Uwe, der Unternehmensberater

Unternehmensberater faszinieren. Sie sind gerissen, unruhig und meistens inkompetent. Wer sich nicht spezialisieren kann, wird Unternehmensberater. Eine Unternehmensberater wähnt sich gerne als moderner Universalgelehrter. Unterschiedliches Branchenwissen, allgemeine Bildung über Managementtheorien, exotisches unnützes Wissen – das genügt. 

Ich möchte nun Uwe fokussieren. Uwe war Bauernsohn aus fernen Toggenburg. Er verliess den väterlichen Hof bereits mit 18. Er wollte Grossstadt-Action. St. Gallen war keine Option, denn St. Gallen ist die einzige stagnierende grössere deutschsprachige Stadt – abgesehen von Olten und Langenthal, die aber ausser Konkurrenz, weil ohnehin hoffnungslos sind. 

Also übersiedelte der junge Uwe nach Zürich. Zürich, die grösste deutschsprachige Stadt der Schweiz, verführt alle Aar- und Thurgauer. Zürich ist cool für, wer aus Wohlenschwil AG oder Wittenwil TG stammt. Den eingeschleppten Dialekt gewöhnt man rasch ab. Man assimiliert sich ohne Widerstand. 

Uwe war hungrig. Also bemühte er sich um eine Festanstellung bei einer Grossbank. Grossbanken waren damals sexy. Sie waren gross. Und so. Vermutlich waren damals die Frauen hübscher, die Männer erfolgreicher und das Geschäftsmodell war idiotensicherer. Auch ein Affe hätte eine Grossbank kommandieren können. Aber das ist eine andere Geschichte.

In den 90er etablierten sich die ersten grossen Unternehmensberatungen. Die meisten dürfen nicht mehr mit ihrem originalen Namen firmieren, weil sie alle in Skandalen sich verausgabt hatten. Ein Rebranding war die Folge und muss zuweilen auch heute noch durchgesetzt werden, sobald eine Unternehmensberatung eine Wirtschaftskrise auslöst.

Uwe, der Bauernsohn ausm fernen Toggenburg, war beeindruckt. Uwe hat aber die falschen Schulen besucht. Sein Vater diente der lokalen vormaligen Bauernpartei. Sein Vater war mit dem Schreiner und mit dem Metzger des Dorfes vernetzt. Uwe hatte keine Freunde in Zürich, in Küsnacht, Feldmeilen oder Zollikon.

Uwe war ein Aussenseiter. Er besass Bauernschläue zwar, aber diese war nicht respektiert oder angesehen. Stattdessen beobachtete Uwe die Unternehmensberater. Der Unternehmensberater kämmte die Haare streng und kleidete sich stets überdurchschnittlich, damit er sich abgrenzen kann.

Der Unternehmensberater kann unterschiedliche Managementlehren kombinieren. Der Unternehmensberater kann stets parieren. Der Unternehmensberater kann stets zitieren. Der Unternehmensberater kann alle Probleme analysieren und eine Lösung beraten. Der Unternehmensberater ist der James Bond des Spätkapitalismus’. Und so fühlt er sich auch.

Aja, der Unternehmensberater ist männlich, gutaussehend, hat keinen Bierbauch, ist trainiert, ist sexuell potent und dementsprechend aktiv; der Unternehmensberater muss sich nicht verstecken. Er kann flirten, beeindrucken und vor allem Frauen aller Branchen erobern. James Bond halt. 

Uwe, sanft kleingewachsen, sanft dicklich, sanft nicht sonderlich intellektuell, wollte auch ein Unternehmensberater werden, mit einem Rollkoffer durchs Grossraumbüro flitzen, immer unterwegs, immer mit voller Agenda, alles ist wichtig und dringend, immer beschäftigt und stets eine kleine Kalenderlücke für eine empfängliche Frau. 

Uwe passte sich an. Uwe lernte rasch. Uwe konnte bereits als Jüngling Menschen beeindrucken wie beeinflussen. Uwe war geschickt. Uwe studierte Bücher, wie man das Auftreten optimierte, wie man in Meetings möglichst smart wirkte. Uwe lernte alle die existenziellen Floskeln im Managementalltag kennen. Ich will überliefert wissen:

  1. Das erhöht aber die Komplexität.
  2. Was ist das Problem-Statement?
  3. Können wir das skalieren?
  4. Wollen wir nicht alle einen Schritt zurückgehen?
  5. Die Ressourcen sind knapp. 

Uwe konnte sich zu einem sogenannten Projektleiter hocharbeiten. Er startete als Praktikant. Das war respektabel. Aber dennoch war Uwe weiterhin hungrig. Uwe wollte mehr. Uwe war nicht zu begnügen damit, in einer Grossbank Projekte mit einem Budget kleiner als einer Million Franken zu verwalten. 

Uwe wollte respektiert, anerkannt und gewürdigt werden. Uwe wollte irgendwann selber ein Büro am Paradeplatz. Ueli möchte nicht am Nebenschauplatz spielen. Uwe wollte Innenstadt, Downtown Zürich. Uwe wollte ein kleines Imperium schaffen. Uwe wollte nicht bloss seinem Vater demonstrieren, dass er besser sei. Uwe wollte es allen zeigen.

Insbesondere den reichen und fetten Zürcher, seinen Vorgesetzten, seinen Mitbewerbern mit den richtigen Schulen und gepflegteren Schuhen. Also wurde Uwe Unternehmensberater. Wie Uwe als Unternehmensberater reüssierte, später. Seine Anfängen waren bescheiden, aber Uwe war entschlossen und verfolgte einen grossen Plan. 

Was hat Uwe erreicht? Was macht Uwe heute? Interessiert?


2 Antworten zu «Uwe, der Unternehmensberater»

  1. […] Uwe fasziniert. Ich werde später Uwes Werdegang weiterführen. Heute möchte ich stattdessen eine weibliche Figur etablieren. Es ist Uberta, die ungewohnt ungewöhnliche Unternehmensberaterin. Uberta ist Zürcherin. Sie haust in Feldmeilen. Sie ist verheiratet. Ihr Mann ist institutioneller Investor. Er verwaltet Vermögen. Sie zeugten leidenschaftslos zwei Töchtern. […]

  2. […] Uwe war ein hungriger Kerl ausm Toggenburg, Bauernsohn. Eine lange gedehnter und überinterpretierter ostschweizerischer Dialekt war kennzeichnend. Er wollte stets seine Herkunft betonen. Er entstammte nicht ausm Etablissement, ausm Platz Zürich und war mit den richtigen Familien weder verwandt noch verschwägert.  […]

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert