Wie immer

Manchmal befürchte, ich könne das Leben verpassen. Denn plötzlich erwacht man, ist Vater, lebt mit einer Familie, zahlt regelmässig Steuern und begnügt sich mitm Alltag. Ich kann mich zwar gut und lange “begnügen”, aber ich würde mich damit bloss betrügen. Denn früher oder später möchte ich wieder himmelhoch streben.

Ich verschiebe bereits jetzt meine Masterarbeit; ich muss sie nächstes Jahr nachholen. Ich verliere meine Freunde, weil ich mich anders fokussiere. Meine Haare ergrauen, meine Penis schwächelt; ich altere. Die Frauen verehren und überfallen mich nicht mehr; die Kulturszene ignoriert und vergisst mich. Ich werde weniger eingeladen.

Mein Schreiben reduziere ich auf höfliche Emails, unsichere Rückfragen und vergessene Brieffreundschaften. Manchmal füttere ich meinen Blog, doch es fühlt sich wie Arbeit und eine Verpflichtung an. Dabei möchte ich nicht verpflichtet sein. Ich möchte ungestüm trachten, mich verausgaben und schliesslich glorreich verbrennen.

Stattdessen werde ich mittelmässig, ich verliere meinen Hunger. Ich trotte mit, ich rede übers Wetter, ich kusche vor Manager; ich sterbe. Ich zügle meine Sprache, ich leugne meine Herkunft. Ich werde bürgerlicher, langsam spiessiger. Mir fehlt bloss noch eine fruchtige Bionade und eine schmucke Altbauwohnung. Zweiteres folgt.

Ja, diese Furcht motiviert diesen Blog. Ich weiss, dass ich noch mehr weghauen, übertreffen und durchstarten kann. Ich erträume mir weiterhin ein Wirken als dandyhafter Autor, der an der Perpherie der Zivilisation haust und sich dort glücklich wähnt. Doch ich muss meinen Wunsch vertagen, halt schwäbisch schaffen und sparen.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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One thought on “Wie immer

  1. […] Erwachsenwerden. Ich möchte nicht erschlaffen, mittelmässig erwachen. Darüber habe ich jüngst geklagt. Heute möchte ich nachdoppeln. Ich möchte mein Safeword nutzen. Ich möchte mich einfach kurz […]

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