Monat: November 2019


  • Die lokale Wirtschaftsprominenz

    Offenbar zähle ich zur lokalen Wirtschaftsprominenz. Was mich auszeichnet, ist mein formaler Titel im Handelsregister des fernen Kantons. Ich bin zufälligerweise dort aufgewachsen. Dorthin verpflanzt worden, wo alle entfliehen wollen. Ich besuchte jüngst einen Event, das Treffen der Unternehmer und Politik und Bildung.

    Der noch fernere Regierungsrat des Kantons, der lokale Stadtpräsident, einige Vorsteher einiger thematisch irgendwie verwandten Departemente. Die Vertreter der grossen Bildungsstätten; der Kantonsschule und der regionalen Hochschule. Ferner die lokalen Unternehmerfamilien; Vater, Sohn und manchmal auch Frau. Sie waren alle versammelt.

    Der Patron einer ansässigen Unternehmerfamilie ist diesjährig laudiert worden. Die Rede stotterte der Anwalt des Platzes. Den Details der Erörterungen zufolge sind sie einander vertraut. Der gewürdigte Patron fühlte sich allerdings unbehaglich. Als einziger Referent verzichtete er auf die explizite Anrede der staatlichen Würdenträgern.

    Überhaupt erinnerte der Anwalt stets, dass der Patron aus “einfachen Verhältnissen” stamme und keine “schöne Kindheit” erdulden musste. Ein Unternehmer, der etwas dagegen unternimmt. Der Patron musste nachdoppeln, er sei weder intellektuell, studiert noch sonstwie beflissen. Er schloss mit dem Appell, man solle wieder mit der Nase riechen, was ist.

    Sehr verwirrend. Ich glaube, ich habe ihn verstanden. Er wollte Menschlichkeit predigen dort, wo man sich im erschwinglichen Hugo Kaschmirmantel hüllt. Vermutlich ist diese Botschaft nicht angekommen. Überhaupt war der Event ungünstig getaktet. Das gesamte Programm staut sich vorm Mittagessen.

    Um 13:00 erst erlöste der übliche Dank an die Sponsoren die Teilnehmenden und meinen Magen. Nun folgte das Netzwerken. Ich war mit einer Person vernetzt. Diese Person ist ein Abgesandter eines weltfremden und scheuen Patrons, der seine Millionen zum Wohle der Menschheit investiert.

    Er finanziert Übungen zur Gewaltfreien Kommunikation an Spielplätzen, fördert Kinderkrippen und Projekte gegen Missbrauchsopfer. Ein eifriger Philanthrop. Ich durfte ihn in einem anderen Kontext kennenlernen; ein gebildeter, sensibler und aufgeklärter Mensch. Doch sein heutiger Abgesandter fühlte sich nicht wohl und verliess den Event rasch. 

    Ich selber kannte einige Exponenten vom Sehen her. Der lokale Versicherungsmakler hat den Event als Sponsor unterstützt. Damit erschlich der Blender sich Zugang zum Portfolio stumpfer, hemdsärmeliger und ländlicher Unternehmerfamilien, die er überversichern kann. 

    Hoffotograf war ein lokaler Künstler, der seinen Alkoholismus mit verlegenen Auftragsarbeiten zu überbrücken und zu vollenden versucht. Er fokussierte dabei die zwei einzigen jüngeren Frauen des Events. Das waren die abtretende und antretende Sekretärinnen des lokalen Wirtschaftsförderers, des Gastgebers des Anlasses.

    Die beiden Frauen waren ihrer Position angemessen gekleidet. Die Herren standardisiert; dunkler Anzug, weisses Hemd, Mantel. Die einzigen jüngeren Herren haben einen studentischen Think Tank vertreten. Sie waren überangepasst. Die Haaren doppelt akkurat gekämmt, der Anzug vermutlich einmal getragen, die Schuhe frisch. 

    Sie suchten Investoren und “Challenges” für ihren Think Tank, der sich mit AI, Big Data, Digitalisierung und so weiter auseinandersetzt. Sie haben sich wohl in der Zielgruppe geirrt. Ich glaube, der lokale Bauunternehmer fühlt sich höchstens durch den kommenden Jahresabschluss herausgefordert. 

    Dazwischen tummle ich mich. Ich lausche den Gesprächen. Ein erwähnenswertes Thema war die grüne Welle. Er sei schon immer pro Natur gewesen, so ein stämmiger Unternehmer, doch nun müssen die Grünen liefern statt bloss zu lafern. Zustimmendes Nicken. Ich verschlinge grob geschnittenen Salami.

    Fasziniert hat mich der Sohn des grössten lokalen Unternehmens. Der Sohn, ganz Sohn mit Werbeartikeln des Familienunternehmens gekleidet, mutete mir sehr labil an. Das Gesicht angeschwollen, fettende Haut, in der Statur deutlich schmächtiger als der anerkannte und respektierte Vater. Stets grinsend und Hände nervös schüttelnd.

    Ein wenig Koks und Nutten – der arme Sohn wäre zerbrochen. Vermutlich ist er der Sünden der Nacht bereits einmal erlegen, hatte dadurch Vaters Gunst verloren, aber sie mittlerweile zurückerobert und mit der Vergangenheit kompensatorisch sich versöhnt. Heute ist er Delegierter des Verwaltungsrat, Geschäftsführer und Präsident einer Stiftung. Check.

    Später habe ich den Event verlassen. Was habe ich gelernt? Was hat mich berührt? Werde ich wiederkommen? Das Impulsreferat hat mich fasziniert. Der Professor für Teilchenphysik und Astrophysik der ETHZ berichtete über die neusten Erkenntnisse, währenddessen mein Sitznachbar, schüchterner und unsicherer Assistent eines Chefs, jungen Frauen auf Instagram nachgeiferte. 

    Die Laudatio über den Patron wie die Dankesrede des Patrons haben mich aufgewühlt. Ich musste weinen. Das hat mich emotional betroffen. Deswegen werde ich auch wiederkommen. Weil ich eine neue Art Unternehmen repräsentiere, eine Art soziales Experiment. Ich fühle mich als überlegener Jungtürken. Und getrunken habe ich auch gut.


  • Der dankende Steppenwolf

    Mit 14 habe ich den Steppenwolf gelesen. Irgendwie heimlich. Das war nicht gerade passend für meinen damaligen Lebensabschnitt. Ich war damals der Computerwelt ergeben. Ich züchtete IRC-Netzwerke, ich kannte alle Ports und deren Dienste auswendig. Ich hatte mir einen kleinen Linux-Cluster eingerichtet, der allerdings minder performant war, weil das schwächste Glied die Stärke der Gemeinschaft definiert.

    Nichtsdestotrotz hatte ich damals Zugang zum Steppenwolf. Noch bevor ich übermässig kiffte und mich regelmässig betrinken musste. Das war sehr erbaulich. Ein gealterter Mann, der nicht erwachsen werden wollte, ein Doppelgänger, so wie das Motiv dieses Blogs. Ich habe Hermann Hesse hier niemals zitiert und bemüht. Das ist eigenartig, doch hiermit korrigiert. 

    Das hat mich damals nicht erweckt, aber geprägt. Den Steppenwolf habe ich später nochmals gelesen, als eine alternative Dame aus dem fernen Solothurn voller Lebensfreude mir das Buch erneut empfohlen hatte. Sie attestierte mir Ähnlichkeit. Ich war damals in meiner Berufsausbildung involviert. Ich trug zwei bis drei Arbeitsanzüge, zwei bis drei Partyanzüge in der Woche.

    Ich war wohl ein spannender Gegensatz. Ein Widerspruch. Ein Doppelgänger. Ich wollte in beiden Welten heimisch sein. In der apollinischen wie dionysischen. Klassisch bipolar. Mein Grundmotiv war entstanden, mein Lebensgefühl war geweckt. Seit meiner Berufsausbildung seiltänzle ich. Gewissermasse balanciere ich heute noch, gleichwohl die apollinischen Verpflichtungen heute sich mehr durchsetzen konnten. 

    Ich bin stark verpflichtet. Ich fühle mich einigen besonderen Menschen sehr verpflichtet. Die Verpflichtung ist aber keine bloss Pflichterfüllung. Sie beseelt und befriedet mich. Es ist eine andere Natur der Verpflichtung als beispielsweise die Verpflichtung meiner Firma gegenüber. Die Firma ist nicht mehr so bedeutend, obwohl das Steueramt die Firma sehr grosszügig bewertet und damit mich als “wohlhabend” definiert. 

    Doch ebensogut könnte ich die Nächte irgendwo versauern, unheimlichen Gestalten begegnen und mein schwaches Geld vergeuden. Ich könnte ebensogut mein Leben ruinieren, durchdrehen, Grenzen überschreiten und mich selber zerstören. Ich könnte, aber ich habe mich gemässigt. Ich bin sozial bereichert und erfüllt worden dergestalt magisch, dass das Bedürfnis nach Selbstzerstörung nicht mehr mich dominiert. 

    Ich möchte das nicht aufs Alter zurückführen. Der Steppenwolf als literarische Figur war wesentlich älter als ich. Das Alter ist irrelevant. Ich hatte bloss Glück im Unglück. Meine Biografie gleicht einer Tragödie. Doch die Tragödie ist gestoppt worden. Die kleinen Rückschläge meines Alltags behindern mich nicht. Diese grosse Ereigniskette hat meine wunderbare Tochter ausgelöst. Das hat alles geändert.

    Ich werde stets bipolar bleiben. Ich kann mein Grundmotiv nicht leugnen. Aber ich kann mich anpassen, dass ich zum ersten Mal keinen Drang zur Selbstzerstörung spüre. Ich bin nicht einmal motiviert. Ich habe keine Sehnsucht. Das ist für mich eine neuartige Situation, die ich aber längst bereits akzeptiert und auch gewertschätzt habe. Ich möchte manchmal mich auch bloss bedanken. Einfach meinen Dank aussprechen. Danke.