Masterarbeit verschoben

Ich muss serialisieren. Ich kann nicht alles gleichzeitig erledigen, ohne irgendwo meine Qualitätsanforderungen zu reduzieren. Ich muss fokussieren. Mein ehemaliger Arbeitgeber hat mir das ebenfalls attestiert; ich war eine Art “Gemischtwarenladen”. Ich beherrschte viele Disziplinen und Künste, ich konnte sie einmalig kombinieren. Doch ich war keine Marke.

Denn ich hatte keinen Fokus; kein eigentliches Kernthema. Dieses Thema habe ich mir vor allem im 2015 und 2016 erarbeitet; ich drängte und stürmte aufm Markt. Jetzt bin ich längst unterwegs zum nächsten Thema. Weil ich mich nicht lange thematisch fesseln kann. Das erklärt, wieso ich Unternehmensberater bin. Vier Jahre im selben Büro kann ich nicht.

Jetzt zumindest habe ich mich befreit von einer Last. Ich habe meine Master Thesis verschoben; vermutlich in den nächsten Zyklus. Ich hatte in weiser Voraussicht meine vormals ambitionierten Anforderungen bereits gedämpft. Nun beende ich das komplette Vorhaben. Gewiss kränkt das meine Eitelkeit, meinen Stolz. Ich schwächle.

Und ja, ich habe auch das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Ich verliere mein Gesicht; der unbesiegbare, unaufhaltsame David genügt sich. Er bremst. Obwohl er noch nicht müsste, obwohl er noch rasen könnte. Was ist los? Bin ich vernünftig geworden? Werde ich alt? Ist etwas vorgefallen? Wo bleiben Hochmut und Entschlossenheit?

Ich bedauere meinen Entscheid nicht. Ich möchte mein Leben zunächst stabilisieren; beruflich wie privat. Ich habe genügend Themen zu bewältigen. Beruflich bin ich selbständig; ich arbeite selber und ständig. Ich geniesse jeden Abend noch ein bis zwei Stunden Nacharbeit. Die Auftragslage ist zwar gut, aber kann sich sofort ändern.

Auch privat ist meine Situation noch nicht vollends geklärt. Noch habe ich keinen Betriebsmodus finalisiert, der mir eine sichere Basis bietet, wovon ich operieren kann. Ich bin noch zu sehr schwebend; es sind noch nicht alle Abläufe eintrainiert und abgestimmt. Unerwartete Ereignisse können das ganze System destabilisieren.

Ich will die Zusatzbelastung einer Masterarbeit erst hinnehmen, wenn der “Rest” einigermassen funktioniert. Ich würde mir selber vertrauen, dass ich alles irgendwie hinkriege. Aber ich würde damit meine Mitmenschen vernachlässigen. Ich würde berufliche wie private Kontakte auslassen. Dort, wo ich nicht sparen möchte.

Ich schütze eigentlich nicht bloss mich, sondern auch mein direktes Umfeld. Ich werde weniger schluderig, ich bin weniger gereizt, weil weniger gestresst und schlaflos. Ich verfüge dann noch Kapazitäten, unerwartete Ereignisse verarbeiten zu können. In einer Daueranspannung könnte eine Bagatelle mich jedoch auseinanderbrechen.

Vermutlich werde ich einfach älter.


Eine Antwort zu «Masterarbeit verschoben»

  1. […] verschiebe bereits jetzt meine Masterarbeit; ich muss sie nächstes Jahr nachholen. Ich verliere meine […]

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