlich. Natürlich schwebt auch ein Luftschiff und ist Schauplatz einzelner Szenen; die LZ 127 Graf Zeppelin. 

Mal schauen.

Ich bin kein Klimaretter

Ich bin ein mieser Klimaschützer. Ich trenne kaum Abfall; PET, Alu und Glas lasse ich zur lokalen Kehrichtverbrennungsanlage liefern. Ich dusche stets heiss und zu lange, weil ich mich säubern muss. Alle meine Geräte sind elektrizifiziert, mindestens funken sie Telemetrie in hoher Auflösung und zwar periodisch.

Alle meine Lampen sind vernetzt; sie sind smart, doch ich lasse sie permanent eingeschaltet. Ich wasche auch bloss drei Hemder; ich reinige mein Geschirr entweder in einer halbleeren Geschirrspülmaschine oder mit fliessendem Heisswasser. Ich lasse manche Fenster permanent geöffnet; ich stossschliesse bloss.

Ich bin nicht sonderlich motiviert, etwas zu ändern. Ich befürworte stattdessen starke Atomkraftwerke, welche die Natur zu beherrschen versuchen; ich würde sogar oberhalb eines Endlagers wohnen. Ich könnte auch zweifelhafte Uranquellen verschmerzen, die Transport- und Produktionskosten der nuklearen Wertschöpfung weglächeln.

Ich fühle mich nicht mies dabei. Ich bin auch nicht die Zielgruppe der Energiekrise. Vermutlich ist irgendwo eine Krise; eine Krise ist stets, die Krise ist ein Dauerzustand, der uns anspannt und erinnert, dass wir endlich seien. Die Energiekrise motiviert mich, noch mehr Energie zu verschwenden.

Man könnte mich problemlos verurteilen. Ich würde es einfach hinnehmen, erdulden. Ich würde mich auch nicht rechtfertigen oder erklären wollen. Ich würde keinen Naturbeherrschungstrieb vorschieben. Ich bin bloss erleichtert, dass mein Verhalten niemanden beeinflusst; niemand mich nachäfft.