Apache Downtime

Die kleine Downtime des Apache Webservers war nicht beabsichtigt. Ich hatte in den jüngsten Wochen keine Kapazität. Diese Perioden wiederholen sich. Ich war bereits von meinem ersten Leben gefesselt. Ich musste dringend mein Leben strukturieren und ordnen. Ich kann aber meiner Leserschaft versichern, dass ich wieder gefestigter bin. Natürlich so gefestigt bloss wie man als Doppelgänger in diesem Leben sein kann. Also erwartet nicht, dass ich mich verhäusliche und benehme und dem Mythos des Erwachsenseins folge. Ich werde weiterhin den Futurismus verehren und mein Leben verschwenden. Bis bald.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

More Posts

Neuer Abschnitt

Ich beschrieb einst einen kleinen Kulturkampf zwischen jenen Angepassten, die ab dreissig den Schalter umlegen, ihr Leben normalisieren, ihre sozialen Beziehungen reduzieren und etwas von Familie und Liebe faseln. Und zwischen jenen Unangepassten, die das verneinen und stattdessen ihre Lebenszeit verschwenden.

Ich spüre diesen Konflikt ebenfalls. Es ist ja bekanntlich das grosse Motiv dieses Blogs. Leider muss man sich bewusst entscheiden. In dieser Lebensfrage kann bloss das Entweder-Oder klären. Man kann nicht tagsüber ein Familienleben simulieren und nachts vagabundieren. Das ist zumindest mittelfristig nicht vereinbar.

Ich selber werde mich niemals entscheiden. Ich werde gewiss nicht mich mässigen und disziplinieren, dass ich ein Heimchen liebe. Ich werde immer rasen und mich verausgaben. Dennoch bleibt die Sehnsucht nach einer anständigen Existenz latent. Denn mein Seiltanz kann bloss im Absturz enden.

Ich muss derzeit erneut, abermals die Konsequenzen meiner grobfahrlässigen Entscheidungen verantworten. Ich muss erneut, abermals eine neue Existenz, eine neue Identität bilden. Ich muss erneut, abermals ein neues Bett irgendwo im Internet bestellen, eine neue Klobürste erneut, abermals.

Ich habe schon so viele Wohnungen aufgebaut und ebensoviele wieder aufgegeben. Alleine das Geld, das dadurch sinnlos vergeudet wurde, könnte ich bedauern. Erneut, abermals muss ich nun wieder alles einrichten. Ich werde mich gewiss wieder arrangieren. Ich werde meine Identität stabilisieren.

Diesmal werde ich nicht erneut, abermals mit einer Frau zusammenziehen können. Diesmal hemmt mich mein kleines Mädchen, das ich formal im Pensum von 40% betreuen kann. Das kleine Mädchen begrenzt mich wohl zum ersten Mal in meinem unerschöpflichen und masslosen Futurismus. Und das ist gut so.

Ich kann damit das Doppelgängertum offizialisieren. Ich kann mich als Teilzeit-Papi gerieren, wenn gerade notwendig oder hilfreich im sozialen Umgang. Gleichzeitig kann ich verantwortungslos mich zerstören, hingeben und immer wieder verjüngen. Und das gefällt mir sehr gut. Ich kann Sowohl-als-auch praktizieren.

Die finanziellen Kosten für den Eintritt in den neuen Abschnitt werde ich bald meistern. Ich werde bald meine neue Wohnung schmücken, ich werde bald neue Alltagsroutinen entwickeln und sie im Ablauf festigen. Ich werde einen Ausgleich finden. In der Zwischenzeit werde ich noch ein wenig leiden dürfen. Doch das ist okay.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

More Posts

Das Schreiben als Arbeit

Wer arbeitet, muss überleben. Tätigkeiten, die ich Arbeit heisse, garantieren mein Funktionieren. Sie sind kein Tun, das ich freiwillig praktiziere. Sondern weil ich muss, überleben und funktionieren muss. Schreiben kann auch eine Schreibarbeit sein. Insbesondere, wer journalistisch ist.

Der zähste Text ist, der nicht mit einen fokussierten Akt erstellt werden kann. Sondern der Fleiss und eben Arbeit bedeutet. Man arbeitet sich Absatz für Absatz vor. Man jongliert mit Synonymen und achtet auf Wiederholungen. Alle fünf Minuten muss man sich kurz zerstreuen, das Tab respektive den Bildschirminhalt wechseln.

Eine A4-Seite muss so in mühseliger Stunden erkämpft werden. Kein Satz ist geschenkt. Irgendwann ist das Tageswerk beendet. Sodann prüft man es kritisch und ist unzufrieden. Man fühlt sich entsaftet, man zweifelt. Wie einfältig, wie alltäglich ist nun mein Text? Man glaubt, den Text verschlimmbessert zu haben.

Ich kann nicht auf Befehl formulieren. Also ich könnte schon, aber dann produziere ich, was ich als standardmässig und gewöhnlich empfinde, worauf mein Selbstbewusstsein nichts sich einbilden kann. Solche Produkte sind Arbeit. Und ich hasse Arbeit. Ich meide Arbeit, wo möglich.

Demgegenüber verehre ich natürlich den sogenannten “Fluss”. Das ist der spontane, weil unaufgeforderte und nicht planbare Schreibfluss, der unmittelbar sich entladen muss. Und dann muss ich nichts nachdenken, nichts korrigieren oder erzwingen. Dann kann meine optimierte Mensch-Maschine-Schnittstelle die Gedanken verstofflichen.

Solche Momente sind rar. Ich glaube, wer hauptberuflich schreibt, kennt diesen Fluss gewiss, aber dieser Fluss entspricht selten dem Alltag. Man kann nicht quasi berauscht einen Roman aus einem Guss vollenden. Das Produkt ist viel zu komplex. Das überfordert die kognitiven Kapazitäten. Zumindest meine.

Der ultimative Schreibfluss kann sich bloss im Essay-Charakter behaupten. Ein kleiner Gedanke, der sofort anregt und diesen Schreibfluss verursacht. Doch solche befruchtenden Gedanken sind sprunghaft, scheu und wegen der Arbeitsdisziplin vorm Aussterben bedroht. Sie können also nicht in einem Essay-Labor gezüchtet werden.

Was bleibt, ist zu erkennen, dass Schreiben auch Arbeit bedeuten kann. Und dass weder Künstlertum noch Genialität notwendig sind, um irgendwas schreiben zu können. Schreiben kann jeder. Man darf das Schreiben nicht romantisieren oder mystifizieren. Es ist kann auch blosse Arbeit sein. Harte Arbeit.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

More Posts

Im Berlaymont-Gebäude in Brüssel

Das Berlaymont-Gebäude in Brüssel kann den kleinen und bäuerlichen Schweizer durchaus beeindrucken. Ich weilte bislang bloss in den Zentralen grosser Unternehmen. Das sind funktionale Bauten, aber ohne jegliche Symbolik und Pathos. Die Bedeutung des Unternehmens misst sich an der Ausstattung dieser Bauten.

Ein prosperierendes oder ehemals prosperierendes Unternehmen muss einen repräsentativen Hauptsitz im Zentrum einer Grossstadt besitzen. Dieser Hauptsitz soll den Mitarbeitenden primär, Kunden wie Lieferanten sekundär die Grösse des Unternehmens veranschaulichen. Es ist eine Architektur eines unterschwelligen Imposantismus’.

Das Berlaymont-Gebäude verzichtet hingegen auf explizite Merkmale der Angeberei. Die künstlichen Säulen sind nicht marmorn. Der Boden spiegelt sich nicht. Überteuerte Kunst ziert keine Wände. Das Berlaymont-Gebäude ist unaufgeregt. Es ist bescheiden, aber weitläufig im Geiste und eine sinnliche Erfahrung für den Besucher. Vor allem als kleiner und bäuerlicher Schweizer.

Das Berlaymont-Gebäude ähnelt im Grundriss einem geschwungenen Kreuz. Das erschwert die Orientierung. Hier residiert die Exekutive der EU, der grössten Volkswirtschaft der Welt und das wichtigste Projekt des Westens, weit vor anderen Vorhaben wie CERN, ISS, UNO oder NATO. Hier konzentriert sich die kryptische Macht Europas.

Das Berlaymont-Gebäude ist wie ein Flughafen gesichert. Es ist eine kleine Welt, die kosmopolitischer wohl bloss noch am UNO-Hauptsitz sein kann. Alle Nationen sind anteilig ihrer Bevölkerung vertreten. Alle Nationen entsenden ihre hellsten Köpfe, ihre schönsten Männer und Frauen. Es sind Abgänger typischer Universitäten, der besten Schulen Europas.

Das Berlaymont-Gebäude regiert Europa. Doch es ist keine gewöhnliche Regierung. Hier muss man nicht mit einer Nation protzen. Hier muss man kein Volk beeindrucken, keine Massen besänftigen. Vielmehr ist es eine Spezialisten-Regierung. Man verunglimpft die EU gerne als Technokratie. Ich meine, anders könnte man die EU nicht regieren.

Die Menschen hier sind allesamt mindestens zweisprachig. Alle Pressekonferenzen werden zwar simultan in zwei Sprachen übersetzt, aber von den Journalisten beanspruchen gerade einmal fünf Prozent das Angebot. Die Journalisten stammen ebenfalls aus allen Nationen Europas Welt. Es soll auch ein Journalist aus Kasachstan sich tummeln, ein Exot.

Der Pressedienst ist gut organisiert. Überhaupt ist das europäische Organisationsgeschick bewundernswert, wenn man das politische Chaos Belgiens gegenüberstellt. Ich glaube, im Berlaymont-Gebäude geschieht nichts zufällig oder Zufälliges. Das ist eine perfekt abgestimmte Maschine, die seit Jahrzehnten erprobt ist und sich bewährt hat.

Hier arbeitet man nicht für acht Millionen verfettete Schweizer, die gerne sich isolieren und besserwisserisch die Aussenwelt verurteilen. Hier arbeitet man auch nicht für achtzig Millionen herausgeforderte Deutsche, die allmählich wieder ein Selbstwertgefühl empfinden. Hier arbeitet man für fünfhundert Millionen Europäer. Für etwas Grösseres.

Vermutlich für das Ganzgrosse. Die EU garantiert seit sechzig Jahren Menschenrechte, Friede und Wohlstand innerhalb der Grenzen. Es ist eine beispiellose Epoche seither. Es ist das komplexeste soziale System, das die Menschheit geschaffen hat bislang. Als Laie versteht man die Abläufe, die Rollen und Finessen nicht.

Das Standardwerk, das die EU erklärt, umfasst ungefähr fünfhundert Seiten. Populisten kritisieren die EU deshalb als volksfremd. Die EU ist aber keine Institution eines Volkes, sondern einer Idee, die weitaus mächtiger ist. Ein Volk ist stets künstlich begriffen, künstlich abgegrenzt, es ist eine vermeintliche “Ethnie”. Eine Idee ist aber übergreifend.

Eine Idee kann alle Menschen anfeuern. Die Idee der EU fasziniert weiterhin, trotz Kritik in allen Nationen, trotz Brexit, trotz Trump. Die EU ist das wahre Gegenmodell zu Trump und den digitalen Diktaturen wie China oder den Gewaltherrschern wie Putin oder Erdogan. Sie ist die letzte Idee des Westens.

Im Berlaymont-Gebäude spürt man diese Idee. Die Menschen, die hier arbeiten, sind von der Idee eines vereinigten Europas überzeugt. Das im Gegensatz zu den Parlamentariern im Espace Léopold, wo nach krummen Regeln das Europäische Parlament tagt und Euro-Skeptiker und Rechtsradikale einander freundlich grüssen.

Ich bin sehr dankbar, konnte ich zumindest einen Moment in diesem Gebäude wirken und einige Persönlichkeiten kennenlernen, die jenseits meiner Kategorien für Exzellenz sind. Das hat mich berauscht und meinen Glaube an der Idee der EU bekräftigt. Ich bin dankbar, dass ich als Schweizer einmal Teil etwas Grösserem sein durfte.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

More Posts

Mit Widerspruch

Das Leben ist widersprüchlich. Ich verkörpere den Widerspruch. Ich praktiziere, was ich negiere. Ich verabscheue die Arbeitswelt, diene ihr gleichzeitig in Vollendung. Ich verteufle feste Partnerschaften, falle gleichzeitig ihnen anheim. Ich will mich mässigen, beschleunige gleichzeitig ins Unendliche. Ich denke, rede gleichzeitig.

Die Widersprüche existieren. Ich bin mittlerweile geartet so, dass ich Widersprüche erdulde. Ich erkenne sie, gleichzeitig ignoriere ich sie. Das Muster wiederholt sich. Gelegentlich werweisse ich, wielange ich diese Widersprüche noch verkraften kann. Derzeit befürchte ich, dass sie mich (noch) nicht bremsen.

Ich bin so widersprüchlich, weil ich gleichzeitig so gleichgültig bin. Ich lebe, als wäre ich längst gestorben. Ich kann nichts verlieren, weil ich mich bereits verloren fühle. Ich muss daher keine Konsequenzen abwägen oder einschätzen. Ich kann drauf los leben. Kein moralischer Nordstern orientiert, erinnert oder leitet.

Ich lebe ohne Anleitung und Orientierung. Die existenzielle Frage, die gelegentlich sich aufdrängt, ist die Frage nach dem Freitod. Ich will noch leben. Das erübrigt die Frage. In Details kann ich begründen, warum ich (noch) nicht sterben möchte. Das klärt. Falls ich unglücklich verunfalle, kann ich das akzeptieren.

Der Widerspruch begleitet mich. Der Widerspruch besetzt etliche Lebensbereiche. Alleine den Widerspruch zwischen meiner Lebens- und Todessehnsucht werde ich niemals aufheben können. Der durch den Widerspruch provozierte Konflikt ist, was mich befeuert. Seit ich bewusst denke, bin ich widersprüchlich.

Ich sehne mich nicht nach dem Zustand der Auflösung, nach dem Zustand der Harmonie. Einen Widerspruch beseitige ich mit einem noch grösseren Widerspruch. Ich kann bloss ganz futuristisch weiter Widersprüche auftürmen. Sobald alles zusammenbricht, starte ich erneut. Solange meine Lebensenergie noch ausreicht.

Ich beginne den Tag mit dem Widerspruch. Ich mag nicht aufstehen. Ich möchte hängen. Ich möchte lesen, rauchen und masturbieren. Danach lesen und schreiben. Ich möchte meine Zeit vergeuden, bewusst verschwenden. Ich möchte nicht arbeiten. Ich möchte nicht mich verpflichtet und verbunden fühlen. Ich möchte vegetieren.

Gleichzeitig habe ich meine Existenz mit einigen Verpflichtungen beladen. Diese muss ich fortan tragen. Doch ich begrenze mich. Ich kann derzeit keine weiteren Verpflichtungen bewältigen. Ich müsste einige delegieren. Allerdings kann und will ich auch nicht alle abtreten. Sie bilden seitdem meine Identität.

Ich habe mich mit den Widersprüchen meiner Existenz arrangiert. Ich habe Widersprüche als mein Lebensfeuer begriffen. Ich könnte niemals in einer widerspruchsfreien Existenz ruhen, irgendwie mich begnügen und sicher fühlen. Ich verlange den Rausch, das Unbeständige und den Widerspruch.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

More Posts

Ein politischer Flüchtling

Bekanntlich bin ich wegen Frau und Kind nach Basel ausgewandert. Ich habe anfänglich mich leicht, aber dennoch zurückhaltend sozialisiert. Ich konnte mich mit Nachbarn und Ärzten vernetzen. Einigermassen. Denn ich suche grundsätzlich keine Freunde, ich bin ausreichend bedient und zufrieden.

Mittlerweile bin ich in Basel gestrandet. Ich werde hier bleiben. Ich habe Olten verlassen, meinen verwegenen Heimatort. Und ich werde auch nicht zurückkehren. Denn ich werde mich hier in Basel um meine behinderte Tochter kümmern. Formell sind 40 Prozent vereinbart. Diese werde ich ausschöpfen.

Basel-Stadt ist denn auch nicht die Schweiz, die wir im Mittelland kennen. Der Bund deklariert Basel-Stadt als sogenannte Grenzregion. Basel besitzt einen Hafen, mehrere Becken. Ein weiteres Becken ist geplant. In Basel sind Elsässer wie Südbadener gleichberechtigt daheim. Man spricht einen ähnlichen Idiom. Man versteht sich.

In Basel schätze ich, dass Basel ein Stadtkanton ist. Kein Speckgürtel, keine Agglomeration, nichts beeinträchtigt das Wahlverhalten. Wir haben keinen Stadt-Land-Graben, weil wir blosse Stadt sind. Das Umland ist überdies nicht einmal schweizerisch, sondern wird entweder aus Paris oder aus Stuttgart regiert.

Ich habe etliche Legenden aufgeschnappt, wie sonderbar Basel-Stadt im schweizerischen Vergleich ist. Ich will gehört haben, dass private Erträge von Immobilienverkäufen die städtischen Parkanlagen subventionieren. Das erklärt deren üppige Ausstattung im Vergleich zum Oltner Stadtpark oder Vögeligarten.

Mittlerweile bin ich in Basel isoliert. Ich besuche unregelmässig die eine Bar. Dort kenne ich die Stammgäste vom Sehen. Ich habe bislang noch mit niemandem gequatscht, keine Nummern getauscht oder erste Verknüpfungen erstellt. Das stört mich nicht. Ich habe auch bloss mit einer Baslerin im Ausgang gequatscht – während einer Firmenfeier.

Beruflich kenne ich etliche Basler, momentan bin ich hier stationiert bis Ende Juni. Danach werde ich vermutlich wieder nach Zürich oder Bern pendeln müssen. Ich trenne aber Beruf und Privat. Daher überschneiden sich solche Bekanntschaften nie. Nur des Berufes wegen kann ich mich also nicht integrieren hier.

Ich möchte nicht darüber klagen. Ich bin zufrieden mit diesem Zustand. Ich habe die Narrenfreiheit, mich hier bewegen zu können, ohne dass mich jemand “kennt” im engsten Wortsinn. Ich geniesse diese Anonymität. Bald werde ich auch in einer anonymen Überbauung hausen, auf die Autobahn und Kleinbasel blicken.

Ich fühle mich hier sicher. Vor allem politisch sicher. Basel-Stadt ist gemäss SDI ziemlich grün. Ich erkenne sogar gelbe Tendenzen, weil Basel-Stadt akzeptiert. Es ist – ganz typisch Grossstadt – die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Interessen, die keine Gesellschaft mehr bilden. Das reizt und entspannt mich.

Ich bin hier kein Freak, Sonderling oder ein Ausgestossener. Ich bin bloss ein politischer Flüchtling, der wegen der Liebe zur eigenen Tochter hier harrt. Die Stadt empfängt mich zwar nicht, sie umarmt mich nicht, aber sie lehnt mich auch nicht ab. Sie toleriert mich einfach. Ich kann mich sogar mittlerweile hier identifizieren.

Bald verlasse ich mein originales Viertel. Der Park in meinem Viertel ist bezaubernd. Er ist überdimensioniert. So viele Gerätschaften. So viele Anlässe. Ein Park-Restaurant. Morgen-Yoga selbstredend auch. Ein Hindernis-Parcour für Jung und Alt. Ein periodischer Flohmarkt. Auch Jazz im Park fehlt nicht.

Mehrgeschossige und jahrhundertealte Stadtwohnungen schmücken den Park. Die Eintrittshürde sind zweitausend Franken für einen nicht renovierten Altbau. Mehrere Spätkaufs für die Jugend. Die Lokalzeitung empört sich dennoch über die Kriminalität. Abends sei der Park gefährlich, weil nicht verschliessbar.

Mein neues Viertel hat noch keinen Park. Alles ist im Entstehen. Es war vormals ein Areal der Zwischennutzung. Die Generation Golf hat sich dort verausgabt. Sie erinnert sich gerne. Dort entstand Minimal Techno in der Schweiz, der sich dann im alten Nordstern popularisiert hat. Es war wild, ungestüm und baslerisch.

Der Park ist frisch angelegt worden. Er ist gleichsam überdimensioniert und üppig. Nebenan liegt der bekannte Tierpark, der kostenlos ist. Ein nach SDI grünes Community Center vereint unterschiedliche Kulturen und Einkommensstrukturen. Man kann dort abends essen, Musik hören und sich verbinden.

Vermutlich werde ich dann dort ausgehen. Vermutlich werde ich unterstützen und mithelfen. Ich kann, so glaube ich zumindest, Knowhow bieten. Aufgrund meines Berufes bin ich erfahren und erprobt, Dinge zu organisieren, auch wenn ich bisweilen chaotisch und planbar privat mich gebärde.

Denn ich bin irgendwie besessen, Basel-Stadt zu danken, dass Basel-Stadt meine Tochter aufnimmt. Basel-Stadt verbannt die Behinderten nicht. Basel-Stadt stützt und fördert sie. Behinderte müssen sogar Regelklassen besuchen. Bei meiner Tochter ist der Grad der Behinderung allerdings so schwer, dass das wirklich sinnlos ist.

Aber die Absicht und Intention gefallen mir. Hier in Basel-Stadt dümpelt die ansonsten so omnipotente SVP auf ungefähren fünfzehn Prozent herum. Das auch bloss wegen der verschweizerten Vierteln wie Bruderholz oder Hirzbrunnen. In Matthäus oder in meinem zukünftigen Rosental existiert die SVP nicht.

Ich freue mich auf meine Zukunft hier in Basel-Stadt. Bald ist leider wieder eine Steuerrechnung fällig. Doch diese wird mich nicht ernüchtern. Es ist mir wert, vor allem und wegen meiner Tochter, die hier die besten Bedingungen in der Schweiz hat. Danke Basel-Stadt.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

More Posts

Der Prototyp

Ich fühle mich als Prototyp. Als Prototyp für diese Welt. Ich fühle mich gleichzeitig gescheitert. Ich kann mir meine Welt konstruieren. Ich kann seiltanzen, mit dem menschlichen Abgrund liebäugeln. Ich kann gleichzeitig mich unterordnen und tarnen, nicht sonderlich auffallen. Ich operiere aber im Inkognito Modus.

Ich habe persönliche Abwehrstrategien entwickelt, die mich vor dem Elend der Welt und meiner eigenen bescheidenen Existenz schützen. Sie lassen mich nicht verzweifeln. Stattdessen treibe ich weiter ganz futuristisch. Ich bejahe bloss die Zukunft, das Kommende und vergesse das Vergangene.

Ich bin zäh einerseits, verletzlich andererseits. Die Verhältnisse bringen mich nicht um. Ich kann ungesund mich ernähren, meinen Körper verschwenden und ruinieren. Ich bin furchtlos, ungestüm und selbstzerstörerisch. Ich kann funktionieren, auch wenn ich ohne Funktion bin. Ich lasse keine Möglichkeit ungenutzt.

Gleichzeitig bin ich verletzlich. Ich möchte wehklagen, alles Elend bedauern, meine Fehler bereuen, meine Unachtsamkeiten wiedergutmachen. Ich kann empfinden und verstehen. Ich kann etliche Fragen beantworten oder die Beantwortung anleiten. Man kann mich als Gesprächspartner und Vertrauter schätzen.

Ich vereine unterschiedliche Kompetenzen. Ich bin bemerkenswert breit, gleichzeitig bin ich beschämend flach, sobald Tiefe erforderlich ist. Ich habe kaum eine Disziplin in ihrer Totalität verinnerlicht. Das qualifiziert mich als Prototyp. Deswegen kann ich in dieser Welt überleben und stets angemessen mich neu erfinden.

Schliesslich praktiziere ich einen Generationsberuf. Ich bin ein Nichtsmacher und Allessager. Ich verkaufe Mut, Kühnheit, Sicherheit und Gelassenheit gleichermassen. Ich spezialisiere mich nicht, ich sammle bloss weitere Erfahrungen und Referenzen. Ich kombiniere das zu einem einzigartigen Profil.

Ich werde mehrheitlichs als Inkubator eingesetzt, stets befristet. Ich unterstütze die Kunden beim Wirken. Ich potenziere. Ich stelle dabei nichts her, ich erarbeite auch nichts, sondern ich handle. Ich gestalte die Lebenswirklichkeiten meiner Mitmenschen. Im Jargon bin ich Influencer mit einer bezahlten Reichweite.

Ich fühle mich als Prototyp. Ich fühle mich gerüstet für die Herausforderungen der Gegenwart. Ich kann irgendwo verarmen und meine Unfähigkeit der Erwerbsarbeit bejammern. Ich kann ebensogut in einer überteuerten Stadtwohnung mit Koks und Nutten meine Restgesundheit verspielen. Ich bin zu beidem fähig und auch willens.

Ich bin beliebig und ganz ohne Eigenschaften. Ich kann wandeln, maskieren, verstecken und fliehen. Gleichzeitig kann erledigen, was erforderlich ist, unterordnen, wo gerade schicklich, antworten, was gehört werden will. Ich kann Normalität simulieren. Ich kann Illusionen produzieren.

Dennoch versterbe ich zu früh. Denn ich bin bloss ein Prototyp. Die marktfähige Version wird bald folgen und das 21. Jahrhundert erobern. Ich bin das nicht. Das werde ich auch niemals sein. Und deswegen sollte ich mich auch nicht vermehren. Ich kann nichts lehren. Ich kann bloss überleben.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

More Posts

Die Arbeit und die Automation

Die Arbeit und damit die Begriffe der Arbeitswelt durchringen unsere Lebensbereiche. Die Arbeitswelt ist die erfolgreichste Konstruktion des letzten Jahrhunderts. Die Arbeit erobert das komplette menschliche Tun. Wir arbeiten bloss noch. Selbst seriöse menschliche Beziehungen nennen wir Beziehungsarbeit.  

Sie hat die Kriege der grossen Ideen überlebt. Der Erste wie auch der Zweite Weltkrieg konnten die Arbeitswelt nicht stören. Die Arbeitswelt hat die komplette Welt besiedelt. Die meisten Existenzen dieses Planeten unterwerfen sich der Arbeit. Doch die Arbeit kleidet sich harmlos. Sie gebiert sich als Befreier. Arbeit macht frei.

Die Arbeit kontrolliert den Planeten. Sie hat eine eigene Sprache und Zunft herausgebildet. Es sind Blätter wie The Economics, The Wall Street Journal, Financial Times, weniger die NZZ und die FAZ, die weltweit rezipiert werden. 50% der realistischen Kulturgüter behandeln die Arbeit, die übrigen etwas wie Liebe.

Gewiss irrlichtere ich ebenfalls in der Arbeitswelt. Ich bin ebenso darin verwickelt. Ich habe die Fachbegriffe verinnerlicht. Ich kenne die Prozeduren und Mechanismen. Das sind wiederholende Muster. Sie regeln nicht bloss den Arbeitsprozess, sondern auch die Arbeitsbeziehungen. Ich könnte technisch hier, in Hongkong oder in Kapstadt wirken.

Die Arbeitswelt vernichtet Individualismus und Menschlichkeit. Sie ist eine Maschine. Ironischerweise automatisiert seit den 50er die Maschine die Arbeit. Die Automation dominiert die Investitionen in der Arbeitswelt. Die höchste Wertschöpfung erzielt die Arbeit derzeit, wo sie völlig von Materie und Gütern entfesselt ist: an den vernetzten Börsen.

Gerade dort ist die Automation vollends geglückt. Man schätzt, dass die Hälfte des Handels automatisiert und ohne menschlichen Einfluss getätigt wird. Algorithmen wetten gegeneinander. Selbst der entfernte und schusselige Privatanleger nutzt solche Algorithmen in seinem eBanking, wenn er Handelsaufträge mit Limiten zeichnet.

Die Automation gefährdet die menschliche Identität. Spätestens seit der protestantischen Arbeitsethik, exemplarisch durch Max Weber analysiert, ist die Arbeit “gut” und “notwendig”. Sie stiftet Sinn, Identität. Wir sind alle aufs Arbeitsleben ausgerichtet. Auch die staatlichen Institutionen sind beflissen, uns für die Arbeitswelt zu rüsten.

Es ist das Wesen der Arbeit, dass sie reproduzierbar ist. Der Mensch ist ersetzbar. Die Textilindustrie ist eine klassische Wanderindustrie. Sie bewegt sich gerade dorthin, wo die Bedingungen des Arbeitsmarktes günstig sind. So war vor der Industrialisierung die Ostschweiz der Hotspot der damaligen Textilindustrie.

In unserer Alltagssprache wissen wir, dass wir immer jemanden finden, der arbeitet. Wir gingen nun aber jahrhundertelang davon aus, das seien Menschen mit vermeintlich niedrigeren Anforderungen. Wir haben akzeptiert, dass die Dritte Welt fabriziert, wir konstruieren und konsumieren. Das war für alle irgendwie gut.

Nun bedroht die Automation den Menschen in der Arbeit. Ich persönlich befürworte das. Denn die Arbeit hat den Menschen entwürdigt. Die freien Griechen der Antiken mussten nicht arbeiten. Sie durften philosophieren, denken und handeln. Doch sie waren eine Minderheit. Die Mehrheit der Gesellschaft waren Sklaven.

Sklaven mussten arbeiten. Das war ihre Bestimmung. Deswegen nannte man sie auch Sklaven. Das war ehrlich und transparent. In der Schweiz müssen alle arbeiten, ausgenommen Erbreiche, aber auch die müssen arbeiten, damit sie gesellschaftlich nicht ausgestossen werden. Dass alle arbeiten können, ist der Primärzweck der Politik.

Die Politik beabsichtigt die sogenannte Vollbeschäftigung. Das ist der ideale Zustand einer arbeitenden Gesellschaft, wo alle Arbeit haben. Unsere Gesellschaft ist so konzipiert, dass sie grösstenteils arbeitend ist. Das Nichtarbeiten ist verboten. Wer ohne Arbeit ist, also arbeitslos, muss sich sofort bei der Arbeitslosenversicherung anmelden.

Die Arbeitslosenversicherung respektive die korrespondierende Ausgleichskasse (kantonale oder private) berechnet basierend auf der letzten Arbeit das Taggeld für die Arbeitslosigkeit. Das Taggeld ist zeitlich beschränkt. Die oberste Priorität hat die sogenannte Wiedereingliederung. Dafür ist die regionale Arbeitsvermittlung beauftragt.

Wer innerhalb dieser Frist nicht wieder arbeitet, verliert den Anspruch auf Arbeitslosenentschädigung. Man nennt diese Menschen “ausgesteuert”. Sie verschwinden fortan aus der Statistik der Arbeitslosen. Wir alle schämen uns derentwegen. Sie sind der “Schandfleck” der Gesellschaft, weil sie nicht mehr arbeiten.

Wer kann, rettet sich in die Invalidenversicherung. Dort ist aufgehoben, wer wegen nachweisbaren Gründen nicht mehr arbeiten kann. Doch auch die Invalidenversicherung verfolgt die oberste Maxime der Wiedereingliederung. Das führt teils zu absurden Situationen, wenn die Bürokratie zu bürokratisch ist.

Wen die invalidenversicherung nicht akzeptiert, weil er eine Arbeitsunfähigkeit nicht begründen kann, muss mit der Sozialhilfe sich arrangieren. Das ist eine kommunale Fürsorge, die in der Schweiz weder garantiert noch reglementiert ist. Eine Konferenz verabschiedet regelmässig Empfehlungen, doch jede Gemeinde kann selber walten.

Die Sozialhilfe wiederum ist bemüht, die Arbeitslosen möglichst rasch an die Invalidenversicherung zu delegieren. Oder zur Arbeit zu zwingen. In der Sozialhilfe herrscht in den meisten Kommunen ein Arbeitszwang. Die Sozialhilfe kürzt, wer nicht teilnimmt. Es ist Fronarbeit. Wer genügend front, erhält einen symbolischen Zuschlag.

Ich möchte nun nicht mit der Altersvorsorge fortfahren. Es ist unmissverständlich, dass die Altersvorsorge ebenso an der Arbeitstätigkeit gekoppelt ist. Wer nicht genügend gearbeitet hat, muss sogenannte Ergänzungsleistungen beantragen. Diese kompensieren. Die Zweite Säule hingegen verdienen bloss die fleissig Arbeitenden.

Nicht bloss unsere Sozialversicherungen, unsere Politik und unsere Gesellschaft beruhen auf der Arbeit, sondern auch unsere zwischenmenschliche Beziehungen, unsere Identitäten und unsere Weltanschauungen. Wenn wenigstens eine Religion den Zweikampf zwischen Arbeit und Mensch schlichten könnte, dann wäre ich weniger besorgt.

Die Arbeit fängt den Menschen auf. Die Arbeit beseelt den Menschen. Die Arbeit beruhigt den Menschen. Die Arbeit besänftigt den Menschen. Die Arbeit befriedet den Menschen. Ohne Arbeit ist der Mensch unglücklich, unvollkommen, unzufrieden. Wer arbeitslos ist, fühlt sich minderwertig, mangelhaft, verbannt quasi.

Die Automation existiert. Sie hat noch nicht beschleunigt. Wir domestizieren die Autoḿation. Die Politik bekämpft die Automation, indem sie sogenannte Arbeitsplätze reklamiert. Die Automation ignoriert Arbeitsplätze. Die Automation automatisiert die Arbeit. Die Automation ist die Evolution der Arbeit.

Noch ist die Automation zahm. Wir rechtfertigen sie, weil sie neue Arbeitsplätze schafft. Doch in wenigen Jahrzehnten übernimmt die Automation die Arbeit der Mustererkennung. Die Mustererkennung ist die Disziplin der sogenannten Wissensarbeiter. Das ist die Arbeit von Juristen, Ärzten, Beratern, Verkäufern, Analysten.

Als die Automation die Fabrik sanft optimierte, haben wir das als Fortschritt verkündet. Die Automation erlöse den Menschen. Wir fühlten uns stets der Automation überlegen. Wir haben deswegen den Begriff der Wissensarbeit erfunden, der uns von der ausführenden und repetitiven Arbeit unterscheidet.

Die Automation kann bereits heute Muster erkennen. Doch wir zögern. Wir sind verunsichert. Ist es die späte Einsicht? Jetzt bin ich zum Tod geworden, der Zerstörer der Welten? Warum entfesseln wir nicht die Automation? Irgendjemand wird es tun. Irgendjemand wird die Automation loslassen. Chinesen, FSF-Hacker, Spass-Terroristen oder EU-Bürokraten?

Sobald die Eintrittshürden fallen, vernichtet die Automation unsere bisherige Gesellschaft. Unsere sozialen Systemen werden zusammenbrechen. Wir sind nicht vorbereitet. Die Automation kann bloss mit einer Weltanschauung, mit einer Identität begegnet werden, die jenseits von Arbeit sich definiert.

Und das ist derzeit nicht aushandeln. Die Arbeit hat den Lebenssinn monopolisiert. Weil Arbeit Erwerbsarbeit bedeutet. Ohne Erwerb kein Einkommen. Ohne Einkommen kein Sinn, Identität; kein Leben. Wir arbeiten, um zu leben. Doch eigentlich leben wir, um zu arbeiten. Wir haben das einfach nicht bemerkt.

Hier muss man sich den herrschenden Verhältnissen unterordnen. Wer nicht arbeitet, ist ausgestossen. Wir beschimpfen Arbeitsverweigerer. Sie werden mehr geächtet als Militärdienstverweigerer. Linke wie Rechte jagen den Arbeitsscheuen. Es ist der gemeinsame Feind aller Politik.

Ich kann die Verhältnisse nicht ändern. Ich kann experimentieren. Ein Gedankenexperiment für heute, doch bereits morgen eine Wirklichkeit, weil sie keine Einstiegskosten verursacht. Die Idee ist, dass alle Menschen in der Schweiz, die seit ihrem 16. Lebensjahr mehr oder weniger ohne Unterbruch gearbeitet haben, zwei Jahre lang sich arbeitslos melden.

Die meisten Lebensläufe in der Schweiz sind lückenlos. Die meisten Menschen arbeiten seit ihrem 16. Lebensjahr. Die kleinen Lücken werden gefüllt, geschmückt. Niemand will eine Lücke wahrhaben oder preisgeben. Sie befremdet, sie irritiert. Ich fordere aber eine bewusste Lücke und propagiere deswegen:

Zwei Jahre Arbeitslosigkeit für alle mindestens einmal im Leben und besser jetzt als später. Damit will ich die Menschen provozieren. Wer bin ich? Und warum bin ich hier? Sobald ich keine Arbeit mehr habe, die mich hierüber aufklärt, muss ich nachdenken, ich muss philosophieren. Das kann das individuelle Wertesystem verändern.

Ich erachte diese Massnahme als eine Art ziviler Ungehorsamkeit. Die individuellen Kosten sind überschaubar. Die Arbeitslosenversicherung kann den Erwerbsausfall grösstenteils decken. Keine Familien werden wegen des Geldes auseinanderbrechen. Vermutlich eher wegen anderen Gründen.

Ebenso kann die Gesellschaft entspannt sein. Es ist keine eigentliche Rebellion. Es ist bloss befristeter Widerstand, der so individuell nicht auffällt. Man könnte das als eine Art Auszeit verallgemeinern. Es ist bloss ein Stresstest für unsere Gesellschaft, die nur noch arbeiten kann. Und daher ein spannendes Experiment.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

More Posts

Mein Studium

Ich studiere nicht offiziell, ich bin nirgends eingeschrieben. Ich habe meine letzte Weiterbildung bekanntlich abgebrochen, das hier aber nicht aufgearbeitet. Ich hatte alle Module absolviert, alle bestanden, wertvolle Beziehungen etabliert, die ich bis heute erhalten habe. Ich hätte bloss noch eine grosse Arbeit verfassen müssen.

Ich hatte keine Lust dazu. Sie war sinnlos geworden. Tragischerweise musste ich die Weiterbildung selber finanzieren. Ich habe einerseits die Schulkosten geschultert, das waren knapp 40’000 CHF. Ausserdem habe ich die Arbeitszeit nachträglich übernommen nach langwierigen Auseinandersetzung mit meinem ehemaligen Arbeitgeber.

Ich habe ungefähr 50’000 CHF ausgegeben, wovon aber mein aktueller Arbeitgeber mir knapp 14’000 CHF entschädigte. Dennoch immer noch Geld, das ich natürlich längst nicht mehr besitze, sondern stattdessen ein Netzwerk knüpfen konnte und nun einige Zertifikate mehr aufzählen kann. Diese legitimieren mich seither, über gewisse Themen zu beraten.

Ich hätte auch eine weitere Weiterbildung planen können. Ich war und bin weiterhin durstig. Ich habe hier und da kleinere Weiterbildungen absolviert. Diese waren stets fokussiert, maximal vier Tage lang. Ich musste höchstens eine Prüfung schreiben, keine Arbeit oder etwas Vergleichbares. Immerhin.

In diesem Jahr habe ich eine neue Weiterbildung gestartet, die derzeit aber nicht genehmigt ist. Also ich muss bei meinem Arbeitgeber noch intern dafür werben und meine Kollegen überzeugen, das sei eine gute Idee. Die Mehrheit meines Arbeitgebers stützt meine Weiterbildung, doch sie ist gleichzeitig umstritten.

Ich studiere Philosophie. Für zeitgemässe Materialisten liest sich das wie eine Selbstverwirklichung. Das ist es sie auch gewissermassen. Ich leiste mir den Luxus, nachdenken und alte Bücher lesen zu dürfen. Und ich zahle noch. Jede Stunde ist penibel abgerechnet. Ich habe eine Professorin angefragt. Sie hat eingewilligt.

Das ist harte Arbeit. Ich muss lesen, ich muss mich auseinandersetzen. Manchmal zweifle ich wieder an meinem Beruf, das verringert meine Motivation und Leidenschaft. Und gleichzeitig soll mein Arbeitgeber mir diese Weiterbildung gönnen. Ich kann meinem Arbeitgeber nicht verdenken, wenn er meine Weiterbildung ablehnt.

Derzeit ist noch nichts entschieden. Ich muss bald vor versammelter Mannschaft antreten und mich darum bewerben. Falls ich die Kosten privat bewältigen muss, kann ich diese kaum von der Steuer absetzen. Das Steueramt wird mir gewiss mitteilen, das sei Liebhaberei und nicht betriebsnotwendig. So sei es.

Ich habe mittlerweile ohnehin so viel Geld in meine Weiterbildungen investiert, dass ich längst ein Häuschen im Mittelland mit dem notwendigen Eigenkapital ausstatten könnte. Diese weiteren 8’000 CHF werde ich irgendwie verkraften und deswegen nicht verhungern. Ich müsste bloss anderswo meine Ausgaben reduzieren.

Die Professorin ist meine Privatdozentin. Sie stellt Aufgaben, ich versuche zu liefern. Dann philosophieren wir gemeinsam das Gelesene. Man könnte alles auch im Internetz nachlesen. Dennoch entstehen neue Gedanken und Ideen, die in der Einsamkeit im Chrome selten fruchten. Das Gespräch entscheidet.

Natürlich kann ich selber zum Diskurs nichts beitragen. Ich kann zuhören, empfangen, lernen und meine Positionen hinterfragen. Das genügt mir. Ich habe keinen akademischen Anspruch. Ich will diese Erkenntnisse dann in meinen Alltag transportieren. Ich will berufliche Gleichnisse schaffen.

Ich konnte den Kategorischen Imperativ bereits als Gleichnis im Berufsalltag veranschaulichen. Ich will mehr davon. Ich will die Erkenntnis der Philosophie übersetzen, damit sie allgemein verständlicher sind im Berufsalltag. Ich will nicht aufklären oder belehren oder bekehren.

Ich will bloss, dass die Menschen zufriedener und sinnerfüllter arbeiten können und nicht im 21. Jahrhundert massenhaft zusammenbrechen und Identität verlieren müssen in ihren sinnlosen und befristeten Jobs. Ich werde hier ganz lokal und klein einen winzigen Beitrag leisten. Ganz minim. Die Philosophie hilft bloss.

Das erklärt, warum ich Philosophie derzeit “studiere”. Ich fühle mich eher als Lehrling denn als Student. Ich bin nicht eingekesselt von anderen Studenten, ich muss mich nicht beweisen und rechtfertigen. Ich bin einfach ein neugieriger und interessierter Lehrling, der alles wissen und erfahren möchte.

Ich habe diese Weiterbildung als Experiment betitelt und mit einem Kostendach gesichert. Falls alles scheitert, also keinen kommerziellen Nutzen für meinen Arbeitgeber einzahlt, wenngleich bloss verzögertn, dann werde ich das Experiment abbrechen und eine “klassische” Weiterbildung fokussieren.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

More Posts

Der Todestrieb

Freud nannte ihn auch den Destruktionstrieb. Sadismus war eine leicht auffindbare Repräsentation davon. Der Todestrieb ist mit dem Lebenstrieb vermischt. Man kann einen Menschen gleichzeitig also lieben und hassen. Doch hiervon will ich heute nicht erzählen, das kann man alles im Jenseits des Lustprinzips nachlesen.

In der Geschichte über die alternden Jungs habe ich den sogenannten Endsieg als dämmerhaften Zustand eingeführt. Der Endsieg vervollkommnet den Todestrieb. Der Endsieg erstarrt, erübrigt das Leben. Es ist die höchstmöglichste Ausdrucksform. Es ist wie eine Philosophie, die mit der Frage “Warum soll ich mich nicht umbringen?” beginnt.

Ich kann allen Menschen beipflichten, die vermeintlich fahrlässig ihr Leben ruinieren. Ich kann unterschiedliche Formen der gezielten Selbstzerstörung beobachten. Ich mag sie alle. Ob man Nutten blank fickt, ob man seinen Körper trotz Erkrankung überstrapaziert, ob man sozial Amok läuft, ob man sich dem Lebenstrieb grundsätzlich verweigert.

Ich kann alle diese Bewegungen verstehen. Ich gelegentlich praktiziere auch meinen kleinen Todestrieb, auch und insbesondere wenn ich dem Endsieg näher rücke, ihn endlich spüre und sodann meine Selbstauflösung begrüsse. Ich bin geübt, dennoch fahrlässig. Solange ich mich selber bloss schädige, ist das akzeptabel.

Sobald mein Umfeld betroffen ist, muss ich stoppen. Doch manchmal bremse ich auch dann nicht. Ich provoziere. Ich kokettiere auch damit, dass ich unheilbar erkrankt bin. Vielleicht bin ich das, vielleicht auch nicht. Ich könnte mich ebensogut verabschieden, sterben und verschlüsselte Tagebücher hinterlassen.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

More Posts

1 2 3 34