Wieso ich keine Kinder möchte

Kinder sind etwas Schönes. Sie erinnern einen an die allgemeine Vergänglichkeit. Wenn ich Kinder habe, weiss ich, dass etwas mich überlebt. So zumindest die Theorie. Ich schaffe Nachkommen. Diese können meinen letzten Willen ausführen, ich kann ihnen alles vermachen, sie können mich kompensieren. So einfach?

Ich wollte eigentlich nie Kinder. Ich bin plötzlich Vater geworden, ich füge mich dem einigermassen schicksalhaft. Ich verantworte, was geschah. Doch mehr auch nicht. Gewiss habe ich mich gefreut, lächle ich, bin ich entspannt und ganz glücklich. Doch das war nie mein Lebenssinn, das war nie eine beabsichtigte Option.

Eigentlich verabscheue ich Kinder. Weil sie mich eben an meine Vergänglichkeit erinnern. Ich will mein Leben vergeuden, ich will mit Lust und Laune verjubeln, ich will keine Konsequenzen tragen müssen. Ich möchte unbeschwert leben. Ich möchte nicht zu viel Verantwortung tragen.

Ich will mindestens im Privaten einigermassen frei sein. Denn ich bin überzeugt, wir sind eigentlich zutiefst unfrei. Ich verneine ja bekanntlich den ultimativen freien Willen, ich verneine, dass mein Ich mich als Wesen komplett führt. Sondern ich werde verführt und geführt, woher auch immer und das ist auch Okay so.

Es ist Okay, nicht alles unter Kontrolle zu haben. Ich feiere deswegen den kontrollierten Kontrollverlust so ausgiebig. Ich teste meine Kontrollgrenzen. Und ich fühle mich einigermassen stets belastbar; ich kann aushalten, nichts halten zu können. Es ist Okay, so das Mantra, das mich immer wieder entspannt. Okay.

Kinder allerdings widersprechen dem. Sie versprechen stattdessen grosse Verantwortung. Man muss kontrollieren, korrigieren, kommandieren. Gleichzeitig verringern sie die persönliche Bewegungsfreiheit. Sie vertunneln die Wahrnehmung, reduzieren soziale Interaktionen, stören die persönliche Identität.

Weil Kinder naturgemäss Identität stiften, wirken sie nun als Identitätsparasit, schröpfen den vormals seiner selbst bewussten Wirt. Nach einigen Jahren der Verblendung muss man in einer Retrospektive anerkennen, dass man zu sogenannten Helikoptereltern verkam. Daneben verkümmern Sozialleben und persönliche Neigungen.

Ich will nicht mein Leben gegen ein anderes eintauschen. Ich will nicht Zeit investieren, die ich selber nicht habe. Ich will nicht dauernd hart priorisieren müssen und im Zweifel fürs Kind entscheiden, weil ich ja dafür verantwortlich bin und schlimmstenfalls auch haftbar gemacht werden kann. Ich will drauf los, schnell und peng.

Ich will mir auch nicht einreden müssen, dass ich weiterhin mein Leben verwirklichen kann trotz Kinder. Selbstredend kann ich mir die Gesamtsituation schönreden. Ich kann mir Nettofreizeit irgendwie erschleichen. Doch dadurch entsteht ein ungleicher Tausch, jemand muss sich immer um ein Kindchen kümmern. Wenn nicht ich, wer sonst?

Der Partner? Der Staat? Die Familie? Meine Nettofreizeit muss ich mir also irgendwie kaufen. Will ich das? Ein noch schrecklicheres Warensystem etablieren? Ist nicht schon alles genug Ware? Wenn ich in Waren-Kategorien denke, was nutzt mir denn ein Kind? Diese Ware kostet ja bloss im Unterhalt und der persönliche Mehrwert ist fraglich.

Ich will mich nicht belügen. Kinder sind anstrengend. Zwar werden sie irgendwann erwachsen. Dann muss man sich nicht mehr so gross bemühen als Eltern, sondern kann darf sich verdient ausruhen. Doch die Verbindung bleibt lebenslänglich bestehen. Weitaus dramatischer ist der Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes.

Typischerweise so um die dreissig werden Menschen in meiner Gegend erstmals Eltern. Okay. Dann dürfen sie mindestens sechzehn Jahren der Entbehrungen erwarten. Doch in diesem Altersbereich sind die Eltern grundsätzlich sehr schöpferisch – respektive sind es nicht und werden es nie mehr sein.

So ungefähr mit 50 ist die Familienplanung also abgeschlossen. Dann hat man Zeit für alles. Doch die letzten Jahrzehnte haben einen komplett ausgemergelt, entfremdet und entseelt. Man funktioniert gut im Alltag, kann zwischen Kita und Physio irgendwie haushalten, doch man ist nicht mehr schöpferisch.

Ich bin bereits jetzt sehr arm an Energie, ich verschwende den letzten Funken Lebensfreude gewiss am falschen Ort. Ich mag nicht noch mehr Energie versickern lassen. Denn ich brauche keine Kinder, um glücklich zu sein. Meine Identität ist anders gebildet. Mein Sinn sowieso. Ich will stattdessen einfach drauflos leben.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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