Die Wiedergeburt der Union

Ja, kürzlich habe ich hier Bekenntnisse eines EU-Fanboys publiziert. Die EU als Kompromissmaschine zu glorifizieren, empfand ich als unerträglich. Weil die EU weitaus mehr ist – weil die erste und letzte Idee der Menschheit hin zu einer Weltföderation. Dass von der Leyen konsequent bloss von der Union spricht, freut mich ungeheim. 

Dass von der Leyen nun auch ein wenig heranreift zu einer Führerin, die sogar Reden halten kann, erstaunt mich ebenfalls. Ich spüre von ihr mehr Präsenz als von allen anderen – ausgenommen des ukrainische Präsidenten, der seinen Teil im Informationskrieg tapfer meistert. Vermutlich haben wir nun das Erweckungserlebnis der EU.

Während den europaweiten Demonstrationen leuchteten vor allem zwei Fahnen. Die der Ukraine, sehr klar und nicht überraschend. Und die zweite die der EU. Die der Union. Das Volk hisst die Flagge der Union – das letzte Mal bei der Einführung des Euros vor zwanzig Jahren. Zwanzig Jahren später und trotz Corona und Brexit ist die EU wieder zurück.

Alleine die Corona-Massnahmen hätten ein neues Europa gebildet. Nun agiert die EU erstmals auch als aussenpolitisch ernstzunehmende Entität. Sie spurt vor, sie eint und verbindet gleichzeitig die Nationen. Die EU hat wieder Bedeutung erlangt. Die Union ist das Biotop der Demokratien und freiheitsliebenden Völkern. 

Freilich stören einige die Harmonie; rechtsradikale Populisten vor allem in osteuropäischen Ländern. Doch auch diese müssen sich alsbald neu erfinden, als die EU plötzlich entschlossen, militärisch-männlich ist, Flüchtlinge willkommen sind und Putin der neue Feind verkörpert. Vermutlich werden sie nach dieser Krise sich einreihen. 

Vermutlich wird von der Leyen durchsetzen können, dass die Ukraine teilhaben darf. Interessanterweise hat von der Leyen heute in ihrer Rede die Schweiz nicht erwähnt, die sich ja bekanntlich auch den Sanktionen angeschlossen hat, weil wohl bloss widerwillig. Das zeigt ganz realistisch unsere Aussenwahrnehmung. 

Ich schäme mich seit jeher, dass wir nicht der Union angehören und fühle auch eine Art Lebensmission, die Schweiz für die Union zu begeistern. Ich war vor einigen Monaten verzweifelt. Die Herausforderung schien gross; die Schweiz beschäftigte vor allem die Corona-Krise mit den Querdenkern inklusive, was nun angemessen abgelöst ist.

Endlich wieder mehr vorwärts; mehr Futurismus. Endlich wieder mehr Bewegung. Keine weiteren Psychologisierungen der Querdenker Seele mehr. Endlich eine Diskussion, wie wir die Nationen einen könnten. Wie wir Frieden und Wohlstand für alle schaffen könnten. Und zwar nicht bloss für wenige, sondern für alle.

Ich fordere daher den sofortigen EU-Beitritt der Ukraine. Aber nicht bloss der Ukraine – sondern für alle Staaten, die wollen und auch können. Und natürlich auch in der Schweiz eine Volksabstimmung für einen sofortigen EU-Beitritt. Ich würde die Chancen derzeit auf 50/50 verwetten. Besser werden sie so schnell nicht. 

Natürlich wäre dieser Beitritt «in der Schwäche» für die Schweiz kein nachhaltiger. Aber man könnte während den Abstimmungen eine weise Diskussion über die Zukunft der Menschheit im Allgemeinen und die Zukunft der Menschen in Europa im Speziellen initiieren – so die Menschen hierzulande für Ideen wie einer Weltföderation erwärmen. Nie mehr Krieg.

Und hier noch die Rede. Von der Leyen ab ca der 22. Minute.

Deutschland erwacht

Die heutige Regierungserklärung Deutschlands war sehr bemerkenswert. Ein Riese erwacht ebenfalls. Deutschland ist wohl angekommen. Damit festigt Deutschland die Führungsrolle in der Union. Scholz versicherte, dass nicht bloss Deutschland, sondern stets die Union die Wirkungszone sei. Deutschland ist also nicht bloss auf Deutschland limitiert.

Ebenso verkündete Scholz eine beispiellose Aufrüstung. Neue Kampfjets, Drohnen, Schiffe, Cyberkräfte und so weiter. Sogar eine Modernisierung atomwaffenfähiger Jets. Der aktuelle Haushalt von 46.9 Milliarden wird um 100 Milliarden aufgestockt. Das sind ungefähr 150 Milliarden. Damit schliesst Deutschland beinahe an China an. 

Und das alles für Europa. Um Europa zu verteidigen. Ebenso will Scholz die europäische Rüstungsindustrie wiederbeleben. Auch will Scholz die Dekarbonisierung der EU beschleunigen. Und selbstredend die Ukraine unterstützen mit allem, was nötig ist – ohne Kompromisse. Der ukrainische Botschafter war mit einer Standing Ovation bedankt worden. 

Im richtigen Moment hat die Regierung Scholz› reagiert. Sie hat das Vakuum in der EU gefühlt und nun endlich gefüllt. Und damit auch die EU geeint. Die Börsen montags werden das honorieren. Vermutlich erwartet uns ein erneutes deutsches Wirtschaftswunder. Mehrere Branchen sollen gefördert werden. 

Es war bislang keine Nation so deutlich wie deutsche. Scholz nannte den russischen Angriff explizit als einen Angriff gegen Demokratie insgesamt. Und Deutschland werde Demokratien verteidigen. Er scheut keine Kosten. Er versprach Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. Und diesmal war sein ruhige, aber bestimmende Art sehr angemessen.

Vermutlich wächst Scholz über sich momentan hinaus. So wie auch der ukrainische Präsident, der nun als Held der Demokratien gilt – ob tot oder lebendig. Und Scholz nun dessen grösster Unterstützer. Vor einigen Wochen waren alle Aussagen Scholz› undenkbar, niemals mehrheitsfähig. Und jetzt das. 

Hier die Rede:

Ukraine – Was wir tun können

Aufgrund einer technischen Migration war dieser einsame Blog zeitweise nicht erreichbar. Ich war nicht motiviert, diese Migration abzuschliessen. Die jüngsten Ereignisse haben mich allerdings genötigt. Gewiss bin ich als Schweizer wie so oft nicht direkt betroffen. Die Schweiz wähnt sich neutral; will weder sanktionieren noch Waffen liefern.

Das überrascht niemanden. Meine Haltung hierzu ist hinlänglich bekannt. Ich fordere ja seit zwanzig Jahren einen sofortigen EU- und NATO-Beitritt. Damit bin ich nicht mehrheitsfähig. Voraussichtlich werden die jüngsten Ereignisse diese Haltung nicht ändern, weil die jüngsten Ereignisse den schweizerischen Souverän im Alltag nicht beeinflussen werden.

Was vermutlich nicht alle Freunde wissen, ist, dass ich seit einem Jahr täglich mit Menschen aus der Ukraine beruflich zusammenarbeite. Ich unterstütze sie in ihrer Teamentwicklung. Die rote Gefahr war stets, die lokalen Verantwortlichen haben sie jeweils heruntergespielt und mit einer Übersiedlung nach Krakau beschwichtigt. 

Selbst ich war entspannt, denn Putin ist zwar Autokrat oder für manche ein lupenreiner Demokrat – aber zugleich ein gebildeter Mann, der kaum einen solchen Amoklauf riskieren würde. Aber ja, wie Geheimdienste habe auch ich mich geirrt. Putin ist ein gealterter weisser Mann, der sein Volk für seinen persönlichen Feldzug ausbeutet. Schrecklich.

Der Angriffskrieg startete. Ukraine ist leider nicht Taiwan oder Israel. Für Taiwan oder Israel würden wir uns einsetzen. Ukraine hat (uns) nichts zu bieten – ausgenommen einer gewählten Regierung, einer offenen Gesellschaft mit motivierten und fleissigen Menschen und ein Wunsch nach Westintegration. 

Lustigerweise ist die Schweiz zwar mehr westintegriert als die Ukraine, versucht das aber jeweils abzustreiten. Andere wie Ukraine wollen, dürfen aber nicht. Wir sind bereits, aber wollen nicht. Das gleichzeitig erleben zu dürfen, verwundert mich. 

Die zynische Ankündigung Deutschlands, ein Lazarett sowie einige Helme notfalls bereitzustellen, hat mich bereits damals erschüttert. Der deutsche Vizekanzler hat auch donnerstags in einem ZDF Echtzeit-Sondersetting die Ukraine als verloren insgeheim erklärt, weil niemand helfen werde. Deutschland verhält sich neutral, schaut zu.

Ich verabscheue Ohnmacht. Ich erleide täglich Ohnmacht. Ohnmächtig gegenüber dem schweizerischen Souverän, gegenüber meiner Tochter – gegenüber dem globalen Hunger und der ideellen Verzweiflung vieler Menschen, gegenüber Ungerechtigkeit, weil Überfluss hier, existenzieller Mangel dort. 

Und nun auch gegenüber der Ukraine. Eine kleine Ankündigung könnte den Krieg beenden. Die EU und NATO müssten bloss die Ukraine aufnehmen. Damit wäre der Krieg erledigt. Das bedingt Mut und Weitsicht. Niemand wagt einen offenen Angriffskrieg gegen die EU und NATO, auch wenn die Militärs heruntergewirtschaftet sind. 

Denn die Mobilisierungsmacht ist weiterhin grossartig innerhalb der EU und der NATO. Falls tatsächlich eine Krise bestünde, könnte die Wirtschaft und Gesellschaft umgerüstet werden. Nicht mehr Flüchtlinge würden das Heil bedrohen – ein gemeinsamer Feind könnte einen und Entbehrungen im Alltag rationalisieren. 

Alternativ können wir auch Waffen liefern. Wir versorgen die halbe Welt mit modernsten Waffen. Auch Gotteskrieger während den Achtziger in den Höhlen Afghanistans haben wir mit Selbstverteidigungswaffen bedacht, die nicht einmal des Englischen mächtig waren. Etliche Freiheitskämpfer südlich der Sahara sind ebenfalls grosszügig ausgestattet. 

Dass ausgerechnet Lettland einige Waffen liefert, ist süss. Aber eigentlich nicht angemessen. Es muss nicht Lettland sein. Wir sind ja Experten im Schmuggeln von Waffen. Warum nicht einigermassen offiziell Waffen in die Ukraine verlegen? Notgedrungen auch ohne NATO-Labels – aber gerne mit. 

Es genügt nicht, die ukrainischen Soldaten als «tapfer» zu betiteln. Damit ist nicht geholfen. Die ukrainische Armee ist bereits ausreichend motiviert und in einem Abnutzungskampf seit 2014 erprobt. NATO-Waffen würden einen Unterschied ausmachen. Es wäre auch eine Art Symbolpolitik, dass man demokratiefreundliche Ländern nicht ausliefert. 

Ich meine, während des Kalten Krieges hat man schliesslich ja auch Nationen unterstützt, die weitaus zweifelhafter waren als die Ukraine jemals sein würde. Es wurden weltweit sogenannte Stellvertreterkriege angezettelt. Und heute hat man nicht einmal mehr den Mut, einen Stellvertreterkrieg in unmittelbarer Nachbarschaft zu unterstützen? 

Die Ohnmacht bleibt. Ich habe keine Lust, bei lokalen Petitionen mich zu beteiligen, welche die Sanktionen für Russlands Elite ausweiten sollen. Ich glaube nicht an die Mutter aller Sanktionen oder wie auch immer. Die Sanktionen sind nett und verlangen sogar Opfer unsererseits. Aber sie nähren und bewaffnen nicht den ukrainischen Soldaten. 

Ich hoffe bloss, dass allmählich Nachrichten zerbombter Wohnhäusern, getöteter Kindern, vergewaltigter Frauen uns empören. Vermutlich erst dann sind wir moralisch einigermassen verdammt, den (noch) motivierten ukrainischen Soldaten an der Front das bereitzustellen, was sie übrigens seit Wochen fordern: Waffen. Hoffentlich ist’s dann nicht zu spät.

Hintergrundmusik:

Spenden gemäss persönlicher Quelle:

https://bank.gov.ua/en/news/all/natsionalniy-bank-vidkriv-spetsrahunok-dlya-zboru-koshtiv-na-potrebi-armiyi

Der Mangel an Kommunikation

Kommunikation ist Liebe, Aufmerksamkeit und Anerkennung. Mit Kommunikation können wir einander wahrnehmen. Wale identifizieren sich kommunizierend. So können sie ihre Sippe lokalisieren. Auch wir Menschen sind bloss kommunizierend menschlich. Allerdings beobachte ich seit längeren die fehlende Kommunikation.

Paarbeziehungen verelenden, weil man nicht kommuniziert. Mit Kommunikation meine ich nicht unbedeutende Berichte über den Tagesablauf, was oder was nicht geschah. Kommunikation ist nicht, den Tag zu rapportieren. Diese Art der Kommunikation ist nämlich routiniert und erschöpft sich rasch.

Kommunikation ist Wahrnehmung. Kommunikation ist das Verstehenwollen und das aktive Zuhören auch. Kommunikation beschränkt sich nicht auf die Auflistung irgendwelchen Tatsachen. Kommunikation bedeutet, einzudringen, zu teilhaben und gleichzeitig zu teilnehmen.

Mag Adorno behaupten, dass eine Mangel der Liebe Auschwitz erst ermöglichte, möchte ich korrigieren, dass ein Mangel an Kommunikation Auschwitz vorbereitete. Wo Menschen nicht miteinander kommunizieren, erkalten und verstumpfen sie. Der reine Tagesrapport verkümmert die Kommunikationsfähigkeiten der Menschen. 

In Paarbeziehungen beobachte ich das gerne. Kommunikation muss auch heissen, Schwäche zu demonstrieren, die eigenen Gefühle zu entblössen, Verletzlichkeit nicht weiter zu verdecken. Das ist eine sehr intime Form der Kommunikation, vermutlich intimer als jede funktionale Sexualität, die blosse Lust befriedigt und Gefühle wegdrückt.

Ich kann gut nicht kommunizieren und daher mein Unbehagen verdeutlichen. Ich kann problemlos schweigen und ignorieren. Ich kann alle Themen, die mich im Innersten betreffen, wegschieben. Ich kann mich stets auf einen Statusbericht reduzieren; berichten, was geschah und was noch geschehen werde. 

Allerdings möchte ich es anders. Ich möchte mich öffnen. Ich möchte einfach bloss kommunizieren, mich offenbaren und mich mitteilen. Ich möchte gleichzeitig anerkennt, zugehört und einigermassen verstanden werden. Weil ohne Kommunikation vereinsame ich automatisch. In Paarbeziehungen war hierbei relativ erfolglos. Ist mir selten gelungen.

Es sei denn, es entstand auch nie eine Paarbeziehung im klassischen Sinne. Vermutlich, weil ich mich stets gefürchtet habe, menschlich und damit verletzlich mich zu zeigen. Ich bin nicht traumatisiert oder verletzt worden, weil ich das tat. Ich habe mich einfach darin bequemt, unnahbar und verschlossen zu bleiben. 

Selbst meine Beziehung zu meiner Tochter ist kommunikativ limitiert. Wir können technisch uns nicht mitteilen. Auch die reine Bedürfniskommunikation ist erschwert. Wir versuchen stets zu interpretieren. Das ist aber keine Kommunikation, wie sie mir erwünsche. Lediglich in meinem privaten Umfeld, bei den sogenannten Futuristen, kann ich kommunizieren.

Oder natürlich im Tagebuch, das allerdings auch öfters einem Tagesrapport ähnelt. Hier versuche ich auszudrücken, was mich beschäftigt. Was ich publiziere, ist ungefähr bloss 5% davon. Den Rest verwahre ich. Den Rest archiviere und verschlagworte ich. Und niemand wird es jemals erfahren. Irgendwie auch traurig. 

Ich bin überzeugt, dass viele Menschen bloss deswegen vereinsamen, Amokläufe tätigen, in Arbeit oder Prostitution flüchten, weil sie nicht kommunizieren. Kommunikation ist eine besondere Eigenschaft; wir haben als Menschheit eine komplexe Kommunikation entwickelt, aber sind zuweilen verkümmert, sie zu praktizieren.

Unsere alltägliche Kommunikation ist beschränkt. Wir entfalten überhaupt nicht das Potenzial – so auch ich nicht. Auch Kunst ist übrigens eine Form der Kommunikation; leider bloss eine einseitige, weil asynchrone. Die höchste Form der Kommunikation ist synchron. Aber dazu muss man die Frequenzen angleichen. 

Solange verstumme ich, schweige ich. Ich harre.

Vorgeschobener Jahresausblick

Soll ich übers Jahr resümieren? Bald ist wieder Jahreswechsel. Voraussichtlich werde ich den Silvester unspektakulär fristen, höchstwahrscheinlich ihn verschlafen oder lustlos die Sekunden nachzählen. Beide Aussichten sind nicht so erstrebenswert. Ich habe alle Resozialisierungschancen vertan. Ich bin weiterhin gefangen und untröstlich. 

Es ist erneut ein verlorenes Jahr emotional und sozial. Ich bin weiterhin nicht angekommen hier. Ich sehne mich weiterhin. Manchmal kann ich kurzweilig ausbrechen, mich befreien und rare Momente des Losgelöstseins empfinden. Diese Augenblicke werden seltener, weil ich sie bereits in dummer vorauseilender Gehorsamkeit unterbinde. 

Gewiss kann ich mich vertröste. Ich kann ja bekanntlich sanft programmieren und mich ebenso sanft betrinken. Ich kann ertragen und erdulden. Ich verschwende ja bloss meine Lebenszeit. Weil ich altere, beschäftigt mich das umso mehr. Ich kann die aktuellen Lebensverhältnisse nicht ewigs fortführen.

Vermutlich verhalte ich mich gleich wie meine Sucht nach Star Trek. Ich schaue stets die immergleichen Episoden. Ich geniesse zu wissen, was genau sich ereignet. Ich entdecke eventuell hier und da eine weitere Zitation, weil eben ein Meisterwerk der Unterhaltung gleich wie GTA. Aber ja, schlussendlich ist mein Erkenntnisgewinn ziemlich reduziert.

So ähnlich verhalte ich mich auch privat. Ich darbe weiterhin, ich entdecke hier und da neue Nuancen des Leidens, doch ich schaue permanent die Wiederholung. Ich kann die Folgen und Ereignisse antizipieren. Vermutlich gefalle ich mir in dieser scheinbaren Kontrollierbarkeit gewisser Abläufe meiner Existenz.

Gerne erwidere ich Forderungen nach Veränderungen auch mit dem Spruch «Mal schauen». Mittlerweile bekommt dieser Spruch einen ganz wortwörtlichen Sinn. Mal schauen. Ich schaue mal, was passiert. Obwohl mir gewiss ist, was passiert, schaue ich weiterhin einfach zu. Vermutlich ist der Akteur längst entrückt in mir.

Ich könnte unterschiedlich psychologisieren, warum ich nicht ans Subjekt glaube. Das letzte Subjekt der Weltgeschichte war ja bekanntlich Hitler – der letzte Irrer, der die Weltgeschichte tatsächlich – wenn auch nicht in seinem Sinne – beeinflusste hatte. Ich fühle mich statt Subjekt als Objekt – und verhalte mich dementsprechend als Objekt.

Insgeheim wünsche ich mir den handelnden, zur Tat schreitenden Mann in mir – der mit allem bricht und alles seiner persönlichen Befriedigung unterwirft. Der wahre Akteur, Gestalter des Lebens und ungestüm, futuristisch ganz. Nicht diese Existenz, die bloss harrt und wartet, solange die Gesundheit noch andauert. 

Glücklicherweise kenne ich meinen handelnden Mann. Technisch bin ich befähigt, ich hatte zwar einige «Rückschläge» zu verarbeiten, die meine Ohnmacht blossgestellt haben. Aber grundsätzlich bin ich weiterhin fähig. Aber ja, das schlummert leider bloss, wartet gleichermassen wiederentdeckt zu werden. 

Vermutlich soll das nächste Jahr es richten. Das nächste Jahr entspannt sich denn auch meine finanzielle Situation. Das könnte mich momentan hindern. Aber ja, grundsätzlich ist auch das bloss vorgeschoben und möchte mich von der Tat abhalten, meine Entschlossenheit rational schmälern. 

Mal schauen. Ich habe keine Lust mehr. Es ist alles so anstrengend. Manchmal möchte ich einfach bloss funktionieren und vergessen, nicht fühlen, nichts wollen, nichts streben, mich einfach verstecken und nicht weiter ringen müssen. Ich möchte kein Glücksritter sein, der unablässlich strebt. Aber ja, vermutlich bleibe ich Futurist. Und muss. Keine Chance.

Wo sind die EU-Befürworter?

Anlässlich der gestrigen Europatagung in der Eventfabrik Bern, wo rare Befürworter der EU sich eingemietet haben, möchte eine Brandrede für Europa fiktionalisieren. Gewiss bin ich weder geladen noch aufgefordert. Als radikaler EU-Enthusiast fühle ich mich jedoch berufen.

Die EU ist kein Projekt oder eine Kompromissmaschine. Die EU ist keine Wertegemeinschaft. Die EU ist kein schnöder Wirtschaftsraum. Die EU ist vielmehr eine Idee und eine Erzählung. Die EU ist die letzte Erzählung der Menschheit. Es ist die letzte Idee, die einigermassen inspiriert und Menschen allerorten beseelt. 

Die EU ist das notwendig gewordene Übel der Menschheit. Die EU ist der Zwischenschritt zum Nordstern einer Weltföderation. Die EU ist das Modell und Beispiel des Fortschritts und der menschlichen Einigung. Die EU ist die Vorbedingung der Besiedlung und Erkundung der nächsten natürlichen Grenzen: unseres Sonnensystems. 

Nationalstaaten können den Weltraum nicht alleine erforschen. Die grossen Projekte der Raumfahrt sind bereits internationalisiert. Nationalstaaten sind stets begrenzt. Selbstredend können Nationalstaaten auch das Klima nicht ändern. Das gelingt höchstens in Peking während der grossen Spielchen. Alle Herausforderungen sind globale. 

Gewiss ist die Schweiz isoliert. Die Schweiz ignoriert ihren einzigen ernstzunehmenden Handelspartner. Bekanntlich hat die EU die Schweiz längst umzingelt. Die Schweiz ist mental sehr lokal, interessiert sich kaum für Welt und Forschung. Die Schweiz hat jüngst das Rahmenabkommen mit der EU blockiert. 

Kein Politiker hierzulande befürwortet einen offenen EU-Beitritt. Die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Dossiers ist geleugnet. Das irritiert. Der EU-Beitritt ist unausweichlich, bloss eine Frage des Zeitpunkts. Momentan sind wir einigermassen gerüstet, einigermassen stabil, noch nicht gänzlich der Launen der Welt ausgeliefert. 

Doch ob das bleibt, ist ungewiss. Ich wünsche meinen EU-Beitritt jetzt, in der Position der Stärke, der Verhandlungssicherheit – besser als in zwanzig Jahren, wenn Industrien wie Pharma bereits ausgesiedelt, ganze Mittelschicht verarmt und Ghettos in Dietikon, Pratteln und Köniz gebildet sind. Die Schweiz als Nische ist global nicht lebensfähig.

Die Schweiz könnte der letzten Erzählung der Menschheit partizipieren. Die EU ist das komplexeste soziale System der Menschheit; eine Vorstufe der Weltföderation, welche den Planeten eint und für die solaren Herausforderungen vorbereitet. Planetare Verteidigung ist keine Aufgabe eines begrenzten Nationalstaates. 

Das EU-Dossier hierzulande ist einseitig emotionalisiert. EU-Bashing funktioniert, ist geradezu mainstream. Von links bis rechts ist die EU verurteilt, ja bishin verteufelt. EU ist der grosse Feind der Schweiz. Die wenigen Befürworter – grösstenteils alte und weisse Männer, die sich hinter einer Maske verstecken müssen – schweigen. 

Selbst die als nonkonformistisch bekannte Weltwoche, welche prinzipiell dagegen ist, kann sich nicht für die EU begeistern. Ich lese und finde nichts, nicht einmal im Medium der Randständigen und Entfremdeten Nebelspalter. Das irritiert, wäre das EU-Dossier doch die ideale publizistische Nische, wer sich profilieren möchte. 

Der schweizerische Ableger der VOLT besteht aus einer simplen Facebook-Seite. Sie hat halb so viele Follower wie der in Basel populäre Club Nordstern, wo Berufsjugendliche nicht altern wollen. Vermutlich treffen sich die VOLT-Anhänger in den Katakomben Zürichs, wo sie den wenigen Märtyrern wie Christa Markwalder und Roger de Weck gedenken. 

Vermutlich warten die meisten auf ein Schlüsselereignis, das politisch sie erweckt. Als ein mögliches Ereignis könnte die Corona-Pandemie gelten, die erneut zeigt, dass auch Nationalstaaten eine Pandemie nicht eindämmen können. Alle Grenzen, die in den letzten zwei Jahren wieder gezogen wurden, konnten Corona nichts anhaben. 

Die Europatagung könnte beispielsweise mich erwecken. Ich habe selten so eine langweilige und abgelöschte Tagung einer Vereinigung erlebt, die für die grossartigste Idee der Menschheit kämpfe. Es war vielmehr ein Lecken der Wunden, eine grosse Rechtfertigung und man überbot gegenseitig sich zu ernüchtern. 

Jede SP- oder SVP-Versammlung ist dagegen intensiver, kämpferischer, solidarischer und vor allem energischer. Warum kann man die Geschichte nicht weitererzählen? Die Geschichte der Einigung der Menschheit, die Formung eines sozialen Planeten? Die gemeinsame Expedition zur nächsten natürlichen Grenze? 

Muss ich mich wohl etwa berufen fühlen? Den Quotenrebellen hierzulande mimen? Öffentlichkeit suchen? Roger Köppel für eine EU-Kolumne anfragen? Was legitimiert beispielsweise mich? Muss ich mich als «Unternehmen» betiteln? Der bessere Wirt? Gibt’s nicht andere? Ich bin verunsichert.

Der Durchbruch der westlichen Zivilisation

Die Pandemie und globale Chipkrise beweisen, dass das die Politik nicht bloss der Wirtschaft dient, sondern gelegentlich auch wieder ganz cäsaristisch triumphieren kann. Dass alleine ein langweiliger Bundesrat hierzulande als Diktator beschimpft werden muss, zeigt, wieweit die Politik erneut durchdringen kann. 

Gewiss existieren auch willkürliche, weil diktatorische Systeme wie dasjenige Chinas, wo die Wirtschaft stets der Interessen der Partei sich unterordnen muss. Dort ist die Diskussion eine gänzlich andere – aber eine, die ich bloss aus Sekundärquellen verfolgen kann, weil der Sprache nicht mächtig. 

Das motiviert uns hierzulande, erneut und abermals den Untergang des Abendlandes zu beschwören. Frei nach Spengler ist unsere «Kultur» ohnehin längst erloschen, in einer «funktionalen» und «blutleeren» Zivilisation aufgehoben, die bloss noch für Baisse und Hausse der Finanzzentren sich zu begeistern vermag.

Gleichzeitig beschwört die grüne Welle einen Regionalismus, um das Klima nicht weiter zu belasten. Der primäre Identitätsanbieter ist die Region, das Quartier, das Viertel, die Agglomeration oder schliesslich ganz schweizerisch der Halbkanton. Für einen Stadt-Basler ist Bern, ist die Schweiz eine emotionale Weltreise. 

Ich kokettiere gelegentlich auch mit meinem derzeitigen Wohnort; es ist 4058. Ich meide 4046, 4053, 4054 sowieso – mit 4057 kann ich mich anfreunden knapp, weil benachbart. Ironische Wasserschlachten auf Rheinbrücken küren diesen Narzissmus der kleinen Differenz, der insbesondere angesichts der Weltsituation notwendig ist. 

In meinem Umfeld identifiziere sich einzelne mit der Nationalität – mit der Schweiz als Willensnation, obgleich sie kaum nationale Symbole hat, weil Roger Federer auch nicht mehr so häufig spielt. Selten identifiziert sich jemand als Europäer, noch seltener als Angehöriger einer kalten Zivilisation namens der Westen.

Unsere Zivilisation ist global, manche wehren sich dagegen, andere konstruieren derweil ein Gegenmodell. Zeitlang waren wir überzeugt, dass unsere Zivilisation alternativlos sei. Seit die Zwillingstürme fielen, begannen wir zu zweifeln. Ist die westliche Zivilisation weiterhin der unbestrittene Hegemon der Welt?

Der beispiellose Aufstieg Chinas demonstriert, dass das westliche Modell nicht ganz alternativlos sei. China konnte bereits in Hongkong siegen. Die westliche Zivilisation konnte sich gleichzeitig aus Afghanistan befreien, der wohl bislang teuersten Mission mit fragwürdigem Ausgang.

Die nächste Entscheidung verortet man gemeinhin an der Strasse von Taiwan. Ist die westliche Zivilisation fähig und/oder willens, die demokratische Inselrepublik zu schützen? Eine andere Herausforderung ist es es, die westlichen Rüstungsausgaben zu harmonisieren. 

Die grossen europäischen Staaten haben im 2020 ungefähr 200 Milliarden Dollar ins Militär investiert. Das ist beinahe so viel wie China – oder ein Drittel der USA. Doch der Effekt dieser Ausgaben ist marginal, weil jede Nation einzeln in die Breite wie in die Tiefe rüstet, naturgemäss überschneiden sich die Vorhaben der Nationen. 

Für einen Beobachter ist das katastrophal. Entweder investiert man diese 200 Milliarden angemessen – oder stattdessen in Bildung und Soziales und begreift sich als Athen des Westens. Ohnehin sind Militärausgaben sinnlos, sofern sie national begründet sind. Das einzige, was ich tolerieren könnte, sind orbitale Verteidigungswaffen gegen Kometen.

Daher empfinde ich eine Konsolidierung der westlichen Militärausgaben als Chance, die westliche Zivilisation zu einen – die EU ist dabei der einzige ernstzunehmende Experiment in dieser Hinsicht. Mittelfristig ist ohnehin bloss ein geeintes Europas realistisch. Allerdings könnte China auch eine grössere Vereinigung provozieren. 

Ich glaube, die westliche Zivilisation ist kurz vorm endgültigen Durchbruch und damit meine ich die endgültige Vereinigung der Nationen zu einer digitalen Weltdemokratie mit einem bedingungslosen Grundeinkommen, das in Bildung und Aufklärung investiert und die Natur schont. 

Dies, weil die westliche Zivilisation seit Jahrzehnten nicht mehr ernsthaft herausgefordert wurde. Der Terrorismus der 00er war bloss ein symbolischer Widerstand und hatte die Zivilisation niemals gefährdet. Doch nun ist die westliche Zivilisation existenziell bedroht. Sie muss sich notgedrungen weiterentwickeln.

Allerdings ist das Volk noch mit den Zertifikaten beschäftigt hierzulande. Eine Westintegration wie EU-Beitritt ist in der Schweiz politischer Selbstmord. Eine Europäische Armee wird zwar gelegentlich diskutiert, aber rasch wieder vergessen. Grossbritannien versucht sich als unabhängiger Glücksritter. Die USA taumeln. 

Hoffentlich unterstützt uns China bald unfreiwillig. Mit Genugtuung las ich jüngst die Meldung, dass China abermals den Luftraum Taiwans verletzt haben soll. Das macht Lust auf mehr und ermuntert mich. Freuen wir uns auf eine baldige Eskalation und auf eine Veränderung der Gesamtsituation.

Die Seele der Massnahmen-Skeptiker

Bekanntlich befürworte ich alle Corona-Massnahmen und bedauere, dass das Spektakel allmählich endet. Allerdings versüssen die Massnahmen-Skeptiker den diesjährigen Altweibersommer. Die implizite Impfpflicht hat sie nunmehr mobilisiert. Ich habe Demonstrationen wahrgenommen. Auch in den Kommentarspalten trollen sie. 

Doch warum sind einige Menschen versucht, das hiesige Corona-Regime zu beklagen und auf Individualität und Freiheit sich zu berufen? Diesmal ist keine Lust der Selbstzerstörung wahrzunehmen. Sie provozieren keinen Untergang des Westens und reklamieren den heroischen Fatalismus, dem Unausweichlichen nicht auszuweichen. 

Die Lust der Massnahmen-Skeptiker empfinde ich als vergeblichen Versuch, als kleines Ich der Welt zu trotzen. Freiheit und Individualität sind domestiziert, stellenweise simuliert, damit das Über-Ich besänftigt ist. Konsumfreiheit und Wahlfreiheit verheissen Individualität. Corona und/oder die zugehörigen Massnahmen zu bezweifeln, ist demgegenüber neu. 

Typischerweise fallen Menschen dem Massnahmen-Skeptizismus heim, deren Individualität ohnehin fragil ist. Fragilität zeigt sich darin, die vermeintliche Individualität beflissen zu hervorheben. Dass die Massnahmen-Skeptiker nun öffentlich abgemahnt werden, bestärkt und bestätigt blossen deren scheinbare Individualität.

Ich meide und ignoriere sie. Ich bin derzeit nicht informiert, wer gerade skeptisch ist oder welche Bewegungen wo und wann demonstrieren. Die Massnahmen-Skeptiker sind für mich irrelevant und höchstens eine Herausforderung der Psychoanalyse. Dort ist spannender zu beantworten, warum Menschen scheinbare Individualität dergestalt zelebrieren müssen.

Bei gewissen Exponenten, denen ich privat begegnet bin, vermute ich dennoch eine kleine Lust der Selbstzerstörung. Ich nenne das auch den sozialen Amoklauf. Man nimmt den Verlust des sozialen Ansehens, des Status› bewusst in Kauf. Jede Ablehnung ist eine Bestätigung. Soziale Medien, Likes und Disliken beschleunigen die Feedbackzyklen. 

Diese Seelen wollen ihre Individualität nicht präsentieren. Diese Seelen wollen letztmalige Aufmerksamkeit, bevor sie endgültig bedeutungslos verdämmern. Der Massnahmen-Skeptizismus ist eine freundliche Einladung, sich zu behaupten. Das Thema ist omnipräsent; jeder kann eine Meinung haben und ist dadurch diskutierbar. 

Leider verfällt das Thema bald. Eventuell rettet der Herbst mit einer vierten Welle das Thema übers Jahresende. Vermutlich werden die Diskussionen dann radikalisiert. Ich wünsche mir Ausschreitungen aufm Bundesplatz, idealerweise mit Toten auf beiden Seiten. Leider wird nichts passieren; ich wette auf drei Monate Diskussion.

Danach sind die Massnahmen-Skeptiker entweder ausgestorben oder dergestalt isoliert, dass bloss noch die reine Lust der Selbstzerstörung sie nährt – aber keine angebliche Individualität mehr, die herauszustellen sie insgeheim damit bezwecken.

Liebeskommunikation

Üblicherweise ist Liebe ausgeglichen. Wer Liebe erwidert, liebt. Daher ist Liebe mit Gegenständen ausgeschlossen, da Gegenstände nicht erwidern. Mein Computer beispielsweise spiegelt mich bloss. Das ist keine Liebe, das ist vielmehr Narzissmus. Meine Katze liebt mich auch nicht, sie beansprucht mich im Bedarfsfall. 

Zu lieben bedeutet zu balancieren. Im Alltag schwankt Liebe stets. Man kann nicht jeden Tag Liebe gleich dosieren. Gelegentlich verweigern wir Liebe; praktizieren Liebesentzug, erpressen oder bestrafen damit ein Verhalten. Liebe ist unweigerlich spannend, weil fluktuiert, kann täglich überraschen. 

Liebe kann bloss kommuniziert werden. Wir können zwar lieben, unbewusst oder unterbewusst, doch eine Liebe kann erst erwidert werden, sobald sie kommuniziert ist. Die menschliche Kommunikation der Liebe ist bekanntlich vielfältig. Sich zu küssen, sich zu umarmen, sich zu bekochen, sich zu beschreiben oder zu besingen sind klassisch. 

Ohne Kommunikation also keine Liebe. Kommunikation transportiert Liebe. Kommunikationsarme Menschen sind in ihrer Liebesfähigkeit eingeschränkt. Glücklicherweise kann Liebe auch rein biochemisch übertragen werden. Die Sexualität ist die schnellste und klarste Übermittlung der Liebe, womit mensch ausgestattet ist.

Im Alltag verkümmerte Liebschaften werden umso ärmer, desto weniger Sex die Liebe stets erneuert und befeuert. Rasch gelingt es dem vermeintlichen Liebespaar bloss noch zu funktionieren und irgendwie im Alltag sich zu arrangieren. Die Kommunikationsformen reduzieren sich auf flüchtige Begrüssungen und Verabschiedungen.

So kann keine Liebe gedeihen, was auch niemanden überrascht. Ebenso ist eine einseitig kommunizierte Liebe nicht überlebensfähig, weil sie eben nicht erwidert ist. Einseitig Liebende spekulieren auf eine baldige Erwiderung der Liebe. Die Form der Erwiderung ist unerheblich; kochen, trinken, schlafen, küssen, umarmen, Aufmerksamkeit vermitteln.

Eine einseitig kommunizierte Liebe hofft nur. Eine einseitig kommunizierte Liebe kann sich gedulden. Sie kann beispielsweise damit sich rationalisieren, dass das Gegenüber zu kommunizieren unfähig sei. Der einseitig Liebende muss stets begründen, warum eine Liebe nicht erwidert werden kann. Bloss so kann er Liebe kommunizieren.

Ich besitze Expertise in der einseitig kommunizierten Liebe. Ich bin Opfer wie auch Täter. Die einseitig kommunizierte Liebe empfinde ich als Ohnmacht, sie belastet mich – in beiden Rollen. Als Opfer natürlich, dass ich stets nach einem kleinlichen Liebesbeweis warte, jede Andeutung eines Liebesbeweis überbewerte und mich wieder klammere.

Als Täter, indem ich meine Unfähigkeit der Kommunikation nicht kommunizieren kann. Und stattdessen mich verkrieche und als Angsthase selber mich ekle. Und sobald ich der Kommunikation fähig bin, mich sofort übersteigere, alles einfordere, alles beanspruche und Liebe totalisieren möchte – dergestalt, dass ich abschrecke und befremde. 

Meine persönliche Liebeskommunikation ist derzeit überhaupt nicht ausgeglichen. In keiner Hinsicht. Das schmälert meine Chancen, Liebe zu entdecken und meine Rollen aufzulösen. Dass ich nicht weiter Täter wie Opfer bin; in einem Dramadreieck zirkuliere. Ich kann bloss meine Kommunikationsfähigkeiten trainieren.

Mein Liebesleben

Ich habe schon etliche Male hier das Ende meines Liebesleben bedauert. Ich möchte mich gerne hier wiederholen. Gewiss hoffe ich weiterhin, dass mein Liebesleben mich bald wieder befeuert. Andererseits nach ungefähr zwei Jahren habe ich auch damit abgeschlossen und akzeptiert, dass nichts passiert.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich urplötzlich in eine Frau verliebe, ist sehr gering. Ich bin nicht zwingend lustlos, ich kann für Frauen Lust empfinden, sie begehren. Aber ob ich mich verliebe, ist ungewiss. Denn ich bin schwierig zu vermitteln. Die Gesamtsituation ist nicht gerade anziehend.

Meine Gesamtsituation könnte höchstens kaputte oder kranke Frauen begeistern. Doch ich möchte mich nicht erneut mit einer Frau ausbremsen, die krank ist und bloss meine Geduld oder Gutmütigkeit strapaziert. Ich möchte nicht erneut zwei Jahre meines Lebens wortwörtlich verschwenden.

Ich wäre technisch nicht abgeneigt, eine Frau zu schwängern. Sie müsste aber in Basel-Stadt wohnhaft sein; ihre Schriften kann sie deponieren wo immer sie mag. Ich habe meine technischen Vaterfähigkeiten bereits erprobt und weiter trainiert. Ich könnte die Herausforderungen einer Patchwork-Familie meistern. 

Jetzt müsste sich bloss noch eine für mich begeistern. Ich bin technisch nicht so verwerflich wie manchen scheint. Leider bin ich allmählich verfettet; habe einen Frustranzen. Den werde ich rasch los. Auch bin ich einigermassen entfremdet. Doch eine nette Frau könnte mich auch wieder in Gesellschaften einführen und vernetzen. Technisch kann ich mich einigermassen ausdrücken oder so halber weiss ich mich auch zu benehmen.

Ich habe auch einen Beruf und sogar Hobbys. Natürlich ist meine Einkommenssituation in diesem Jahr angespannt. Aber das löst sich bald. Sobald die KESB-Altlasten ausgeglichen sind, stabilisiere ich mich wieder und kann meine Sparquote maximieren. Finanzielle Sicherheit ist für die heutige Frau bewusst nicht wichtig, aber unbewusst ist sie es immer. 

Allerdings bin ich stark vernachlässigt worden in den letzten Jahren. Ich bin sehr hungrig und müsste sehr viel kompensieren. Das wiederum könnte abschrecken. Ich möchte sehr viel knutschen. Ich möchte sehr viel Zeit verbringen und beinahe alles andere vergessen. Meine Arbeitskollegen fürchten bereits eine Sommerliebe. Ich kumuliere monatlich Minusstunden. Ich kann einfach nicht zu viel arbeiten. 

Wer wagt es?

1 2 3 4 42