Month October 2016

Der Kunde und die Prostituierte

Sie haust temporär. Sie schaltet Inserate im Internetz. Sie preist ihre Fertigkeiten. Tabulos sei sie. Unverschämt und fordernd. Sie schreibt, was Männer begehren. Vermutlich hat eine Eminenz im Hintergrund ihren Text formuliert. Mag sein. Denn diese Branche tauscht Täuschungen. Sie vermittelt Illusionen. Sie simuliert. Willkommen in der Prostitution.

Sie ermahnt, dass man sie anrufe. Sie beantworte keine SMS oder Whatsapp. Sie ignoriere “Spinner” und “Absager”. Nicht überall ist der Kunde König; hier ist der Kunde Bittsteller. Der Kunde akzeptiert, dass er sexuell frustriert ist. Der Kunde demütigt sich, indem er eine Prostituierte aufsucht. Der Kunde ist ein kleiner Masochist. Für Schläge verrechnet sie aber einen Aufpreis. Der Sexmarkt betrifft jeden; die meisten verlieren aber.

Die Prostituierte empfängt den Kunden in ihrer temporär gemieteten Wohnung. Hier lebt also ein gewisser Herr Meier, so die Klingel. Bevor sie den Kunden hineinbittet, prüft sie, ob niemand im Treppenhaus spioniert oder wie sie durch einen Türspalt blinzelt. Sobald eingetreten, umarmt sie den Kunden flüchtig; Luftküsschen links und rechts. Sie simuliert Nähe, wo Distanz ist. Obgleich in wenigen Minuten eine gewisse Intimität beginnt.

Der Kunde regelt die Bezahlung. Ein Marktpreis. Ein Preiskartell. Die Asylanten und Drogensüchtige aufm lokalen Strich unterbieten sich zwar. Doch die sauber-seriösen Prostituierten beeindruckt das nicht. Sie haben und kennen ihren Marktwert. Die Nachfrage ist konstant und variiert höchstens im Lohnzahlungszyklus der arbeitenden Mehrheit. Alle sehnen sich nach Sex, nach gewisser Intimität, auch wenn sie bloss vorgetäuscht ist.

Nach der Zahlung darf der Kunde seine Wünsche kommunizieren. Ein Quickie? Spanisch? Französisch? Griechisch? Diese Vielfalt verunsichert den Kunden. Wie in einem gediegenen deutschen Supermarkt: Man will Salz, muss aber von fünfzig Produkten wählen. “Einmal Sex bitte!”, beruhigt der Kunde. Die Prostituierte versteht. Sie entkleidet sich funktional. Der Kunde ebenso, bloss nervöser. Die Socken behält er, sie symbolisieren die Distanz.

Der Kunde darf sich aufs schludrig gemachte Bett legen. Die Prostituierte beschwört ihn, sich zu entspannen. “Ich beisse nicht”, witzelt sie. Der Kunde zittert dennoch. Sein Penis schläft. Sein Penis ahnt noch nichts. Die Prostituierte präsentiert ihre Brüste. “Schön”, denkt sich der Kunde. Das erregt ihn nicht. Schliesslich begegnet er üppigen Brüsten bei der Arbeit, im Thermalbad und im Internetz. Brüste kennt er gut.

Die Prostituierte reflektiert nicht lange. Sie muss einen Job erledigen. Rasch verschluckt sie den schlaffen Penis des Kunden. Der Kunde erschaudert. Die Prostituierte erhärtet den Penis rasch. Die Mechanik hat sie verinnerlicht. Sie ist kein braves Mädchen, das noch nie einen Schwanz lutschen durfte. Es ist nicht ihr erstes Mal. Sie hat sich mitm männlichen Geschlechtsorgan arrangiert. Und gewiss nicht das letzte Mal.

Nach wenigen Minuten prahlt und strahlt die Manneskraft. Das erleichtert den Kunden. Er muss diesmal keine Erektionsschwierigkeiten beklagen. Er muss sich zumindest nicht in dieser Hinsicht auch noch kränken lassen. Lustlos, aber technisch versiert befeuchtet sie den Penis. Sie umschlingt den Penis mit ihrem Mund. Sie dippt die Eichel züngelnd. Sie rutscht rhythmisch mit der Linken dem Schaft entlang.

“Willst du ficken?”, unterbricht die Prostituierte. Der Kunde zögert. Eine rhetorische Frage? Der Kunde gehorcht. “Ja, ich will”, lispelt-flüstert er. Er billigt damit keinen Bund des Lebens. Er will bloss Intimität erfahren. Vermutlich will er einen Alltag vergessen. Vermutlich will er sein lebloses Leben beleben. Vermutlich stauen sich auch bloss die Samen. Er will also. Die Prostituierte montiert ein Kondom. Erneut technisch bewandert und unbemerkt quasi.

Sie beschmiert ihre Vagina. Anschliessend besteigt sie ihn. Sie presst den bereits weicheren Penis ins Standardloch. Der Kunde regt sich nicht. Er stöhnt nicht und nichts. Die Prostituierte aber startet ihre Musik. Sie jauchzt und quiekt. “Ja, fick mich!”, singt sie die erste Strophe. “Dein Schwanz ist so hart!”, doppelt sie nach. “Du bist so geil!”, übertreibt sie. Sie wiederholt ihre Strophen. “Komm, komm!”, sehnt sie im Refrain.

Der Kunde pariert. Er ejakuliert. “Ich bin gekommen.”, kommentiert der Kunde. Die Prostituierte reagiert. Sie beugt sich zum Penis, kontrolliert den Samenerguss. Sie nickt. “Geschafft!”, sinniert sie rasch. Sie hat ihren Job erledigt. Sie lockert das Kondom, putzt den Penis oberflächlich mit Feuchttücher. Der Kunde resigniert. Er vermisst die Intimität. Doch er konnte keine erwarten. Das hier ist nicht der Ort der Liebe.

Liebe kann man nicht wünschen, kaufen oder erzwingen. Der Kunde ist sich dessen durchaus gewahr. Doch für eine Illusion musste er heute über hundert Franken investieren. Technisch ist der Kunde zwar entsaftet. Aber besser fühlt er sich nicht. Er ist denn auch nicht glücklicher. Im Gegenteil. Das Ereignis verzweifelt ihn noch mehr. Es vereinsamt und entfremdet ihn noch mehr. Immer mehr. Wie kann er sich befreien?

Denn Prostitution ist eine Geisel. Für die Prostituierte wie für den Kunden gleichermassen. Sie befriedigt nicht. Sie entfernt bloss. Sie lässt Menschen erkalten, wo sie sich erwärmen sollten. Der Akt ist funktionalisiert-reduziert. Keine Liebe versprüht einen Zauber des Moments. Die post-coital tristesse infiziert Prostituierte wie Kunde. Den Kunden belastet das stärker. Denn die Prostituierte schützt sich mit einer Maske ihres Berufes.

Die Prostituierte verabschiedet den Kunden. Höflich bemüht sie eine beiläufige Konversation. Sie erkundigt sich nach Beruf, nach Ferienziele. Aber sie erinnert niemals an eine Familie. Der Kunde quält sich; er antwortet pflichtbewusst und ebenso höflich. Doch er mag kein Gespräch fortführen. In wenigen Minuten ist der Kunde wieder angezogen. Er verlässt die Prostituierte und wird ihr nie mehr wieder begegnen.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Das NEON Magazin

Im  grossen deutschen Land feiert sich die aufgeklärte studentische Subkultur. Sie isst vorzugsweise vegetarisch, mindestens aber gesund und bewusst. Sie verpönt Atomenergie. Sie ist sexualisiert; Tinder und so. Sie reist, pilgert und versteht. Sie ist cool, sie hört zeitgenössische Musik. Sie lebt in grossen Städten (Hamburg!). Und sie liest NEON.

Gemäss Wikipedia fokussiert die Zeitschrift “Menschen zwischen 20 und 35 Jahren mit hohem Bildungsstand und überdurchschnittlichem Einkommen”. Die Lieblingszielgruppe aller Blofelds. Ein überdurchschnittliches Einkommen, das verschleudert werden will. Die Redaktion repräsentiert die Zielgruppe wohl bestens; abgesehen vom Einkommen.

Ich scrolle durch die Beiträge, ich blättere durchs physische Heft. Die aktuelle Ausgabe poltert beispielsweise “Gib alles für die Liebe”. Ein sehniger Beitrag, der an Wir können uns nicht verlieben oder an Ohne Liebe kein Leben erinnert. Ich fühle mich aber nicht inspirierter. Auch die übrigen Beiträge bannen mich nicht. Irgendwie ist’s so la la.

Vermutlich kann ich mich nicht anfreunden, weil ich mich nicht mit der angestrebten Zielgruppe identifiziere. Ich entstamme nicht diesem Milieu. Ich lebe in Olten. Wir haben hier keine homogene Schicht, die das junge, gebildete und einkommensstarke Leben zelebriert. Wir haben keine solche Subkultur; wir haben bloss das Coq d’or, das Vario und das Galicia.

So schliesse ich nun die Webseite, ich entsorge das Heftchen. Ich bin weder deutsch noch in einer grossen Weltstadt lebend. Ich interessiere mich weder fürs gesunde Leben, für zeitgenössische Musik, für hippe Ausgehtipps in irgendwelchen osteuropäischen Grossstädten noch für den Exodus türkischer “Intellektuelle” seit Erdogan.

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Das liebe Geld

Ich weiss nicht, wann und wie ich mich besser fühlte. Mit mehr oder weniger Geld? Ich habe mittlerweile einigermassen Geld. Aber dennoch bin meistens ziemlich prekär. Natürlich verjuble ich vieles. Ich spare gewiss; aber meine Quote ist gering. Die Sparquote korreliert mit der Lebensfreude. Eine hohe Sparquote symbolisiert beispielsweise eine latente Zukunftsangst. Als Futurist fürchte ich weder Vergangenheit noch Zukunft. Also verausgabe ich mich hier und jetzt.

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Gewiss ist meine Situation auch nicht so prekär, dass ich sofort verhungern müsste. Ich konnte mir eine neue Jacke, ein frisches Hemd, einige Hosen problemlos leisten. Ich muss deswegen nicht betteln oder darben oder sonstwie mich einschränken-peinigen. Allerdings endet der Monat nicht mit einem markanten Überschuss, den ich grosszügig übers Portfolio verteilen könnte.

Das ärgert mich. Ich kann zwar alles irgendwie begründen. Ich kann meine gestiegenen Fixkosten (kalte und warme Miete) beklagen. Ich kann meine überteuerte business school bedauern. Ich kann meinen ausschweifenden Alkoholkonsum bereuen, der in berühmten Muschishot Lokalrunden zusätzlich mich belastet. Auch wenn ich diese Ausgaben dereinst kürzen könnte, ich wäre gleich blank. Ich würde mein Geld bloss anders verschwenden. Vermutlich für schicke Anzüge.

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Ebenso könnte ich meine Situation, weil mein Verhalten nicht bessern, wenn ich plötzlich noch mehr Geld monatlich erhalte. Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich demnächst bedeutend mehr Geld verdienen werde. Es sind gewiss keine fünfzig Millionen. Zumindest vorerst nicht. Vermutlich brauche ich jemanden, der mich ein wenig mässigt. Nicht massregelt! Aber ein wenig beruhigt. Denn mein exzessives Verhalten ist total; so auch finanziell.

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Ich habe in meiner persönliche Situation derzeit keine Notwendigkeit, mich zu ändern. Ich muss mein Verhalten nicht anpassen. Meine persönliche Existenz ist gesichert. Mein relativ abhängiges Umfeld ist ebenfalls vorfinanziert. Niemand muss bangen. Niemand muss sich meinetwegen sorgen. Ich habe einfach keine 100’000 CHF liquide. Ich habe keine Sicherheiten, die mich über Monate retten könnten. Das kann einen verängstigen. Aber mich nicht.

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Der gequälte Künstler

Ich verstehe alle Künstler, die bloss im Leiden, während grösster Qualen Produktivität ausüben können. Im “normalen”, sprich unbeschwerten und frohen Zustande muss man keine Kunst produzieren. Weil man sich nicht ausdrücken muss. Man hat alles ausgesagt, alles ausgekotzt. Nichts mehr, worüber man sprechen, berichten könnte.

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Ausgenommen die Berufskünstler, sie müssen fortlaufend funktionieren-wirken. Sie müssen auch vom guten Leben erzählen können. Ob ich jemals übers gute Leben schreiben kann? In bekannt gütiger Altersmilde? Heute jedenfalls nicht, denn das Schreiben soll mich bloss befreien, besänftigen und trösten. Ein geheimer Blog als Abfallprodukt davon.

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Der Fashionblogger

Frank mag Mode, Frank mag das Leben. Frank hat Style. Manchmal auch das Geld. Frank ist ein Fashionblogger. In Echtzeit berichtet er aus Zürich, der schweizerischen Modemetropole. Frank kleidet sich extravagant. Er stolziert an der Müllerstrasse, Ankerstrasse, überquert den Helvetiaplatz, sitzt lässig im Xenix.

Frank publiziert in Englisch. Frank beobachtet nicht den street style. Sondern Frank porträtiert bloss sich selber. Deswegen kommandiert er seine Freundin. Hier ein Bild, dort ein Schnappschuss, hier eine Szene, dort eine Impression. Frank erklärt im Blog seinen Style. Frank erklärt seine Welt. Die Welt von H&M und C&A.

Ein Bildbeweis Franks.

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Der Bettler einer westlichen Grossstadt

Er hat alles verloren. Keine Wohnung, keine Nahrung, keine Freunde. Von der Liebe ist er gänzlich entfremdet. Er ist ein Bettler einer westlichen Grossstadt. Bloss die Bahnhofsmission wärmt ihn. Sie ernährt ihn. Einmal täglich darf er Gemüsesuppe mit Brot kosten. Er ist dort nicht registriert. Weil die Hilfe der Bahnhofsmission ist unbürokratisch. Sie humanisiert. Sie repräsentiert die Reste der christlichen Nächstenliebe, die darin fortwirkt und Jesus’ Erbe erhält.

Unser Bettler schlendert durch die grosse Stadt. Die Strassen sind laut und dreckig und breit. Die Menschen hasten. Die Menschen sind parfümiert. Die Menschen sind rasiert. Die Menschen sind gekleidet. Sein Gesicht ist vernarbt. Seine Stimme verkohlt. Seine Kleidung funktional reduziert. Seine Zähne verfault. Seine Haut vertrocknet. Zwar schlägt sein Herz, doch es ist erkaltet. Seiner Familie ist er entfremdet. Seine Freunde haben sich abgewendet. Ohne Geld und Sinn irrt er durch die grosse Stadt.

Sein Tag ist strukturiert. Er wird gegen 07:00 Uhr geweckt. Er schläft auf Fussmatten. Diese sind bequem, weil weich und speichern die Wärme. Doch um 07:00 Uhr signalisiert der private Sicherheitsdienst, dass er nicht mehr erwünscht sei. Die Nacht gehöre ihm, der Tag aber den Anständigen. Die Randständigen sollen sich tagsüber verstecken. Sie dürfen das Stadtbild nicht stören. Weil sie erinnern. Denn sie sind lebendige Denkmale. Sie lehren uns die Vergänglichkeit und die Zerbrechlichkeit unserer Gesellschaft.

Die Bahnhofsmission öffnet mittags um 11:00 Uhr. Um 09:00 reiht der Bettler sich in die Schlange. Er ist unter den seinen. Doch er spricht nicht. Niemand spricht. Alle warten. Niemand will erzählen, niemand muss etwas berichten. Sie kennen alle den Alltag. Sie teilen zwar dieselben Sorgen. Doch sie kämpfen alleine. Sie nicken einander zu. Sie treffen sich regelmässig, sie begegnen sich regelmässig an den unterschiedlichsten Bahnhofsmissionen der grossen Stadt. Doch sie knüpfen keine Netzwerke. Sie werden ohnehin alleine erfrieren.

Die Nächte sind lang und kalt. Jährlich verschwinden Menschen, jährlich gesellen sich neue Menschen in die Warteschlange. Frischfleisch. Immer wieder einige zum ersten Mal. Unser Bettler fristet bereits seit fünf Jahren auf den Strassen. Viele Leidgenossen sind nicht mehr ausm Winterschlaf erwacht. Andere sind durch hedonistische Spassterroristen verstümmelt und entstellt worden. Niemand rächt einen Obdachlosen. Sie sind Freiwild. Man kann sie jagen, bespucken und vergewaltigen. Sie sind alle selber schuld.

Um 13:00 Uhr ist unser Bettler satter geworden. Doch das Gefühl einer Sättigung kann er nicht mehr erreichen. Er ist unersättlich. Er hungert immer. Er überlistet den Hunger mit Alkohol. Doch Alkohol verschenkt die Bahnhofsmission nicht. Es ist eine christliche Mission. Sie sichert das Allernotwendigste. Doch ohne Alkohol überlebt er nicht. Ohne Alkohol fröstelt seinen Körper. Manche seiner Szene beschaffen sich Alkohol illegal. Er wahrt gewisse moralische Prinzipien. Du sollst nicht das Eigentum anderer stehlen!

Also bettelt er. Er postiert sich an frequentierten Einkaufsstrassen. Ein beschrifteter Karton schildert sein Leben: “Mit 35 ohne Familie und Geld, ohne Haus und Hund. Brauche Alkohol, sonst verelende ich!” – Das überzeugt, das beeindruckt. Er fleht nicht für eine Mahlzeit. Er braucht Alkohol. Diese Ehrlichkeit entwaffnet die Passanten. Sie spenden ihm grosse wie kleine Münzstücke. Nach zwei Stunden hat er zehn lokale Geldeinheiten geschnorrt. Zehn Geldeinheiten können einen Abend Alkohol finanzieren.

Im nahen Supermarkt verjubelt er sein Geld. Alkohol! Kein Brot, keine Wurst. Bloss Alkohol. Er verweilt im grossen Stadtpark. Er beobachtet die jungen und schönen Mädchen. Sie kiffen, sie rauchen, sie trinken ebenfalls. Sie plauschen. Unser Bettler schweigt und sauft. Bald muss er einen Schlafplatz suchen. Bald muss er seine heutige Nacht bewältigen. Doch wo? Er muss noch nicht entscheiden. Er kann weitersaufen. Er möchte sich ertrinken. Doch die zehn Geldeinheiten genügen nicht. Er ist noch im Bewusstsein seiner selbst.

Um 22:00 geistert durch die Stadt. Vor einem Einkaufszentrum stoppt er. Eine Fussmatte? Ja, in einem Seiteneingang für die Belegschaft. Dort installiert er seinen Schlafplatz. Er trägt stets alle seine Gegenstände bei sich. Eine Zeitung als Kissen, ein verdreckter Ledermantel, das Buch Haben oder Sein, Drehtabak, einige Pfandflaschen, ein Foto vergangener Tage. Leider ohne Rückfahrtticket. Ohne Ausweg. Das Buch stützt sein Zeitungskissen. Den Drehtabak versteckt er in der Unterhose. Das Foto im Mantel. Alles ist platziert.

Endlich erwacht er nicht mehr. Ein privater Sicherheitsdienst entsorgt seine Leiche im Müll. Maden und Ratten zerfressen ihn. Sie führen ihn zurück. Sie beseitigen die Spuren seiner Existenz. Weder lokale Medien noch Angehörige werden informiert. Ein Einzelschicksal verlässt die Welt. Die Welt rotiert, dreht weiter. Die Welt interessiert sich nicht. Niemand interessiert sich. Die Abendnachrichten verlesen die Börsenkurse. Der SMI sank um 27 Punkte. Das folkloristische Format glanz & gloria verkündet die jüngste Scheidung.

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Die grosse Sendung mit grossem Finale

Der Protagonist verdingt sich als Drehbuchautor für eine im Hintergrund tätige Produktionsfirma. Diese Firma liefert diverse Formate für den national zweifelhaft berühmten Sender 3+. Dieser Sender hat scripted reality in der Schweiz popularisiert. Das war durchaus des Protagonisten Verdienst. Dies ist seine fiktionale Geschichte.

Der Protagonist entstammt einer schweizerischen Provinz. Das Studium der klassischen Philologie unterbrach er für einen sogenannten Studentenjob. Das liebe Geld knechtete ihn. Er musste Drehbücher redigieren und inhaltlich ausdünnen. So wie eine fürsorgliche Coiffeuse das voluminöse Haar. Er musste kürzen, streichen und ersetzen. Fast wie Vierjahreswahlen.

Erwartungsgemäss beseelte die Arbeit ihn nicht. Er verantwortete Vujos schlaksige Dialoge in dessen Bachelor-Debüt. Zuweilen unterstütze Vujo ihn unfreiwillig; er konnte seine Texte sich nicht merken und verdrehte, verhaspelte Buchstaben, Wörter wie ganze Sätze. Diese Situationskomik stärkte Vujos widerliche, aber durchaus fremdbeschämende Ausstrahlung.

Die Quoten dankten und richteten. 3+ würdigte Vujo mit einer eigenen Format. Der Protagonist lieferte den Text, quasi die Botschaft des dürftigen Mediums. Doch das Spiel langweilte ihn rasch. Mittlerweile ist der Protagonist arriviert. Das abgebrochene Studium lastet nicht. Vielmehr, es rechtfertigt seinen Titel als creative director der Produktionsfirma.

Als kreativer Chef einer Kreativindustrie ist unser Protagonist herausgefordert, mit immer neueren und wilderen Formate die Sinne des abgestumpften Publikums zu überreizen. Jedes weitere Sendejahr erschwert das unehre Unternehmen. Doch der Protagonist darf und kann nicht kapitulieren. Er muss ganz futuristisch handeln.

Er hat das Steigerungsspiel der Moderne begriffen und verinnerlicht. Auch Begriffe wie Hyperrealität sind ihm vertraut. Sein nicht ausgewiesener humanistischer Bildungshintergrund mag helfen, kann aber nicht klären und kann auch seine kreative Krise nicht überwinden. Er muss also paktieren. Notfalls teuflisch, bestenfalls nihilistisch.

Er zauderte keinen Moment, als ein neuartiges Format skizzierte. Dieses Format soll seine Karriere krönen. Sie soll sein Leben als unabhängiger Autor finanzieren. Er möchte sich damit endgültig freikaufen. Er möchte diese Medienszene verlassen, entfliehen. Er möchte nicht mehr mit den Blofelds Zürichs 25-jährige Social Media Verantwortliche belauern.

Wie tief kann man eine Menschenwürde bemessen? Jeder Mensch nennt einen Preis. Doch welcher Preis ist der geringste? Das interessiert ihn. Das neue Format “Fünfzig Rappen” fokussiert diese Frage. Darin werden gewöhnlich-normale Menschen unangenehmen Alltagssituationen ausgesetzt. Also Situationen, die jedermann kennt.

Einige Situationen sind harmlos; man muss allen Bettbekanntschaften anrufen und beichten, man habe Aids und habe sie infiziert. Das Publikum bestimmt den Preis. Je mehr Menschen bei einer überteuerten Automatenhotline anrufen, umso mehr sinkt der mögliche Verdienst des Teilnehmers. Andere Situationen sind hingegen bedeutend schwieriger.

Der maximale Gesichtsverlust. Zum Beispiel muss der Teilnehmer seinen Eltern wie Grosseltern eine Frau als grosse Liebe vorstellen, die eine offensichtliche Transe ist. Oder der Teilnehmer muss seinen Job möglichst dramatisch und ohne Hintertüre kündigen. Oder er muss sich die Hose anpinkeln lassen und dann in einer hellen Szene-Bar Bier ordern.

Unser Protagonist erweitert die Situationen beliebig. Persönliche Situationen inspirieren ihn, manche werden auch von begeisterten Zuschauern eingereicht. Das erleichtert ihn, weil verwirklicht das lukrative prosumer Prinzip. Das Format kann nicht erschöpft werden. Die Zuschauer definieren die Vergütung. Scheitern die Teilnehmer, verflüchtigt sich deren Guthaben.

Unser Protagonist erlebt einige Jahre des ultimativen Erfolges. Man feiert ihn hinter der Bühne. Die Blofelds Zürichs hofieren, schmeicheln ihn. Er tanzt im Gonzo wie im Hive, trotz seines fortgeschrittenen Alters. Er zelebriert den reichen und doch sündigen Berufsjugendlichen. Koks und Nutten entzünden ihn.

Medienjournalisten verurteilen ihn. Sie enthüllen die Ausschweifungen unseres Protagonisten. Sie moralisieren. Doch dadurch verehren ihn die Blofelds der Stadt umso mehr. Diese FDP wählende, aber für junge Werbeannatinas grün geschönte Hedonisten, die im Zynismus der Welt sich bequemen. Unser Protagonist bannt, verzaubert sie alle.

Die Jahre des Exzesses haben keinen Kater hinterlassen. Er ist weiterhin jugendlich, frisch. Er kann mithalten. Sein Format erzielt weiterhin gute Quoten. Die Menschen lassen sich für einige Rappen demütigen. Sie ruinieren freiwillig ihre soliden Lebensläufe. Das sind keine Asoziale, die bereits verloren und in einer Parallelgesellschaft hausen.

Es sind gesunde Menschen. Doch die grosse Gier nach Reichtum und sozialer Aufmerksamkeit motiviert sie. Mag sie noch so negativ sein, mag sie noch so einen zerstören. Die ebenso hungrigen Medien berichten über alle neuesten Situationen. Die grösste Steigerung unseres Protagonisten war der Amoklauf.

Ein Teilnehmer konnte fünfhundert Franken mit einem Amoklauf häufen. Das Publikum empörte sich anfänglich. Doch die Neugier verführte sie alle. Welche Grenze kann das Format wirklich überschreiten? Wo endet oder beginnt die Realität? Die Neugier siegte. Schliesslich massakrierte der Teilnehmer Frauen und Kinder, unschuldige Beteiligte.

Die Sendung bedauerte offiziell die Todesopfer. Sie organisierte ein Sondersetting, das die Psyche des Teilnehmers ergründete. Man pathologisierte. Der Teilnehmer sei seit jeher “krank” und “psychopathisch”, so ein fingierter Psychologe. Die Sendung triggerte bloss. Doch das beruhigte die Öffentlichkeit nicht mehr.

Unser Protagonist muss auf Titelseiten sein Format bereuen. Sein Vermögen musste er aufgrund der öffentlichen Meinung den Angehörigen der Opfer überweisen. Er war blank. Auch die Blofelds distanzierten sich. Er konnte nirgends mehr auswärts essen. Er wurde nirgends mehr bedient. Er war nun selber tot.

Was blieb übrig? Sein Leben ist verpatzt. 

bd

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