Unbestimmt

Mein bevorzugter Zustand

Ich möchte nicht nachdenken, ich möchte nicht Konsequenzen tragen müssen. Ich möchte stets fliehen, rasen und hasten. Ich möchte vergessen, was geschah. Ich möchte alles, hier und jetzt, und morgen nachdoppeln. Ich möchte stets einen Zustand der endlosen Manie erleben, stets unbeschwert, enthemmt und entkoppelt mich fühlen.

Ich möchte weder Steuer erklären noch mit Geld haushalten, weder Toiletten schrubben noch Pflanzen giessen müssen. Ich möchte von alldem nichts wissen. Ich möchte immerzu jauchzen, ohne Bedingung leben, ohne Verpflichtungen sterben. Irgendwie alles zudem, aber nichts wirklich. Alles haben, nichts müssen. Und stets sein.

Ich möchte an einem Ort mich konzentrieren. Ich möchte alle Energie verdichten, ich möchte manisch tanzen, überborden; Sitte und Ordnung verlieren. Ich möchte ausbrechen, nicht mehr routiniert mich selber beüben, mich stets mässigen. Ich möchte mich nicht entscheiden, ich möchte nichts abwägen müssen.

Alles, und nicht nichts. Alles hier und jetzt. Ich könnte stundenlang darüber schwärmen. Ich könnte mein Umfeld anstecken und begeistern. Ich könnte motivieren, anstacheln, Ehen brechen, Abstinenzler überwinden. Alles verballern, alles riskieren, alles verlieren. Ich kann bloss so atmen, mich bewegen und überleben.

Alle Versuche, mich zu zähmen, sind gescheitert. Kein Kind kann mich jeweils domestizieren, keine Frau vermochte oder mag je vermögen, obwohl ich stets dafür tendiere. Auch die Arbeit, eigentlich die grosse Anstalt, kann mich nicht erziehen. Nichts, der Staat ist vollends gescheitert, wer aber zugegebenermassen nie beauftragt wurde.

Wie weiter? Ich geniesse diesen Zustand solange als möglich, solange ich noch kann. Bevor irgendwas, irgendwer mich zurückholt, wieder erdet, wieder erinnert, dass ich ebenso sterblich, ebenso vergänglich und ebenso gekettet bin wie alle anderen, die hier bloss einsam und unbefriedigt fristen, langsam sterben und sich selber bedauern.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Wieso Zürich?

In Zürich konzentriert sich die schweizerische Wirtschaft sowie Kultur. Eine mittelgrosse Stadt, nett am Ufer eines in die Voralpen reichenden Sees, entwässert durch einen entspannten Fluss. Drei Hügel umrahmen die beschauliche Stadt. Der Bahnhof zählt zu den meistfrequentierten der Welt. Die Menschen zu den wohlhabendsten.

Seit einigen Monaten lebe ich Basel. Olten musste ich verlassen. Ich fühle mich verpflanzt, fremd. Das fühle ich mich auch stets, wenn ich beruflich Zürich besuche. Die Einfahrt in die Stadt fasziniert mich hingegen. Ich beobachte gerne die Europaallee wachsend. Jedesmal entdecke ich weitere Bürokomplexe oder wuchtige Apartmentbehausungen. Schön.

Die Männer sind sehr einheitlich gekleidet. Im Sommer die Weisshemder sommerlich mit Mokassins, die übrigen jahrezeitenlos mit Espadrilles. Die Fülle beeindruckt mich stets. Die Haare entweder seitlich oder rückwärts gekämmt, im Default akkurat geliert. Bei der Sonnenbrille bin ich verunsichert, jedenfalls konsequent mit Sonnenbrille.

Ob Banking, Finance oder Startups, gerne Fintech, Insurtech oder Consulting – sie sind alle Associate und wollen sich beschleunigen. Ich kenne keine, doch alle mit ihrem Titel. Auf LinkedIn followen und liken sie angelsächsische Beiträge, deren Inhalt sie kaum verstehen. Abends posieren sie vorm Coco mit überteuerten Grilladen.

Zürichs Speckgürtel dafür döst. Zürich kannibalisiert jegliche Autonomiebekundungen des Umlandes. Alles will, alles tendiert nach Zürich. Selbst Aarau ist nunmehr Zürich West, seit der der Baregg keine natürliche Autobahnbarriere mehr symbolisiert. Die Tuchlaube verdämmert, das KBA von den Jüngeren längst vergessen.

Die halbe Schweiz strebt nach Zürich. In Zürichs Gassen verwildern die schweizerische Dialekte; sie alle nivellieren zur Zürcher Einheitssprache. Die entschlossenen Ausländer wiederum verjüngen die Stadt; produzieren Nachwuchs, den sie im fern-nahen Institut Montana platzieren. Derweil die Einheimischen sich als etwas Besonderes einbilden.

In Zürich verbreitet sich der Hipster ähnlich rasant wie den übrigen westlichen Weltstädten, ob Berlin, Paris, Wien oder sonstwo. Sie dominieren mittlerweile die lokalen Kulturen, beeinflussen mit ihrem Kaufverhalten ganze Industrien. Ich bin in dieser Hinsicht mitschwimmend, weil ich deren Güter, sozialen Errungenschaften konsumieren.

Ich bin ziemlich verkrampft im Umgang mit Zürich. Fühle ich mich minderwertig? Fühle ich einen zu strengen Wettbewerb in Zürichs Gassen? Fühle mich zu wenig selbstsicher, um in Zürichs Lokalen auftreten zu können? Kaum, bislang war ich in Zürich erfolgreich. Ich möchte einfach nicht me too sein; also auch in Zürich sein, bloss weil alle dort sind.

bd

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Ohnmächtig gelebt

Vermutlich starteten wir alle das Erwachsenwerden mit klaren Vorstellung. Mit klaren Vorstellung, wie und wie nicht wir leben wollten. Wir konnten uns gewiss abgrenzen. Manche wollten durchfeiern, drei Tag lang wach bleiben, verreisen und unaufhörlich entdecken. Andere träumten früh vom Heimchen und Kindchen und Häuschen an der Dünner. Alles gültig, wahr.

Wir starteten mit einigermassen klaren Konzepten. Die Eltern, wenn anwesend und nicht gerade selber ausgehebelt, wollen uns weismachen, dass unser aller Leben irgendwie doch begrenzt sei, denn irgendwas forme und standardisiere und mässige uns stets. Sei es die Arbeit, der finanzielle Druck oder das andere Geschlecht. Freilich mit guten Absichten.

Sooderso waren wir nicht empfänglich für solche Ratschläge. Wir wollten reüssieren. Wir wollten bewegen, wir wollten empfinden, wir wollten Freiheit, Unabhängigkeit erlangen. Wir wollten uns nicht mehr länger rechtfertigen, für nichts und niemanden. Vor allem nicht für den Leichtsinn, unsere Nächte, Eskapaden und diversen Schulden.

Doch schon früh disziplinierte uns das Umfeld. Ob Matura, Lehre oder weder-noch, alle mussten liefern, mussten früh sich einordnen. Die unbeschwerte reine Schulzeit war rasch vergessen. Alsbald mussten wir Geld verdienen, Krankenkassenprämien kalkulieren, Sozialversicherungsabgaben inkludieren. Im System erwachsen.

Wir balancierten, seiltanzten. Der Wochenendrebell entstand, ein belastbares Konzept des permanenten und wiederholten Eskapismus. Montags bis freitags simulierten wir gewisse Normalitäten, kastrierten uns selber; gehorchten den Eltern und Lehrmeistern, den sozialen Anforderungen. Eine Schule des Lebens, Schein und Ordnung wahren.

Doch freitags konnte nichts uns nunmehr aufhalten. Wir waren entzündet. Die ersten Joints zirkulierten in der 2. Klasse der Regionalbahn. Wir alle verlängerten den Feierabend am Bahnhof, Dosenbier und noch mehr Marijuana. Ein Ausnahmezustand. Wir ernährten uns von Malibu Orange, Gummibärli, Bier und Hanf – bis sonntags.

Das war die kleine Illusion einer Freiheit, eines selbstbestimmten Lebens. Das Wochenende gehört uns. Wir dienten, verrichteten unsere Pflicht unterwöchig, doch am Wochenende waren wir frei und ungestüm. Das war unser Selbstverständnis, unsere Droge, unser Soma. Montags ärgerte aber eine unbestimmte Verspätung im Pendlerverkehr: Personenunfall.

Die ersten ernsthaften Paarbeziehungen etablierten sich. Das Wochenende war plötzlich auch Arbeit. Arbeit an der Partnerschaft. Zwecklose Beziehungen, nicht immer durch leidenschaftlichen Sex motiviert respektive legitimiert. Manchmal auch ein Funktionieren bloss, das dem unterwöchigen Ablauf glich, lediglich anders betitelt.

Das reduzierte die vormals maximale Wochenendefreiheit. Die individuelle Freiheit war nun als eine Verhandlungsmasse einer Paarbeziehung aufgedeckt; das Spiel mit Geben und Nehmen, mit Kredit und Schuld hat sich durchgesetzt. Das vormalige Lebensmodell war durchtrennt. Für unbefriedigenden Sex, für den Fernsehabend der ewigen Kompromisse.

Gewisse Paarbeziehungen verfestigten sich. Andere endeten in Kinder oder in Trennung. Wer konnte, flüchtete in flüchtige Beziehungen; in schnellen, oberflächlichen und unbefangenen Sex mit unbekannten Menschen, ebenso flüchtig kennengelernt um vier Uhr morgens oder im verruchten Internetz, wo vormals unvorteilhafte Frauen einen zweiten Frühling erleben.

Anderen konnten sich nicht mehr rechtzeitig retten. Deren Leben war immer mehr durchorganisiert. Nicht bloss die Paarbeziehung strukturiert den Alltag, sondern auch die nahenden Kindchen ruinieren den Rest der individuellen Selbstbestimmung. Kinder vernichten jeden Individualismus; sie entfremden vom eigenen Leben.

Seitdem trotten wir durchs Leben. Jeden vierten Dienstag im Monat dürfen wir zwei Stunden auswärts trinken. Doch maximal zweieinhalb Bier, nicht zu viel, denn wir müssen stets einsatzbereit sein. Das Natel observiert unsere latente Vergnügungssucht, Heimchen und Kindchen wachen und verurteilen jede Verspätung oder Nichtmeldung.

Wir freuen uns auf balde Ferien. Diese verdoppeln unsere Last. Wir spurten durchs fremdbestimmte Programm der Heimchen und Kindchen. Müssen entweder wochenlang an irgendwelchen fernen Stränden uns langweilen oder möglichst viele Sehenswürdigkeiten gleichzeitig besichtigen; irgendwelche aufregenden antiken Porzellansammlungen.

Glücklicherweise ist das Leben aber endlich. Man hat zwar gelebt, aber bloss ohnmächtig, ausgeliefert. Man ist zwar statistisch erfasst worden, doch einen Sinn konnte das Leben nicht stiften. Man stirbt als Sozialversicherungsnummer, die Nachwelt würdigt das Erbe und den steten guten Willen. Rasch ist man vergessen. So wie man sich einst selber.

bd

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Ein aktueller Zustand

Gewiss erwartet meine nunmehr verkleinerte Leserschaft einen Bericht über das Papiwerden, übers Wickeln und sonstigen neumodischen Vateraktivitäten. Oder wie ich das Kindchen auf Strassen Basels schubkarre. Oder wie die Paarbeziehung aufgrund erweiterten Ansprüchen komplizierter nun sich ausgestaltet. Nichtsda.

Ich überlebe wie gewohnt. Zwar müder, erschöpfter, schlafloser, manchmal allem mehr überdrüssiger als üblich. Ansonsten einigermassen stabilisiert. Nicht beruhigt, nicht gänzlich sediert und kastriert, aber immerhin den Möglichkeiten maximalst eingeschränkt. Das Haus spontan verlassen? In Olten feiern? Ausgeschlossen.

Ich habe jüngst die Göttliche Ordnung auf Basels Münsterplatz verfolgen dürfen, eine kurzweilige Komödie über den Sinneswandel eines gezähmten Heimchens, das in der fernen Grossstadt Zürichs ihren Tiger und den Mehrwert des hängigen Frauenstimmrechts entdeckt. Eine Art Heimspiel in Basel-Stadt, ein klassisch progressiver Halbkanton.

Gleichzeitig veröffentlicht der hier bereits im Stadt-Land-Kontext zitierte Benjamin seine Dystopie, eine radikalisierte Stadt-Land-Gesellschaft, die in der selbstgewählten Autonomie der Städte endet. Gleichzeitig brilliert Dimitri im Verdrängungskampf der Generationen. Und die Futuristen tobten, brüllten, tranken und vagabundierten mit Mutters Camper.

Und nebenbei durfte ich erfahren, dass Basel-Stadt den Erwerb eines elektronischen Stramplers mit ungefähr tausend Franken subventioniert, unabhängig des Realeinkommens, sondern im Giesskannen-Metapher. Ich hätte anders priorisiert, muss mich wohl aber erst an das politische System Basel-Stadts gewöhnen.

In diesem breiten Kontext altere ich. Ich werde privater, zurückgezogener. Ich werde automatisch häuslicher. Ich werde nicht mehr so oft ausbrechen können. Ich werde gewiss arbeiten, Geld verdienen und so weiter, dort weitere Geschichten bilden. Doch abseits davon muss ich haushalten, geduldig und nachsichtig bleiben.

bd

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Der Königsmörder

Eine kleine Kränkung, Verletzung kann dich ziemlich weit motivieren, antreiben; sie kann deinen Weg beschleunigen. Ich habe beobachtet, wie ein gewöhnlicher Angestellter, nicht übermässig engagiert, sondern mehr bestrebt, das Leben gemütlich sich einzurichten – also wie eine solche Person hinauswachsen konnte und politische Gegner niederstrecken musste.

Dessen schnelle Karriere beeindruckte mich. Man spekuliert über seine Anstellung, ob eine dritte Person die Entscheidung beeinflusste. Denn fachlich wie menschlich konnte er nicht überzeugen. Er ähnelte einem untersetzten Koch, der grösstenteils im Innenhof Nikotin verdampfte. Nebenbei konzipierte er seine Doktorarbeit über die Unternehmenskultur. Sehr ungleich.

Er nannte einige als Freunde. Der eine verantwortete, dass er dort war, die restlichen hat er im Nachhinein geschart. Sie alle stammen vom lokalen Mitbewerber; man kennt sich. Sein ehemaliger Vorgesetzter verfolgte andere Prioritäten und hat deswegen ein Team zurückgelassen, das er sofort übernehmen und im Portfoliosinn vergrössern konnte.

Die Beziehung zum ehemaligen Vorgesetzten war belastet; sie waren nun hierarchisch gleichgestellt. Er durfte mittlerweile über ein grösseres Budget walten als sein Konkurrent; auch organisierte er die wichtigere Projekte – doch bis auf das eine, das einer grossen Veränderung, die alles hinterfragt, alles umbaut und eigentlich jeden betrifft.

Im Verlaufe des Jahres hat sich die obere Führungsriege selber gesäubert. Ein neuer starker Mann sollte die überkommenen Strukturen aufbrechen, sollte das Unternehmen in ein goldenes Zeitalter grosser Gewinne zurückführen. Der ehemalige Vorgesetzte wollte sich positionieren, kommunizierte offen und ehrlich; er skizzierte eine gut dotierte Stabsstelle.

Doch unser gewöhnlicher Angestellter war nachtragend. Er war entschlossen, er wollte sich selber überwinden; er wollte Macht spüren, Macht ausüben – und die vergangenen Demütigungen vergessen. Er möchte niemals wieder Koch genannt werden. Niemals wieder; er der nebenbei doktoriert, Frauchen und Kindchen im Wiesental nährt.

Die Ambitionen seines ehemaligen Vorgesetzten waren offenkundig, sie wurden auch nicht ernstgenommen. Er agierte nicht ausreichend professionell-gerissen. Er war vom Typ vielmehr gutmenschlich und naiv, unbekümmert. Keine fiese, berechnete Ratte; kein Machtmensch, kein Politiker, obwohl er sich einredete, er sei politisch.

Unser gewöhnlicher Angestellter hatte sich rechtzeitig beim neuen starken Mann angebiedert, seine Dienste angepriesen, seine Doktorarbeit geschickt eingebettet. Er war plötzlich Einflüsterer, Berater. Denn der neue starke Mann misstrauten allen; er war nicht vom Fach, nicht von der Szene, nicht von hier. Er suchte Freunde statt einen Hund.

Gemeinsam planten sie eine Reorganisation. Fachlich ist sie gut, angemessen. Ein Schritt in die richtige Richtung; ich kann sowas schliesslich beurteilen. Und unser gewöhnlicher Angestellter hat das eigentlich beste Ressort geschaffen, thematisch einem noch weiteren Mitbewerber entrissen. Nun thront er.

Sein ehemaliger Vorgesetzter und vergangener Demütiger hätte sich als erster Untergebener einreihen müssen. Doch unser Kollege hat bereits am selben Tag zwei Königsmörder rekrutiert – und ihnen die Stelle des ehemaligen Vorgesetzten versprochen, falls sie sich öffentlich von ihm distanzieren würden.

Das war grandios. Der ehemalige Vorgesetzte war bereits mit dieser Tat, die allen bekannt ist, abgeschossen; es musste sich niemand mehr öffentlich distanzieren oder dergleichen. Er ist vernichtet, er musste vormittags sich mit Shots betäuben; er verlor alles, sein Projekt, seine Stelle, sein Gesicht. Er konnte bloss noch zurücktreten. Bedauerlich.

Die original angeschafften Königsmörder waren nicht mehr notwendig, dennoch konnte der eine die Stelle dankbarst übernehmen und sein Prestige erhöhen. Er hat nun eine bedeutungsvolle Kaderfunktion inne; mehr Gehalt, eine periodische Besprechung zum neuen starken Mann. Er muss bloss noch Gehorsamkeit beeiden.

Der ganze Ablauf hat mich beeindruckt. Jemand hat die Mechanismen der Politik gelernt und angewendet. Mit diesen Werkzeugen hat er es relativ weit gebracht für eine kurze Frist mit wenig Unterstützung, mit wenig einflussreichen Freunden in der Organisation. Nun kann er ein kleines Reich zimmern, mit treuen externen Berater und Untergebenen.

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Plötzlich Vater

Ich wollte eigentlich nie Vater werden, ich wollte nie erwachen, plötzlich für Frau und Kind sorgen dürfen, täglich mich koordinieren müssen; wer was erledige, wer wen zeitnah unterstütze, wer das Kindchen füttere, wer haushalte und so weiter – ich wollte das alles eigentlich nie, ich wollte stattdessen als verdorbener Schriftsteller scheitern.

Doch ich kann mich anpassen. Ich wage die baldige Vaterschaft. In wenigen Tagen darf ich meine Tochter empfangen – sofern die planmässige Geburt glückt; die Mutter sich nicht verletzt, das Kindchen gesund und lebensfähig langsam die Augen öffnet und vermutlich noch längst nicht das Geschenk des Lebens würdigt.

Ja, und gewiss bin ich nicht vorbereitet. Das Zimmer des Kindchen ist zwar bestens ausgestattet, formell sind wir gerüstet; uns fehlt bloss ein Familienwagen mit lokalem Kennzeichen und grosszügiger Versicherung – aber gedanklich bin ich bloss abstrahierend; das nahe Kindchen begreife ich als fernes Experiment.

Doch in wenigen Tagen und folglich Stunden bin ich unmittelbar herausgefordert. Keine Abstraktion schützt mich mehr. Auch dieser Blog, dieser Beitrag ist dann überkommen. Ich werde meine Lebenskraft anderswo investieren, ich werde mich nicht mehr in diesem beispiellosen Masse verausgaben dürfen. Ich werde verantworten und so.

Ich bedauere nichts, denn ich habe mich entschieden. Ich hätte jederzeit stoppen und abbrechen können. Ich hätte fliehen und auch Verantwortung abstreiten können. Ich will nun riskieren, nichts experimentieren, sondern übernehmen, haften und vor allem viel lieben und wertschätzen, geduldig wachen, sorgsam entwickeln lassen.

Ich bin aber ausreichend realistisch gesinnt, ich kenne meine Stärken und Schwächen; meine Fähigkeiten sind begrenzt. Ich werde nicht als Übervater imponieren. Ich werde stattdessen das Kindchen kitzeln, ich werde herumalbern und trollen; ich werde mich nicht immer durchsetzen können, oftmals werde ich bloss nachgeben.

Ich werde auch viel nebenbei arbeiten. Ich werde mein Töchterchen vermutlich netto vorläufig drei Stunden täglich durchschnittlich erleben können – schliesslich muss ich arbeiten, eine Firma vergrössern und einen Blog erhalten und meine Drohnen fernsteuern und meinen Geist weiterbilden und meine Beziehung pflegen.

Vermutlich werde ich priorisieren, die einen oder anderen Aktivitäten vernachlässigen. Glücklicherweise erkenne ich meine Muster; ich werde erfahrungsgemäss mich übernehmen, indem ich alle Aktivitäten zu vereinen strebe – und dann überall nicht überzeugen, weil ich meine Kraft verzettele. Vermutlich.

Im Gewöhnlichen paralysiere ich mich nicht mit zu vielen Gedanken. Vielmehr lebe ich drauf los, unbeirrt, ungestüm – und zwar ganz futuristisch, ich fürchte im Moment der Tat keine Konsequenzen. So startet auch das Wagnis Vaterschaft in wenigen Tagen verhältnismässig unreflektiert; ich habe keinen mühsam zusammengetragenen Sorgenkatalog.

Anschliessend schlendere ich ins lokale Geburtshaus und denke mir einfach “Okay”. Okay, nun stehe ich hier, überschreite diese Schwelle, begleite meine Frau in den Saal, denke mir nichts dabei. Eventuell esse ich zuvor noch ein Sandwich, trinke einen Kaffee, poste auf Slack in #random noch ein Selfie. Völlig unbedarft, unkompliziert.

Danach plötzlich Vater.

bd

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Mein Unglaube

Ungläubige beneide ich nicht. Sie müssen anders sich orientieren. Sie haben kein Urvertrauen, Gottvertrauen. Sie können sich nicht zurücklehnen, sie können nicht erklären. Sie haben keine Kirche, wo sie einkehren dürfen, und zwar jederzeit und stets willkommen, gleichgültig inwietief sie gefallen sind oder man sie fallen liess.

Stattdessen müssen Ungläubige die bekannte zweite Religiosität bemühen: Aberglauben, Irrglaube, völkische Kulte bishin, Heidentum gerne, Naturalismus oder sonstige Weltanschauungen, die eine grosse Ordnung um Zufall der Natur vermuten, weil die Natur ja nicht nicht würfeln darf und kann.

Auch ich betrüge mich ein wenig. Ich lebe mit dem “Nordstern”-Konzept. Ich habe das so nicht unbedingt erfunden; es ist inspiriert vom Toyota-Produktionssystem, dort im Kontext der kontinuierlichen Verbesserung. Ich habe das Konzept als Lebensphilosophie adaptiert, damit ich überleben kann, damit ich abends besser einschlafen kann.

Grundsätzlich anerkennt das Nordstern-Konzept, dass die heutige “Umstände” verloren sind. Egoismus, Gier, Geld, Macht und Sex dominieren das Wertesystem, unsere Welt. Wir sind ziemlich gefangen, wir jagen Statussymbole, wollen Karrieren, wollen permanent geliebt und verehrt werden. Wir schänden den Planeten, die Armen und sonstigen.

Ja, wir bekriegen uns weiterhin, Kinder müssen weiterhin hungern, Minderheiten werden gehetzt, misshandelt und so weiter. Der normale Alltag, den wir seit unserer Bewusstwerdung kennen, manchmal ausblenden, manchmal auch periodisch darüber uns empören, um uns selber zu entlasten. Schliesslich waren wir schon immer dagegen.

Ich anerkenne, dass wir daran vorläufig nichts ändern können. Wir werden uns nicht bessern oder verändern. Wir haben keine Notwendigkeit, schliesslich funktionieren wir weiterhin, schliesslich hat’s unsere Spezie weit gebracht; wir haben ein globales Informationssystem gebaut, wir sind konstant vernetzt, wir besiedeln die notwendigen Räume.

Wir beherrschen diesen Planeten recht gut, gewiss noch nicht perfekt. Wir kämpfen gegen einzelne Naturkatastrophen, manchmal aber auch nur gegen die eigene Natur. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir bald die restliche Natur in uns und um uns herum kontrollieren können. Und dann werden wir unser System beschleunigen, pervertieren können.

Gewiss ist das dystopisch. Aber das ist bloss “der nächste Meilenstein”. Das Nordstern ist eine aufgeklärte, liberalisierte Gesellschaft ohne Geld, eine Weltregierung, die das Forschen und Erkunden fokussiert, die eine klassische Überflussgesellschaft ist, hoch automatisiert und die Umwelt schont, wieder symbiotisch lebt. Ja, eine echte Utopie.

Weder Hunger, Missgunst, Neid noch Krieg bedrohen diese Utopie. Die Menschen überschreiten die Grenzen unseres Sonnensystems, sie entdecken fremde Planeten, fremde Lebensformen. Sie überwinden die bekannten Gesetze der Quantenphysik, sie erstreben eine grosse, schweizerische Harmonie, müssen sich nicht betrinken. Sie sind glücklich.

Ja, dieser ferne Nordstern motiviert mich. Vermutlich werde ich ihn nicht mehr erleben. Doch meine Kinder und Kindeskinder haben realistischen Chancen, diesen Nordstern geniessen zu können. Meine Kinder werden vermutlich noch die Radikalisierung des heutigen Ordnungssystems erdulden müssen, bis auch das implodiert.

Daran glaube ich, das entspannt mich. Eventuell irre ich, doch das ist ein Glaube, den kann man weder widerlegen noch bestätigen, den kann man mir auch nicht ausreden. Man könnte mich foltern, mich zwingen, fünf statt vier Lichter zu sehen, mein Zimmer 101 personalisieren und so weiter, ich würde weiterhin daran glauben. Weil ich nicht anders kann.

bd

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Der Transhumanismus kommt

Kann der Transhumanismus den sexuellen Wettbewerb disruptiv aufwirbeln? Können mit nützlichen, weil effektiven Mitteln erweiterte, aufgewertete Menschen plötzlich dominieren, überragen, Männchen massenhaft Weibchen begatten? Drohen uns in letzter Konsequenz eugenische Kriege, wo verbesserte oder originale Menschen den Weltmachtanspruch entscheiden?

Kann ich damit meine natürlichen Defizite überwinden? Kann ich meine Alkoholsucht therapieren? Kann ich meine Vergesslichkeit auslösen? Meine Dauerschwitzen bremsen? Meine Konzentrationsschwäche minimieren? Kann ich besser, rascher schlafen, kann ich meine Sorgen vergessen lassen? Und kann ich morgens schneller, einfacher und unbeschwerter aufwachen?

Kann ich glücklicher werden? Kann ich mehr Ausdauer erhalten, beweglicher sein, meine Partnerin befriedigen? Achtzig Kilogramm herumschleppen? Muss ich fortan kein Zügelunternehmen mehr engagieren? Kann ich mit meinen Zehen meine Drohne aufschrauben und mit meinem Ringfinger die Velokette reparieren? Kann ich effektiver und effizienter Holz hacken?

Oder werde ich eloquenter? Konversationssicherer? Kann ich müheloser Fremdsprachen lernen? Kann ich mir alle Zahlen, Werte und Formeln merken? Kann ich Google vergessen? Kann ich alle technischen Frameworks und die literarischen Klassiker gleichzeitig rezitieren? Kann ich stets überragen, alle Diskussionen dominieren, lenken? Kann ich stets Worte finden, die ich sonst suche?

Wir sind unvollkommen bekanntlich. Wir alle haben unsere Defizite. Wer solche Drogen legalisiert, institutionalisiert, kann bald in Basel einen weiteren Turm bauen. Ich wette, dass in zwanzig Jahren wir uns permanent mit entsprechendem Soma ergänzen, komplettieren, je nach dem, was die konkrete Situation erfordert. Manchmal der Intellektuelle, manchmal der Frauenversteher, manchmal bloss der Handwerker.

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Schlecht in Beziehungen

Ich bin nicht unbedingt gut in Beziehungen. Alle meine Beziehungen sind entweder zu schnell oder zu spät gescheitert. Ich bin ziemlich fehlbar. Ich kann mich nicht gut entschuldigen, ich kann mich auch nicht gut konzentrieren, aber das sind noch meine harmlosesten Eigenschaften. Denn wirklich bedenklich ist mein Egoismus.

Obgleich ich technisch als empathisch gelte, deswegen mich permanent abgrenze und ausblende, bin ich zutiefst egoistisch und gewissermassen vertunnelt. Ich kann weder links noch rechts etwas wahrnehmen. Meine Partnerin ist erkrankt? Droht zu erkranken? Keine Ahnung. Ihr Zustand verschlechtert oder verbessert sich? Nicht gesehen.

Meine Partnerin verabredet sich unabhängig von mir? Ich tobe. Ich verreise aber wöchentlich, selbstbestimmt, ohne überhaupt etwas aushandeln zu müssen. Für mich selbstverständlich, ich fühle mich nie verpflichtet, etwas erklären zu müssen. Schliesslich entscheide ich, schliesslich bestimme ich. Das ist mein Egoismus.

Ich denke, handle bloss für mich. Ich kaufe bloss für mich ein. Das Lieblingsjoghurt meiner Partnerin? Unbekannt. Das Lieblingseis? Eis? Was für Eis? Die Lieblingsblumen? Ach Gott, Blumen, sind wieder überfällig. Ich bin überhaupt vergesslich, ich kann mir nichts merken, ich muss mir alles notieren. Morgen Arzttermin? Ok, ich aktualisiere meinen Kalender.

Ebenso in der Sexualität. Manchmal harmoniert etwas zufällig. Harmonie bedeutet, wenn ich nicht viel tun muss, wenn ich ein wenig streicheln, eindringen und küssen darf. Ja, und das der Partnerin gefällt. Und ich nichts mehr machen muss, mich nicht verkrümmen, dehnen oder sonstwie abartig bücken oder übermässig anstrengen.

Wenn das aber nicht passiert, wenn ich mich irgendwie bemühen muss, dann bin ich blockiert, dann verkrampfe ich. Ich kann mich nicht begeistern und motivieren. Stattdessen entledige ich mich meiner Sexualität. Ich spare für andere Zeiten, vermeintlich bessere Zeiten, die aber nie folgen, weil ich längst kapituliert habe.

Und meistens bin ich nicht ehrlich. Gewiss darf man keiner Partnerin weismachen, das Kleid sei nicht optimal oder ihr Verhalten wäre nicht vorbildlich oder sonstwie sie grundlegend anzweifeln. Man darf nicht drauflos spiegeln, man muss immer abwägen, politisch formulieren, verklausulieren, aber nicht zu offenkundigst, sonst ist man doppelt vergrämt.

Ich kann das aber schlecht, ich bin kein guter Politiker, ich kann mich nicht zurückhalten. Ich denke, was ich rede und rede, was ich denke, und zwar meistens asynchron. Im Nachhinein bemerke ich. Ups, und im Nachhinein bedauere ich, aber entschuldigen kann ich mich nicht. Ich bin wirklich unverbesserlich. Ein Satz kann wochenlange Aufbauarbeit vernichten.

Ich sorge nicht fürs Heim. Eingebrochen? Ich tue, als wäre nichts geschehen. Der Staub in der Leiste verwandelt sich in Moos? Ich beobachte die rasante Vermehrung. Kein sauberes Besteck? Ich kaufe Plastikgeschirr. Das Leergut stapelt sich? Ich schmeisse Alu und PET in den regulären Brandabfall. Der Abfluss ist verstopft, ich verschwende kein Wasser mehr.

Ich kann gut ignorieren, ein wenig schmollen. Werde ich angegriffen, schnaube ich zurück. Ich kann nicht entgegenkommen, ich kann nicht nicht mein Gesicht verlieren; ich muss überlegen und Recht behalten. Wenn ich entgegenkomme, werde ich noch monatelang darauf hinweisen und darauf basierend Sonderrechte beanspruchen.

Und nebenbei muss ich mich masslos betrinken. Ich kann nicht eine Woche lang ruhig sitzen. Wenn ich keinen ordentlichen Kater erlebe, fühle ich mich spiessig und angepasst. Ohne Kater kann ich nicht entspannen. Ich bin abhängig. Doch ich möchte mich am liebsten ohne Partnerin betrinken, bloss mit Freunde.

Denn die Partnerin erinnert mich immer an meine Pflichten, die ich eben trinkend vergessen möchte, obwohl ich meine Pflichten ja überhaupt nicht erfülle und dadurch eigentlich auch keinen Grund hätte, derentwegen mich zu betäuben. Wenn die Partnerin beisitzt, fahre ich mit angezogener Handbremse, manchmal ein mieser chauvinistischer Spruch höchstens.

Ich kann gut jemanden enttäuschen, verlange dauernd eine zweite, dritte oder vierte Chance. Ich kann gut heulen. Ich kann dann alles versprechen, ich werde besser haushalten, mehr Geld sparen. Ich werde im Heim mithelfen, ich werde irgendwas erledigen, ich werde putzen, Leergut sammeln oder was weiss ich, den Keller räumen.

Aber meistens vergesse ich alles, nach einer Woche werde ich wieder routiniert. Irgendwann betrinke ich mich, kann nicht recht mitteilen, wann ich heimkomme, weil ich am liebsten gar nicht heimkehren möchte. Aber sobald ich eintrete, zu laut, zu stinkend, keineswegs konversationssicher, habe ich allen Vertrauensvorschuss verspielt.

Ich versuche dann wieder zu beteuern, dass ich alles, mich, mein Leben ändere und meinen Egoismus züchtige. Aber ja, ich wiederhole mich bloss. Ich repetiere die immer gleichen Phrasen, die ich quasi in jedem Endsiegzustand abrufen kann. Vermutlich jahrelang trainiert. Danach reflektiere ich mich oberflächlich im Tagebuch und fasle von Kompromissen.

Ich weiss und verkünde es hiermit, dass ich ziemlich unmöglich und unerträglich sein kann. Ich weiss gar nicht, wieso ich die Frauen immer wieder blende, wieso sie immer wieder meinen, ich sei ein passabler Typ, mit mir könne man gut zusammenleben; ich sei liebenswert und verantwortungsbewusst. Oder man kann mich zähmen.

Ich weiss es auch nicht. Ich kenne meine Muster. Wenn Konflikte sich ankündigen, verharre ich, stelle mich tot, ich erkalte, distanziere mich, melde mich weniger, interessiere mich weniger. Ich verstärke den Konflikt, ich beschwöre ihn damit. Ich strapaziere die Leidensfähigkeit meiner Partnerin – oder ihren guten Willen.

Ich erfülle dann die Selbstprophezeiung, dass alles irgendwann zugrunde geht, man immerhin den Zeitpunkt kontrollieren kann. Ich provoziere einen zu frühen Zeitpunkt, ohne dass ich überhaupt etwas bemerke. Im berühmten Nachhinein aber will ich von alldem nichts gewusst oder geahnt haben. Ich stelle mich blöde und verweigere die Aussage.

Ich nicke und antworte mit meinen Floskeln. Ja, ich werde mich ändern. Ja, man kann mir vertrauen. Ja, gemeinsam schaffen wir das. Ja, wenn X eintritt, ändert sich alles; konstruiere unsinnige Abhängigkeiten, damit ich die wahren Ursachen verbergen kann. Denn vermutlich bin ich einfach nicht liebensfähig. Vermutlich bin ich zu selbstreferentiell.

Ich bin wahrlich schlecht in Beziehungen. Tragischerweise observiere ich mich selber, ohne dass ich interveniere. Ich gemahne zwar, diesmal alles anders, besser und so weiter machen zu wollen, doch ich stolpere immer wieder am selben Orten. Diese Orte konzentrieren sich um den Begriff Empathie.

Ich bin keineswegs empathisch. Ich habe noch nie mich bei einer Partnerin ehrlich erkundigt, wie es ihr geht. Ich erwarte nämlich, dass sie so etwas automatisch anspricht. Ich kann keine Veränderungen erkennen, ich bin ziemlich unaufmerksam. Deswegen verstricke ich mich in Missverständnissen, wovon ich mich nicht mehr lösen kann.

Und so weiter. Wenigstens fühle ich mich stets verpflichtet, bin loyal und lasse niemanden irgendwo zurück. Ich würde sogar verletzen, Gesetze biegen, alles opfern, alles verschenken, alles riskieren, um alles zu gewinnen. Wenn man mich hat, muss man mich schon mutwillig loswerden, dauernd peinigen, demütigen und blossstellen, bis ich gehe.

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Das Fremdbild

Nein, nicht selber gemalt. Ich kann mich diesbezüglich nicht rühmen. Aber das Bild berührt mich. Es war original mein Geburtstagsgeschenk. Eine Woche später bewegt es mich mehr als zuvor. Denn das Bild erinnert mich an den Nachtschwärmer. Ich weile zwar inmitten eines weitläufigen Neubaugebietes, dennoch bin ich alleine.

Das Bild repräsentiert das Scheitern eines Strebens nach Glück. Ein abgekämpfter, gleichgültiger, fader Blick; ein unendliches Starren auf eine unattraktive Fassade gegenüber, die keine Aufregung oder Sinnerfüllung verheisst. Egal was gegenüber ist, ich könnte es nicht erkennen, weil ich bin zu sehr vertunnelt und versunken.

Rechts die mittlerweile aufgegebene Zigarette, links einen Handgriff entfernt mit der Welt vernetzt, lauernd, irgendwas erwartend, was aber nie eingetroffen ist. Stattdessen versumpfte ich damals in Olten, erwachte in Olten, ernährte mich mit Döner und Bier, das klassische Junggesellenleben.

Die Kunst erzieht nicht bloss den Künstler, sondern auch das Publikum. Das Bild ermahnt mich, wachsam zu bleiben, das Glück nicht zu vernachlässigen, nicht sich zu verzetteln, nicht alles zu vergessen. Auch dagegen zu halten, wenn jemand oder etwas das Glück bedroht, mich zu wehren und nicht einfach zu kapitulieren.

bd

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