Der Bettler einer westlichen Grossstadt

Er hat alles verloren. Keine Wohnung, keine Nahrung, keine Freunde. Von der Liebe ist er gänzlich entfremdet. Er ist ein Bettler einer westlichen Grossstadt. Bloss die Bahnhofsmission wärmt ihn. Sie ernährt ihn. Einmal täglich darf er Gemüsesuppe mit Brot kosten. Er ist dort nicht registriert. Weil die Hilfe der Bahnhofsmission ist unbürokratisch. Sie humanisiert. Sie repräsentiert die Reste der christlichen Nächstenliebe, die darin fortwirkt und Jesus’ Erbe erhält.

Unser Bettler schlendert durch die grosse Stadt. Die Strassen sind laut und dreckig und breit. Die Menschen hasten. Die Menschen sind parfümiert. Die Menschen sind rasiert. Die Menschen sind gekleidet. Sein Gesicht ist vernarbt. Seine Stimme verkohlt. Seine Kleidung funktional reduziert. Seine Zähne verfault. Seine Haut vertrocknet. Zwar schlägt sein Herz, doch es ist erkaltet. Seiner Familie ist er entfremdet. Seine Freunde haben sich abgewendet. Ohne Geld und Sinn irrt er durch die grosse Stadt.

Sein Tag ist strukturiert. Er wird gegen 07:00 Uhr geweckt. Er schläft auf Fussmatten. Diese sind bequem, weil weich und speichern die Wärme. Doch um 07:00 Uhr signalisiert der private Sicherheitsdienst, dass er nicht mehr erwünscht sei. Die Nacht gehöre ihm, der Tag aber den Anständigen. Die Randständigen sollen sich tagsüber verstecken. Sie dürfen das Stadtbild nicht stören. Weil sie erinnern. Denn sie sind lebendige Denkmale. Sie lehren uns die Vergänglichkeit und die Zerbrechlichkeit unserer Gesellschaft.

Die Bahnhofsmission öffnet mittags um 11:00 Uhr. Um 09:00 reiht der Bettler sich in die Schlange. Er ist unter den seinen. Doch er spricht nicht. Niemand spricht. Alle warten. Niemand will erzählen, niemand muss etwas berichten. Sie kennen alle den Alltag. Sie teilen zwar dieselben Sorgen. Doch sie kämpfen alleine. Sie nicken einander zu. Sie treffen sich regelmässig, sie begegnen sich regelmässig an den unterschiedlichsten Bahnhofsmissionen der grossen Stadt. Doch sie knüpfen keine Netzwerke. Sie werden ohnehin alleine erfrieren.

Die Nächte sind lang und kalt. Jährlich verschwinden Menschen, jährlich gesellen sich neue Menschen in die Warteschlange. Frischfleisch. Immer wieder einige zum ersten Mal. Unser Bettler fristet bereits seit fünf Jahren auf den Strassen. Viele Leidgenossen sind nicht mehr ausm Winterschlaf erwacht. Andere sind durch hedonistische Spassterroristen verstümmelt und entstellt worden. Niemand rächt einen Obdachlosen. Sie sind Freiwild. Man kann sie jagen, bespucken und vergewaltigen. Sie sind alle selber schuld.

Um 13:00 Uhr ist unser Bettler satter geworden. Doch das Gefühl einer Sättigung kann er nicht mehr erreichen. Er ist unersättlich. Er hungert immer. Er überlistet den Hunger mit Alkohol. Doch Alkohol verschenkt die Bahnhofsmission nicht. Es ist eine christliche Mission. Sie sichert das Allernotwendigste. Doch ohne Alkohol überlebt er nicht. Ohne Alkohol fröstelt seinen Körper. Manche seiner Szene beschaffen sich Alkohol illegal. Er wahrt gewisse moralische Prinzipien. Du sollst nicht das Eigentum anderer stehlen!

Also bettelt er. Er postiert sich an frequentierten Einkaufsstrassen. Ein beschrifteter Karton schildert sein Leben: “Mit 35 ohne Familie und Geld, ohne Haus und Hund. Brauche Alkohol, sonst verelende ich!” – Das überzeugt, das beeindruckt. Er fleht nicht für eine Mahlzeit. Er braucht Alkohol. Diese Ehrlichkeit entwaffnet die Passanten. Sie spenden ihm grosse wie kleine Münzstücke. Nach zwei Stunden hat er zehn lokale Geldeinheiten geschnorrt. Zehn Geldeinheiten können einen Abend Alkohol finanzieren.

Im nahen Supermarkt verjubelt er sein Geld. Alkohol! Kein Brot, keine Wurst. Bloss Alkohol. Er verweilt im grossen Stadtpark. Er beobachtet die jungen und schönen Mädchen. Sie kiffen, sie rauchen, sie trinken ebenfalls. Sie plauschen. Unser Bettler schweigt und sauft. Bald muss er einen Schlafplatz suchen. Bald muss er seine heutige Nacht bewältigen. Doch wo? Er muss noch nicht entscheiden. Er kann weitersaufen. Er möchte sich ertrinken. Doch die zehn Geldeinheiten genügen nicht. Er ist noch im Bewusstsein seiner selbst.

Um 22:00 geistert durch die Stadt. Vor einem Einkaufszentrum stoppt er. Eine Fussmatte? Ja, in einem Seiteneingang für die Belegschaft. Dort installiert er seinen Schlafplatz. Er trägt stets alle seine Gegenstände bei sich. Eine Zeitung als Kissen, ein verdreckter Ledermantel, das Buch Haben oder Sein, Drehtabak, einige Pfandflaschen, ein Foto vergangener Tage. Leider ohne Rückfahrtticket. Ohne Ausweg. Das Buch stützt sein Zeitungskissen. Den Drehtabak versteckt er in der Unterhose. Das Foto im Mantel. Alles ist platziert.

Endlich erwacht er nicht mehr. Ein privater Sicherheitsdienst entsorgt seine Leiche im Müll. Maden und Ratten zerfressen ihn. Sie führen ihn zurück. Sie beseitigen die Spuren seiner Existenz. Weder lokale Medien noch Angehörige werden informiert. Ein Einzelschicksal verlässt die Welt. Die Welt rotiert, dreht weiter. Die Welt interessiert sich nicht. Niemand interessiert sich. Die Abendnachrichten verlesen die Börsenkurse. Der SMI sank um 27 Punkte. Das folkloristische Format glanz & gloria verkündet die jüngste Scheidung.


3 Antworten zu «Der Bettler einer westlichen Grossstadt»

  1. […] eine neue Jacke, ein frisches Hemd, einige Hosen problemlos finanzieren. Ich muss deswegen nicht betteln oder darben oder sonstwie mich einschränken-peinigen. Allerdings endet der Monat nicht mit einem […]

  2. […] werde Berlin gewiss noch beeindrucken. Weil ich nicht aus Berlin stamme. Sondern bloss in Berlin bettelte. Ich mag auch nicht in Australien mich zu sonnen. Ich mag auch keine Expeditionen durch […]

  3. […] in Oltens Gassen versumpfen; unter der Alten Brücke hausen, rasierte und geduschte Passanten anbetteln. Die geregelte Arbeit erleichtert mir das […]

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