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Was geht mit Frankreich?

Frankreich wählt. Ich gestehe, ich habe das Land nicht gross bereist. Ich bin kaum auskunftsfähig. Ich könnte über den Stadt-Land-Konflikt schwadronieren, ich könnte das Charisma der Tat beschwören, ich könnte irgendwas ausm Archiv buddeln und mit Frankreich vermengen. Ich könnte Paris der Dekadenz bezichtigen. Ich könnte.

R. war kürzlich dort. Dessen Lebensgefährtin stammt aus der Bretagne, eine für mich fremde Gegend; davon ist der Atlantikwall eine dumpfe Ahnung, angrenzend soll auch Mont Saint-Michel überragen, vermutlich eine begehrliche Trouvaille dort. Ich verstehe Frankreich nicht. Ich habe die Sprache verlernt. R. beginnt sie zu beherrschen.

Ich verstehe aber, wenn die Menschen protestieren, wenn sie Widerstand leisten. Sie kompensieren das grosse Unbehagen mit der Kultur. Wir erleben eine Politik der Zeichen. Seit einigen Jahren ist sie offensichtlicher geworden; die toten französischen Philosophen können posthum doch noch triumphieren.

Doch Frankreich hat weitaus grössere Probleme als das schlichte und allgemeine Unbehagen, das derzeit viele Menschen irritiert und ergreift. Frankreich ist meines Erachtens degeneriert, verklemmt und hat zu viel in Elitenförderung investiert; zu viele staatliche Akademien und Hochschulen; eine zu fette Kulturindustrie.

Doch zu wenig Fachschulen, zu wenig Risikokapital, zu wenig flexibilisierte Arbeitsmärkte, zu wenig schlanke Prozesse und Organisationen. Irgendwie ist alles vermodert. So jedenfalls poltern wir am Stammtisch. Das sind für uns die Welschen. Wir attestieren ihnen mangelnde Sekundärtugenden. Dass Frankreich bald einen Schlächterin bestimmt, überrascht also nicht. 

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Die Platzvisite

An öffentlichen Plätzen ist das menschliche Leben verdichtet. Eine Platzvisite. Man beäugt. Mädchen hüpfen mit dem linken Bein, balancieren der frisch gekreideten Linie entlang. Sie lachen, verlieren das Gleichgewicht; kreischen. Die Müttern nebenan beobachten zufrieden das Treiben, scrollen durch Facebook; kontrollieren.

Ich fühle mich wie ein Altherr. Ich beneide das unbeschwerte Leben. Das unentwegte Schaustellen-Schauspielern. Die Menschen und insbesondere die menschliche Jugend erwachen, bevölkern rasch die öffentliche Plätze. Sie kleiden sich luftig-leicht. Sie kosten den frühen Abend, die angenehme Wärme, die frische Entdeckungslust.

Mein Leben dagegen verhärtet sich, stagniert, ist voller Schwere, ist beengt, erdrückend. Kleine Momente befeuern mich, sie beleben und erfrischen. Es sind wenige Momente, die ich stets vermisse, die mich aber wieder motivieren und eben antreiben. Aber im Grundsatz bin ich verabschiedet, bin blosser Beobachter, ohne Netz.

Ich kann nachempfinden, wie alle Menschen in grossen Städten den Frühling verabscheuen. Männer verlieren Haare, ergrauen, ihre Glieder schrumpfen, ihre Haut verrostet, ihre Augen werden ausdrucksloser, leerer; sie erblinden ob der Jugend, sie verbittern. Die Frauen fürchten die Konkurrenz; diese jungen, aufreizenden, graziösen Geschöpfe.

Sie, die unschuldige Konkurrenz, verderben den gutgemeinten Familiensonntag. Die kurzgemeinte Platzvisite; sie entzweit Paare, sie vergiftet Beziehungen. Sie nämlich postiert einen Benchmark, den ultimativen Referenzpunkt des vorgetäuschten, vorgeheuchelten Glücks, das alle Öffentlichkeit zu erdulden hat.

Die Platzvisite erinnert der eigenen Vergänglichkeit. Man kann sich aber irgendwo verkriechen, der Welt sich verabschieden und fristen; man kann warten und vergessen, gelegentlich arbeiten, einkaufen, an Randzeiten sich nicht gross aufdrängen. In schummrigen Bars sich bemüssigen. Warten mit seinesgleichen. Ohne Platzvisite.

Doch in offenen Gesellschaften wie der unsrigen, die ausserordentlich kompetitiv sind, ist es unerlässlich, dass wir uns messen, vergleichen, hin und wieder anspornen, um schliesslich uns gegenseitig zu übertreffen; grössere Vorräte zu hamstern oder schönere Frauen zu begatten. Wir können nicht uns verstecken.

Deswegen ist jede Platzvisite stets auch eine Stählung der eigenen Wettbewerbskraft. Ein Auseinandersetzen. Eine Zeremonie, die Identität und vielmehr wieder Sinn auflädt; durch Annäherung bei gleichzeitiger Abgrenzung. Man ist nah, dennoch fern, ist mokiert zuweilen, empört oder fühlt testen Empfindens sich sicher.

So fühle ich mich.

bd

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Freilich verschuldet

Egal, was ich tue, ich provoziere. Ich kann niemanden befriedigen, ich kann niemanden beglücken. Ich kann keine Transformation erwirken. Ich kann nichts. Man sollte Absichten statt Taten verurteilen. Aber ich werde für beides bestraft; für meine guten Absichten und schlechten Taten, die daraus resultieren.

Gewiss bin ich nicht verantwortungslos. Ich kann mich weder freikaufen noch lossprechen. Alles, was ich tue, beeinflusst und verändert. Menschen und vor allem deren Interaktionen sind unberechenbar. Diese begrenzbare Variabilität entschuldigt und rechtfertigt keine Sorglosigkeit, Achtlosigkeit. Sie erklärt allenfalls.

Ich zweifle, wie frei ich überhaupt agiere. Ich fühle mich zuweilen ausgeliefert. Ich kann zuweilen nicht klar und vernünftig denken; ich reagiere lediglich. Das Konzept eines übermächtigen freien Willen, der über alles thront und wacht, alle unsere Entscheidungen orchestriert, davon habe ich mich längst entfremdet.

Dummerweise fusst darauf unser liberales Gesellschaftsmodell, dass jedermann frei entscheiden und wählen darf, wie er das Leben verwirklicht. Ohne dieses “Axiom” müssten wir unsere Gesellschaft remodellieren. Das will niemand, weil das würde eine lange, weil zähe Aushandlung verursachen, ohne Hoffnung auf Einigung.

Wieder auf meine Situation übersetzt, muss ich mich immer verantworten können. Jederzeit. Auch für Taten, die ich noch nicht verübt habe. Für Gedanken. Für meinen Witz, für alle Äusserungen; für besoffene oder nüchterne. Oder für alle gutgemeinten Vorschläge, Ideen oder auch durchgesetzte Massnahmen. Für alles.

Das lastet schwer. Ich wünsche mir zuweilen eine Amnestie. Gott bürgte früher. Kein Gott mildert das Strafmass. Auch kein Gott tröstet, wenn man gross zweifelt und sich einfach schuldig fühlt. Mein Fall ist nicht besonders, ich habe nicht besonders mehr zu verschulden als meine Mitmenschen. Dennoch fühlt alles sich so schwer an.

Weswegen? Womit kann man sich erleichtern? Alkohol hilft nicht, ich habe es getestet, vergebens natürlich. Darüber zu reden auch nicht, denn das verschiebt die Last bloss; ich verlagere sie auf meinen Gesprächspartner und tue so, als ob ich sie bewältigt habe. Schreiben vertagt die Last nur. Was also? Zeit?

bd

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Selbstverletzung

Ich verletze mich selber. Damit will ich nicht spüren, dass ich noch lebe. Damit will ich mich begrenzen. Damit will ich testen, Thesen testen. Grundsätzlich kann man das machen. Denn ich verurteile nicht, wenn andere sich selber verletzen. Aber fertig lustig, sobald ich meinem Umfeld schade. Beruflich wie privat, grundsätzlich.

Ich habe meine eigenen Grenzen erkundet. Ich habe sie überschritten. Ich habe mich verletzt, ich habe mich gespürt. Ich habe experimentiert, posaunt; zuweilen bin ich ausgeartet. Ich habe stets Menschen mitgerissen, mitgeschleift; berührt oder entstellt. Ich war auf mich selber fokussiert; ich ignorierte mein Umfeld, ich blockierte.

Gewiss ist man in Retrospektive immer klüger. Allerdings verheile ich nicht. Manche Experimente habe ich überstrapaziert. Und manche Mitmenschen habe ich ausgeblendet. Ich möchte dieses Verhalten nicht mehr wiederholen. Denn wer sich selber verletzt, verletzt immer andere. Es sei denn, er lebt isoliert, entkoppelt und alleine.

Doch das war ich nie. Ich lebe auch heute in sozialen Systemen. Ich bin stets vernetzt; alle meine Handlungen beeinflussen meine Mitmenschen. Diesen Einfluss kann ich nie abschätzen. Ein Wort, eine Aussage, eine Tat können verändern, können Gefühle provozieren. Manche Kollegen empöre ich.

Ich rase unaufhaltsam, bremse mit meinen Schuhen vergebens, will nicht wenden oder ausweichen; ich beschleunige. Kollegen entsetzen, versuchen mich zu beschwichtigen, ich solle mich beruhigen, ich solle mein Potential nicht vergeuden, mich nicht verausgaben, ich solle doch mich mässigen. Aber meistens vergebens.

Schlussendlich verletze ich alle; mich und mein Umfeld, das meinetwegen sich ekeln muss. Sie können nicht verstehen, weil nicht einmal ich verstehe, weswegen ich mein Glück so herausfordere. Weswegen ich niemals ruhen und mich begnügen kann. Ich entschuldige mich hiermit für alles, was ich tat.

In der Zwischenzeit versuche ich, mein Verhalten in kleinen Schritten zu ändern. Meine Amokfahrt irgendwie zu beenden. Vor allem auch beruflich. Denn ich bin momentan nicht ausgeglichen, ich bin zu sehr angespannt. Ich könnte jederzeit scheitern und alles verlieren. Es bleibt spannend.

 

bd

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Das Kleinstadt-Wunder

Die Kleinstadt ist unbestellt. Du kannst rascher wirken und bewegen. Das fasziniert. Du kannst problemlos Banden knüpfen. Du kannst schneller beeinflussen. Du kannst dich arrangieren, gemütlich einrichten, deinen Alltag ritualisieren. Du kannst die Komplexität begrenzen, du kannst deine Managementkapazitäten schonen.

In einer grösseren Stadt hingegen bist du weitaus mehr herausgefordert. Du hast keinen sicheren Hafen, du hast kein Netzwerk. Vielmehr bist du alleine, du kannst nirgends zurückfallen, du kannst nirgends dich beruhigen und entspannen. Du bist angespannt, musst liefern, musst dich beweisen, etablieren; immer wieder erfinden.

Oder man vergrössert sein Netz, lebt im Quartier, im Viertel, im Kiez und in den Bars. Man vertraut nur gewissen Lokalen, einer Szene, einem gewissen Umfeld, das sich meistens aus Arbeitskollegen rekrutiert. Man verabredet sich eventuell auch mit Ausländer, mit Grenzgänger, mit Wochenaufenthalter. Mit den heutigen Wanderarbeitern.

Ich habe mich immer in der Kleinstadt orientiert. Das war mein Referenzwert. Olten ist gewiss einzigartig. Wir haben sogar Kultur, wir haben eine Szene, die sich engagiert. Ich kenne alle Aktiven persönlich. Ich könnte über jede Person informieren. Ich selber bin auch einigermassen bekannt, schliesslich habe ich gelebt.

Und nun wohne ich in einer grösseren Stadt, 170’000 gegen 17’000 Einwohner. Ich kenne knapp zehn Personen von 170’000, dagegen 400 von 17’000. Durchaus ein Kontrast. Ich bin noch nicht zu alt, um neue Menschen kennenzulernen. Doch alle in meinem Alter haben bereits Mühe, ihre bisherige Freunde zu pflegen. Jetzt komme ich.

Niemand erwartet mich, ich kann die Stadt nicht bereichern. Ich kann nicht aktiv mitgestalten; die Stadt ist bereits verbaut. Die Menschen sind bereits in ihren Szenen gruppiert. Sie kennen sich ebenfalls seit Jahrzehnten. Man kann zwar mit neuen Bekanntschaften ausgehen, trinken und essen.

Das verstimmt mich gelegentlich. Ich trauere Olten nach. Ich vermisse die Menschen. Doch fühle ich mich meiner neuen Heimat gross verpflichtet. Ich möchte meine neue Heimat erkunden. Und das tue ich bereits. Ich möchte mich in Basel betrinken. Ich möchte meine Freunde in Basel empfangen. Am Rhein, in den Bars, zuhause. Kommt.

bd

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Das Beziehungs-Testen

Wir messen nicht bloss Beziehungen; wir testen sie auch. Wir operieren immer mit einigen Annahmen. Diese bilden unser Verhalten. Wenn wir uns beispielsweise einbilden, wir werden nicht geliebt, dann testen wir unsere Beziehung explizit darauf. Wir provozieren mit Aussagen und erwarten darauf bestimmte Reaktionen.

Wir formulieren Testfälle mit Akzeptanzkriterien. Diese sammeln wir in Testsets, die wir beispielsweise am Beziehungssonntag durchackern. Solange, bis das Testergebnis unseren Erwartungen entspricht. Denn unsere Grundannahme hat uns längst einvernommen; wir können gar nicht mehr abweichen, und wenn würden Abweichung bloss bestätigen.

Der Liebst-du-mich-noch-Test kann sowohl in der Start- wie auch in einer unbewusst längst eingetretenen Endphase einer Beziehung praktiziert werden. In der Sexualität unterlässt man den ersten Schritt. Man zählt die Wochen, bis der Partner eine Initiative ergreift. Ein gefühlter Wert begrenzt die Toleranz; ist er überschreiten, ist die Liebe vergangen.

Diese Tests mögen zwar rasch und einfach angewendet werden, sind aber schwierig zu vergleichen. Die Testergebnisse können nicht reproduziert werden, da der Mensch nicht wie eine Maschine immer wieder deterministisch reagiert. Vermutlich mag man einen solchen Test auch nicht wiederholen. Vermutlich beendet man die Beziehung vorher. Auch gut.

Auch ich teste. Ich ermittle damit einen Beziehungsindex, den ich bisherigen Beziehungen gegenüberstelle. Werde ich mehr geliebt oder weniger? Wie absolut oder wie engagiert respektive verpflichtet ist die Liebe? Man kann eine Wissenschaft entdecken, wie man eine Beziehung bewertet; eine Menschenleben darin investieren.

Doch das alles überzeugt mich nicht. Ich muss mich zuweilen selber überführen, wenn ich irgendwelche Testfälle definiere, die überhaupt nicht reproduzierbar sind. Testfälle für Situationen entwerfe, die überhaupt nicht testbar sind. Und mich in eine Scheinsicherheit verlasse, die ich zutiefst verabscheue.

Was empfehle ich? Wir müssen bloss und mehr spüren. Beieinander nahe sein und empfinden, nicht bloss Geschlechtsverkehr ausüben. Nicht nur, aber sicherlich auch. Einfach nahe sein, näher sein und durchatmen. Oder bloss an einem Tisch sitzen; seine Beziehung beobachten und anlächeln. Einfach dasein. Achtsam sein. Und dann fühlen.

bd

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Fragend führen

Auf Team-Level glücke ich; ich bin der bodenständige Kumpel. Ich bin eine Vertrauensperson. Mit meinen Techniken kann ich gut beeinflussen, formen und gestalten. Ich bin sehr suggestiv, sehr manipulierend. Und sehr erfolgreich. Aber aufm C-Level scheitere ich derzeit grandios. Ein ehemaliger CEO hat mich mal enttarnt.

Er hatte aufgedeckt, dass ich ihn permanent beeinflusse und unter Druck setze, um meinen Willen durchzusetzen. Auf C-Level sind die Eier grösser, die Egos komplizierter. Mit meinen althergebrachten Techniken scheitere ich dort. Es geht nicht also nicht darum, dass das C-Level eine Idee von mir “mietet”, sondern meine Ideen “besitzt”.

Nicht Rent-a-David, sondern Own-a-David. Ich muss sie so überzeugen, dass sie einerseits die Dringlichkeit erkennen und andererseits die Lösung dazu selber erarbeiten können. Und das Gefühl haben, dass das alles ihre Eingebungen waren, aber sie dennoch mich in diesem Prozess als unerlässlich und kompetent empfunden haben und mich jederzeit empfehlen würden.

Eine klassische Prozessberatung quasi. Doch ich bin derzeit ratlos, wie mir das gelingen soll. In der Theorie bin ich einigermassen geschult; ich glaube sogar zertifiziert darin. Aber in der Praxis noch nicht ausreichend erprobt. Deswegen konstruiere ich derzeit einige Rollen-Spielchen. Das mag wohl “muschihaft” anmuten, ist aber notwendig.

Denn im C-Level hat man bloss eine Chance. Sobald ein C-Level bemerkt, dass man ihn beeinflussen, ja gar manipulieren möchte, wird man sofort entfernt. Ich kann mir einen solchen Fehler nicht erlauben, ich schultere erhebliche unternehmerische Risiken und muss daher ein wenig strenger sein. Folglich übe ich bloss, trainiere für den Ernstfall.

bd

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Die Verantwortungs-Falle

Ich lebe derzeit prekär. Ich muss erstmals grosse Verantwortungen schultern. Nichts kapselt oder beschützt mich. Der Überlebenskampf ist besonders im Geschäftsalltag brutalst. Alle existenziellen Situationen durchbohren mich. Ein neuer Mitbewerber räkelt sich, ein ehemaliger CEO droht; ich werde hinterfragt, ich werde herausgefordert.

Früher bewahrte mich eine grosse Gelassenheit, ich wurde nicht unruhig. Doch mittlerweile werde ich affig, ich brunze und brülle. Ich will einschüchtern. Mein Ego überspannt. Das Verhalten irritiert meine Kollegen; sie kennen mich nicht so. Bislang ist’s dreimal ereignet. Erst, ja. Dreimal zu viel aber, denn erst jetzt konnte ich das Muster reproduzieren.

Jede Eingangsrechnung belastet mich. Wenn das Kontokorrent das einbezahlte Aktienkapital unterschreitet, muss ich durchseufzen. Wenn der Kunde eine Rechnung zwei Tage verspätet bezahlt, besorgt mich das. Alles ist so unmittelbar. Niemand filtert; niemand deckelt das unternehmerische Risiko. Ich fühle mich totalst tiefergelegt, näher am Asphalt.

Ja, und deswegen bin ich überreizt und überreagiere beruflich. Ich bin ziemlich angespannt; ich kontrolliere täglich das Kontokorrent. Obwohl ich weiss, dass ich weder einen grossen Zufluss noch Abfluss befürchten müsse. Meine Kollegen sind diesbezüglich entspannter. Sie tragen bereits Verantwortung; sie haben bereits eine kleine Familie zu nähren.

Ich konnte mich bislang durchmogeln. Ich konnte mich in Kommunen verstecken. Ich konnte mich immer irgendwo versorgen. Mich knapp ernähren, manchmal Geld leihen, eine grosse Liste führen. Doch nun haben sich die Verhältnisse geändert. Nun will man sich auf mich verlassen können. Ich werde erwachsener, ich werde ruhiger.

Die berufliche wie private Verantwortung intensivieren das Leben. Plötzlich betrifft einen alles. Man kann nicht mehr hinwegsehen, etwas weglächeln oder auch wegtrinken. Man muss sich immerzu stellen, man kann nicht mehr sich verkriechen. Man muss stattdessen Herausforderungen meistern. Jetzt zeigt sich erst wahre Gleichmut, wahre Gelassenheit.

Jetzt erst trennen sich Selbstwahrnehmung und Wirklichkeit. Wie cool bin ich wirklich? Ich fühlte mich früher im verantwortungslosen Zustand immer cool. Rückblickend kann man denn das auch stimmig begründen. Werde ich in verantwortungsvoller Zukunft weiterhin cool bleiben? Oder werde ich eine kleine Diva, eine kleines Sensibelchen? Ein Dramaqueen?

Wie cool bin ich, wenn die konservative Finanzplanung einen Verlust von 9’000 CHF jährlich vorrechnet? Wie cool bin ich, wenn die Anwaltskosten sich noch verdreifachen können? Wie cool bin ich, wenn ich als Privatperson rechtlich belangt werden kann? Wie cool bin ich, wenn ich einige einflussreiche Feinde kenne? Wie cool bin ich mit knapp 8’000 CHF monatlichen Fixkosten? Ziemlich uncool, oder?

Ich glaube, ich muss mich erst an diese grosse Verantwortungen gewöhnen. Mich einleben und arrangieren. Ich darf nicht erwarten, dass ich bereits heute alles locker-flockig wegstecke, locker-flockig durch den Alltag tänzle, locker-flockig auf Konfliktsituationen antworte, locker-flockig unter der Dusche Diskodauerbrenner nachäffe. Alles muss ich mich gedulden; mal schauen.

bd

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Meine politische Partei

Ich liebäugle seit zwanzig Jahren mit einer eigenen Partei. Das Parteiprogramm konnte ich jeweils locker-flockig ausschütteln. Ich bin irgendwie besessen. Ich weiss, dass ich noch ein wenig gedulden muss. Ich musste bereits meinen ersten grossen Eifer mit sechzehn bremsen; damals war ich ungestüm und motiviert.

Mittlerweile begünstigt der Weltgeist mein Ansinnen. Die meisten Parteien verbreiten keine grossen Ideen mehr. Das Zeitalter der grossen Ideen ist seit den Neunziger offiziell beendet; der Islamismus war bloss ein symbolischer Widerstand gegen die Alternativlosigkeit. Der islamistische Terrorismus verpufft heute mehr denn je; er ist einkalkuliert, berechenbar.

Jüngst triumphieren die Populisten. Sie ködern mit grossen Ideen, sie beantworten schnell und rasch, versprechen zu lösen und zu handeln statt zu diskutieren. Sie überrennen fast alle politischen Systeme, ausgenommen das schweizerische. Jedesmal ärgere ich mich, weil ich das auch könnte und dürfte, doch stattdessen verstecke ich mich.

Ich warte seit Jahren auf ein dringliches Erweckungserlebnis; jede Partei zehrt von einem Gründungsmythos. Doch vergebens. Dabei wäre meine Partei grandios. Weil sie einerseits populistisch und satirisch ist, andererseits entschlossen alternativlos mit einem totalen Anspruch, die Welt radikal zu reformieren.

Das erste Ziel ist eine Weltregierung. Ich möchte alle Nationalstaaten überwinden und die Welt stattdessen als gleichberechtigte Föderation strukturieren. Gewisse Autonomie möchte ich wahren. Ich möchte grundsätzlich die Schweiz auf die Welt skalieren. Eine kollegiale Exekutive, eine breite Legislative und eine unabhängige Judikative walten.

Das Volk kann jederzeit bremsen, eingreifen. Es muss sich bloss organisieren. Das bedingt jedoch eine absolute Transparenz. Das Volk kann bloss entscheiden, führen, wenn es ausreichend Kontext hat. Alle Informationen sind also präsent und werden nicht gewertet. Niemand übernimmt deren Deutung. Die unterschiedliche Medien berichten perspektivisch.

Meine Politik möchte auch die Werte der Gesellschaft wandeln. Radikal. Offenheit statt Verschlossenheit, Wissen statt Reichtum, Einfluss statt Macht, Selbstorganisation statt Regeln. Ein gutes Menschenbild motiviert diese Werte, ermöglicht sie. Ich möchte nicht, dass die Politik alles veradministrieren muss. Sie garantiert lediglich den Nachtwächter.

Wie könnte man die Menschen dafür gewinnen? Indem man immer wieder die Vorteile anpreist. Immer die vier Kernaussagen wiederholt. Solange repetiert, bis sie wahrer als wahr sind, bis sie hyperreal sind. Bis irgendwann alle Menschen daran glauben, dass Wissen mehr wert sei als Reichtum. Dass alle Menschen eine Weltregierung wünschen.

Ich würde das jetzige System aber nicht anfeinden. Sondern als wichtigen Meilenstein würdigen. Als Vorstufe, als Vorbedingungen. Ich würde mich bedanken. Dennoch würde ich durchschimmern lassen, dass ich das jetzige System zutiefst verachte; dass ich die jetzige Werte der Menschen kaum respektiere. Ich hätte eine Alternative.

Eine Alternative für die Schweiz, für die Welt. Für uns alle. Alle würden profitieren, alle könnten gewinnen. Und niemand müsste zurückweichen, müsste ein Gesicht verlieren. Und ich würde nicht davon abweichen. Solange opponieren, bis machtvoll genug, um kritische Änderungen durchzusetzen. Die Macht schleichend ergreifen.

bd

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Der Sonntag

Sonntags spaziert das gepflegte Volk durch Museen, danach durch Stadtparks. Sonntags flaniert man. Die wildlederne Slippers geputzt, der Trenchcoat halb zugeknöpft. Das pastellblaue Hemd für ihn, die pastellrosene Bluse für sie. Gepunktete, blaue Hüfthosen beidseits. Die Sonnenbrille vom lokalen Designer.

Gelegentlich ein weltmännisches “no way, never”, um den heruntergekommenen Türken in der Nachbarschaft zu negieren. Stattdessen ist der kleine, aber überteuerte Italiener mit der engen Bestuhlung bevorzugt, der auch veganes Eis serviert. Das Lächeln gequält, wenn die Familienplanung thematisiert ist. Bald, so der Konsens, werde sie akut.

Die NZZaS begleitet den Sonntag, Themen wiederholen sich. Heute mal Superfood, das Flirten in den grossen Städten, der Sonntagsausflug, wer heiratet wen; manchmal ein wenig Aussenpolitik, heute die EU, morgen wie die USA. Die Beilagen konzentrieren entweder schicke Immobilien an den Goldküsten der Schweiz oder Hausfrauen-Bücher.

Ich glaube, der einzige gute Sonntag ist der vollends verkaterte. Die Frisur verweht, die Haut ausgetrocknet. Klebrige Rückständen zieren den linken Schuh, das eine Brillenglas verschmiert. Gelbe Schweissränder verkrusten das original weisse Hemd. Die Lippe verdorrt, die Zunge verfärbt. Um 14:00 konnte man sich ausm Bett jagen.

Danach eine Dusche und die Futtersuche. Döner? Nein, nicht schon wieder. Luftiges Dreiecksandwich? Ich weiss nicht. Selber kochen? Nicht mehr in dieser Wohnung. Wo ist das Velo vergessen? Hoffentlich “nur” am Bahnhof, hoffentlich nicht am Fluss liegen gelassen. Wen habe ich gestern beleidigt? Wo hoch ist mein sozialer Kredit?

Wen muss ich anrufen? Wo muss ich mich entschuldigen? Wem schulde ich wie viel? Ich möchte nie mehr Alkohol trinken. Der Jammerlappentag. Der Sonntag. Der wahre Sonntag. Um 16:00 konnte mich sich regenerieren, man scherzt bereits. Man ist gut drauf. Es läuft langsam wieder. Das Konterbier. Und alles wird gut.

bd

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