Uberta, die Unternehmensberaterin

Uwe fasziniert. Ich werde später Uwes Werdegang weiterführen. Heute möchte ich stattdessen eine weibliche Figur etablieren. Es ist Uberta, die ungewohnt ungewöhnliche Unternehmensberaterin. Uberta ist Zürcherin. Sie haust in Feldmeilen. Sie ist verheiratet. Ihr Mann ist institutioneller Investor. Er verwaltet Vermögen. Sie zeugten leidenschaftslos zwei Töchtern.

Uberta ist grossgewachsen und blondiert, üppig ausgestattet, überzeichnet gekleidet. Sie ist bereits 48. Sie war zuvor in der Versicherungsbranche, hat dort sich abverdient. Danach wechselte sie in die Unternehmensberatung. Die Unternehmensberatung entspricht auch vielmehr Ubertas Naturell. Uberta ist unruhig, fordernd, frech und grossspurig.

Sie mag und will nicht tagtäglich im selben Stuhl fristen, umgeben von denselben Langweilern. Sie will abwechseln, sie will jagen und erobern. Sie will Business wie Männer erkunden. Ihr formaler Ehestatus beschränkt sie nicht. Sie kombiniert Geschäftliches mit Sexuellem. Und darin ist Uberta talentiert. 

Zudem ist Uberta eine ausgewachsene Kokserin. Frauen, die jenseits der 40 noch kokainabhängig sind, gelten als verdächtig und fragil. Die Unschuld der Dreissiger haben sie längst verspielt. Wer mit Vierzig immer noch bloss mit Drogenmissbrauch sich stabilisieren kann, ist sozial aufgetrieben und kann höchstens in den Afterhours der grossen Städten imponieren.

Insgeheim ahnt, spürt und empfindet auch Uberta den körperlichen Zerfall. Die Falten, die nunmehr bloss künstlich gestraffte Brust können nicht verbergen, dass Ubertas weibliches Eigenkapital unterbilanziert ist. Also umso mehr muss Uberta beschleunigen. Erwachsene Menschen bremsen, sobald eine Wand naht – Uberta stattdessen drückt durch.

Uberta hat sich bevorzugt mit dreissigjährigen Assistenzärzten vom Stadtspital Triemli sozialisiert, die allesamt aus Deutschland und stets aus wohlhabenden Verhältnissen stammen. Sie hat sich eine kleine und temporäre Party-Clique geschaffen. Sie dominiert die Gruppe. Sie ist das wilde und tonangebende und pralle und bereits gealterte Weib inmitten dekadenter, liebes- und lebenshungriger Assistenzärzten, die niemanden und nichts irgendwie oder irgendwo stoppen könnte. 

Eine gewöhnliche Kokainabhängigkeit bemerkt man am Wochenende. Die Afterhour ist ohne Kokain unerreichbar. Uberta versorgt ihre Crew mit dem Stoff. Sie finanziert den Spass, weil auch ein deutscher Assistenzarzt ohne Dienste selten mehr als siebentausend Franken monatlich verdient – netto nach Quellensteuern und Sozialabgaben. 

Uberta vögelt abwechselnd, manchmal gleichzeitig mehrere Jünglinge. Das elektrisiert sie. Die kokainbedingte Impotenz überbrückt sie mit grobem Handeinsatz und hat hier und da den einen Jüngling nachhaltig verstört oder sexuell in dessen Männlichkeit geschädigt. Uberta akzeptiert den sexuellen Kollateralschaden und überwindete sich damit, stets “willig” und “feucht” zu sein. 

Uberta versucht ihre Frohnatur und ihr Gemüt auch innerhalb der Unternehmensberatung auszubreiten. Sie ist mehr für ihre Leistungen abends statt tagsüber bekannt respektive berüchtigt. Keine Firmenfeier ohne Uberta. Sie ist der singende, tanzende, koksende und knutschende Star jeder Party. 

Unternehmensberater mieten sich nicht bloss das Mascotte für sich alleine, um anlässlich der Jahresrechnung sich zu betrinken. Unternehmensberater organisieren auch wöchentlich einen Anlass für ausgewählte Kunden oder Interessenten. Business Drinking. Der Interessent soll wegen Exzesse derart sich schuldig, beschämt und befleckt fühlen, sodass er tags darauf einen grossen Vertrag verkatert signiert.

Darauf ist Uberta spezialisiert. Sie konnte jeden Interessenten abfüllen, mit Drogen und prallen Brüsten verführen. Obwohl Ubertas fachliche Expertise offensichtlich zweifelhaft sind, war sie Umgang mit Kunden stets sehr gewinnend fürs Unternehmen. Also muss die Unternehmensberatung regelmässig Feste feiern, wo Uberta toben darf. Ihre private Kokainabhängigkeit hat man gebilligt, sofern nicht zu offensichtlich und öffentlich.

Doch nicht bloss die Interessenten der Unternehmensberatung sind Uberta ausgeliefert. Beinahe jeder verheiratete Partner der Unternehmensberater, die angemessen kassieren und allesamt an besten Lagen Zürichs residieren, sind Uberta hin und wieder verfallen. Umso mächtiger ein Mann, desto ehrgeiziger war Uberta. Umso grösser der potentielle Kontrakt, desto mehr Brust investierte Uberta. 

Es war eine grosse Party. Alle profitierten. Die Partner der Unternehmensberatung, Uberta, die Interessenten. Sie war wohl die letzte Queen am Paradeplatz. Die jüngeren Damen sind nicht mehr derart zynisch und verdorben. Die jüngeren Damen haben sich angepasst und wollen mit Einsatz, Fleiss und Wissen beeindrucken. Sie wollen nicht als Objekt instrumentalisiert sich fühlen und dabei grosse Freude empfinden, weil sie damit ihrer Sinnlosigkeit sich entledigen.

Uberta war beflissen, motiviert und engagiert in allen Partyangelegenheiten der Firma. Sie war die Queen. Und falls die Firma ausnahmsweise nicht gerade feierte, scharrte sie ihre Assistenzärzte vom Triemli und wilderte durch die Afterhours der grossen Stadt. Gelegentlich lud sie alle in ihre Villa mit Seeblick und Pool in Feldmeilen, wo sie der Exzess standesgemäss ausweitete. Wer dort war, durfte nichts erwähnen oder erzählen.

Uberta ist ein Pulverfass. Sie droht jederzeit zu explodieren. Sie lebt ganz futuristisch und stets unlimitiert. Ubertas bejaht ultimativ das Schicksal. Uberta riskiert stets. Uberta ist nicht zu zähmen. Auch die Ehe vermochte sie nicht zum Heimchen domestizieren. Die Ehe war vielmehr eine Vollmacht für alles und fürs all-in. Das war Uberta.

Ubertas Schwäche ist die Liebe zum Kokain. Nicht verwunderlich, ist sie doch fürsorgliche Mutter, ehrgeizige Unternehmensberaterin, beflissene Ehefrau, leidenschaftliche Partyqueen, unersättliche Geliebte und spendable Koksmutti zugleich, derweil ihr Körper verwelkt. Psychosomatische Erkrankungen häuften sich; Migränen, Hüftschmerzen, Knieschmerzen, Rückenschmerzen, geschwollene Eierstöcke und stets alternierend. 

Sie hat zu viele Rollen in einer Person vereint. Absehbar, dass sie die eine oder andere Rolle nicht mehr angemessen ausfüllen und authentisch inszenieren kann. Ob sie stets als Mutter oder Ehefrau erfolgreich war, ist aus der Retrospektive nicht zu beurteilen. Die berufliche Leistung jedoch war abnehmend. 

Du bist interessiert, wie sich Uberta weiterentwickelt hat? Ist Uberta weiterhin die unbestrittene Partyqueen am Platz? Ist Uberta weiterhin leistungsfähig? Verführt Uberta weiterhin wilde Assistenzärzte, unschuldige Kunden und verfettete Partner? Vermutlich werde ich die Geschichte fortführen. Mal schauen.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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