Warum mich die EU weiterhin begeistert

Momentan wütet ja eine weltweite Pandemie, welche bloss bisherige Differenzen ausdifferenziert. Nord-Süd, Westen-Osten, Arm-Reich – alles ist nun maximiert und kaum mehr zu ignorieren.

Auch das Verhältnisse Schweiz-EU hat sich verschärft. 2020 endete die Erasmus-Übergangslösung. Die schweizerische Beteiligung am grossen EU-Programm ist nicht gesichert – oder wie das EDA formuliert, die Parameter der schweizerischen Beteiligung seien noch nicht definiert. Wie ich solche Formulierung liebe. 

Im 1. Lockdown war Europa grenzenlos zeitlang blockiert. Kein TEE überquerte fiktive und überholte Grenzen. Vielmehr schützte der frische Zaun nicht mehr länger bloss vor bösen Wirtschaftsflüchtlingen aus Bürgerkriegsgebieten, sondern auch vor potentiell mit Corona infizierten Menschen. Lediglich Grenzgänger waren irgendwie geduldet.

Was die Flüchtlingskrise zunächst mit grösstmöglicher Verlegenheit angedeutet hat, dass nämlich Grenzen die Menschen dennoch begrenzen könnten, hat die weltweite Pandemie nun gekrönt und gewissermassen vollendet.

Die EU war die letzte supranationale Kraft, welche verheissungsvolle Impfstoffe gemeinsam beschaffte, wo Nationen sonst bloss sich selber am nächsten waren. Dass potente Nationen sich gleichzeitig autonom respektive zusätzlich eingedeckt haben, überrascht nicht. Denn auch in der Pandemie traut niemanden mehr der EU. 

Viele Menschen begreifen nicht, was ist die EU ist. Die EU ist nämlich das grösste soziale Experiment der Menschheit. Die EU ist das komplexeste soziale System, das Menschen geschaffen haben. Es ist die Idee, dass unterschiedlichen Nationen mit einer gemeinsamen Währung, Binnenmarkt und einen gemeinsamen Aussenpolitik geeint werden können.

Die EU ist die letzte Stufe vor der Weltföderation, die natürliche, nächste Evolutionsstufe der Menschheit, damit der gesamte Planet geeint ist. Weil alsdann die interplanetarische Allianz anstünde. Aber bis dahin muss noch viel Geschichte passieren. Die EU ist derzeit der spannendste Abschnitt dieser Geschichte. 

Die menschliche Zukunft ist bereits geschrieben. Es ist unvermeidbar, dass wir uns als Menschheit zusammenrotten und zusammenfinden müssen; dass wir unsere Grenzen überwinden müssen. Es ist die ganz natürliche, faustische Seele der Menschheit, die ins Unendliche strebt, welche die Geschichte jeher befeuert. 

Die EU verdeutlicht das Streben. Die EU kann vielfach rationalisiert werden. Ich begründe die EU nicht primär als Wirtschaftsbündnis, sondern als evolutionärer Zwischenschritt zur Weltföderation. Diese Idee ist derart kraftvoll, dass ich über die operativen Unzulänglichkeiten der gegenwärtigen Administration hinwegsehen kann.

Gewiss befremdet mich meine eigene “Nation”. Ich arbeite ja auch für die nationale Sicherheit. Ich diene leidenschaftlich unserer Nation. Aber nicht, weil ich die Schweiz als endgültigen Zustand verehre, sondern weil ich die Schweiz als Modell für die EU vermute. Ein wenig mehr Schweiz in der EU statt EU in der Schweiz – das ist meine Maxime.

Die schweizerischen Institutionen auf die EU skalieren und zudem mit einer digitalen Demokratie modernisieren – davon träume ich heimlich. Allerdings weiss ich, dass derzeit mit diesem Traum keine Mehrheiten zu gewinnen sind. Weder in der EU noch in der Schweiz, insbesondere nicht in der Schweiz, aber vermutlich ebensowenig in der EU, würde man das Volk befragen. 

Die Menschen haben derzeit keine Kapazitäten, für Ideen oder Erzählungen sich zu begeistern. Europa ist eine Idee wie Erzählung gleichermassen. Doch die EU ist emotional sehr distanziert. Weil die EU ebengerade eine Spezialisten-Regierung ist; ausgestattet mit den hellsten und schönsten Geschöpfen Kontinentaleuropas.

Die Sorgen der Menschen sind aber vielmehr aufs Regionale und höchstens Nationale eingeengt. Für Europa ist keinen Platz. Nicht einmal in den Herzen. Die weltweite Pandemie überdeckt derzeit ohnehin alles, selbst die leidige Krypto-Affäre der Schweiz, die ich bislang auch zu erwähnen vergass. 

Ich kann es den Menschen nicht verübeln. Sie sind allesamt herausgefordert. Entweder bangen sich um Arbeitsplätze, um ihr Anlageportfolio oder um die Gesundheit ihrer Liebsten. Die Bedürfnispyramide vereinfacht hat Brecht mit der Aussage, zuerst das Fressen, dann die Moral.

Das mag zutreffen und trifft auch fortwährend zu, solange die Menschen in einem akuten Verdrängungskampf sich wähnen müssen. Es ist nicht bloss der klassische Verdrängungsmarkt im ersten Arbeitsmarkt, mittlerweile sogar im zweiten Arbeitsmarkt, sondern auch der sexuelle und soziale Verdrängungsmarkt, welche die Menschen fordert.

Unter diesen Umständen muss eine Idee derart begeistern, dass sie beinahe rauschhaft und somit eskapistisch ist – damit sie alle Alltagssorgen überlagern kann. Die EU derzeit ist das gewiss nicht. Der EU fehlt das Sendungsbewusstsein. Die EU ist zuwenig “Nordstern”. Die EU müsste sich als Überwinder und Befreier der Menschheit zelebrieren.

Die EU müsste sich als notwendiges Übel bis zur Weltföderation inszenieren. Als das grösste soziale Experiment in der Menschheit, das sie auch wirklich ist. Die EU müsste sich weniger als Regulierer, sondern vielmehr als Beschleuniger der menschlichen Evolution wahrnehmen und demgemäss sendungsbewusster sein. 

Mit einem radikalen Nordstern kann die EU die Menschen kommunikationstechnisch orientieren. Die EU kann die derzeitigen Entbehrungen wie einen Brexit oder eine weltweite Pandemie weglächeln, dies seien bloss notwendige Prüfungen für die nächste Weiterentwicklungen. Alle Lebensphilosophien, alle Religionen funktionieren so.

Die EU muss also mehr Religion als Apparat sein. Die EU muss sich bekennen, was sie wirklich ist, nämlich das grösste soziale Experiment der Menschheit, das jenseits der Tagespolitik ihrer Legislative wie Exekutive ist. Ich liebe die EU, weil solange die EU existiert, kann ich auf eine Weltföderation hoffen; hoffen für eine Welt ohne Geld.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Die Folgen der Pandemie

Die Pandemie ist bekanntlich real existierend. Sie beschränkt den Alltag. Manche fühlen sich eingesperrt, andere befreit wegen des fehlenden sozialen Drucks, irgendwie sich betätigen zu müssen. Auch die Wirtschaft klagt und fordert rasche Entspannungen. Ich dagegen bin entspannt, beobachte; geniesse zuweilen die Freiheit des Nichtstun. 

Doch vielmehr besorgen mich allfällige Folgen der Pandemie. Es sind nicht die wirtschaftlichen Folgen. Diese können wir rasch bewältigen. Hierzulande droht keine permanente Überschuldung. Die Schweiz kann die laschere Kurzarbeitsentschädigungen sowie die Hilfskredite problemlos finanzieren und innerhalb fünf Jahren amortisieren.

Vielmehr berühren mich die sozialen Folgen der Pandemie. Bereits jetzt ist die sogenannte Gesellschaft fragmentiert. Keine gemeinsame Erzählung bindet uns als Gesellschaft. Die letzte grosse gemeinsame Anstrengung war, die Immigranten des Balkons einigermassen zu integrieren, die nun Handys oder Drogen oder Versicherungen erfolgreich vertreiben.

Die Pandemie begünstigt die Vereinzelung, die Vereinsamung der Menschen in den grossen Städten. Die Home-Office-Pflicht ruiniert die letzte grosse Verbindung der Menschen: nämlich das Grossraumbüro, wo Menschen unterschiedlicher Wertesysteme ganz im Sinne einer Willensgemeinschaft sich zusammenrotten und Gesellschaft üben mussten.

Nun ist der moderne Wissens- oder routinierte Bildschirmoberflächearbeiter ins Home-Office verbannt, wo er zwischen Bett und unergonomischen Arbeitsplatz pendelt. Nun fällt er endgültig auf sich selbst zurück, wo bekanntlich die Leere und das Absurde bloss triumphiert. Doch er wird’s verschmerzen; Lieferdienste und Online-Yoga vertrösten.

Weitaus bemerkenswerter sind die Folgen der Pandemie für die nachwachsende Generation, die bereits jetzt die Ausweitung der Kampfzone aller Lebensbereiche erfährt. Es sind nun mehr als bloss die Sexualität, der Stil, die Auftrittskompetenz in sozialen Medien, welche den Alltag junger Menschen dominieren. 

Es ist das Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefertseins – dass man die Verhältnisse nicht verändern kann, weil man im Zweifel und in der Krise bloss sich selber vertrauen kann. Kein politischer Aktionismus kann die Pandemie beenden, keine noch so quere WhatsApp-Gruppe öffnet die Clubs wieder. Die Pandemie beherrscht alle. 

Wer bereits in jungen Jahren der Gesellschaft misstraut oder die Existenz einer Gesellschaft ablehnt, nämlich einer grossen Verbindung, die mit einer gemeinsamen Erzählung einen bindet – den bekräftigt die aktuelle Pandemie, dass für eine Gesellschaft zu bemühen sich nicht lohne. Weil letztlich alle im Home-Office und Hausunterricht fristen.

Und das alles wiederum intensiviert die soziale Kälte, welche die Gesellschaft längst erfroren hat. Das belegen Auschwitz, die Armenhäuser, Anstalten, Wohnheime, im Mittelmeer ertrunkene Flüchtlinge, mit Arbeit ausgebeuteten Kindern, vergewaltigte Frauen, die geschändete Natur. 

Die zunehmende soziale Kälte bedroht unseren Alltag. Die soziale Kälte verdeutlicht die allgemeine Anteilslosigkeit, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal unserer Mitmenschen. Sie erhöht das Fremdkapital unserer Zivilisation, wodurch eine Unterbilanz des Eigenkapitals der Menschlichkeit dieselbe ebengerade gefährdet. 

Die Pandemie enthumanisiert die Menschen abermals; sie lässt sie vermuten und irrglauben, dass sie bloss alleine überleben könnten und vor allem alleine kämpfen müssten. Auch wenn die Werbung von Coca-Cola und anderen Kapitalisten nach dem ersten Lockdown uns weismachen wollten, alles sei anders.

Es hat sich nichts gebessert; es wird bloss kälter. Das Pflegepersonal ist längst vergessen. Auch die überforderten Lehrer. Es ist wieder normal und alles business as usual, bloss noch härter, erbarmungsloser, sprich kapitalistischer. Die Pandemie nährt bloss die maximale Individualisierung. Und kommerziell werden ohnehin die Grossen überleben.

Aber eventuell irre ich mich bloss. Vermutlich werden wir allesamt bessere Menschen, wir gründen eine Weltföderation, schaffen das Geld ab, streben nach Wissen und Erkenntnis und wollen die Rohstoffe der Natur teilen. Wir werden in einer digitalen Demokratie uns gemeinsam arrangieren und besser verständigen können.

bd

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Der pathologische Programmierer

Momentan zerstreue ich mich nicht mit Alkohol. Ich kann nicht mehr gut trinken. Ich fühle mich trinkend vor allem an den Alkoholismus meiner Mitmenschen erinnert. Das verringert meine normalerweise akute und ausgeprägte Lust aufs massloses Besäufnis. Ich kann den Alkohol so nicht mehr geniessen – oder bloss noch alleine, aber das ist auch schräg.

Stattdessen flüchte ich in eine andere Welt. Ich spiele auch kaum noch LEGO. Ich habe etliche Bausteine beschafft. Ich habe bereits die grossen Ikonen der Architektur meiner Kindheit nachgestellt. Ich habe mich im Heimbau und Städtebau versucht. Ich war zeitlang befriedigt und abgelenkt. Das war schön. 

Nein, momentan verwirkliche mich alternativ. Ich programmiere weiterhin. Ich bin derzeit süchtig geworden. Ich muss mich mittlerweile disziplinieren, nicht während Arbeitszeit zu programmieren. Ich vernachlässige meine beruflichen Aufgaben sanft. Ich kann mein Zuhause nur noch programmierend ertragen.

Mein Homeoffice ist zum Officehome geworden, wo ich bloss noch programmiere. Ich kreiere Funktionen. Ich erwache und programmiere. Bevor ich einschlafe, programmiere ich. Manchmal unterbreche ich meine Programmierung mit einer Zigarette oder Masturbation. Ansonsten programmiere ich, sofern keine Kinderbetreuung mich beansprucht. 

Das Programmieren dient als Realitätsflucht. Ich flüchte. Ich flüchte, damit ich nicht noch mehr abstumpfe. Damit ich nicht noch mehr vergammle. Vermutlich ist das die produktivste Realitätsflucht, die ich jemals getätigt habe. Keine Exzesse mehr stattdessen, kein Verausgaben meiner körperlichen, seelischen und finanziellen Möglichkeiten mehr. 

Mir ist bewusst, dass mein Programmieren pathologisch ist. Ich bin technisch kein guter Programmierer; ich programmiere als eine Art Gegenwartsbewältigung und folgerichtig als Hobby. Das Programmieren erfüllt mich. Glücklicherweise automatisiert das Programmieren manuelle Aufwände in der Firma; das motiviert mich aber bloss sekundär.

Denn letztlich programmiere ich nicht für die Firma, nicht für den Turnaround, der uns von der allgemeinen Krise befreien kann, sondern vor allem deswegen, dass ich nicht komplett durchdrehe und mich vollends abschiesse, als frustrierte, enttäuschte und ungeliebte Person in meinem Officehome verelende. 

Meine Gedanken kreisen um neue Anforderungen, die ich noch umsetzen müsste. Ich erschaffe Logiken, Methoden, welche Probleme zu lösen vermögen. Ich modelliere, skizziere gedanklich. Ich kann nicht mehr aktiv zuhören; ich sehne mich ständig nach dem Code, der alles enträtselt, alles erklärt und mich klärt. 

Vermutlich bin ich nicht der erste pathologische Programmierer. Vermutlich verberge ich ein Gefühl maximaler Ohnmacht und Ausgebranntsein. Vermutlich verzögere ich bloss den Zusammenbruch meiner Identität. Solange ich programmiere, überlebe ich, funktioniere ich – so wie der Code, den ich behutsam und lieblich warte.

bd

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Warum ich apolitisch bin

Ich lebe bekanntlich in einem politisierten Stadt-Kanton. Hier ist alles politisch. Wer nicht Velo fährt, ist sofort verurteilt. Wer nicht lokal einkauft, ist geschmäht. Wer samstags nicht dreissig Minuten auf einen miesen Cappuccino am Matthäusmarkt wartet, verneint die Konzernverantwortungsinitiative, die hier offenbar ziemlich beliebt ist. 

Ungeachtet dessen bin ich apolitisch. Ich war bereits in Olten apolitisch. In Olten war mein Apolitismus akzeptiert; Olten ist eine abgehängte Randregion, nicht privilegiert, unterentwickelt, mit einem hohen kantonalen und kommunalen Steuersatz. Ausländer, Asoziale und Arbeitslose bevölkern die Stadt und erzeugen eine sanfte Gleichmut. 

Apolitisch bin ich, weil mich die federale Tagespolitik nicht interessiert. Ich kann mich knapp über die kantonalen Herausforderungen informieren. Eine Trinkgeld-Initiative ist pendent, die Frage, ob ein mehr oder weniger privates Konsortium ein weiteres Hafenbecken ausheben soll, ebenfalls – sowie erneute Regierungsratswahlen.

Ich bin politisch sehr reduziert. Ich befürworte eine Art Grundeinkommen, ein bedingungsloser EU- und NATO-Beitritt sowie alle Initiativen, die eine Weltföderation verwirklichen wollen. Alle anderen Diskussionen in der Politik sind für mich irrelevant und unwesentlich, weil keine Dekomposition auf meine Ziele möglich. 

Natürlich muss ich deswegen manche Mitmenschen enttäuschen. Glücklicherweise ist mein Umfeld ebenfalls nicht grossartig politisiert. Man diskutiert gelegentlich über bevorstehende Wahlen, bereits legitime Ergebnisse oder vage Prognosen. Die Diskussionen sind manchmal leidenschaftlich – aber bloss der Diskussion willen.

Ich diskutiere aber nicht gerne, damit diskutiert ist. Vor allem nicht über Politik. Ich verfolge grosse Ziele, die nicht mit Tagespolitik umgesetzt oder annähernd angenähert werden können. Dadurch kann ich mich distanzieren und muss nicht allzu profan und gewöhnlich diskutieren. Ich kann Diskussionen bequem quittieren damit, dass sie irrelevant sind.

Eventuell wird mich irgendwann jemand für Tagespolitik oder Lokalpolitik begeistern. Vorläufig bin ich aber nicht zu begeistern. Ich beobachte das Politische mit Desinteresse. Ich könnte für eine Art Tausch notfalls mich engagieren; Sex gegen Politik. Wenn jemand mir regelmässigen Sex verspricht, könnte ich sicherlich Politik simulieren.

bd

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Sonntagsfahrer

Komischerweise ist Sonntag ein guter Tag, diesen Blog zu lesen. Man soll nichts hier erwarten. Keine Einblicke oder Erkenntnisse. Der Blog döst einfach. Ich erlebe nichts Besonderes oder Bemerkenswertes. Es gibt nichts, worüber ich schreibe müsste oder könnte oder gar will. Ich bin bloss bereits sehr gefordert anderweitig.

bd

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Warum arbeite ich?

Ich bin bekanntlich relativ privilegiert. Ich kann irgendwas tun und es Arbeit nennen. Das ist schön. Dass das so ist, ist eine Verkettung ungewöhnlicher Ereignisse meines Lebens, die ich niemals vorhersehen konnte. Es war niemals beabsichtigt oder geplant. Es ist mittlerweile einfach so und daher nehme ich es hin.

Jüngst durfte ich mich erneut profilieren. Das bestätigt meinen latenten Narzissmus. Die kleine Bühne im Berufsalltag ist die meine. Dort fühle ich mich wohl, dort kann ich Wortwitz, Weltgewandtheit, Humor, Ironie und sehr viel Kompetenz simulieren. Ich beeindrucke 80% der Teilnehmenden. 20% verschmähen mich.

Ich bin ganz undramatisch gefragt worden, warum ich das Ganze hier überhaupt tue; warum ich mich nicht irgendwo als Festangestellter knechten und verdingen lasse. Man hat sich für meinen Treiber interessiert. Das berührt mich. Normalerweise erkundigt sich niemand, warum ich das tue, was ich tue.

Ich habe sofort geantwortet, ich möchte gerne die Geldverschwendung in den Unternehmen und somit in der Gesellschaft minimieren. Warum das? Ich möchte gerne genügend einsparen, genügend automatisieren, genügend verbessern, sodass wir ein bedingungsloses Grundeinkommen finanzieren können.

Warum möchte ich ein bedingungsloses Grundeinkommen finanzieren? Damit die Last der privaten Existenzsicherung nicht weiter die Menschen bedrückt; sie depressiv und hoffnungslos verstimmt, sie notfalls auch politisch radikalisiert und gegenüber Beratung und guter Hoffnung immunisiert. 

Das umtreibt mich weiterhin. Ich möchte tatsächlich die Verhältnisse der Gesellschaft reformieren. Leider kann ich das bloss, indem ich die Firmen verändere, welche die Wirklichkeit definieren. Das Politische ist selten wirkungsvoll, weil zumeist ein Spektakel, das bloss ablenkt und zerstreut. 

Ich mag nicht zusehen und mich sedieren; harren, fürdass die Verhältnisse sich bessern, dass die Menschen sich nicht mehr sorgen müssen wegen ihrer finanziellen Gesamtsituation. Ich möchte die Menschen befreien mit mindestens einer negativen Einkommenssteuer und die Digitalisierung deswegen und damit beschleunigen.

bd

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Sie nennen es Arbeit

Im Herbst 2006, gefühlt eine Ewigkeit her, erschien das nette Büchlein “Wir nennen es Arbeit” ausm Umfeld der Zentrale-Intelligenz Agentur Berlins. Das Büchlein hat sich bis nach Olten verirrt, sicherlich auch nach Langenthal, Zofingen oder Aarau, aber bestimmt nicht nach Solothurn. 

Darin werden die prekären Verhältnisse digitaler Nomaden glorifiziert, die tagsüber in den restaurierten Cafes der grossen Stadt hängen. In Basel beispielsweise das Frühling, in Bern das Effinger, in Zürich vielmehr das Auer. Es sind Unternehmensberater, Coaches, Marketing-Spezialisten, Agentur-Fritzen, die im Cafe und auf LinkedIn überpräsent sind.

Wer in einem Cafe sitzt und es Arbeit nennt, möchte bloss seine Erfolglosigkeit verbergen. Wer nämlich wirklich erfolgreich ist, residiert am Aeschenplatz oder am Paradeplatz, hat eine angemessen attraktive Sekretärin und muss nicht durch die Cafes der grossen Stadt schleichen und im Cafe wie auf die LinkedIn Beschäftigung simulieren.

Ich bin ebenfalls mässig erfolgreich. Ich gehe bloss ins Cafe, weil ich mir keine angemessen attraktive Sekretärin leisten kann. Denn im Cafe trinken die hübschen Mädchen der grossen Stadt Cafe und wirken beschäftigt, innovativ, kreativ und freigeistig. Das macht mich irgendwie an, lenkt mich aber gleichzeitig ab. Und drum bleibe ich mässig erfolgreich. 

bd

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Noch mehr über meine Branche

Ich möchte nicht bloss über Einzelschicksale meiner Branche berichten. Ich möchte auch das Absurde hervorheben, das meine Branche kultiviert. Ebenso möchte ich sogenannte Bullshit-Jobs demaskieren, die, umso sie sinnloser, desto besser bezahlter sie sind. Das ist vor allem eine Ohrfeige für jene, die tatsächlich sinnvoll, aber unterbezahlt schuften. 

Ich mag meine Branche nicht sonderlich. Ich experimentiere bloss, wie lange so ein Typ wie ich darin überleben kann, ohne aufzufallen oder abgeschossen zu werden. Bekanntlich harre ich bereits seit knapp acht Jahren in dieser Branche. Ich habe meinen würdigen Absprung ins mittlere Management eines SMI-Konzerns ohnehin verpasst. 

In diesen acht Jahren habe ich etliche Geschichten angesammelt. Ich schrieb bereits für die Ausbildung frischer Absolventen der üblichen Hochschulen eine kleine Geschichte, warum wir Unternehmensberater grossartige Verführer und Geschichtenerzähler sein müssen. Das war im 2013, also schon sieben Jahre her. 

Ich glaube, ich habe genug Material, um die lockere Periodizität eines lokalen Blattes zu genügen, wo ich hoffentlich mit Pseudonym publizieren kann. Es sind nicht bloss die Uwes, Ubertas, Uelis, sondern vor allem auch die sinnlose Geldvernichtungsmaschine im Wasserkopf der grosser Unternehmen, was fasziniert und womöglich interessiert.

bd

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Ein semioffener Brief an meine favorisierte Kandidatin für die Regierungsratswahlen im Stadtkanton.

Liebe Kandidantin

Ich bin relativ frisch in deinen netten Stadtkanton eingewandert und grundsätzlich apolitisch. Ich habe bei den letzten NR-Wahlen gehorsamst Smartvote ausgefüllt. Du bist mir als das kleinste politische Übel mit 66% Übereinstimmung ausgewiesen worden. Das hat mich gefreut, weil habe ich im Stadtkanton doch eine höhere politische Ablehnung erwartet. 

Ich habe damals ausnahmsweise nicht nach Aussehen, Beruf oder Sympathie gewählt, sondern tatsächlich politisch und zutiefst analytisch. Ich habe alle meine Stimmen dir geschenkt. Ich habe auch heimlich am Wahltag gefiebert und gehofft, du würdest bald als nette Nationalrätin meinen netten Wohnkanton repräsentieren. 

Bekanntlich hat’s nicht gereicht. Die Lokalmedien bewunderten deinen sogenannten Achtungserfolg. Danach habe ich dich wieder vergessen. Ich war zwar informiert, dass du unterdes auch in der Legislative unseres gemeinsamen Wohnkantons gewirkt haben sollst. Ich habe das leider nicht bemerkt, weil ich keine Tagespolitik konsumiere. Verzeihe mir. 

Ich habe dich also vernachlässigt. Bis ein Arbeitskollege dich beiläufig erwähnte. Ich kann den Kontext nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls konnte ich mich an deinen Namen erinnern. Ihr kennt euch beide. Ihr habt beide beim lokalen Fernsehen gearbeitet. Ich mag das Lokale, weil es hemdsärmelig, authentisch, übereifrig und leidenschaftlich ist. 

Ich habe daraufhin recherchiert über deine Person. Ich erfuhr, dass du einer Wohngemeinschaft leben sollst. Ich habe Spekulationen über deine sexuelle Identität respektive Gesinnung aufgeschnappt. Ich habe deine alten Moderationen auf Youtube studiert. Ich habe Rezensionen deiner Bücher registriert.

Ich habe mich auf deine private und berufliche Identität fokussiert; deine politische habe ich hingegen ignoriert. Ich habe nicht erhoben, wie viele und welche Vorstösse du durchgesetzt, unterzeichnet hast oder wie dein Wahlverhalten im lokalen Parlament war. Keine Ahnung, ich wüsste auch nicht, wo ich das nachschlagen kann. 

Du hast mich irgendwie fasziniert. Überdies bist du technisch sehr gutaussehend. Manche Männer sollen sich über deine zu tiefe Stimme echauffiert haben, was mir nicht auffiel, solange ich nicht bewusst darauf achtete – wohingegen die meinige wohl dementsprechend zu hoch oder zu weiblich sein müsste. Jedenfalls bist du hübsch und reizend.

Das qualifiziert dich aber nicht als Regierungsrätin. Natürlich nicht. Für mich aber schon. Ich bin sehr entzückt, eine Kombination aus politischer und sexueller Übereinstimmung, zumindest einseitig und unerklärt, beobachten und feststellen zu können. Das ist aussergewöhnlich derart, dass ich dir am liebsten diesen Text zustellen möchte.

Allerdings weiss ich auch, dass du für eine grüne Partei agierst. Ich möchte nicht in einem Shitstorm diskreditiert werden, bloss weil ich aufrichtig, offen und ehrlich war. Gewiss bin ich unbedeutend genug, dass es mir nicht schaden würde – dennoch möchte ich morgen nicht deine prominente Timeline zieren.

Ich hoffe, du wirst künftig meinen netten Heimatkanton angemessen regieren. Ich vertraue dir mit Vorschuss, obwohl ich dich nicht kenne. Wir teilen bloss den Jahrgang, einen Bekannten, die unmögliche Liebe zum Politischen und eine Affinität zum geschriebenen Wort. Das muss genügen, dir diese Widmung auf meiner persönlichen Plattform zu schenken.

Schön, dass es dich gibt. Ich bin froh, dass Basel-Stadt mir so etwas bieten kann. In Olten gab’s die letzte politische Übereinstimmung bloss mit jemanden, der nun in Basel-Stadt ganz apolitisch lebt, Frau und Kind hat, Doktor der Jurisprudenz sich wähnt und gelegentlich im Schützenmattpark hängt.

Wer weiss, wen ich meine so nebenbei?

bd

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Die strategische Freundin

Die beiläufige Einsamkeit in Basel-Stadt könnte ich lindern, indem ich eine strategische Freundin suchen würde. Also eine, die hauptsächlich zum Vernetzen gut genug ist. Ich könnte etliche Unzulänglichkeiten ignorieren, solange diese Freundin mich mit ihren Kollegen und Freunden in Basel-Stadt vernetzt.

Sie müsste minimal in Kleinbasel wohnen und maximal aus Kleinbasel stammen. Drei Branchen bevorzuge ich, wo sie tätig wäre: Gastro, Soziale Arbeit und Kunst/Kultur. Alle anderen wären nicht praktikabel, weil nicht gerade kompatibel mit meinem Lebensweg. Bekanntlich sind Adepten dieser Branche besonders in der Stadt vernetzt.

Ob ich allerdings eine solche Freundin auch langfristig bewirtschaften könnte, ist ungewiss. Ich könnte sicherlich ein bis zwei Jahre Interesse simulieren, bevor ich vollends mich übergeben und/oder permanent masturbieren müsste. Es wäre nicht sonderlich nachhaltig. Überdies müssten die neuen Freunden die Freundschaft kündigen, sobald ich mich trenne.

Das mindert meine Motivation, eine strategisch begründete Beziehung zu starten. Überhaupt könnte ich das vermutlich nicht. Ich will nicht erneut missverstanden, ungeliebt und ungeborgen mich fühlen. Zumindest nicht für zwei Jahre erneut meines Lebens, das ja auch allmählich schwindet und stets vergänglich ist.

bd

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