Unbestimmt

Meine Beziehungsängste

Wir altern, wir werden unbeweglicher. Wir werden gewöhnlich auch interessanter. Ich habe vor mehr als fünf Jahren eine unbeschwerte Bedienungsanleitung formuliert. Leider sind Beziehungen umso schwieriger je mehr man durchlitten hat. Die Liste der Belastungsstörungen kann stets ergänzt werden. 

Fürs hypothetische Szenario einer Partnersuche zwecks Vermählung möchte ich gerne die wichtigsten Belastungsstörungen aufdatieren. Diese sollen einerseits abschrecken, andererseits ein mögliches Zusammenleben begünstigen. Jede Dating-Plattform müsste statt Interessen die Belastungen ausweisen. Das würde das Filtern erleichtert.

Angst vor Liebesentzug

Mit dem Liebesentzug soll der Partner gestraft werden. Der Liebesentzug ist sehr generalisiert, meistens äusserst er sich durch Absenz oder Kommunikationssperren. Spieltheoretisch ist der Liebesentzug selten wirkungsvoll, führt bloss zu einer Verloren-Verloren-Situation. Ich kann darauf nie angemessen reagieren. Manchmal flüchte ich in die Liebesdusche; überschütte den Partner deswegen mit Liebe. Oder ich antworte ebenfalls mit Liebesentzug. Beide Varianten sind nicht konstruktiv, ich habe beide getestet und dann folgt sofort die Angst vor Überforderung. 

Angst vor Kommunikationssperren

Kommunikationssperren sind eine spezialisierte Form des Liebesentzug. Man schweigt. Man hat bewusst nichts mehr zu sagen. Man teilt nicht mehr. Man lässt gleichzeitig auch nicht mehr teilhaben. In manchen Fällen ist die Kommunikation aufs Funktionale beschränkt. Man kommuniziert lediglich noch das Minimale wie allfällige Einkäufe oder gemeinsame Zwecktermine. Kommunikationssperren überfordern mich. Ich bemühe sodann mich um eine partizipatorischen Kommunikation, dass sie zu beflissen und zu aufgesetzt wirkt. Damit verschlimmere ich aber die Kommunikationssperren, weil meine Anstrengungen zu angestrengt ankommen. Ich kann mich selber auch mehr richtig ernstnehmen. Und so überkommt mich allmählich die Angst vor Überforderung. 

Angst vor Ablehnung

Der Vorwurf der allgemeinen Ablehnung ist ein schwerwiegender. Ich fühle mich rasch abgelehnt. Eine Kommunikationssperre oder ein Liebesentzug bestätigen mir, dass ich abgelehnt werde. In dieser Phase der gefühlten Ablehnung suche ich noch mehr Liebe und Anerkennung, die unterschiedlich transportiert werden kann. Was mit einer mittleren Wahrscheinlichkeit funktioniert, ist das Sexuelle. Dadurch kann ich mich wieder anerkannt und geliebt fühlen – allerdings bloss eine leidenschaftliche und authentische Sexualität. Eine meinetwegen erzwungene erhöht das Gefühl der Ablehnung. Dann lieber gar keine – dafür eine aufrichtige Anteilnahme.

Angst vor Veränderungsdruck

Ich ändere mich ungern, insbesondere nicht wegen den gutgemeinten Ratschlägen eines Partners. Meistens betreffen sie auch immer dieselben Themen: Ernährung, Körperpflege, Kleidung, Wahl der Freunde, Ferienorte, Zukunftsziele. Vermutlich wollte man mich schon öfters umerziehen oder disziplinieren. Meistens passe ich mich ohnehin automatisch an; die Veränderung ist schleichend und daher nachhaltiger als eine invasive. Ich reagiere gewöhnlich trotzig, zickig, falls man mich bevormunden möchte. Meistens quittiere ich Ratschläge mit der blossen Kenntnisnahme und kommentiere sie nicht wirklich. Ich ignoriere sie lediglich. Deren Wiederholung verstimmt mich, ich fürchte mich dann vor Ablehnung, dass ich nicht akzeptiert bin – dass ich nicht genüge wie ich bereits bin. 

Angst vor Überforderung

Ich bin stets herausgefordert und kann nicht einmal alle Baustellen seriös aufzählen, die mich beschäftigen oder meine Aufmerksamkeit verlangen. Ich balanciere auch stets zwischen unterschiedlichen Anspruchsgruppen, die irgendwie besänftigt werden müssen. Das ist nicht bloss beruflich so, sondern auch privat. Ich bin belastbar mit den Summen aller Problemen, die ich bereits zu bewältigen habe. Aber neue, unbekannte oder bislang verborgene Probleme drohen mich zu überfordern. Eine Beziehungskrise ist für mich sofort eine existenzielle Krise. Ich werde dann schlaflos, dadurch noch gehässiger und enttäuschter. Ich werde sofort Entweder-Oder respektive «Alles-oder-nichts». Ich verlange nach Aufmerksamkeit, Anerkennung, nach einem Liebesbeweis – irgendeine Geste, die mich beruhigt. Sie kann auch bloss körperlicher Natur sein; Küssen, Schmusen lösen meine Anspannung unmittelbar. Falls ich mich nicht entkrampfen kann, verkrampfe ich mich umso mehr; ich steigere mich hinein. Meine Augen glühen, ich bin wie blockiert und kann mich selber kaum noch befreien. Ich verfalle zeitweise dem Wahn.

Angst vor fehlender Anteilnahme

Anteilnahme bedeutet, dass man sich ein wenig interessiert. Interessiert, was der Partner denkt, fühlt, wie es ihm ergeht, was er so tut, wo er war, wohin er geht. Nicht nur so als ob – sondern aufrichtig. Lieber sich wenig interessieren als gar nicht oder bloss Interesse heucheln. Ich kann nicht gut damit umgehen, falls jemand nicht anteilnimmt, nicht teilnehmen möchte – sondern einfach sich zurückzieht. Fehlende Anteilnahme wiederum provoziert die Angst der Ablehnung. Man fühlt sich nicht ernstgenommen, man fühlt sich auch nicht «wahrgenommen», bishin nicht existent. Ich antworte mit fehlender Anteilnahme für gewöhnlich ebenfalls mit Anteilnahmslosigkeit oder versuche ich zu interessieren – dabei ertappe ich mich selber, dass mein Interesse nicht aufrichtig ist, sondern erzwungen ist als Reaktion auf die fehlende Anteilnahme. Hier kann ich bloss schwer wieder durchbrechen, ich bin auch ganz verkrampft und will unbedingt Anteilnahme signalisieren – womit ich potenziell natürlich jemanden aufschrecke und versteife. 

Ich bin eigentlich schon recht einfach zu bedienen, gleichzeitig leider auch recht rasch bei diesen Ängsten zu triggern. Aufgrund negativer Erfahrungen bin ich derzeit beschädigt. Mir ist bewusst, dass man nichts stets 100% aufmerksam, anteilnahmevollst, verständlichstvollst, anerkennend und so weiter als Partner sein kann. Mein Kompass ist hier derzeit gestört. Ich weiss, dass manche Menschen halt manchmal auch bloss erschöpft und ermattet sind und dadurch keinen Liebesentzug oder eine Ablehnung aussenden wollen. Manchmal ist alles viel trivialer als man sich vorstellt. Aber manchmal nicht, vor allem nicht, wenn es chronisch ist und ein Dauerzustand, den man irgendwie überdauern muss.

Auftauend

Es ist nicht unbedingt der Krieg, der mich betrübt. Der Krieg dauert. In Rzeszów werden vermutlich Waffen verschoben, alle fünfzehn Minuten solle ein Transportflugzeug landen. Der Flughafen selber ist wie eine Frontstadt gesichert. Gerne würde ich diesem Schauspiel beiwohnen. Ich befürchte, dass die Waffenlieferungen unzureichend und verspätet sind.

Vielmehr versucht die EU den Weizen zu retten, weil auch abermals eine Nahrungsmittel globalen Ausmasses drohe. Zuerst kommt das Fressen, dann Moral, so will eine Oper uns überliefern. Vermutlich akzentuiert sich das nochmals, sobald wir hier frieren. Momentan ist der Winter aber weit weg; dazwischen liegt ausserdem noch ein Corona-Herbst. 

Nein, ich will nicht weiter über den Krieg oder den ungünstigen Kriegsverlauf mich beklagen, dass eine Handvoll Panzerhaubitzen noch keinen Krieg entscheiden oder dass die Waffenlager der Demokratien längst nicht geöffnet sind. Diesmal nicht, meine allgemeine Stimmung ist wegen anderen Gründen betrübt.

Nein, auch nicht die spezifische Ohnmacht bedauert mich, nichts entgegen oder bewirken zu können, stattdessen den Krieg erleben zu müssen wie ein Schauspiel – er ist zwar real existierend, aber dennoch abstrakt, fern und nicht spürbar. Nicht einmal weiblichen Flüchtlingen begegne ich. Auch MS Teams filtert die Sirenen mittlerweile heraus. 

Ich bin ja bekanntlich ein Glücksritter. Ich bin unruhig, strebsam. Ich fühlte mich vor einigen Jahren wahrhaftig angekommen und aufgehoben. Ich meinte, einer wunderbaren Frau begegnet zu sein. Wir waren losgelöst und liebten uns leidenschaftlich. Alles schien möglich, ich war sehr energiegeladen und futuristisch. Ich war sehr zuversichtlich. 

Doch diese Beziehung endete tragisch, unglücklich. Sie erkrankte ziemlich früh. Vermutlich war sie seit jeher veranlagt. Eine schwierige Geschichte rechtfertigt ja nicht, erklärt bloss ein wenig. Unsere Beziehung hat sich davon nicht erholt – vielmehr verschlimmert oder manchmal verschlimmbessert. Ich bin ja kein Experte in Beziehungen. 

Ich bin Täter wie Opfer und Retter in einer Person vereint. Wir haben das perfekte Drama gespielt. Ich habe den ungünstigen Verlauf begünstigt. Doch ich würde mir nicht erlauben, alle Schuld zu schultern für dieses Ende. Natürlich bewirkt man nicht immer das Gute, wenn man Gutes beabsichtigt. Das Gegenüber muss auch empfänglich sein.

Und sie war keineswegs empfänglich oder kompromissbereit. Vermutlich war sie benebelt von Schuldgefühlen, Psychopharmaka, Alkohol, Kokain und von den Geschichten ihrer Mitmenschen, die sie stets wichtiger nahm als ihre eigene, die deswegen kaum weiter gestaltet werden konnte. 

So stapelten sich hilflose Sozialisierungsversuche mit Menschen mit deutlich schlechterem Einfluss, angebrochenen Hobbys, stets verzweifelten Gebesserungsgelübnissen – während die Wohnung immer mehr verkam, verpackte Schuhe, luftige Kleidchen und Korrespondenz sich stauten und Lebensmittel verdarben. 

Ihre Kommunikationsfähigkeiten waren ebenfalls unterentwickelt. Vermutlich waren sie mal besser. Ich kann mich noch so knapp erinnern. Ihre Kommunikation basierte auf Trotz und Schweigen. Bloss wenn sie betrunken war, konnte sie «reden» – doch stets wiederholend und ohne Gedächtnis. Vor allem war es ein betrunkener Monolog. 

Sie erzählte ihre «Geschichte», die einfach nicht mehr weiterging. Man konnte jeweils ihre Reaktionsfähigkeit mit einem Zwischenruf testen. Kann sie noch empfangen? Kann sie noch auf das Gegenüber eingehen? Sie vermochte nicht. Irgendwann war ich zu abgemüht und abgekämpft. Ich war nicht wirklich traurig, sondern bloss abgestumpft. 

Traurig bin ich heute, weil ich solange meine Zeit verschwendet habe. Und weil ich wirklich verliebt war. Ich liess mich wohl von einem aufreizenden Körper täuschen und verführen. Vermutlich liess ich mich auch verzaubern von ihren gespielten Unbeschwertheit, die bloss ihre Sinnlosigkeit verdeckt. 

Ich habe drei Jahre verschwendet. Wenigstens bloss drei Jahre. Von diesen drei Jahren erlebte ich drei Monate Unbeschwertheit. Die Ausbeute ist ziemlich gering. Das einzige, was ich lernte, ist Sachen zu verdrängen und wieder zu programmieren. Die Lernkurve war beinahe negativ – das Verdrängen mittels Programmieren hat mich gerettet. 

Doch nun erwache ich allmählich. Ich bin nicht mehr so erstarrt und apathisch. Ich kann mir allmählich vergegenwärtigen, was geschah. Ich bin nun wieder zurück, aber beschädigter als vorher. Immerhin bin ich gewachsen an dieser Herausforderung. Ich hätte aber gerne darauf verzichtet. So dringend war diese Leidenserfahrung auch nicht. 

Meine Schwermut wird voraussichtlich noch einige Monate andauern. Ein baldiger Herbst wird wieder mich frohlocken lassen. Ich werde wie gewohnt in Como spazieren, essen, schlafen und eventuell Flüchtlinge beobachten können. Vermutlich werde ich mich bis dahin hier noch einige Male äussern.

Wofür bin ich dankbar?

Ich habe mich längst mit etlichen Privilegien arriviert. Meine übliche Wohnsituation, die besonderen Umständen derzeit ausgenommen, ist sehr komfortabel. Ich habe alles, was man zum gediegenen Leben benötigt. Gewiss wäre noch Eigentum erstrebenswert, aber das ist mit der jetzigen Einkommenssituation nicht zu finanzieren. Ich habe Tumbler, Abwaschmaschine, eine begehbare Dusche, eine Badewanne, technisch genügend Stauraum, einen grosszügigen und schattigen Balkon mit direktem Blick auf die A2 und Wohnateliers der lokalen Berufskünstler. Das ist alles sehr angenehm. 

Zudem habe ich eine wunderbare Tochter, die hauptsächlich mich anstrahlt und – obwohl sie spezielle Bedürfnis hat – eigentlich ziemlich bedürfnisarm ist. Sie braucht Aufmerksamkeit, Nähe und ihre Esswaren – fertig. Natürlich erfordert sie Pflege, aber sie ist dankbar und vor allem mit mir gnädig. Man kann sich kaum eine bessere Tochter vorstellen. Natürlich vermisse ich auch das normale Familienleben, aber das ist ohnehin vergebens und bloss eine Illusion der Kinder, dass sowas überhaupt funktioniere und Glück verspreche. Ich kann echt nicht klagen.

Ich bin sogar sozial einigermassen eingebunden, ich bin Teil einer kleinen Bewegung Oltens. Wir sind unbedeutend und ohne jeglichen sozialen Einfluss. Wir bespassen vor allem uns selber. Das ist okay. Der Zusammenhalt existiert, auch wenn die Exponenten verteilt und persönlich mannigfaltig herausgefordert sind. Wir können uns aufeinander verlassen – lediglich IT-Support bieten wir kaum, weil einige besser mit Computer als mit Menschen umgehen können, vermutlich auch ich. Man könnte in meinem Alter auch bereits vollends vereinsamt sein. Ich bin es nicht. Ein Jugendfreund wohnt sogar ebenfalls in Basel, wir treffen uns sporadisch und unternehmen Gemeinsames.

Meine Arbeit ist natürlich auch sehr aussergewöhnlich. Ich bin sehr flexibel, auch wenn meine Arbeit kaum planbar ist. Ich weiss selten, was mich morgen erwartet. Ich kann mich bloss einige Minuten vorbereiten. Ich muss stets improvisieren, bin ständig in einem neuen Kontext unterwegs. Ich lerne, zeitgleich vermittle ich Wissen und Erfahrung, ich kann wirklich helfen. Ich befeuere und befreie Organisationen. Ich arbeite auftragsbezogen. Alle Aufträge sind terminiert. Sie sind endlich. Ich kann mich stets notfalls abgrenzen, weil ich ausserhalb des Systems schwirre. Ich bin selten Teil des Problems, sondern ich bin die Lösung. Ich agiere gelegentlich als Diva. Ich regle meine Arbeitszeiten selber. Ich bin nicht auskunftsfähig über mein Feriensaldo. Ich walte mit «Gefühl». Manchmal verstecke ich mich seit Corona im Homeoffice, ich trete bloss virtuell an. Ich sitze in Badehosen in meinem klimatisierten Homeoffice, ich esse Burger mittags, spaziere morgens und abends. Weil ich kann und will. Ich bin gleichzeitig abhängig und unabhängig. Ich weiss, dass die wenigsten Menschen so arbeiten können. Mein Einkommen dabei ist bemessen, wer es nachfragt. Und alles ist legal und ich kann es auch moralisch vertreten. 

Auch mein Körper und ich sind okay. Mein Körper ist für Burger und Cordon Bleu optimiert, Weissbier verträgt er auch sehr gut. Ich putsche mich mit Redbull und Zigaretten. Vermutlich lebe ich ungesund, ich erhalte die Rechnung dereinst. Aber ich fühle mich nicht wie 37. Ich konnte zwar den Zerfall einer ehemals lebenshungrigen Frau beobachten, die aber sturr und trotzig alle Anzeichen der natürlichen Alterung ignorierte und kaschierte, sofern möglich – dennoch ist mein Zustand trotz körperlichen Schulden einigermassen vertretbar. Ich habe seit einigen Wochen etwas zu bemängeln, mein rechtes Auge zuckt gelegentlich. Ich vermute, dass ich insgeheim sehr gestresst bin, was sich auch in meiner privaten Wohnungssituation zeigt. Ich spekuliere, dass sich das rechte Auge bald beruhigt, als ich endlich meine Wohnung eigen heissen kann. Ansonsten starten Abklärungen, die oftmals Psychosomatisches diagnostizieren. Hierfür kann ich mich dankbar schätzen. Natürlich weiss ich auch um meine «Baustellen»; Rücken, Computer-Hände, mangelnde Bewegung. Eventuell kann ich mit einer aktiven Sexualität einiges kompensieren. Vermutlich nicht, aber sicherlich hinauszögern.

Ich kann also sehr gut dankbarst sein. Dessen bin ich mir bewusst, auch wenn diese Leiden hier häufig dramatisiert sind. Danke für alles.

Mein 37. Geburtstag

Erneut feiere ich meinen Geburtstag. Mein Arbeitgeber stellt mich für einen Tag frei. Man solle nicht am Geburtstag arbeiten – ähnlich wie in Japan, wo der Geburtstag ein heiliger Tag sei, so bestätigte ein Bekannter jüngst mich, der jahrelang in Japan lebte. Also morgen Geburtstag.

Normalerweise will man zum Ende des Kalenderjahres bilanzieren. Ich veröffentliche gelegentlich vorgeschobene Jahresrückblicke oder nachgeschobene Jahresprognosen. Privat resümieren ich gerne ich an meinem Geburtstag. Jeder Geburtstag war bislang etwas Besonderes, weil er stets die entsprechenden Verhältnisse reflektierte. 

So schrieb ich beispielsweise im 2017, dass ich allen Herausforderungen trotzen mag, obwohl Bauch fett und Haare grau. Das war mit 32. Ich war sehr trotzig. Ich wusste ja auch nicht, was mich erwartet. Ich war noch naiv, unbekümmert – halt trotzig, gleichzeitig aufbauend-optimistisch. Futuristisch gewissermassen, weil ich stets strebe.

Jetzt werde ich 37 Jahre alt. Ich bin tatsächlich gealtert, Bauch fetter, Haare weniger und grauer. Müder geworden, erschöpfter. Ich brauche weitaus mehr Schlaf als früher. Ich muss mindestens sieben Stunde einigermassen entspannt schlafen können. Das einzige, was nicht erschlaffte, ist der Sexualtrieb; ich bin weiterhin getrieben. 

Ich freue mich weiterhin über meine Zukunft, ich spiele bald in der zweiten Halbzeit meines Lebens. Bald, denn ich bin noch nicht gänzlich erloschen oder bezwungen, auch wenn dieser Geburtstag diesjährig relativ einsam gestaltet ist; ich vermutlich mich zurückziehe, Star Trek schaue, spiele und programmiere, eventuell noch kurz mich bräunen werde.

Ich habe viele Enttäuschungen und Verletzungen erlitten. Ich bin derzeit eine beschädigte Ware. Es dauert vermutlich Monate, bis ich wieder einigermassen zusammengeflickt bin. Bis ich wieder meinen Selbstwert respektieren und anerkennen kann. Ich muss noch aufarbeiten und verarbeiten. Ich kann nicht einfach the show must go on weiterführen. 

Kurze innehalten, passieren, reflektieren, warum es überhaupt so lange dauern musste – warum ich mich dermassen quälen durfte, bis ich endlich angemessen mich durchsetzen konnte. Ich war wohl getrieben erneut, ausgeliefert – oder einfach nur richtig gut verhext worden. Aber ja, damit externalisiere ich die Ursache. 

Vermutlich wollte ich mich ausgeliefert und ausgebeutet, unter meinem Wert verkauft wissen, minderwertig, unzulänglich, unbrauchbar mich fühlen. Denn eine kleine Lust der Selbstzerstörung begleitet mich seit jeher. In den letzten Jahren schien sie befriedigt, sie war gebannt. Doch was nun? Was kann nun kompensieren?

Werde ich einfach meine nächste Beziehung sabotieren oder ruinieren, damit sie der letzten gleicht, weil ich nicht glücklich werden darf? Oder werde ich mich bessern, werde ich mich überlisten, indem ich mich nicht überliste? Bin ich lernfähig? Zunächst bin ich sanft traumatisiert und erschöpft. 

Ich habe schon einige triste Geburtstage gefeiert. Einmal war ich bloss Ping-Pong spielend, habe sechzehn Zigaretten geraucht, einen Liter Wasser getrunken, im Ping-Pong stets verloren und bin heimgekehrt. Einmal organisierte eine grosse Feier in einem Pfadiheim mit über hunderten Teilnehmenden, Lärmklagen, Sachbeschädigungen und Polizei.

Zeitlang feierte ich mit einer gediegenen Grillparty, die nur Fleisch und harten Alkohol anbot und alles andere in die Eigenverantwortung drängte. Ich kann etliche Geburtstage aufzählen, sie waren stets den Verhältnissen angepasst. So gestaltet sich auch der diesjährige. Und das beruhigt mich.

Ich bin nämlich sehr zuversichtlich, dass meine Wunden heilen. Ich werde alsbald wieder stolzieren, einigermassen meiner selbst bewusst sein, meine Wirkung und Sendung realistisch einschätzen können. Ich werde weiterhin nach Glück streben. Ich werde mich weiterhin bemühen und nicht einfach bereits mit 37 kapitulieren. 

Ich habe in Vergangenheit Pech gehabt, zweimal grosses Pech. Das muss sich nicht automatisch wiederholen. Man kann Glück auch begünstigen, die Wahrscheinlichkeiten erhöhen. Man muss nicht in dieselbe Falle tappen. Ich weiss nämlich genau, was beim letzten Mal mich getriggert hat. 

Immerhin bin ich anpassungsfähig, ich lasse mich nicht wieder einlullen, betäuben oder sonstwie meine Sinne vernebeln mit einem sinnlichen Körper – mittels Formen Inhalte überwinden. Wenn überhaupt, dann lieber mit Inhalte Formen überwinden. Oder einfach einigermassen ausgeglichen, sodass beides passt. 

Und ansonsten? Im Beruf ist es halt anstrengend, die Pflege meiner Tochter ist auch anstrengend, dort bin ich einigermassen geübt. Es funktioniert irgendwie. Mein privates Unglück hatte Beruf wie Tochter nicht negativ beeinflusst. Ich hoffe, privates Glück hat ebenfalls keinen negativen Einfluss. Mal schauen.

Feiert mich.

Im Theater

Kürzlich besuchte ich eine lokale Aufführung. Ich bin sehr selten im Theater. Ich kann nicht zwei Stunden mich fokussieren, was nicht mich begeistert oder einnimmt. Ich nenne das auch Arbeit, wo ich ebenfalls mich zwingen muss, Interesse zu heucheln. Jedenfalls sah ich die letzte Aufführung Was geschah mit Daisy Duck der kleinen Bühne Basels. 

Glücklicherweise kannte ich niemanden. In Olten unmöglich. So musste ich keine Konversationen vor oder nach der Aufführung leisten. Die kleinste Grossstadt Basel schenkt mir gewisse Anonymität und dadurch Unbeschwertheit – gleichzeitig auch Einsamkeit, die mich sozial verwahrlosen lässt. 

Der Platz auf der Tribüne war diskret gewählt. So konnte ich mindestens einmal meine Schulmädchenblase leeren, ohne das Publikum stören zu müssen. Den zweistündigen Nikotinentzug meistere ich problemlos, schliesslich schlafe ich auch nichtrauchend. Soviel zum persönlichen Rahmen.

Das Publikum teilte sich zwischen interessierten Schülerinnen der Gymnasien Kirschgarten und Münsterplatz und alten Männern sowie Freunde der lokal integrierten Schauspielern. Vermutlich haben sich einige auch bloss verirrt, waren zufällig und ohne rechte Absichten zugegen. 

Das Stück sollte unterhalten. Ich glaube, es war eine Komödie. Oder doch eine Tragödie? Ich bin verunsichert. Gemäss Programmheft durfte ich «eine kritische Auseinandersetzung mit Hollywood-Träumen, Daisy & Co» erwarten. Die fehlte jedoch, in energischen Monologen der Schauspielern rutschen zwei-drei Referenzen durch. 

Vermutlich hatte ich einfach zu hohe Erwartungen. Vermutlich habe ich eine lustige Dialektik der Aufklärung erwartet; dass das Stück die Gegenwart entschlüsselt mithilfe Entenhausens Gleichnissen. Weil diese Comics kenne ich selber, das wäre ein noch zu bergender Schatz voller Gesellschaftskritik und Ironie und vermutlich auch Spass. 

Die Schauspieler kompensierten. Vermutlich haben sie gut geschauspielert. Ich kann das handwerklich nicht beurteilen, weil ist eben ein Schauspiel. Sie waren wirklich allesamt bemüht, das leere Stück irgendwie zu füllen. Sie folgen ja bloss Anweisungen, daher kann man ihnen nichts vorwerfen. 

Würde ich dieses Stück einem Freund empfehlen? Leider nicht. Andererseits sind zwei Stunden vergeudete Lebenszeit nicht wirklich erwähnenswert, weil wir bereits anderswo und anderweitig weitaus mehr Zeit verschwenden; sei es in toxischen Beziehungen, in lustlosen und sinnlosen Jobs oder schlichtweg im Stau. 

Daher ist ein Besuch nichts Falsches. Glücklicherweise wird das Stück nicht mehr aufgeführt, so erübrigt sich die Frage. Und damit ist auch der Wert dieser Besprechung hier fraglich.

Mein Parteiprogramm

Bekanntlich will ich seit jeher eine Bewegung begründen. Derzeit belasten mich private Herausforderungen, sodass ich nichts für die Bewegung investieren kann. Das soll sich aber auch irgendwann ändern. Daher möchte ich prospektiv hier ein kleines politisches Programm formulieren. Ich hoffe, ihr seid inspiriert und schliesst euch an. Denn alleine schaffe ich das nicht.

Aussenpolitik

Wir fordern den sofortigen Beitritt in die Union. Wir skalieren das schweizerische Modell auf Europa. Wir gestalten gemeinsam. Wir beweisen, dass ein Staat mit mehreren Sprachen und Wertesysteme zu führen möglich ist. Wir verjüngen zusammen mit der Ukraine die Union; erneuern sie. Das reichste Land der Welt demonstriert, dass es an die Union glaubt. Die Union ist nämlich der erste notwendige Schritt für eine Weltföderation. Die Union ist der Anfang aller Geschichte; die Union hütet Aufklärung, Forschung und Bildung.

Militär

Wir lösen die schweizerische Armee auf. Wir integrieren sie komplett in eine Armee der Union. Dort stellen wir hochmobile Gebirgsjäger, die in Norwegen, Spitzbergen, Grönland sowie auf den Golanhöhen ausgebildet werden. Wir nutzen das bisherige Budget der Armee, wir spezialisieren uns auf Gebirgsjäger und Militärpioniere – alle anderen Einheiten sind überflüssig, weil Teil einer europäischen Selbstverteidigungsarmee mit deutlicher Abschreckungskraft. 

Negative Einkommenssteuer

Die negative Einkommenssteuer verorten wir auf 120’000 EUR ab 40 Jahren, 80’000 EUR ab 20 und 40’000 EUR bis 20 Jahren. Damit erübrigen wir alle Sozialwerke, Sozialversicherungen. Alles Einkommen besteuern wir pauschal; alles Vermögen ebenfalls. Die Steuererklärung erfolgt automatisiert, da nichts mehr zu optimieren notwendig ist. 

Staatsbürgerschaft

Die schweizerische Staatsbürgerschaft hat sich erübrigt, weil die Schweiz ja in der Union sich auflöst. Wer hierzulande lebt, ist Europäer mit Wohnsitz «Schweiz». Der rote Pass ist neu ein blauer, ohne Schweizerkreuz – stattdessen mit dem Wappen der Union, wo ein kleiner Stern rot hervorgehoben ist. 

Verwaltung

Die Verwaltungen kommunizieren bloss noch digital. Unternehmen, die weiterhin einen papiernen Weg wählen, werden mit Gebühren motiviert, ihre internen Bürokratien zu reformieren. Die Verwaltungen treiben die Digitalisierung. Ein einmaliges Sondervermögen befreit die Verwaltungen von ihren Digitalisierungsrückständen. Damit sollen alle Abläufe soweit als möglich automatisiert werden, sodass zusammen mit der negativen Einkommenssteuern und vereinfachten Staatsbürgerschaft mindestens 80% der Angestellten entlassen werden können. 

Bildung

Die Ausgaben für die Bildung müssen mindestens 10% des Bruttosozialprodukts entsprechen. Mit einem einmaligen Sondervermögen revolutionieren wir die Bildung. Die Lehrperson ist nunmehr angesehener als jeder Anwalt, Manager oder Investment Banker. Wir implementieren moderne, aber altersgerechte Lernformen. Ebenfalls öffnen wir alle Schulen und Universitäten für alle. Wir erweitern sowohl learning by doing, social learning wie auch learning on demand für alle Menschen. Wer lernt, ist geil. 

Zivildienst

Der Zivildienst endet nie. Alle können permanent einen Zivildienst leisten. Aufgrund der negativen Einkommenssteuern entfällt die EO. Der Zivildienst ist sehr angesehen. Die Menschen sind aufgerufen, mindestens einmal jährlich einen sinnvollen Zivildienst leisten. Die Wehrpflicht ist logischerweise auch obsolet, da die Schweiz bekanntlich bloss noch Gebirgsjäger und Militärpioniere für die Verteidigung der Union stellt. 

Habe ich etwas vergessen?

Ich glaube, das genügt mal vorerst. Strafrecht beispielsweise empfinde ich als derzeit gelungen, weil es auf Wiederintegration setzt. Das einzige, was man eventuell abschaffen könnte, ist die lebenslängliche Verwahrung. Auch die Kulturförderung ist einigermassen geglückt. Ohnehin vermute ich, dass der neue Zivildienst auch mehr die Kultur berücksichtigt und dort unterstützt. Beispielsweise könnte ich mir einen Zivildienst als Chorsänger gut vorstellen. Habt ihr weitere Ideen? Mir ist es wichtig, dass das Programm auf eine A4-Seite passt.

Der Heroismus der Ukraine und meine unheroische Existenz

Der letzte Heldentod ist nicht mehr genau zu rekonstruieren. Wann damals in Europa sind wir für eine Idee gestorben? Seither droht bloss der Hungertod; verarmte Klassen Europas hungern und verderben, randalieren und vagabundieren innerhalb des Schengenraums. Ich bin in einem ganz unheroischen Zeitalter geboren, wo Geschichte aufgehoben schien.

Nun aber erblicke ich fern-nah einen jungen Heroismus. In Syrien damals war alles anders; Männer flohen und verhungerten, Frauen und Kinder erlagen den Bomben – beide unheroisch, sinnlos und ohne Bedeutung. Sie sind weder fürs Vaterland, noch für die Union oder für Freiheit gestorben. Das ist tragisch, darüber werden keine Opern erzählen. 

Die Situation in der Ukraine präsentiert sich anders. Der dortige Herr Präsident ist derzeit der populärste Politiker in der westlichen Einflusszone. Gewiss ist er darin trainiert und geübt. Er weiss sich zu inszenieren und ist gleichzeitig nahbar, authentisch, menschlich. Er harrt in einem Bunker irgendwo in Kiew – mit einem Playoff-Bart. Wohl sexiest man alive.

Und vermutlich seit drei Wochen ohne Sex; seine Familie ist irgendwo versteckt, in Sicherheit. Er bespielt derweil die Weltbühne ohnegleichen; hat vorm Kongress referiert, wohnt Kundgebungen virtuell bei, postet Selfies und zuweilen auch Ironisches. Es ist die beste Show, weitaus besser als der zweite Irakkrieg damals. 

Seine letzte Rede vor dem Europäischen Parlament hat sogar von der Leyen berührt. Alle seinen Reden sind gefühlt epochal, eloquent – und beseelen sogar mich. Gleichzeitig arbeite ich mit ukrainischen Männer zusammen, die neben der gemeinnützigen Arbeit in ihrer Heimat auch faule und fette schweizerische Konzerne trotz Krieg beliefern. 

Oder ein anderer Arbeitskollege dient zwar in der Armee, aber während Feuerpausen programmiert er für denselben faulen und fetten schweizerischen Konzern. Ihre Frauen sind allesamt in Sicherheit. Die Mehrheit weilt in Polen. Mehr als drei Millionen sind bereits geflüchtet innerhalb weniger Wochen. 

Es ist diesmal kein Auf-verlorenem-Posten-Harren, ohne abgelöst zu werden. Diese Männer sind ergriffen und motiviert. Sie arbeiten, kämpfen und versorgen ihre Familie heroisch. Uns hierzulande überfordert bereits eine Steuererklärung. Wir werweissen über Ferien in Südtirol oder Schwarzwald. Wir klagen über den Benzinpreis und sind schwer betroffen.

Dass wir an der Peripherie unserer Einflusszone erst wieder etwas über Heroismus lernen müssen, ist eigentlich ebenso tragisch. Der Spirit, die Leidenschaft innerhalb der Union schien wie erloschen; alte Männer bedauerten die Bedeutungslosigkeit der Union. Und nun erfrischt eine fernes, doch nahes Völkchen unseren Ideen; es kämpft ganz klassisch.

Sooderso: Die Ukraine wird nie mehr dieselbe sein. Das Selbstbewusstsein, das nunmehr auch Sendungsbewusstsein werden dieser Nation ein beispiellosen Wirtschaftswunder beschaffen. Sie werden vermutlich alsbald Polen überholen und als Tigerstaat innerhalb der Union sich rühmen dürfen. 

Der Krieg an sich ist nicht heroisch. Der Krieg ist traurig und tragisch, weil stets Menschen sterben. Es sind keine Kabinettskriege mehr, wo ausschliesslich Soldaten einander bekämpfen. Jeder Krieg ist nunmehr ein totaler Krieg. Manchmal kann man dank Kampfdrohnen aus einem klimatisierten Büro Krieg führen – wie ein bullshit job

Die Mehrheit der Ukrainer können das nicht. Auch haben sie den Krieg nicht gewollt, nicht provoziert, nicht herbeigesehnt, als Erlösung aller Probleme überhöht. Der Krieg überraschte sie ebenso. Die Ukraine führt keinen Angriffskrieg; sie wollen keine Nationen erschaffen oder Terroristen jagen, sie wollen nichts vergelten. 

Dass sie tapfer sich nun verteidigen, schafft das Heroische. Dass die wehrfähigen Männer nicht massenhaft auswandern, sich verstecken oder vorschnell ergeben, bestärkt das Heroische. Dass selbst führende Politiker oder ehemalige Politiker wie des Präsidenten Vorgänger sich anschliessen, bestätigt das Heroische. 

Natürlich konsumieren wir auch die ukrainische Propaganda; alle gezielt produzierten Videos und Äusserungen. Auch wir informieren uns notgedrungen bloss einseitig, weil die andere Seite ebenfalls überzeichnet, vermutlich zu offensichtlich und zu arglistig. Hier will sich ja die Weltwoche positionieren, schwadroniert unentwegt von «differenzierenden Fakten».

Das mag zutreffen. Ich gestehe auch, dass der Heroismus der Ukraine mich infiziert hat. Ich muss mich selber mässigen, dass ich mich nicht zu sehr hineinsteigere, meinem sinnlosen Leben fremden Sinn übertrage. Weil insbesondere ich, ganz unheroisch, ganz sehnsüchtig nach grossen Ideen, wozu zu sterben es sich lohnt, bin sehr empfänglich und empfindlich.

Der Krieg Ukraines ist nicht mein Krieg, leider. Natürlich ereignet er sich an der Peripherie der Union. Doch alleine das ist sehr bemüht, weil die Schweiz ist ja nicht einmal Mitglied der Union. Ich dürfte höchstens mich bestürzt zeigen, ein wenig spenden und Verhandlungen wünschen – mehr darf ich nicht. Das ist meine persönliche Tragödie.

Ich beneide diese ukrainischen Männern. Sie werden gewiss siegen. Eventuell nicht in den nächsten Wochen – aber in den nächsten Jahren. Sie werden irgendwann triumphieren. Ich hoffe, sie können vom Heroismus ein wenig zehren, ihn sublimieren in wirtschaftliche Energie; das Land einen und mittels Finanzhilfen wiederaufbauen. 

Für Russland hingegen vermute ich düstere Jahrzehnte. Für Russland ist alles ganz unheroisch und sowieso der Krieg verloren. Auch wenn Kiew besetzt sein wird, auch wenn der Präsident der Ukraine ermordet werden könnte – Russland wird verlieren. Das ist ebenfalls tragisch. Millionen von Menschen werden alsdann noch sinnloser leben.

Sie werden keinen Heroismus erfahren. Sie werden vermutlich weiterhin bloss vom Grossen Vaterländischen Krieg erzählen können; deren letzte Geschichte. Und diese verblasst immer mehr. Sie endet irgendwann als urbane Legende, weil bereits jetzt die Zeitgenossen aussterben.

Hingegen die ukrainische Seele hat genügend Geschichten für zwei Generationen. Das ist sehr beneidenswert. Das kann mobilisieren. Und eventuell könnte das auch auf die Union übergreifen. Aber die Schweiz ist unbeirrt. Die Schweiz ist erzählt. Manche schwärmen von einem paradiesischen Stadtstaat, der mit allen geschäftet. Als Insel der Glückseligen. 

Ich kann mich dieser ganz unheroischen Geschichte nicht anschliessen. Ich bin leider auch ein Futurist. Ich liebe Ideen, ich liebe die Auseinandersetzung und die Entscheidung – weil ich sie privat scheue. Ich möchte meinen Alltag kontrastieren, wo ich mich ohnmächtig und unheroisch fühle. 

Die Wiedergeburt der Union

Ja, kürzlich habe ich hier Bekenntnisse eines EU-Fanboys publiziert. Die EU als Kompromissmaschine zu glorifizieren, empfand ich als unerträglich. Weil die EU weitaus mehr ist – weil die erste und letzte Idee der Menschheit hin zu einer Weltföderation. Dass von der Leyen konsequent bloss von der Union spricht, freut mich ungeheim. 

Dass von der Leyen nun auch ein wenig heranreift zu einer Führerin, die sogar Reden halten kann, erstaunt mich ebenfalls. Ich spüre von ihr mehr Präsenz als von allen anderen – ausgenommen des ukrainische Präsidenten, der seinen Teil im Informationskrieg tapfer meistert. Vermutlich haben wir nun das Erweckungserlebnis der EU.

Während den europaweiten Demonstrationen leuchteten vor allem zwei Fahnen. Die der Ukraine, sehr klar und nicht überraschend. Und die zweite die der EU. Die der Union. Das Volk hisst die Flagge der Union – das letzte Mal bei der Einführung des Euros vor zwanzig Jahren. Zwanzig Jahren später und trotz Corona und Brexit ist die EU wieder zurück.

Alleine die Corona-Massnahmen hätten ein neues Europa gebildet. Nun agiert die EU erstmals auch als aussenpolitisch ernstzunehmende Entität. Sie spurt vor, sie eint und verbindet gleichzeitig die Nationen. Die EU hat wieder Bedeutung erlangt. Die Union ist das Biotop der Demokratien und freiheitsliebenden Völkern. 

Freilich stören einige die Harmonie; rechtsradikale Populisten vor allem in osteuropäischen Ländern. Doch auch diese müssen sich alsbald neu erfinden, als die EU plötzlich entschlossen, militärisch-männlich ist, Flüchtlinge willkommen sind und Putin der neue Feind verkörpert. Vermutlich werden sie nach dieser Krise sich einreihen. 

Vermutlich wird von der Leyen durchsetzen können, dass die Ukraine teilhaben darf. Interessanterweise hat von der Leyen heute in ihrer Rede die Schweiz nicht erwähnt, die sich ja bekanntlich auch den Sanktionen angeschlossen hat, weil wohl bloss widerwillig. Das zeigt ganz realistisch unsere Aussenwahrnehmung. 

Ich schäme mich seit jeher, dass wir nicht der Union angehören und fühle auch eine Art Lebensmission, die Schweiz für die Union zu begeistern. Ich war vor einigen Monaten verzweifelt. Die Herausforderung schien gross; die Schweiz beschäftigte vor allem die Corona-Krise mit den Querdenkern inklusive, was nun angemessen abgelöst ist.

Endlich wieder mehr vorwärts; mehr Futurismus. Endlich wieder mehr Bewegung. Keine weiteren Psychologisierungen der Querdenker Seele mehr. Endlich eine Diskussion, wie wir die Nationen einen könnten. Wie wir Frieden und Wohlstand für alle schaffen könnten. Und zwar nicht bloss für wenige, sondern für alle.

Ich fordere daher den sofortigen EU-Beitritt der Ukraine. Aber nicht bloss der Ukraine – sondern für alle Staaten, die wollen und auch können. Und natürlich auch in der Schweiz eine Volksabstimmung für einen sofortigen EU-Beitritt. Ich würde die Chancen derzeit auf 50/50 verwetten. Besser werden sie so schnell nicht. 

Natürlich wäre dieser Beitritt «in der Schwäche» für die Schweiz kein nachhaltiger. Aber man könnte während den Abstimmungen eine weise Diskussion über die Zukunft der Menschheit im Allgemeinen und die Zukunft der Menschen in Europa im Speziellen initiieren – so die Menschen hierzulande für Ideen wie einer Weltföderation erwärmen. Nie mehr Krieg.

Und hier noch die Rede. Von der Leyen ab ca der 22. Minute.

Deutschland erwacht

Die heutige Regierungserklärung Deutschlands war sehr bemerkenswert. Ein Riese erwacht ebenfalls. Deutschland ist wohl angekommen. Damit festigt Deutschland die Führungsrolle in der Union. Scholz versicherte, dass nicht bloss Deutschland, sondern stets die Union die Wirkungszone sei. Deutschland ist also nicht bloss auf Deutschland limitiert.

Ebenso verkündete Scholz eine beispiellose Aufrüstung. Neue Kampfjets, Drohnen, Schiffe, Cyberkräfte und so weiter. Sogar eine Modernisierung atomwaffenfähiger Jets. Der aktuelle Haushalt von 46.9 Milliarden wird um 100 Milliarden aufgestockt. Das sind ungefähr 150 Milliarden. Damit schliesst Deutschland beinahe an China an. 

Und das alles für Europa. Um Europa zu verteidigen. Ebenso will Scholz die europäische Rüstungsindustrie wiederbeleben. Auch will Scholz die Dekarbonisierung der EU beschleunigen. Und selbstredend die Ukraine unterstützen mit allem, was nötig ist – ohne Kompromisse. Der ukrainische Botschafter war mit einer Standing Ovation bedankt worden. 

Im richtigen Moment hat die Regierung Scholz› reagiert. Sie hat das Vakuum in der EU gefühlt und nun endlich gefüllt. Und damit auch die EU geeint. Die Börsen montags werden das honorieren. Vermutlich erwartet uns ein erneutes deutsches Wirtschaftswunder. Mehrere Branchen sollen gefördert werden. 

Es war bislang keine Nation so deutlich wie deutsche. Scholz nannte den russischen Angriff explizit als einen Angriff gegen Demokratie insgesamt. Und Deutschland werde Demokratien verteidigen. Er scheut keine Kosten. Er versprach Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. Und diesmal war sein ruhige, aber bestimmende Art sehr angemessen.

Vermutlich wächst Scholz über sich momentan hinaus. So wie auch der ukrainische Präsident, der nun als Held der Demokratien gilt – ob tot oder lebendig. Und Scholz nun dessen grösster Unterstützer. Vor einigen Wochen waren alle Aussagen Scholz› undenkbar, niemals mehrheitsfähig. Und jetzt das. 

Hier die Rede:

Ukraine – Was wir tun können

Aufgrund einer technischen Migration war dieser einsame Blog zeitweise nicht erreichbar. Ich war nicht motiviert, diese Migration abzuschliessen. Die jüngsten Ereignisse haben mich allerdings genötigt. Gewiss bin ich als Schweizer wie so oft nicht direkt betroffen. Die Schweiz wähnt sich neutral; will weder sanktionieren noch Waffen liefern.

Das überrascht niemanden. Meine Haltung hierzu ist hinlänglich bekannt. Ich fordere ja seit zwanzig Jahren einen sofortigen EU- und NATO-Beitritt. Damit bin ich nicht mehrheitsfähig. Voraussichtlich werden die jüngsten Ereignisse diese Haltung nicht ändern, weil die jüngsten Ereignisse den schweizerischen Souverän im Alltag nicht beeinflussen werden.

Was vermutlich nicht alle Freunde wissen, ist, dass ich seit einem Jahr täglich mit Menschen aus der Ukraine beruflich zusammenarbeite. Ich unterstütze sie in ihrer Teamentwicklung. Die rote Gefahr war stets, die lokalen Verantwortlichen haben sie jeweils heruntergespielt und mit einer Übersiedlung nach Krakau beschwichtigt. 

Selbst ich war entspannt, denn Putin ist zwar Autokrat oder für manche ein lupenreiner Demokrat – aber zugleich ein gebildeter Mann, der kaum einen solchen Amoklauf riskieren würde. Aber ja, wie Geheimdienste habe auch ich mich geirrt. Putin ist ein gealterter weisser Mann, der sein Volk für seinen persönlichen Feldzug ausbeutet. Schrecklich.

Der Angriffskrieg startete. Ukraine ist leider nicht Taiwan oder Israel. Für Taiwan oder Israel würden wir uns einsetzen. Ukraine hat (uns) nichts zu bieten – ausgenommen einer gewählten Regierung, einer offenen Gesellschaft mit motivierten und fleissigen Menschen und ein Wunsch nach Westintegration. 

Lustigerweise ist die Schweiz zwar mehr westintegriert als die Ukraine, versucht das aber jeweils abzustreiten. Andere wie Ukraine wollen, dürfen aber nicht. Wir sind bereits, aber wollen nicht. Das gleichzeitig erleben zu dürfen, verwundert mich. 

Die zynische Ankündigung Deutschlands, ein Lazarett sowie einige Helme notfalls bereitzustellen, hat mich bereits damals erschüttert. Der deutsche Vizekanzler hat auch donnerstags in einem ZDF Echtzeit-Sondersetting die Ukraine als verloren insgeheim erklärt, weil niemand helfen werde. Deutschland verhält sich neutral, schaut zu.

Ich verabscheue Ohnmacht. Ich erleide täglich Ohnmacht. Ohnmächtig gegenüber dem schweizerischen Souverän, gegenüber meiner Tochter – gegenüber dem globalen Hunger und der ideellen Verzweiflung vieler Menschen, gegenüber Ungerechtigkeit, weil Überfluss hier, existenzieller Mangel dort. 

Und nun auch gegenüber der Ukraine. Eine kleine Ankündigung könnte den Krieg beenden. Die EU und NATO müssten bloss die Ukraine aufnehmen. Damit wäre der Krieg erledigt. Das bedingt Mut und Weitsicht. Niemand wagt einen offenen Angriffskrieg gegen die EU und NATO, auch wenn die Militärs heruntergewirtschaftet sind. 

Denn die Mobilisierungsmacht ist weiterhin grossartig innerhalb der EU und der NATO. Falls tatsächlich eine Krise bestünde, könnte die Wirtschaft und Gesellschaft umgerüstet werden. Nicht mehr Flüchtlinge würden das Heil bedrohen – ein gemeinsamer Feind könnte einen und Entbehrungen im Alltag rationalisieren. 

Alternativ können wir auch Waffen liefern. Wir versorgen die halbe Welt mit modernsten Waffen. Auch Gotteskrieger während den Achtziger in den Höhlen Afghanistans haben wir mit Selbstverteidigungswaffen bedacht, die nicht einmal des Englischen mächtig waren. Etliche Freiheitskämpfer südlich der Sahara sind ebenfalls grosszügig ausgestattet. 

Dass ausgerechnet Lettland einige Waffen liefert, ist süss. Aber eigentlich nicht angemessen. Es muss nicht Lettland sein. Wir sind ja Experten im Schmuggeln von Waffen. Warum nicht einigermassen offiziell Waffen in die Ukraine verlegen? Notgedrungen auch ohne NATO-Labels – aber gerne mit. 

Es genügt nicht, die ukrainischen Soldaten als «tapfer» zu betiteln. Damit ist nicht geholfen. Die ukrainische Armee ist bereits ausreichend motiviert und in einem Abnutzungskampf seit 2014 erprobt. NATO-Waffen würden einen Unterschied ausmachen. Es wäre auch eine Art Symbolpolitik, dass man demokratiefreundliche Ländern nicht ausliefert. 

Ich meine, während des Kalten Krieges hat man schliesslich ja auch Nationen unterstützt, die weitaus zweifelhafter waren als die Ukraine jemals sein würde. Es wurden weltweit sogenannte Stellvertreterkriege angezettelt. Und heute hat man nicht einmal mehr den Mut, einen Stellvertreterkrieg in unmittelbarer Nachbarschaft zu unterstützen? 

Die Ohnmacht bleibt. Ich habe keine Lust, bei lokalen Petitionen mich zu beteiligen, welche die Sanktionen für Russlands Elite ausweiten sollen. Ich glaube nicht an die Mutter aller Sanktionen oder wie auch immer. Die Sanktionen sind nett und verlangen sogar Opfer unsererseits. Aber sie nähren und bewaffnen nicht den ukrainischen Soldaten. 

Ich hoffe bloss, dass allmählich Nachrichten zerbombter Wohnhäusern, getöteter Kindern, vergewaltigter Frauen uns empören. Vermutlich erst dann sind wir moralisch einigermassen verdammt, den (noch) motivierten ukrainischen Soldaten an der Front das bereitzustellen, was sie übrigens seit Wochen fordern: Waffen. Hoffentlich ist’s dann nicht zu spät.

Hintergrundmusik:

Spenden gemäss persönlicher Quelle:

https://bank.gov.ua/en/news/all/natsionalniy-bank-vidkriv-spetsrahunok-dlya-zboru-koshtiv-na-potrebi-armiyi

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