Der Todestrieb

Freud nannte ihn auch den Destruktionstrieb. Sadismus war eine leicht auffindbare Repräsentation davon. Der Todestrieb ist mit dem Lebenstrieb vermischt. Man kann einen Menschen gleichzeitig also lieben und hassen. Doch hiervon will ich heute nicht erzählen, das kann man alles im Jenseits des Lustprinzips nachlesen.

In der Geschichte über die alternden Jungs habe ich den sogenannten Endsieg als dämmerhaften Zustand eingeführt. Der Endsieg vervollkommnet den Todestrieb. Der Endsieg erstarrt, erübrigt das Leben. Es ist die höchstmöglichste Ausdrucksform. Es ist wie eine Philosophie, die mit der Frage “Warum soll ich mich nicht umbringen?” beginnt.

Ich kann allen Menschen beipflichten, die vermeintlich fahrlässig ihr Leben ruinieren. Ich kann unterschiedliche Formen der gezielten Selbstzerstörung beobachten. Ich mag sie alle. Ob man Nutten blank fickt, ob man seinen Körper trotz Erkrankung überstrapaziert, ob man sozial Amok läuft, ob man sich dem Lebenstrieb grundsätzlich verweigert.

Ich kann alle diese Bewegungen verstehen. Ich gelegentlich praktiziere auch meinen kleinen Todestrieb, auch und insbesondere wenn ich dem Endsieg näher rücke, ihn endlich spüre und sodann meine Selbstauflösung begrüsse. Ich bin geübt, dennoch fahrlässig. Solange ich mich selber bloss schädige, ist das akzeptabel.

Sobald mein Umfeld betroffen ist, muss ich stoppen. Doch manchmal bremse ich auch dann nicht. Ich provoziere. Ich kokettiere auch damit, dass ich unheilbar erkrankt bin. Vielleicht bin ich das, vielleicht auch nicht. Ich könnte mich ebensogut verabschieden, sterben und verschlüsselte Tagebücher hinterlassen.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Die Einsamkeit

In diesem Blog ist das Schlüsselwort Einsamkeit präsent. Ich wiederhole mich gerne. Ich möchte heute bloss die Erkenntnis teilen, dass ich mich dann einsam fühle, wenn ich mich nicht einsam fühle möchte. Ich kann problemlos einsam mich langweilen, meine Leben vergeuden, wenn ich niemanden erwarte.

Dann kann ich mich komplett zurückziehen, ich kann meine Einsamkeit kosten. Ich kann darin blühen und glücklich werden. Ich bin dann unabhängig, frei, losgelöst. Ich habe nichts zu befürchten; keine Nähe, kein Vertrautsein, keine ungestillten Sehnsüchte. Ich kann mich ganz mir selber hingeben, autonom und unbefangen.

Aber wenn ich jemanden vermisse, dann vereinsame ich. Ich bin dann untröstlich. Ich kann meine Sehnsucht nicht lindern. Die Einsamkeit dann erwürgt mich. Ich kann mich nirgends festhalten, ich bin blockiert und gelähmt. Ich kann mich bloss betäuben und ablenken, doch das vervielfacht die Sehnsucht nachträglich.

Ich kann mich dann nicht mehr darauf besinnen, dass Einsamkeit ein Urzustand ist, den ich längst akzeptiert habe. Denn die Sehnsucht verheisst eine Ahnung des Glücks, das zu würdigen ich aber verlernt habe. Ich bin ein unbeholfener Glücksritter, welcher stets dem Glück nachreist, es stets aber verpasst.

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Über die Liebe und ihre Simulation

Ich bin grundsätzlich nicht zur Liebe unfähig. Ich bin grundsätzlich nur der Liebe entfremdet, weil die Liebe mich angreifbar und verletzlich macht. Ich möchte nicht lieben, sondern leben, damit ich alles wieder beenden und beherrschen kann. Ich möchte alle meine Lebensabschnitte kontrollieren können.

Die Liebe hingegen kann ich nicht domestizieren. Deswegen fürchte ich sie so sehr. Ich versuche mir stets eine Ausrede bereitzuhalten, nicht lieben zu müssen. Ich mag nicht, wenn ich geöffnet und nackt bin. Wenn man mich einfach begriffen hat. Ich bleibe lieber unnahbar, distanziert und verstecke mich.

Ich kann selber aber gut lieben, ich habe einen Überschuss produziert, den ich gerne teile, gerne selbstlos verschenke. Ich könnte die komplette Welt lieben, alle Menschen, alle Frauen, alle Objekte. Ich kann mich rasch begeistern und dann liebe ich ungestüm. Ich will mich dann nicht zurückhalten.

Gleichzeitig bin ich unfähig, Liebe zu empfangen. Weil ich mich dafür offenbaren müsste. Nicht gezielt, ausgewählt offenbaren, hier und da einige Details verraten, die Vertrautheit simulieren, sondern mein komplettes Wesen und meinen kompletten Widerspruch, den ich täglich aushalten muss.

Ohne gemeinsame Erfahrungen echter und nicht bloss körperlicher Intimitäten kann keine Liebe erwachsen. Diese gemeinsamen Erfahrungen sind aber bloss in einem empfänglichen und geöffneten Zustand möglich. Wenn der eine simuliert, erlischt die gemeinsame Erfahrung, weil sie nicht gemeinsam ist.

Jede Liebe gründet auf gemeinsamen Erfahrungen. Sie erhöht dadurch das gemeinsame Verständnis. Sie bedingt aber eine gewisse gemeinsame Erfahrung der Zeit vor der gemeinsamen Liebe. Die Lebensläufe müssen sich nicht unbedingt ähneln. Es sind einfach einsam gemeinsam erlebte Gefühle notwendig.

Sobald ich diese tiefe Verbundenheit spüre, die eigentlich nicht beschreibbar ist, die ich eigentlich bloss erahne und nicht einmal wirklich weiss und verstehe, werde ich verunsichert, nervös und flüchte erfahrungsgemäss. Ich blockiere. Ich will nicht zulassen, dass hier Liebe ist und weitaus mehr Liebe entstehen kann.

Ich kann auch ebensogut zum Schein lieben, wo eigentlich keine Liebe ist. Ich kann die Liebe als Arbeit und Projekt betiteln, das lediglich meine Aufmerksamkeit fordert. Ich kann alles ausblenden und ignorieren, ich kann Liebe simulieren, wo bloss ewiges Unverständnis und Misstrauen ist.

Ich habe selten einen Moment des Verständnisses und der Geborgenheit gefühlt. Ich bin die meiste Zeit beschäftigt, den Menschen gerade das zu liefern, was sie selber wollen. Ich selber vernachlässige aber mich, muss mich arrangieren und Kompromisse aushalten, die ich verabscheue.

Ich habe schon etliche Jahren gelitten in einer simulierten Liebe. Ich musste mich stets anpassen, wo ich überhaupt nicht wollte. Ich musste einseitiges Verständnis aufopfern, wo ein gegenseitiges per Definition ausgeschlossen ist. Ich konnte mich nicht verwirklichen und konnte darin auch nicht gedeihen; es war wieder nur funktionierend.

Ich habe solche Beziehungen auch ausserhalb der meinigen beobachtet. Das sind Zombie-Beziehungen, die bloss durch die Arbeit und Vernunft zusammengehalten werden. Die Paare sind im Innersten einander fremd, sie heucheln sich Abhängigkeit vor, wo nicht einmal eine richtige ist. Sie leben fern, schlafen gleichzeitig im selben Bett.

Ich kann mich selber gut verstehen, dass ich die nicht zähmbare Liebe fürchte. Diese Liebe überlebt alles. Sie produziert echte Abhängigkeiten. Ich könnte mich dann nicht mehr einfach lossagen, von heute auf morgen die Beziehung kündigen. Ich kann dann nicht mehr gleichgültig durch die Welt stolzieren. Ich bin dann aufrichtig interessiert.

Ich würde mich zuweilen sorgen, ich würde viel nachdenken, viel diesen Menschen vermissen, trauern, ich wäre emotional gekoppelt. Ich könnte meinen Überschuss sinnvoll investieren statt ihn beliebig zu vergeuden an zufällige Menschen. Diese nicht simulierte Liebe käme mir also sehr entgegen.

Die Liebe zu meinem kleinen Mädchen ist deswegen so unkompliziert, weil sie mich niemals lieben kann. Bloss ich liebe, bloss ich kann selbstlos lieben. Ich werde niemals verletzt, enttäuscht, verlassen oder sonstwie getrügt werden. Ich muss mich nicht einmal sonderlich öffnen. Ich muss mich gleichzeitig nicht verstecken.

Ich werde mein kleines Mädchen immer lieben, auch wenn die Krankheit fortschreitet und mein eigenes Leben erschwert. Wir werden nicht in einer klassischen Paarbeziehung erstarren und gegenseitig uns etwas vormachen müssen. Sie wird stets meine bedingungslose Liebe erhalten können.

Ich simuliere diese Liebe nicht. Muss ich auch nicht, ich muss mich auch nicht vor meinem kleinen Mädchen schützen. Sie wird mir niemals etwas antun können. Das beruhigt mich. Doch das ist bekanntlich eine einseitige Liebe, die vom Überschuss zehrt, meinen Haushalt durcheinanderbringt. Das ist nicht das Ideal des Lebens.

Ich blicke also vorwärts auf eine offene, nicht simulierte Liebe, die mich vollständig umschliesst, begreift, aber auch abhängig, verletzlich und somit menschlich macht. Sodass ich mich nicht als Maschine fühlen muss, wenn ich in der Sache der Liebe mit Menschen interagiere.

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Mein Pornokonsum

Ich konsumiere Pornografie. Ich befreite Pornografie. Pornografie vereinfacht die Sexualität. Sie redimensioniert sie auf eine blosse Triebbefriedigung. Hast du Lust, dann greife zu, du musst keine Folgen fürchten. Kein Kind überrascht dich, keine Geschlechtskrankheiten überfordern dich. Einfach masturbieren, fertig ist.

Alles, was existiert, existiert als Pornografie. Die Pornografie widerspiegelt die Sehnsüchte der Menschen weltweit. Das Internetz lebt von der Pornografie. Die Pornografie befeuerte seit jeher die Kommerzialisierung und Professionalisierung des Internetzes. Am Anfang war das schlüpfrige Bild, heute sind es komplexe VR-Welten, wo man interagiert.

Die Pornografie ist hochverfügbar. Seit 4G und smarten Lebensbegleiter kann man überall Pornografie abrufen. Ob auf dem Klo im Büro, im Zug, im Bett, auf dem Sessellift. Überall gerade, wo Not ist, lindert die Pornografie. Sie befriedet den Menschen, sie verringert die Wahrscheinlichkeit eines sozialen Aufstandes.

Die Vorlieben sind unterschiedlich geartet. Mit sogenannten Filter kann man das endlose Angebot einschränken. Man kann Vorlieben kombinieren. Wer gerne dunkelhäutige Frauen mag, die einen kleinen Arsch, dafür einen grossen Busen haben, dabei von drei Männern gleichzeitig, aber nicht anal behandelt werden, kann das so konfigurieren und kosten.

Die Pornografie entrückt die Realität einerseits, indem sie gezielt fantastische Vorlieben konstruiert. Andererseits initiiert die Pornografie die Realität, indem sie Authentizität simuliert. Das sind die derzeitigen Trends der Pornografie. Entweder völlig überzeichnet, völlig realitätsfern. Oder völlig authentisch und realistisch und möglich.

Ich bevorzuge das Genre “Amateur”. Das sind vermeintlich authentische Aufnahmen. Die grosse Kunst des Herstellen ist, die Aufnahme möglichst “amateurhaft” wirken zu lassen. Alle Konsumenten wissen zwar, dass die Situation gestellt ist, wollen aber bewusst sich annähern und damit ihre eigene Sexualität vergegenwärtigen.

Ich misstraue bereits im Grunde dem Internetz, der Pornografie weitaus mehr. Seltene Aufnahmen aus einem lokalen Sexting-Skandal sind begehrt und werden in den spezialisierten Foren rasch verbreitet. Die Schweiz hatte hier ihren Migros Ice-Tea Skandal, der nachträglich in einem Spielfilm pädagogisch wertvoll aufgearbeitet wurde.

Die Pornografie begleitet den Alltag der Menschen. Sie ist nichts Verwerfliches. In den schicken Bars der Grossstädte veranstaltet man Porno-Partys, wo Männer und Frauen sich schminken, kleiden und schliesslich verhalten wie vergangene Porno-Stars. Der 70er Pornosound ist legendär und beschallt etliche Popup-Bars.

Die jungen Künstlerinnen, egal ob in Basel oder Zürich, reklamieren einen selbstbewussten Porno-Konsum. Sie fordern mehr weiblichen Porno, den sie sogleich selber an Vernissagen produzieren. Das erschreckt niemanden mehr. Selbst Michaela Schaffrath ist als Schauspielerin respektiert.

Mittlerweile können Paare offen ihren Pornokonsum austauschen. Der Umgang hat sich entkrampft. Man kann auch gemeinsam Pornos schauen und damit sich stimulieren. Es ist heutzutage viel ungewöhnlicher, das nicht zu tun, weil man nicht muss. Es sind sonntägliche Tischgespräche über die Vorlieben denkbar.

Porno ist so normal geworden. Darunter leidet die Pornoindustrie selber. Die grossen Häuser sind grösstenteils verschwunden. Pornografie ist eine Massenware, weltweit verfügbar, rasch fabriziert. Man muss den Stoff nicht mehr in Illegalität beschaffen. Man kann einfach eine URL eintippen und ist versorgt.

Mein Konsum schwankt. Manchmal bin ich abhängig, manchmal kann mich nichts begeistern. Derzeit klicke ich lustlos durch mein Genre. Ich reibe meinen Penis, mehr mechanisch als enthusiastisch. Ich praktiziere, weil ich gewohnt bin, dass ich muss. Und nicht, weil ich will.

Weitaus effektiver ist derzeit das sogenannte Kopfkino. Ich kann meine Augen schliessen, mich zurücklehnen und überraschen lassen, was mein Kopf mir heute zeigt. Es sind meistens kurze Aufnahmen, die aber endlos sich wiederholen. Ich kann nicht wirklich etwas wählen, sondern bin ausgeliefert.

Diese kurzen Aufnahmen lassen mich schnell anschwellen. Sobald ich meine Augen öffne, verliere ich meine Errektion innert wenigen Sekunden. Das ist sehr stark ans Kopfkino gekoppelt. Der Kopf ist wohl weiterhin das primäre Sexualorgan. Und so bin ich eigentlich froh, trainiere ich meinen Kopf statt meine händische Mechanik.

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Der Untergang des Westens

Die westliche Zivilisation hat seit 2000 alles falsch gemacht. Bis Ende 1999 gehörte die Welt uns. Wir beherrschten Menschen und Naturgewalten. Es war unsere Welt. Doch seitdem verlieren wir sie allmählich. Wir werden bald bloss noch reagieren statt regieren. Wir werden bald unseren eigenen Untergang umsetzen können.

Wir führten in den 90er-Jahren mit einer Idee bishin Ideologie. Wir versprachen Wohlstand, Menschenrechte, Umweltbewusstsein und globalen Frieden. Alles schien möglich, jeder konnte es schaffen. Das war unsere Verheissung, unsere damalige Leitkultur. Die dritte industrielle Revolution befeuerte unsere Fantasien und die Nasdaq.  

Es war aber nicht überschätzte 11. September, der unseren Abstieg ankündigte. Der 11. September war bloss ein weiteres Zeichen des Terrorismus’ der 90er-Jahren, den wir einfach aushalten mussten als quasi einzig möglichen, aber nicht realistisch das Komplettsystem gefährdenden Widerstand gegen unsere Weltmacht.

Gewiss mussten wir periodisch einige Todesopfer bedauern. Doch die waren unbedeutend, rasch vergessen und wir konnten davon profitieren, dass wir einfach weitergefeiert haben, als wäre nichts geschehen. Das war auch jeweils das Mantra unseren gewählten Repräsentanten. Wir liessen uns nicht beeindrucken.

Weitaus tragischer war, dass wir begannen an unseren Idee, an unseren Ideologie zu zweifeln. Wir haben eine sogenannte pluralistisch-liberale Gesellschaft, die unterschiedliche Meinungen toleriert. Unsere ebenso sogenannte Leitkultur konnten wir nie verbindlich vereinbaren. Sie war stets ein Projekt der Eliten.

Unsere Idee einer freien Welt war also keine, die vom Volke getragen wurde. Diese Idee ist uns empfohlen, ja auferlegt worden. Das war keine Volksstimme, die tief und kräftig die Idee hatte, die Welt zu missionieren. Das Volk stattdessen war beschäftigt, Steuern zu bezahlen, einen anständigen Beruf zu erlernen, sich zu vergnügen und sexuell zu betätigen.

Hier zeigt sich eine erste Entfremdung zwischen Politik und Volk. Heutzutage brechen die Volksparteien in fast allen westlichen Staaten zusammen. Sie werden durch fokussierte und ideologische Kleinstparteien ersetzt. Diese politische Entfremdung ist nur eine Folge der ideologischen Entfremdung, leider folgerichtig.

Ohne Ideen, ohne Ideologien haben wir nicht das Sendungsbewusstsein, den Planeten nach unserem Willen zu gestalten. Ohne Ideen dämmern wir quasi “geschichtslos” und “bewusstlos”. Die heutigen Eliten sind überfordert. Sie bewundern insgeheim die nun sogenannten autoritären Gesellschaften wie China oder Russland mit Ideen und Plänen.

Die Schweiz ist in dieser Hinsicht ein sehr komplizierter Fall. Die Schweiz ist sich ihrer Nichtigkeit bewusst. Die Schweiz kann keine globale Leitkultur prägen. Die Schweiz arrangiert sich lediglich. Daher reüssieren in der Schweiz seit 2000 Isolationisten politisch. Es ist der Aufstieg der SVP, die die Idee der Weltabgeschiedenheit proklamiert.

Die Schweiz ist keine führende Gesellschaft im Westen. Wir sind einfach dabei, finanzieren hier und da Projekte wie ITER, ESA, unterstützen, wo es gerade gefordert ist wie die Kohäsionsmilliarden. Wir können nicht erwarten, dass die Schweiz den Westen inspiriert und eine globale Ideologie manifestiert.

Anders die USA. Die USA haben den Westen des 20. Jahrhunderts geformt. Die USA haben eine Idee und eine Ideologie verlautbart. Die USA haben Angriffs- wie Verteidigungskriege gemeistert. Die USA haben weltweit Stützpunkte und Handelsrouten errichtet. Die USA haben Börsenplätze vernetzt, Unternehmen globalisiert, Handelsabkommen erleichtert.

Das 20. Jahrhundert war ein sehr amerikanisches. Das vormals herrschende Regime des alten Europas hat sich per 1914 erübrigt. Deutschland und Japan wollten sich jedoch nicht unterjochen. Sie wollten selber die Welt dominieren. Sie sind bekanntlich gescheitert und haben sich seitdem zu ergebenen Vasallen der USA gewandelt.

Doch die USA haben seit 2000 alles falsch gemacht. Der Afghanistan-Krieg ist offiziell irgendwie beendet, aber war faktisch ein Desaster, ein weiteres Vietnam. Der Afghanistan-Krieg war anfänglich als Strafexpedition geplant und auch ausgeführt worden. Man wollte die Terroristen endlich auslöschen.

Doch der Terrorismus war Teil unseres Systems. Man kann ihn nicht einfach ausradieren. Es ist eine symbiotische Beziehung. Zudem konzentriert sich der Terrorismus nicht an einem einzelnen Ort oder ist nicht durch eine einzige Person verkörpert. Der Terrorismus ist virtuell, er existiert als Idee und ist somit nicht konventionell bekämpfbar.

Ebenso der Irak-Krieg. Die Kriegsgründe waren grösstenteils gefälscht. Die wahre Intention, Ölreserven zu verwestlichen, kann man gutheissen. Doch die Öltechnologie war damals bereits veraltet und ist es heute noch mehr. Man hat falsch gewettet. Tragischerweise hat lediglich das Bush-Kabinett persönlich vom Irak-Krieg profitiert.

Der Irak-Krieg war somit ein Selbstbereicherungsfeldzug. Die Ideologie von Demokratie ist vorgeschoben worden, doch das Volk durchschaute das Manöver. Es ist vermutlich eine Ironie der Geschichte, dass heute China die Ölindustrie im Irak kontrolliert. Der Westen hat doppelt verloren; er hat einen Krieg finanziert und verpasste den Zugriff aufs Öl.

Präsident Cool Obama konnte Vertrauen wiedergewinnen. Er erhielt viel Kredit, alleine wegen seines Lebenslaufs. Er spürte die Wichtigkeit der automatisierten Kriegsführung und investierte in den sogenannten Drohnenkrieg. Zudem förderte er neue Schlüsseltechnologien wie E-Mobilität und wollte die westliche Institutionen wieder stärken.

Doch Obama hat sich längst vom Volk entfremdet. Seine Ideen waren zwar geopolitisch und weltpolitisch angemessen, aber er konnte sie nicht kommunizieren. Weitaus profanere Sorgen bedrückten sein Volk. Zwei Amtszeiten konnte er sich mindestens halten. Die wirtschaftliche Realität im Westen hat zwischenzeitlich das Volk eingeholt.

Das Volk kürte Trump zum neuen Führer. Das war absehbar. Trump versprach keine Weltpolitik. Trump ist der grosse Verführer und Vereinfacher. Trump ist auf seinem ganz persönlichen Feldzug, er müsse sich irgendwie beweisen. Er hält derzeit das wichtigste Amt weltweit inne. Er hat ultimativen Erfolg. Sein Narzissmus ist wohl überhitzt.

Nach zwei Jahren Trump haben die USA ihren Führungsanspruch offiziell abgetreten. Die EU derzeit bröckelt. Die schwachen Staaten werden einerseits von China, andererseits von den USA selber hofiert. Die Union, einst ein Vorzeigeprojekt des Westens, ist heutzutage der Sündenbock für alles und eine Problemorganisation für das Volk.

Wir können nicht erwarten, dass die EU eine neue globale Leitkultur entwirft. Die EU hat derzeit andere Aufgaben zu bewältigen. Sie muss ihrer Selbstauflösung entgegenwirken. Solange sie nicht stabilisiert ist, kann sie nicht führen. Ebenso die USA. Trump hat eine grosse Identitätskrise in den USA ausgelöst. Wer sind die USA und was ist ihre Rolle?

Bis auch die USA sich festigen, können Jahrzehnte dauern. Dann aber schliessen sich Optionen. Bis dahin haben andere Mächte zugeschlagen. China lauert. Anfang 2000er war China noch diskret, unauffällig. Doch seit 2016, seit Trump operiert China selbstbewusster und machtbewusster. Das ist sehr geschickt.

Der westliche Lebensentwurf erleidet eine grosse Krise. Das Volk ist irritiert, das Volk ist ohne Identität, Sinn und Aufgabe. Es gibt kein “Ich bin ein römischer Bürger”, das beseelt, motiviert und Lust entfacht. Wir werden somit einfach zugrundegehen. Die westliche Gesellschaft überaltern und büssen Wettbewerbsfähigkeit ein.

Heutzutage kann man durchaus befürchten, dass die nachfolgende Generation hier im Westen nicht noch mehr iPads, noch mehr Geld, noch mehr Wohlstand haben wird, sondern bedeutend weniger. Stattdessen werden wir uns selber bekämpfen, wir werden uns abermals selber vernichten und kapitulieren.

bd

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Der überraschende Amokläufer

Der Amokläufer war stets integriert. Er grüsste die Nachbarschaft. Er war nicht sonderlich auffällig. Er engagierte sich im lokalen Verein. Er musizierte mit einer Trompete in der dörflichen Guggenmusik. Er hatte sogar eine Freundin, eine kleine, leicht mollige Blondine aus dem Nachbardorf. Dieselbe seit acht Jahren.

Sie war durchschnittlich hübsch, ihr rundliches Gesicht und ihr hängender Busen versprachen Devotheit, entsprachen ganz den Vorlieben des Amokläufers. Man wollte glauben, sie führten eine gesunde Beziehung. Die Frage nach dem Kind war die einzige unbeantwortete. Aber so ist halt die heutige Generation, hat man sich beschwichtigt.

Seine Kindheit war unbescholten. Er wurde nie Opfer eines Skandals, er hat nie randaliert, man erwischte ihn auch nie beim Kiffen. Er musste auch nie nachsitzen. Einmal hat mit zehn Jahren ein wasserlösliches Tattoo in der Bravo-Zeitschrift geklaut. Nur eines, und er hat das gross bereut, Demut gezeigt, sich bei allen Beteiligten entschuldigt.

Die obligatorische Schule absolvierte er ohne Widerspruch. Er war zwar nicht überdurchschnittlich, aber auch nicht unterdurchschnittlich. Er war stets im Gleichschritt. Die Pubertät überstand er innert Monaten. Er wollte weder seinen Vater ermorden noch mit seiner Mutter schlafen. Er war stattdessen sportlich und sozial begnügt.

Er startete eine Lehre als Polymechaniker. Das ist der Beruf an der Schnittstelle zwischen Maschine und Material. Er programmierte CAD-Programme. Er beherrschte die Axiome der Mathematik. Nach dreijähriger Festanstellung hat er sich zum Eidg. Dipl. Betriebswirtschafter weitergebildet. Das festigte seine berufliche wie soziale Stellung im Dorf.

In seiner Single-Dasein besuchte er regelmässig eine beliebte Tanzstätte in der Region. Dort gönnte er sich das sogenannte “Flatrate”-Trinken. Für bescheidene 35 Franken durfte man den Abend lang so viel trinken wie man möchte. Er war vielmehr besorgt, dass er die 35 Franken auch wirklich wieder reinholen könnte.

Denn er interessierte sich nicht für den Rausch. Dass alle um ihn herum weitaus mehr als für 35 Franken tranken, hat ihn nicht motiviert. Im Gegenteil, die ultimativ besoffenen Zeitgenossen haben ihn verstört. Für ihn war wichtig, dass er niemals die Kontrolle verlieren konnte. Seine grösste Angst war, dass die Ambulanz ihn abtransportieren müsste.

Dass er morgens ohne Erinnerungen in einem Spital erwachen müsste. Und dass er sich nicht einmal an den Abendverlauf erinnern könnte. Er hat sich somit bloss selber geschützt. Also fuhr er mit dem letzten Bus in sein Dorf, wo er auch als Erwachsener stets wohnte. Er war nie ambitioniert, das Dorf zu verlassen.

Warum auch? Er fand Gefallen, er kannte die Nachbarschaft. Er war integriert. Er gehörte dazu. Er war respektiert. Er bezahlte seine Steuern in Akonto und pflichtbewusst. Er leistete Dienst in der Feuerwehr. Er unterstützte diverse Vereine, war in der Guggenmusik verpflichtet. Er half beim Dorffest.

Er bewohnte vor dem Zusammenzug mit seiner Freundin eine kleine Dachwohnung einer frischen Überbauung. Das heisst man heutzutage Maisonette-Wohnung. Sie war ordentlich, strukturiert und ohne Zufall. Das war die inoffizielle Junggesellenwohnung des Dorfs. Der Vormieter flüchtete nach Mietschulden und Alkoholmissbrauch in die ferne Grossstadt. Alle waren erleichtert.

Er lernte seine Freundin an einem Konzert seiner Guggenmusik kennen. In der Region treffen sich alle Guggenmusikgesellschaften einmal jährlich zu einem monströsen Konzert. Obwohl maskiert, geschminkt und unvorteilhaft gekleidet, haben sie durch ihre Körpersprache Interesse signalisiert und schliesslich beide geschickt reagiert.

Doch bevor der erste Kuss vollstreckt werden konnte, mussten sie sich näherkommen. Er führte sie zweimal ins Kino aus. Er wählte sorgfältig einen Film, der ihr auch gefallen konnte. Der erste war Shutter Island, ein langwieriger bishin zäher Krimi, aber dafür mit DiCaprio gut bestückt. Seine Freundin war begeistert, weil keine Comicverfilmung.

Der zweite Film war gleichsam erlesen, Black Swan mit Frau Portman. Ein Frauenversteher wohl. Die beiden Filme kombinierte er mit Nachtessen in einem angemessen bepreisten Lokal. Nicht zu hochgestochen, nicht zu dekadent, aber auch nicht zu billig und einfältig. Sondern exakt treffend. Einmal waren sie auch einen Cocktail geniessend.

Er bestellte einen Mojito. Sie ein wenig unsicher, verlegen, bestellte ebenfalls einen Mojito. Ein Cocktail genügte, um das Gespräch anzuregen. Mehr oder ein anderer Cocktail wären auch ein wenig zu angeberisch gewesen. Sie hatten ausreichend Zeit beim Nachtessen und Cocktails, die Vorlieben und Interessen zu erkunden.

Es war ein Match, würde man heutzutage verkünden. Nach einem scheuen ersten Kuss folgte das zurückhaltende Petting. Es war seine erste Freundin. Er hatte vorher noch keine Gelegenheit, sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Doch das verstimmte ihn nicht. Bei ihr war es genauso. Obwohl beide Anfang Zwanziger, waren sie selbstbewusste Jungfrauen.

Als er das erste Mal mit seinem Finger in ihre glühende Vagina eindringen konnte, völlig überrascht und völlig unvorbereitet, bloss durch die Lust und Extase des Augenblicks angestiftet, übermannte ihn das Schwindelgefühl tiefsten Glücks. Er musste innehalten. In diesem Moment ejakulierte er in seiner verschlossenen Hose.

Das war der einzige Moment, als er sich deplatziert fühlte. In diesem Moment hat er versagt, würde man heutzutage urteilen. Doch der Umstand beeinflusste seine Freundin. Sie entkrampfte. Weil das der Freundin unmissverständlich bewiesen hatte, dass er sie begehrte. Auch sexuell, da das vorher nicht immer zweifelsfrei war.

Fortan übernahm die Freundin die Initiative. Sie schenkte ihm etliche Orgasmen. Er später lernte auch ihre Sexualität zu verstehen und konnte sich revanchieren. Das Liebesglück entstand und wuchs gleichsam. Sie haben ihre Sexualität aber gezielt dosiert, sie nicht überbeansprucht. Sie haben gut gehaushaltet. Wohl ihr Erfolgsgeheimnis.

Nach zwei Jahren Beziehung haben sie sich entschlossen, eine gemeinsame Wohnung zu suchen. Er hat in der Zwischenzeit gespart. Auf seinem Säule 3a Konto haben sich bereits 50’000 CHF angehäuft. Das ist viel für ein 25-Jähriger. Viel, aber machbar. Er verfügte ausserdem über 30’000 CHF, die ungebunden auf dem Postkonto lagern.

Auch seine Freundin war genügsam. Sie konnte in Summe 40’000 Franken einbringen. Damit hatten sie zusammen Eigenkapital von 120’000 Franken. Rein rechnerisch könnten sie damit eine Wohnung im Wert von 600’000 Franken bei einer Eigenkapitalquote von 20% finanzieren. Mit 600’000 Franken lässt durchaus was bauen oder kaufen.

Sie wollten aber nicht bauen. Sie haben schon zu viele Baugeschichten erzählt gehört. Sie wollten stattdessen kaufen. Also haben sie fixfertiges Musterhaus erworben. In derselben Überbauung, wo er schon seine Junggesellenwohnung hatte. Er musste somit nicht einmal die Nachbarschaft wechseln. Sie haben ein Häuschen für 540’000 Franken erworben.

Sie mussten somit nicht alle Ersparnisse aufgeben. Die schweizweite Nummer 1 in der Immobilienfinanzierung gewährte eine übliche 1. und 2. Hypothek mit unterschiedlichen Bedingungen. Sie konnten den Traum vom Eigenheim nach zwei Jahren Beziehung bereits verwirklichen. Es glückte.

Sie beide waren berufstätig. Er, gelernter Polymechaniker, nunmehr Betriebswirtschafter. Sie gelernte Kauffrau, nun in der Weiterbildung zur Fachfrau Personal. Beide in der Guggenmusik involviert, aber in unterschiedlichen, damit man zuhause spasseshalber einander schelten und ecken kann. Beide integriert.

Aber er war Amokläufer. Völlig überraschend.

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Umgekehrte Sublimierung

Gegenwartsbewältigung ist meine Auseinandersetzung. Wie bewältige ich meine Gegenwart? Wie bewältige ich meinen Widerspruch? Wie kann ich mich wieder stabilisieren, damit ich im Tarnmodus innerhalb unserer Gesellschaft funktionieren kann? Das vereinfache ich als Gegenwartsbewältigung.

Ich praktiziere zum Beispiel die umgekehrte Sublimierung. Statt ich libidinöse Kraft in Kunst und Kultur vergegenwärtige, also in kluge private wie berufliche Blogs verfestige, kapituliere ich vor der Libido und der Liebe. Vielmehr, ich will mit Liebe alle meine Herausforderungen überdecken und mich zerstreuen.

In Zeiten der Veränderung, des periodischen Umbruchs, wodurch meine Verhältnisse radikal sich wandeln, bin ich besonders liebesbedürftig. Liebe befeuert mich. Mit Liebe kann ich eine Veränderung bewältigen. Ich scheue keinen Herzschmerz, ich scheue keine Sehnsucht, ich liebe überwältigend drauflos. Die Liebe übermannt mich.

Gewiss ist das ungesund. Es verzehrt meine Wahrnehmung der Liebe. Die Liebe ist dramatischer und grösser als sie vermutlich ist. Gleichzeitig überfahre ich damit die Geliebten. Diese protzende Liebe ist unnatürlich, die kann überfordern und einschüchtern. Damit gefährde ich die ehrliche und zugrundeliegende Liebe.

Ich selber kann mühelos hier darüber abstrahieren. Doch im Alltag der Liebe bin ich hoffnungslos, kann mich nicht steuern. Ich überzeichne, überdrehe, überspanne. Das blosse Innehalten wie hier jetzt schützt mich vor dem emotionalen Kollaps. Das Tagebuch und schliesslich auch dieser Blog beruhigen mich.

Ich kann damit mich gedulden, dass ich meine Liebe nicht sofort, unmittelbar und im Hier und Jetzt auskosten muss. Ich kann wieder das genügsame Warten lernen. Ich muss nicht der uneingeschränkten Befriedigung meiner Liebe erlegen. Ich kann wieder balancieren. Ich rette damit die wahre und zugrundeliegende Liebe.  

bd

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Die alternden Jungs

Die ersten Falten umranden die Augenlider. Zwar weiterhin grossgewachsen, zwischen dreissig und vierzig Jahren jung, ohne Bindung und Verpflichtung, stattdessen lukrativer Beruf in einer Grossstadt. Strebsamst, nicht altern zu wollen, vagabundieren die Jungs in den Bars und Clubs einer Grossstadt.

Der Donnerstag ist der Jungsabend. Die Jungs verabreden sich für gewöhnlich zur selben Zeit am selben Ort. Frauen sind erwünscht insofern, als sie keine Freundinnen sind. Denn bekanntlich bremsen Freundinnen ihre Jungs. Sie haben immer eine domestizierende Wirkung, auch wenn sie das abstreiten und lässig-locker sich gerieren.

Die alternden Jungs diskutieren über ihre Liebschaften, spontanen Bekanntschaften, über ihre beruflichen und familiären Herausforderungen. Sie plaudern über den Weltgeist, die Weltpolitik. Sie teilen neueste populärwissenschaftliche Erkenntnisse ihrer persönlichen Neigung. Manchmal vertiefen sie sich in Geschichte, bevorzugt Zweiter Weltkrieg.

Die Gespräche können entweder persönlich-intim enden oder allgemein-distanziert bleiben. Die Besetzung der Runde bestimmt die Gesprächskultur. Sobald der eine Junge aufdreht, also den gemeinsamen Alkohol-Pegel überschreitet, kann eine Debatte boulevardisiert werden. Dann überwinden Busen, Blut und Büsis die übrigen Inhalte.

Der Abend beschränkt sich nicht auf die Bar. Die Bar ist bloss das persönliche und Beziehung festigende Ritual. Der Abend wird in einem Club vollendet. Im Club sind die Jungs längst nicht mehr die jüngsten. Sie sind mindestens zehn Jahre über dem Durchschnitt geraten. In der Bar fiel das nicht auf, weil sie einen Mikrokosmos gründeten.

Aber auf der Tanzfläche ist der Altersunterschied öffentlich sichtbar. Die Jungs wollen davon sich nicht beirren lassen. Sie poltern an der Bar, bestellen Shots, grölen und begutachten die Ärsche der weitaus jüngeren Frauen. Der Mutigste tanzt. Nach fünfzehn Minuten jedoch schwitzt der Mutigste bereits. Er muss pausieren, heisst rauchen.

Die Übrigen rasten im Raucherbereich. Dort wollen sie die angefangenen Gesprächsthemen fortführen. Das gelingt nicht. Stattdessen lassen sie ein unangenehmes Schweigen entstehen, das sie mit Nostalgien aufbrechen wollen, indem sie auf vergangene Ereignisse in ebendiesem Raucherbereich verweisen.

Die dem Altersdurchschnitt angemessenen Jungs feiern. Sie sind selbstversunken in ihren Cliquen. Sie bemerken die alternden Jungs nicht. Sie fühlen sich nicht gestört. Das ist das Los einer liberalen Gesellschaft, dass unterschiedliche Lebenswirklichkeiten gelegentlich an einem Ort sich verdichten und transparent werden. Das muss man aushalten können.

Die alternden Jungs können sich nicht amüsieren. Nicht so wie vorgestellt. Nicht so wie früher. Zunächst belasten sie ihre Alkoholvermögen. Das anfängliche Bier ist rasch ersetzt, sie wechseln zum Club Mate mit Schuss, der ultimative Kraftstoff aus Berlin für alternde Jungs aller Grossstädten. Zucker, Alkohol und Koffein gemixt.

Doch auch Club Mate kann die Müdigkeit der alternden Jungs nicht lösen. Vermutlich kein Alkohol. Allmählich ist schon nach Mitternacht. Entweder Party jetzt oder nie. Deswegen kontaktieren sie einen weitere Kollegen. Der kann etwas Aufmunterndes liefern. Für hundert Franken kann die kleine Runde aufgerüstet werden. Deal.

Beschämt verstecken sich die alternden Jungs aufm Frauenklo. Dort rupfen sie den Stoff. Sie teilen ihn brüderlich. Sie projizieren Feiern, Freiheit und unendliche Libido. Gewiss hat der Stoff eine fragwürdige Herkunft. Er ist in einem Klopapier eingewickelt. Die Qualität ist der Uhrzeit und der Quelle entsprechend. Man darf um 01:30 nichts erwarten.

Nichtsdestotrotz konsumieren ihn die alternden Jungs. Vermutlich ist der Effekt auch bloss ein eingebildeter. Das ist unerheblich, die Wirkung entscheidet. Mit ausgedehnten Pupillen verlassen sie seriell das Frauenklo. Sie versammeln sich wieder auf der Tanzfläche. Sie zünden eine beherrschte Extase. Sie probieren, Ausdrücke zu tanzen.

Das gelingt einzelnen, aber nicht allen. Der Tanz ist gekünstelt, einstudiert und von monotonen Abläufen durchzogen. Sie versuchen die Aufmerksamkeit der jüngeren Frauen zu erlangen, aber vergebens. Die jüngeren Frauen sind bereits ausreichend vergnügt mit ihren angemessenen Jungs.

Der Stoff ist bekanntlich mangelhaft, die Wirkung bloss virtuell. So befallen erste Zweifel die alternden Jungs ob ihrem Tun. Die Sinnhaftigkeit ihres Daseins hier auf der Tanzfläche kann durchaus bestritten werden. Gewöhnliche Jungs ihres Alters schlafen bereits, sie hausen in genormten Reiheneinfamilienkabinen in der Agglomeration der Grossstadt.

Eine erzwungene Ekstase ist keine. Eine Ekstase ist natürlich und spontan. Sie kommt und vergeht. Sie kann nicht dosiert werden. Sie ist binär. Die grösste Extase entsteht, wenn sie nicht geplant ist. Sie beginnt unscheinbar, unerwartet, und überrascht einen mit einer gewaltigen Wucht. Sie kann sich überall entladen, nicht bloss auf der Tanzfläche.

Der uninspirierte Tanz der alternden Jungs erschlafft immer mehr. Man möchte diesem Verwelken nicht zuschauen müssen. Die alternden Jungs spüren das. Sie haben jetzt folgende Optionen. Entweder kapitulieren sie, ziehen sich geordnet zurück, essen einen Döner, onanieren kurz im Badezimmer, vergessen die Nacht.

Oder sie beschleunigen. Sie erhöhen die Dosis, sie beschaffen besseren Stoff, sie trinken effizienteren Alkohol, sie feuern sich gegenseitig an, dass heute der magischer Abend sei. Entweder-oder. Das muss jeder persönlich wählen. So separiert die Gruppe sich das erste und nicht das letzte Mal.

Die Vernünftigen verabschieden sich. Sie werden nicht gehindert. Weil alle sind der allgemeinen Ausweglosigkeit sich bewusst. Man wünscht gegenseitig sich viel Glück und Besinnung und einen sogenannten Endsieg; die Erlösung von allen Sinnen. Der Endsieg ist der angestrebte Zustand völliger Selbstauflösung.

Die Unvernünftigen oder vielmehr Suchenden organisieren einen besseren Stoff. Erneut verbarrikadieren sie sich im Frauenklo. Sie starten die nächste Stufe. Auf der Tanzfläche können sie nun endlich ihre Darbietung intensivieren. Sie überleben problemlos die nächste Stunde. Plötzlich erklingt “One More Time” von Daft Punk.

Das Lied signalisiert die Polizeistunde. Den Jungs ist aber nach “Drei Tage Wach”. Also müssen sie den Club wechseln. In der Grossstadt ist das unproblematisch. Nach vier Uhr nachts beginnt die sogenannte Afterhour. Dort lungern weitere alternde Jungs und auch Mädchen, die nicht resignieren können.

Ein gewöhnlicher Familienvater gleichen Alters verirrt sich niemals in so ein Lokal, das erst um fünf Uhrs nachts einen Höhepunkt zelebriert und das Rauchen in allen Räumen erlaubt. Ein gewöhnlicher Familienvater hat gewiss etwas davon gelesen oder kennt jemanden, der mal dort war. Ein gewöhnlicher Familienvater beendet in Würde den Abend.

Die alternden Jungs sehnen sich nach dem Endsieg. Sie provozieren eine Entscheidungsschlacht. Also torkeln sie in den Afterhour-Club. Ein Taxi befördert sie rasch und unkompliziert. Den immer noch hohen Eintritt berappen sie widerstandslos; niemand murrt, niemand beklagt den Preis, wo manche sonst sehr preissensitiv sind.

In diesem Club muss man sich nicht im Raucherbereich zurückziehen. Denn der komplette Club ist ein Raucherbereich. Man muss bloss den richtigen Raum wählen. Manche Räume sind zum Knutschen vorgesehen, manche zum Diskutieren und eben ein anderer zum Tanzen. Die alternden Jungs trotten zum Tanzraum.

Mittlerweile hat sich auch die Wirkung der zweite Stufe verflüchtigt. Dennoch sind die alternden Jungs bemüht, keine nachlassende Wirkung einzugestehen. Sie aktivieren ihre Reserven, die sie unter der Woche in ihren Bürojobs angehäuft haben, die sie aber nicht klüger zu verwenden wissen.

Diesmal können sie Aufmerksamkeit generieren. Ebenso gleichzeitig alternde Frauen signalisieren unbewusst Interesse, das sie aber mit ihrer geprüften und verlebten Coolheit überspielen, weil sie nicht als leichte Mädchen vorverurteilt werden wollen, obwohl sie mit mindestens sechzig Männer der Grossstadt intim waren.

Man kennt sich schon von vergangenen Nächten. Es ist kein Erstkontakt. Die einen haben bereits miteinander geschlafen. Das Szenario war ähnlich. Morgens um fünf Uhr irgendwie abgeschleppt oder abgeschleppt worden. Das ist nicht mehr eindeutig rekonstruierbar. Danach mit dem Taxi heim, in die verdreckte Wohnung.

Ein wenig in der Küche geknutscht, weil es so aufregend ist. Danach Hand-in-Hand ins Schlafzimmer. Doch leider kam es nie zum Geschlechtsakt. Einmal musste sich die gleichzeitig alternde Frau übergeben. Ein andermal konnte auch mit manuellem Nachdruck der Penis des alternden Jungs sich nicht angemessen heben.

Man ist eigentlich alt genug, um zu wissen, dass eine sexuelle Begegnung um fünf Uhr morgens nach mehreren Linien Aufmunterndes und mehreren Litern Alkohol sehr wahrscheinlich nicht fruchten mag dergestalt, wie man sich das eigentlich wünscht. Aber hier will man sich blenden und will im Einzelfall es besser wissen.

Der eine lässt sich also verführen. Er ist besessen von seiner Potenz. Er will heute sich selber etwas beweisen. Die eine gleichzeitig alternde Frau ist empfänglich. Sie weiss ebenso, dass männliches Stehvermögen um diese Uhrzeit ausgestorben ist, zumindest in diesem Afterhour-Club, im Bordell gegenüber hoffentlich weniger.

Sie möchte sich nicht mehr so leer und einsam fühlen. Sie möchte erfüllt und gefüllt werden. Sie braucht den alternden Jungs für ihre Zwecke. Der alternde Jungs sie ebenfalls. Daher ist das eine akzeptierte Zweckbeziehung, die beiden dient. Doch auch heute werden beide nicht erreichen, wonach sie trachten. Sie werden gleichzeitig sich enttäuschen.

Die übriggebliebenen alternden Jungs quetschen weiterhin ihren Körper, überbeanspruchen die letzten Reserven. Sie ordern weitere Shots. Wer um sechs Uhr morgens in einem Afterhour-Clubs noch Shots schlucken muss, kann den Endsieg wohl schon bald greifen. Denn diese Shots verschütten das letzte Bewusstsein unserer alternden Jungs.

Denn fortan dämmern sie im Zustand des Endsieges. Sie pöbeln mit Wildfremden. Sie wollen sich selber verletzen. Im Zustand des Endsieges obsiegt der Todestrieb. Man will sich gegenseitig vernichten. Die alternden Jungs sind weder in der Verfassung noch in der Veranlagung, dass sie eine Schlägerei mit fitten und kräftigen Jungs überdauern könnten.

Insgeheim wissen sie das auch. Sie wollen erniedrigt und verprügelt werden. Sie wollen sich ultimativ körperlich wieder spüren. Sie opfern sich. Die Schlägerei ist entfacht. Die alternden Jungs wollen sich heroisch gebieten, doch sie scheitern. Sie werden nacheinander bewusstlos geschlagen. Nun liegen sie da.

Sie erwachen alle im Spital. Alleine der Transport wird sie finanziell stressen. Auch die Behandlungskosten müssen sie selber schultern, da sie nachweislich zu viel Alkohol und andere Drogen konsumiert haben. Sie gratulieren sich gegenseitig, alles richtig gemacht zu haben. Sobald sie wieder können, werden sie wieder wollen.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Beim Coiffeur

Ich bin für den Alltag nicht sonderlich begabt. Ich verabscheue Hausarbeit, ich meide Ärzte und einkaufen will ich bevorzugt nur online, weil aufm Sofa hängend. Gelegentlich muss ich mich überwinden. Einmal jährlich besuche eine Dentalhygienikerin, die meine Zähne säubert. Und einmal quartalsweise bin ich beim Coiffeur, der meine Mähne stutzt.

Ich habe keinen bestimmten Coiffeur ausgewählt. Mein Coiffeur muss nicht in einem ehemaligen Bordell residieren, muss kein Wortspiel mit Haar im Namen riskieren, muss nichts Besonderes sein. Mein Coiffeur ist funktional, schneidet meine Haare, will nicht mit mir Freundschaft und Vertrautheit simulieren. Er schweigt und macht seinen Job.

Als ich noch in Olten wohnte, hatte ich automatisch den Coiffeur meiner Grossmutter genutzt, damit ich Coiffeur mit Besuch der Grossmutter kombinieren konnte. Das war sehr praktisch, zwei Termine mit einem Termin zu erledigen. Seit ich in Basel wohne, bin ich noch leidenschaftsloser bei der Wahl meines Coiffeurs geworden.

Ich favorisiere einen Coiffeur in meiner Nähe. Ich will nicht die halbe Stadt durchqueren. Ich will spontan vorbeilaufen, Termin vereinbaren und wieder mich verabschieden. Ich will nicht anrufen, weil das vergesse ich. Also suchte ich einen Coiffeur in meinem Viertel. Mein Viertel hat zwei Restaurants, eine Bar, eine Bäckerei, eine Apotheke, einen Kiosk, eine Post.

Und ungefähr zehn Coiffeurs. Ich habe die Strasse gewählt mit den meisten Coiffeurs. Ich habe um einen spontanen Termin mich erkundigt. Der erste Coiffeur, der gerade frei war, sollte meinen Default werden. Das war Gino. Ein lebensfroher Italiener, der gerne schöne Frauen beschäftigt. 62 mittlerweile, aber wirkt jünger.

Ich war in den letzten zwei Jahren ungefähr fünfmal dort. Ich habe mich anfänglich gegen Ginos Regime gesträubt. Ich wolle keine Haare waschen, ich wolle nichts zu trinken, ich wolle keine Unterhaltung erzwingen. Mittlerweile habe ich gänzlich kapituliert. Ich mache, was Gino fordert. Ich kaufe sogar seine überteuerten Produkte.

Vermutlich erzielt er mit diesen Produkten mehr Gewinn als mit dem eigentlichen Haareschneiden. Denn Produkte skalieren immer, Haareschneiden hingegen nicht, weil ist an der Ressource Mensch gebunden, die man nicht beliebig vervielfältigen kann. Jede Mitarbeiterin in Ginos Laden erhöht die Komplexität desselben.

Ich leiste noch einen kleinen Widerstand: Ich spendiere kein Trinkgeld. Weil das mir unangenehm ist. Ich will nicht anerkennen, dass Gino seine Frauen nicht ordentlich bezahlt. Ich will auch nicht Scheinheiligkeit belohnen. Ich wüsste auch nicht, wie ich das Trinkgeld bemessen soll. Nach Nettigkeit? Nach Brustumfang?

Meine Miene ist immer erstarrt. Ich kann einfach nicht lächeln. Auch wenn Gino lächelt, pfeift, summt und immer wieder seine Damen kommandiert. Ich sitze auf dem Stuhl, ich hoffe, dass Gino sich beeilt. Ich will nicht, wie und dass meine Haare geschnitten werden. Ich bin unruhig, ungeduldig, bishin mürrisch. Ich mag nicht dort sein.

Ebenso unangenehm ist das Haarewaschen. Immer dieselben Fragen: Ist der Druck angemessen? Ist die Temperatur wohltuend? Will ich ein neues Shampoo auf Ginos Empfehlung hin ausprobieren? Will ich einmal oder zweimal waschen? Wann habe ich das letzte Mal gewaschen? Und so weiter.

Glücklicherweise dauert der Besuch beim Coiffeur maximal dreissig Minuten. Ich entscheide mich immer für dieselbe Frisur. An der Seite bitte auf zwölf Millimeter kürzen. Ein wenig rasieren. Augenbrauen bereinigen. Fertig. Keine grosse Herausforderung. Ich bin wohl ein dankbarer Kunde; ich bin bequem, murre nicht, korrigiere nicht.

Den Tipp eines Arbeitskollegen werde ich nicht folgen, beim Coiffeur während des Termins sofort einen nächsten zu vereinbaren, damit man im Takt bleibt. Ich will mich nicht nötigen, wieder an den Coiffeur zu denken. Deswegen sind meine Zyklen unregelmässig und bishin quartalsweise. Für mich ist das okay so.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Im Raucherbereich

Ich verweile in einem Cafe, das einen alten Regionalzug der SBB imitiert. Hier ist Rauchen erwünscht. Das lockt einen besonderen Schlag Mensch hierher. Ich gehöre dazu, weil ich rauche. Es sind Franzosen und Asylanten hier, sozial Ausgestossene mit ihren eingereisten Frauen, die hier einfach sein dürfen.

Im Stockwerk darüber wartet eine grosse und prächtige Halle. Dort schmücken sich die Jungmütter und Jungvater mit dem Nachwuchs. Man plaudert und trifft sich hier, man fühlt sich dabei urban und modern. Die Limonaden sind teils lokal produziert, teils von Deutschland oder Frankreich importiert.

Wer will, kann auch eine Pizza bestellen, die mit hauptsächlich lokalen Zutaten hergestellt ist. Das Gebäude hat auch die vergangene Volksinitiative für ein bedingungslose Grundeinkommen ausgebrütet. Es thront neben der Hauptpost Basels, zentralste Lage somit. Das Personal ist ausgesucht sozial schwach.

Hier werden Minderheiten geschätzt. Asylanten sind willkommen. Auch Heimatlose wie ich dürfen hier sich wärmen. Die grossen Städte haben alle solche Orte, wo der Konsum zweitrangig ist und wo die spontane Begegnung mit allen Schichten stattfinden soll. Im Nichtraucher-Bereich sind Tageszeitungen ausgelegt.

Manche besuchen den Ort bloss, um einen Cafe zu geniessen und eine geistige Zeitung zu studieren. Es sind sozial höhergestellte Männer wie Frauen, die diese Institution öffentlichkeitswirksam unterstützen wollen. Denn im Cafe ist man ausgestellt. Die Flaneure der Stadt können einen beobachten.

Als Gast hat man die Wahl zwischen einem Blick nach Draussen oder nach Innen. Die Stühle sind sorgfältig sortiert und fordern eine Entscheidung. Ich entscheide mich für eine Innenperspektive. Wer an der Falknerstrasse spaziert, interessiert mich nicht. Wenn ich mich ablenken will, kann ich meinen Kopf drehen.

An diesem Ort fühle ich mich wohl. Ich muss nichts simulieren oder künsteln. Ich darf einfach mich absetzen. Ich werde nicht beäugt, weil ich alleine und ohne Gesellschaft hier bin. Dieser Ort ist auch für Telearbeit bekannt. Im Nichtraucher-Bereich sind Laptops deswegen verboten. Man will keine nicht persönlich kommunizierenden Wifi-Nomaden.

Telearbeit ist erwünscht stattdessen im oberen Stockwerk, in der grossen Halle. Dort hat man den selbständigen Entwicklern, Grafikern und Studenten eine Zone zugewiesen. Sie dürfen dort auf ihre silbernen MacBooks starren, mit dem obligaten Kopfhörer Schall dämpfen. Eine immerzu überlastetes Wifi ohne Garantie und Sicherheit ist offeriert.

Ich habe die Halle auch schon für einen beruflichen Workshop genutzt. Wir haben ein Packpapier an die Fensterfront geklebt. Die nicht mehr berufstätigen Müttern haben uns gemustert. Sind wir hippe Kreative? Wir haben lediglich eine klassische Retrospektive durchgeführt. Mehrere Kinder wollten mit unseren bunten Zetteln spielen.

Sie durften. Doch wir erklärten, dass wir das Arbeit nennen. Aussenstehende oder ehemals klassisch arbeitende Jungmütter können nicht reproduzieren, wie man in einem Cafe “arbeiten” kann. Immerhin tranken wir keinen Alkohol. Das ist ohnehin verpönt während einer Retrospektive, weil sie deren Ernst mindert.

Ich beende meinen Aufenthalt hier aber nach mindestens fünf Zigaretten. Danach bin ich vollgeraucht. Und ich möchte nicht riskieren, dass ich meinen Platz verliere. Denn hier ist man nicht bedient. Man kann zwar einen Platz andeutungsweise mit einer Jacke reservieren, doch das ist nicht verbindlich und ohne Gewähr.

So muss ich stets nach einer Ladung das Cafe verlassen. Das könnte ich vermeiden, wäre ich nicht alleine oder würde das Gespräch mit einem Nachbarn provozieren, der mir einen Platz freihalten könnte. Doch dazu bin ich selten fähig, wenn ich alleine hier bin. Dann will ich einfach alleine bleiben.

bd

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