Unbestimmt

Wieso ich keine Kinder möchte

Kinder sind etwas Schönes. Sie erinnern einen an die allgemeine Vergänglichkeit. Wenn ich Kinder habe, weiss ich, dass etwas mich überlebt. So zumindest die Theorie. Ich schaffe Nachkommen. Diese können meinen letzten Willen ausführen, ich kann ihnen alles vermachen, sie können mich kompensieren. So einfach?

Ich wollte eigentlich nie Kinder. Ich bin plötzlich Vater geworden, ich füge mich dem einigermassen schicksalhaft. Ich verantworte, was geschah. Doch mehr auch nicht. Gewiss habe ich mich gefreut, lächle ich, bin ich entspannt und ganz glücklich. Doch das war nie mein Lebenssinn, das war nie eine beabsichtigte Option.

Eigentlich verabscheue ich Kinder. Weil sie mich eben an meine Vergänglichkeit erinnern. Ich will mein Leben vergeuden, ich will mit Lust und Laune verjubeln, ich will keine Konsequenzen tragen müssen. Ich möchte unbeschwert leben. Ich möchte nicht zu viel Verantwortung tragen.

Ich will mindestens im Privaten einigermassen frei sein. Denn ich bin überzeugt, wir sind eigentlich zutiefst unfrei. Ich verneine ja bekanntlich den ultimativen freien Willen, ich verneine, dass mein Ich mich als Wesen komplett führt. Sondern ich werde verführt und geführt, woher auch immer und das ist auch Okay so.

Es ist Okay, nicht alles unter Kontrolle zu haben. Ich feiere deswegen den kontrollierten Kontrollverlust so ausgiebig. Ich teste meine Kontrollgrenzen. Und ich fühle mich einigermassen stets belastbar; ich kann aushalten, nichts halten zu können. Es ist Okay, so das Mantra, das mich immer wieder entspannt. Okay.

Kinder allerdings widersprechen dem. Sie versprechen stattdessen grosse Verantwortung. Man muss kontrollieren, korrigieren, kommandieren. Gleichzeitig verringern sie die persönliche Bewegungsfreiheit. Sie vertunneln die Wahrnehmung, reduzieren soziale Interaktionen, stören die persönliche Identität.

Weil Kinder naturgemäss Identität stiften, wirken sie nun als Identitätsparasit, schröpfen den vormals seiner selbst bewussten Wirt. Nach einigen Jahren der Verblendung muss man in einer Retrospektive anerkennen, dass man zu sogenannten Helikoptereltern verkam. Daneben verkümmern Sozialleben und persönliche Neigungen.

Ich will nicht mein Leben gegen ein anderes eintauschen. Ich will nicht Zeit investieren, die ich selber nicht habe. Ich will nicht dauernd hart priorisieren müssen und im Zweifel fürs Kind entscheiden, weil ich ja dafür verantwortlich bin und schlimmstenfalls auch haftbar gemacht werden kann. Ich will drauf los, schnell und peng.

Ich will mir auch nicht einreden müssen, dass ich weiterhin mein Leben verwirklichen kann trotz Kinder. Selbstredend kann ich mir die Gesamtsituation schönreden. Ich kann mir Nettofreizeit irgendwie erschleichen. Doch dadurch entsteht ein ungleicher Tausch, jemand muss sich immer um ein Kindchen kümmern. Wenn nicht ich, wer sonst?

Der Partner? Der Staat? Die Familie? Meine Nettofreizeit muss ich mir also irgendwie kaufen. Will ich das? Ein noch schrecklicheres Warensystem etablieren? Ist nicht schon alles genug Ware? Wenn ich in Waren-Kategorien denke, was nutzt mir denn ein Kind? Diese Ware kostet ja bloss im Unterhalt und der persönliche Mehrwert ist fraglich.

Ich will mich nicht belügen. Kinder sind anstrengend. Zwar werden sie irgendwann erwachsen. Dann muss man sich nicht mehr so gross bemühen als Eltern, sondern kann darf sich verdient ausruhen. Doch die Verbindung bleibt lebenslänglich bestehen. Weitaus dramatischer ist der Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes.

Typischerweise so um die dreissig werden Menschen in meiner Gegend erstmals Eltern. Okay. Dann dürfen sie mindestens sechzehn Jahren der Entbehrungen erwarten. Doch in diesem Altersbereich sind die Eltern grundsätzlich sehr schöpferisch – respektive sind es nicht und werden es nie mehr sein.

So ungefähr mit 50 ist die Familienplanung also abgeschlossen. Dann hat man Zeit für alles. Doch die letzten Jahrzehnte haben einen komplett ausgemergelt, entfremdet und entseelt. Man funktioniert gut im Alltag, kann zwischen Kita und Physio irgendwie haushalten, doch man ist nicht mehr schöpferisch.

Ich bin bereits jetzt sehr arm an Energie, ich verschwende den letzten Funken Lebensfreude gewiss am falschen Ort. Ich mag nicht noch mehr Energie versickern lassen. Denn ich brauche keine Kinder, um glücklich zu sein. Meine Identität ist anders gebildet. Mein Sinn sowieso. Ich will stattdessen einfach drauflos leben.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Wenn die Schweiz Südafrika wäre

Schweiz. Der Sonderfall? Was wäre, wenn die Schweiz Südafrika wäre? Ein vergangener Artikel der NZZaS inspirierte mich. Ich möchte hier die südafrikanische Verhältnisse auf die Schweiz portieren. Willkommen in meinem Gedankenexperiment.

Nach jahrzehntelanger internationaler Isolation aufgrund der faschistoiden Regierung der Liechtensteiner, welche als Minderheit die Mehrheit der stämmigen Schweizer beherrschten, erholt sich die Schweiz allmählich. Mit der Schweiz zu handeln ist nicht mehr verpönt. Die Schweiz gilt mittlerweile als anerkanntes Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft.

Doch der soziale Frieden der Schweiz ist gefährdet. Obwohl die Liechtensteiner nicht mehr ausschliesslich die Regierung und die Eliten bilden, dominieren sie weiterhin das wirtschaftliche Leben und residieren in ihren Wohlstandsinseln um die grossen, aber verwahrlosten Städten des Mittellandes herum.

Ein Liechtensteiner verdient in Zürich immer noch zwanzigmal so viel wie ein Schweizer. Die jahrzehntelange systematische Unterdrückung der Schweizer zeigte sich exemplarisch an der Aufnahmebedingungen für die Eliteuniversität ETH Zürich. Dort waren Schweizer nicht zugelassen, sondern ausschliesslich Lichtensteiner und solvente Ausländer.

Die Liechtensteiner haben die Schweizer jahrzehntelange als unqualifizierte Arbeitskraft gezüchtet, die ohne Rechte als Wanderarbeiter in den Unternehmen der Liechtensteiner sich verdingten. Gewerkschaften waren bloss simuliert. Die Schulbildung war auf fünf Jahre begrenzt – gut genug für gängige Aufgaben.

Die Liechtensteiner haben zudem die Schweizer ausgebürgert. Damit waren sie de jure staatenlos, konnten weder verreisen noch fundamentale Menschenrechte beanspruchen. Der langwierige Freiheitskampf konnte immerhin diesen Zustand revidieren. Die Schweizer besitzen nun (wieder) den schweizerischen Pass.

Die heutigen Schweizer verehren den schweizerischen Freiheitskämpfer Adolf Ogi. Er begründete die Widerstandsbewegung Schweizerische Nationalvereinigung, kurz SNV. Diese leistete zunächst gewaltfreien Widerstand. In den 80iger allerdings radikalisierte sich die SNV. Ursache: die liechtensteinisch dominierte Geheimpolizei exekutierte den Bischof der Schweizer und Ogis Stellvertreter – ein von den Liechtensteiner bedauertes Versehen, weil das Ziel war Ogi selber.

Es war ein schmutziger Krieg. Ausserdem missbrauchte die Geheimpolizei die Schweizer für die Erprobung chemischer Waffen. Deren Steigerungsform: eine Waffe sollte nur die Schweizer töten. Zudem destabilisierte die Geheimpolizei die politische Situation der Nachbarländer Deutschland und Frankreich mit gezielten Bombenattentaten oder Waffenlieferungen.

Die Liechtensteiner haben Adolf Ogi auf der Festung Ufenau vor den Toren Zürichs verbannt. Dort und in weiteren Festungen verschwanden Schweizer spurlos, sobald sie sich für die Widerstandsbewegung SNV engagierten. Bis heute sind noch nicht alle Schicksale aufgeklärt. Adolf Ogi war jedoch um eine Aussöhnung bestrebt – keine Rache. Seit einigen Jahren ist aber auch Adolf Ogi altersbedingt verstorben.

Mittlerweile ist das Herrschaftssystem der Liechtensteiner abgeschafft. Die Schweizer sind de jure gleichberechtigt. Sie dürfen reisen, wählen und sich frei äussern. Dennoch besitzen die Liechtensteiner weiterhin 90% des Bodens und 95% der Unternehmen, obwohl sie bloss 5% der Bevölkerung bilden. Die vormals auch gesetzlich verankerte Ungleichheit ist nun bloss noch eine kapitalistische.

Denn die Liechtensteiner hatten während der ihrer Herrschaft einen zutiefst liberalisierten Staat geformt. Gesundheit, Energie, Bildung, Sicherheit – alles war privatisiert. Dieser liberaler Staat besteht weiter. Obwohl die Schweizer nun Schweizer sind, versorgt der Staat sie nicht. Die Rechte auf Gesundheit, Energie, Bildung und Sicherheit sind keine verbindlichen.

60% der Schweizer leben in den sogenannten Agglomerationen um die Grossstadt Zürich. Es sind Moloche wie Dietikon, Dübendorf oder Bülach, wo die Schweizer ohne Gesundheitsversorgung, ohne Energieversorgung, ohne Bildung und Sicherheit mehr hausen denn wohnen. Es sind Hütten aus Holz und Blech. Der Staat hat diese Gebiete längst aufgegeben. Gelegentlich partillouiert ein schwer bewaffneter Polizeitrupp.

Die Liechtensteiner wiederum verweilen vornehmlich in Küsnacht und Erlenbach. Das sind abgeschirmte Gemeinden, geschlossene Gesellschaften, die mit einem zwei Meter hohen Mauer und einem Elektrozaun gesichert sind. Innerhalb dieser Gemeinden haben die Liechtensteiner neue Schulen, Einkaufszentren, Krankenhäuser und Parkanlagen erschaffen – Zutritt nur für Berechtigten.

Derweil verkommen die ehemaligen Innenstädte des Mittellandes. Manche Schweizer haben ihre zuvor zugewiesenen Wohnstätten wie Dietikon oder Dübendorf verlassen und haben ehemals prächtige Altbauwohnungen in Zürichs Kreis 1 besetzt. Die Limmat ist unterdessen eine Kloake. Am Letten würde kein Liechtensteiner baden – die Schweizer aber trinken und waschen sich dort.

Die Liechtensteiner habe riesige Dämme in den Alpen errichtet. Sie verschwenden das Wasser in ihren Gemeinden; Garten, Parks und eine üppige Grosslandwirtschaft. Den Rest exportieren sie. Die einst mächtige Aare versickert im Bielersee. In der Regensaison füllt sich das Bett gelegentlich bis nach Aarburg, um dort zu verlanden. In Aarburg befindet sich daher auch eine grosse informelle Schweizer-Siedlung.

Die Schweizer haben keine Perspektiven. Die Kriminalität Zürichs ist weltweit die berüchtigste. Täglich werden Menschen entführt, an roten Ampeln wartende Autos ausgeraubt, Menschen wegen fünfzig Franken ermordet. Die Liechtensteiner meiden Zürich. Sie haben einen Autobahnring um Zürich gebaut. Firmen sind nach Küsnacht abgewandert.

Seit zehn Jahren hat der internationale Massentourismus die Schweiz entdeckt. Die Schweiz hat ihre landschaftlichen Reize. Die Schweiz ist abwechslungsreich. Hier das kosmopolitische Basel, dort das berüchtigte und wildernde Zürich. Hier die Strände Asconas, dort die malerische Voralpenroute von Interlaken nach Appenzell.

Die Touristen erfreuen sich der ursprünglichen und authentischen Heimatkunst der Schweizer: liebevoll geschnitzte Holzfiguren, die des Schweizers Motiv einer unbeschwerten Kleinfarm wiedergeben. Freilich im Kontrast der grossen und automatisierten Farmen des Mittellandes, betrieben durch rohe und dem Land zugewandte und in gesetzlosen Bürgerwehren organisierte Liechtensteiner.

Die Touristen absolvieren dasselbe Programm. Sie landen im kosmopolitischen Basel. Dort ist die Kriminalität noch vertretbar. Dort ist der ausländische Einfluss noch am grössten. Dort ist denn auch das touristische Komfortsbedürfnis befriedigt. Anschliessend fahren sie nach Luzern oder Bern. Das sind die Startpunkte für eben die schmucke Voralpenroute.

Viele Schweizer operieren auch als sogenannte Bergführer. Sie begleiten die Touristen auf ihren Voralpentouren. Der Höhepunkt einer Voralpentour ist, ein munteres Murmeli oder ein schlitzohriger Steinbock zu sichten. Das füllt die digitalisierten Fotoalben der dicken Touristen. Für die Schweizer reicht ein angemessenes Sackgeld, gelegentlich auch ein Fresspäckli grosszügiger Touristen.

Die übrigen Touristen folgen den Schritten der Liechtensteiner. Sie werden liechtensteinische Hotelketten beherbergt, speisen in für Liechtensteiner spezialisierten Restaurants und aktivieren sich mit typisch liechtensteinischen Tätigkeiten wie Golfen, Wandern, Jagen und Wein. Selten verlassen die Touristen ihre geschlossenen Gebiete. Zuhause schwärmen sie allesamt von der Schweiz.

Die Schweiz ist ein zerrissenes Land. Adolf Ogi hat zwar die grösse Versöhnung propagiert, doch die Politik ist hochgradig radikalisiert. Für die Schweizer polarisiert die SVP. Sie fordert eine Umsiedlung und Enteignung der verbliebenen Liechtensteiner. Zudem plädiert sie für einen radikalen Marxismus, der alle Industrien verstaatlicht und Schweizer in alle Schlüsselpositionen einsetzt.

Demgegenüber politisiert die Alternative Liste der Liechtensteiner für einen noch schwächeren “Nachtwächterstaat”. Die Alternative Liste ist von einem ausgeprägten Sozialdarwinismus überzeugt. Möge der Fitteste und Angepassteste überleben. Die Alternative Liste warnt vor dem Exodus der liechtensteinischer Intelligenz nach Übersee. Sie sind vom Auftrag erfüllt, die Schweiz zu zivilisieren.

Die einst mächtige Schweizer Armee hat man grösstenteils privatisiert. Adolf Ogi wollte keine mächtige und von Liechtensteiner dominierte Armee riskieren. Stattdessen hat er die in jahrzehntelanger Guerillakrieg und Aufstandsbekämpfung erwiesenermassen erprobte Armee in mehrere Sicherheitsfirmen ausgelagert. Diese bedienen nun Kunden auf allen Kontinenten für deren schmutzigen Interessen.

Leider haben sich diese Firmen mittlerweile verselbständigt. Sie firmieren nunmehr als Briefkasten auf diversen Kanalinseln und steuern wenig zum Bruttosozialprodukt bei. Ihr einziger Vorteil ist, dass sie das Potential junger und unzufriedener Liechtensteiner binden und sie von der Heimat fernhalten.

Die Schweiz bleibt ein spannendes Land. Die Einkommensschere vergrössert sich jährlich. Die Umwelt ist verschmutzt. Der soziale Friede fragil. Die Schweizer und die Liechtensteiner haben vollends sich entfremdet. Eine neuerliche Figur wie Adolf Ogi ist vonnöten, um die Schweiz zu einem Land der Liebe, der Toleranz und Güte zu entwickeln. In der Zwischenzeit lächelt der Spätkapitalismus schweizerischer Prägung.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Die Lust der Selbstzerstörung in der Europapolitik

Politisch äussere ich mich selten. Im Privaten nehme ich Diskussionen wahr und gelegentlich teil. Das Tagespolitische amüsiert, das Weltpolitische inspiriert und beseelt schliesslich. In meiner Gegend interessiert vor allem Europapolitik. Die Schweiz ist zwar faktisch vollständig westintegriert, aber kultiviert den Narzissmus der kleinen Distanz mit viel Pathos und Geld.

Das erzeugt permanent Spannungen auf beiden Seiten. Für die grosse EU ist die Schweiz das kleine, dicke und eklige Stachelschwein, das schonungslos profitiert und stets als Opfer sich inszeniert. Demgegenüber empfindet die Schweiz die EU als technokratisches Joch, das die Spezifika der schweizerischen Politik ignoriert und somit bedroht.

In der Schweiz dominieren Isolationisten. Das, obschon die Schweiz eine zutiefst globalisierte Nation ist, periodisch mit anderen vergleichbaren Stadtstaaten wie Singapur Ranglisten der am meisten vernetzten und kompetitivsten Volkswirtschaften anführt. Der UN-Beitritt erfolgte erst 2001 und war respektive ist nicht unumstritten.

Im Mittelland fühlen die Menschen noch bäuerlich, auch wenn bereits raumplanerisch verstädtert. Dank günstigen Zinsen errichte Reiheneinfamilienhäuser mit Bus- oder S-Bahn-Anschluss beherbergen die kräftigste politische Kraft: ein latent apolitische, aber selbstzufriedene Büroarbeiterschicht, welche täglich in die beschaulichen Zentren pendelt.

In diesem Milieu konnten sich Isolationisten durchsetzen. Denn die Globalisierung und Digitalisierung betrifft ebendieses Milieu. Das handwerkliche und lokale Gewerbe ist kaum bedroht, die ohnehin bereits globalisierten Spezialisten in den Grosskonzernen sind ausreichend kompetitiv und weltweit organisiert.

Das ist nicht genuin eine einmalig schweizerische Situation. Europa ist bedroht. Vor 1914 stellte Europa knapp einen Viertel der Weltbevölkerung, aber das Gros der Weltproduktion. Mittlerweile weder-noch. Die globale Konkurrenz ist erwacht, gewiss auch selbstverschuldet mit zwei Weltkriegen. Auch der Wertepartner USA fühlt sich herausfordert.

Wir ahnen und spüren also einen Untergang respektive einen langsamen, aber stetigen Verlust unserer Hegemonie. Aber anstatt die Nationen Europas sich zusammenschliessen, gemeinsam antworten und auf allen Disziplinen sich rüsten, verfällt die Büroarbeiterschicht der freudschen Lust der Selbstzerstörung.

Die Europäer wollen ihre Länder zurück. Sie verdrängen, dass gerade die Globalisierung und Digitalisierung ihre Länder bedrohen und dass eben bloss eine Föderation europäischer Staaten diese und weitaus dramatischere Herausforderungen der nahen Zukunft meistern kann. Insgeheim wünschen sie eine Epoche der Unruhe, der Anspannung.

Mit grosser Lust demontieren die Europäer ihre EU. Sie kokettieren mit ihrer Irrationalität. Sie beschwören eine Veränderung, einen Wandel. Teils konnten sie sogar einen harten Ausstieg wie einen Brexit durchsetzen. Sie suchen die Entscheidung, die Tat. Doch dabei verdecken sie bloss ihre allgemeine Ohnmacht.

Seien wir gespannt.

bd

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Was ist mir wichtig?

Kürzlich wurde ich gefragt, was mir wichtig sei im Leben. Das ist eine bemerkenswerte Frage, auf die ich nicht zweifellos antworten kann. Grundsätzlich ist die Frage anspruchslos, denn sie drängt auf die simple, aber akzeptable Antwort, dass Familie und so wichtig sei. Doch ich möchte nicht so abkürzen.

Als zutiefst leidenschaftlich-leidenschaftsloser Mensch ist mir nichts wichtig. Ich bin mir meiner Nichtigkeit bewusst, ich versuche mich nicht zu überhöhen. Ich versuche irgendwie widerstandslos zu fristen, ohne viel Energie zu vergeuden in noch unwichtigeren Angelegenheiten. Ich betreibe mich im batterieschonenden Modus.

Im Bewusstsein der Vergänglichkeit möchte ich nicht priorisieren, was wichtiger ist und weniger wichtiger. Ich behalte eine flache Liste möglicher Lebensaufgaben und bewältige sie mehr oder weniger routiniert. Wobei ich Hausarbeit so gut als möglich meide und darauf achte, dass ich mich nicht überanstrenge.

Was ist mir nun wichtig? Ich weiss es nicht. Ich will entgegen, dass mir wichtig sei, dass mein Umfeld gedeihe. Dass Menschen um mich herum reüssieren, einigermassen glücklich seien und eine kluge Art der Gegenwartsbewältigung praktizieren können. Ich will, allerdings habe ich genügend Menschen verletzt, dass ich nicht glaubwürdig bin.

Original und vermutlich Jahrzehnte zurück war ich durchaus motiviert, mein Umfeld gedeihen zu lassen. Ich wollte antreiben, herausfordern. Ich wollte ein Umfeld schaffen, wo alle sich verwirklichen und Glück erfahren durften. Irgendwann verirrte ich mich aber. Ich kann nicht mehr exakt rekapitulieren wann und wo und wie.

Vermutlich das erste Mal, als ich meinen verstorbenen Lehrmeister enttäuscht habe. Oder meine Familie. Ich weiss nicht. Vermutlich auch die erste Liebe mit knapp fünfzehn im Umland Oltens. Die Liebe, die ich mit einer perfiden Begründung boykottiert habe, sie sei nicht gesellschaftlich akzeptabel, auch wenn ich mich nie für Etiketten interessierte.

Ich könnte noch etliche Verfehlungen auflisten, die alle bloss meine Unglaubwürdigkeit bezeugen, dass ich meinen Mitmenschen Gutes tun möchte. Deswegen kann ich die initiale Frage damit nicht klären. Ich muss also weiter untersuchen, was mir denn wichtig sei. So elegant und selbstlos kann ich das Thema also nicht beenden. Weiter geht’s.

Was mir wichtig sei? Ich weiss es nicht. Möglichst viel Geld verdienen? Kaum, denn dazu habe ich den falschen Beruf oder das falsche Gefäss gewählt. Möglichst viel Liebe machen? Ebenfalls unwahrscheinlich, weil dafür habe ich das falsche Betriebssystem installiert. Möglichst viel rauchen und saufen? Gleichsam fraglich und nicht kompatibel.

Also was dann? Glücklich sein? Ich? Ich bin ein Glücksverweigerer. Ich verneine das Konzept des Glücklichseins. Leben bedeutet zu bewältigen. Ich beschreibe es als Gegenwartsbewältigung. Innerhalb dieses Rahmens darf man gelegentlich rebellieren, eskapieren. Solange man niemanden schadet.

Letztlich ist mir wichtig, im Leben nicht zu viel Widerstand leisten zu müssen. Ich möchte manchmal kapitulieren, nicht Zeit und Energie opfern, sondern mich treiben lassen. Ich möchte nicht entscheiden oder Wege errichten. Gleichzeitig möchte ich aber, wo ich keinen Widerstand zu befürchten habe, schöpferisch sein. Dort inspirieren.

Ich pendle zwischen Welten, gleichsam dem Zwischenwesen, das im Titel dieser Plattform angedeutet ist. Ich möchte dort, wo ich kann, mitwirken. Aber anderswo, wo ich nicht mag, es geschehen lassen, ohne opponieren zu müssen. Eine Art der Gleichgültigkeit, die sich aber ungleich verteilt. Das ist mir irgendwie wichtig.

Wie auch immer – diese Frage konnte ich nicht klärend beantworten. Stattdessen habe ich wohl weitere Fragen provoziert.

bd

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Unbedeutend sein

Ich kann derzeit mir nicht vorstellen, mein Leben hier und jetzt zu beenden – oder vielmehr beendet zu werden. Ich befürchte, dass ich noch nicht alles ausgekostet hätte. Ein Drittel des Lebens habe ich bewältigt, jetzt kommt das mittlere Drittel. Ich bin ausgereift, im Leben angekommen, habe wichtige Entscheidungen und so weiter getroffen.

Im letzten Drittel endlich werde ich bloss siechen dürfen. Ich werde fristen, bis ich sterbe, bis alle Bekannten und Verwandten mich vergessen. Vermutlich werde ich staatlich deponiert, schäme mich als Nettoempfänger des Gesundheitssystems. Später beerdigt man mich mit dem Restgeld, feiert und vergisst. Das Leben wie alle anderen. Tot.

Ich fordere für gewöhnlich, dass man jeden Tag sterben könnte. Man sollte dergestalt ausgeglichen, zufrieden und ausgeruht sein, dass man sterben könnte. Zufrieden, tiefenentspannt. Die Dinge geregelt wissen. Doch von diesem zeitlosen Zustand habe ich mich entfernt. Ich kann noch nicht sterben.

Ich hetze derzeit von Kleinigkeit zu Nebensächlichkeit. Ich bin vollends in der operativen Hektik gefangen. Der Beruf dominiert, die Familie erledigt den Rest. Ich werde immer schwerfälliger, ich reagiere statt zu agieren. Ich kann mich nicht zurückziehen und somit beruhigen. Lediglich der latente Alkoholismus tröstet.

Wenn ich heute verunfallen würde, vom Tram oder Auto überfahren werden würde, mein Pendelzug mit einem entgegenkommenden kollidieren würde, wenn eine unheilbare Krankheit ausbrechen würde, wenn ich mich verschlucken würde oder mein Herz kollaborieren würde – dann würde mich das bedauern.

Irgendwas hätte ich mir doch noch vorgestellt. Ich bin kein Narziss, der seine eigene Rolle überhöht. Keineswegs, ich bin mir meiner lokalen wie globalen Bedeutungslosigkeit bewusst. ich wehre mich dagegen nicht. Ich engagiere mich auch nicht für impact oder reach. Ich verkrieche mich im Beruflichen wie Privaten.

Dennoch flüstere ich mir selber ein, dass noch etwas fehle. Dass dieses kleine Oltner Leben doch etwas bewirken könnte. Dass ich gar etwas verpasse, was ich noch nicht kenne. Doch vermutlich irre ich bloss, bin durch das Zeitalter des totalen Individualismus dermassen verfremdet, dermassen dem Realitätsbezug entrückt.

bd

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Mein bevorzugter Zustand

Ich möchte nicht nachdenken, ich möchte nicht Konsequenzen tragen müssen. Ich möchte stets fliehen, rasen und hasten. Ich möchte vergessen, was geschah. Ich möchte alles, hier und jetzt, und morgen nachdoppeln. Ich möchte stets einen Zustand der endlosen Manie erleben, stets unbeschwert, enthemmt und entkoppelt mich fühlen.

Ich möchte weder Steuer erklären noch mit Geld haushalten, weder Toiletten schrubben noch Pflanzen giessen müssen. Ich möchte von alldem nichts wissen. Ich möchte immerzu jauchzen, ohne Bedingung leben, ohne Verpflichtungen sterben. Irgendwie alles zudem, aber nichts wirklich. Alles haben, nichts müssen. Und stets sein.

Ich möchte an einem Ort mich konzentrieren. Ich möchte alle Energie verdichten, ich möchte manisch tanzen, überborden; Sitte und Ordnung verlieren. Ich möchte ausbrechen, nicht mehr routiniert mich selber beüben, mich stets mässigen. Ich möchte mich nicht entscheiden, ich möchte nichts abwägen müssen.

Alles, und nicht nichts. Alles hier und jetzt. Ich könnte stundenlang darüber schwärmen. Ich könnte mein Umfeld anstecken und begeistern. Ich könnte motivieren, anstacheln, Ehen brechen, Abstinenzler überwinden. Alles verballern, alles riskieren, alles verlieren. Ich kann bloss so atmen, mich bewegen und überleben.

Alle Versuche, mich zu zähmen, sind gescheitert. Kein Kind kann mich jeweils domestizieren, keine Frau vermochte oder mag je vermögen, obwohl ich stets dafür tendiere. Auch die Arbeit, eigentlich die grosse Anstalt, kann mich nicht erziehen. Nichts, der Staat ist vollends gescheitert, wer aber zugegebenermassen nie beauftragt wurde.

Wie weiter? Ich geniesse diesen Zustand solange als möglich, solange ich noch kann. Bevor irgendwas, irgendwer mich zurückholt, wieder erdet, wieder erinnert, dass ich ebenso sterblich, ebenso vergänglich und ebenso gekettet bin wie alle anderen, die hier bloss einsam und unbefriedigt fristen, langsam sterben und sich selber bedauern.

bd

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Wieso Zürich?

In Zürich konzentriert sich die schweizerische Wirtschaft sowie Kultur. Eine mittelgrosse Stadt, nett am Ufer eines in die Voralpen reichenden Sees, entwässert durch einen entspannten Fluss. Drei Hügel umrahmen die beschauliche Stadt. Der Bahnhof zählt zu den meistfrequentierten der Welt. Die Menschen zu den wohlhabendsten.

Seit einigen Monaten lebe ich Basel. Olten musste ich verlassen. Ich fühle mich verpflanzt, fremd. Das fühle ich mich auch stets, wenn ich beruflich Zürich besuche. Die Einfahrt in die Stadt fasziniert mich hingegen. Ich beobachte gerne die Europaallee wachsend. Jedesmal entdecke ich weitere Bürokomplexe oder wuchtige Apartmentbehausungen. Schön.

Die Männer sind sehr einheitlich gekleidet. Im Sommer die Weisshemder sommerlich mit Mokassins, die übrigen jahrezeitenlos mit Espadrilles. Die Fülle beeindruckt mich stets. Die Haare entweder seitlich oder rückwärts gekämmt, im Default akkurat geliert. Bei der Sonnenbrille bin ich verunsichert, jedenfalls konsequent mit Sonnenbrille.

Ob Banking, Finance oder Startups, gerne Fintech, Insurtech oder Consulting – sie sind alle Associate und wollen sich beschleunigen. Ich kenne keine, doch alle mit ihrem Titel. Auf LinkedIn followen und liken sie angelsächsische Beiträge, deren Inhalt sie kaum verstehen. Abends posieren sie vorm Coco mit überteuerten Grilladen.

Zürichs Speckgürtel dafür döst. Zürich kannibalisiert jegliche Autonomiebekundungen des Umlandes. Alles will, alles tendiert nach Zürich. Selbst Aarau ist nunmehr Zürich West, seit der der Baregg keine natürliche Autobahnbarriere mehr symbolisiert. Die Tuchlaube verdämmert, das KBA von den Jüngeren längst vergessen.

Die halbe Schweiz strebt nach Zürich. In Zürichs Gassen verwildern die schweizerische Dialekte; sie alle nivellieren zur Zürcher Einheitssprache. Die entschlossenen Ausländer wiederum verjüngen die Stadt; produzieren Nachwuchs, den sie im fern-nahen Institut Montana platzieren. Derweil die Einheimischen sich als etwas Besonderes einbilden.

In Zürich verbreitet sich der Hipster ähnlich rasant wie den übrigen westlichen Weltstädten, ob Berlin, Paris, Wien oder sonstwo. Sie dominieren mittlerweile die lokalen Kulturen, beeinflussen mit ihrem Kaufverhalten ganze Industrien. Ich bin in dieser Hinsicht mitschwimmend, weil ich deren Güter, sozialen Errungenschaften konsumieren.

Ich bin ziemlich verkrampft im Umgang mit Zürich. Fühle ich mich minderwertig? Fühle ich einen zu strengen Wettbewerb in Zürichs Gassen? Fühle mich zu wenig selbstsicher, um in Zürichs Lokalen auftreten zu können? Kaum, bislang war ich in Zürich erfolgreich. Ich möchte einfach nicht me too sein; also auch in Zürich sein, bloss weil alle dort sind.

bd

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Ohnmächtig gelebt

Vermutlich starteten wir alle das Erwachsenwerden mit klaren Vorstellung. Mit klaren Vorstellung, wie und wie nicht wir leben wollten. Wir konnten uns gewiss abgrenzen. Manche wollten durchfeiern, drei Tag lang wach bleiben, verreisen und unaufhörlich entdecken. Andere träumten früh vom Heimchen und Kindchen und Häuschen an der Dünner. Alles gültig, wahr.

Wir starteten mit einigermassen klaren Konzepten. Die Eltern, wenn anwesend und nicht gerade selber ausgehebelt, wollen uns weismachen, dass unser aller Leben irgendwie doch begrenzt sei, denn irgendwas forme und standardisiere und mässige uns stets. Sei es die Arbeit, der finanzielle Druck oder das andere Geschlecht. Freilich mit guten Absichten.

Sooderso waren wir nicht empfänglich für solche Ratschläge. Wir wollten reüssieren. Wir wollten bewegen, wir wollten empfinden, wir wollten Freiheit, Unabhängigkeit erlangen. Wir wollten uns nicht mehr länger rechtfertigen, für nichts und niemanden. Vor allem nicht für den Leichtsinn, unsere Nächte, Eskapaden und diversen Schulden.

Doch schon früh disziplinierte uns das Umfeld. Ob Matura, Lehre oder weder-noch, alle mussten liefern, mussten früh sich einordnen. Die unbeschwerte reine Schulzeit war rasch vergessen. Alsbald mussten wir Geld verdienen, Krankenkassenprämien kalkulieren, Sozialversicherungsabgaben inkludieren. Im System erwachsen.

Wir balancierten, seiltanzten. Der Wochenendrebell entstand, ein belastbares Konzept des permanenten und wiederholten Eskapismus. Montags bis freitags simulierten wir gewisse Normalitäten, kastrierten uns selber; gehorchten den Eltern und Lehrmeistern, den sozialen Anforderungen. Eine Schule des Lebens, Schein und Ordnung wahren.

Doch freitags konnte nichts uns nunmehr aufhalten. Wir waren entzündet. Die ersten Joints zirkulierten in der 2. Klasse der Regionalbahn. Wir alle verlängerten den Feierabend am Bahnhof, Dosenbier und noch mehr Marijuana. Ein Ausnahmezustand. Wir ernährten uns von Malibu Orange, Gummibärli, Bier und Hanf – bis sonntags.

Das war die kleine Illusion einer Freiheit, eines selbstbestimmten Lebens. Das Wochenende gehört uns. Wir dienten, verrichteten unsere Pflicht unterwöchig, doch am Wochenende waren wir frei und ungestüm. Das war unser Selbstverständnis, unsere Droge, unser Soma. Montags ärgerte aber eine unbestimmte Verspätung im Pendlerverkehr: Personenunfall.

Die ersten ernsthaften Paarbeziehungen etablierten sich. Das Wochenende war plötzlich auch Arbeit. Arbeit an der Partnerschaft. Zwecklose Beziehungen, nicht immer durch leidenschaftlichen Sex motiviert respektive legitimiert. Manchmal auch ein Funktionieren bloss, das dem unterwöchigen Ablauf glich, lediglich anders betitelt.

Das reduzierte die vormals maximale Wochenendefreiheit. Die individuelle Freiheit war nun als eine Verhandlungsmasse einer Paarbeziehung aufgedeckt; das Spiel mit Geben und Nehmen, mit Kredit und Schuld hat sich durchgesetzt. Das vormalige Lebensmodell war durchtrennt. Für unbefriedigenden Sex, für den Fernsehabend der ewigen Kompromisse.

Gewisse Paarbeziehungen verfestigten sich. Andere endeten in Kinder oder in Trennung. Wer konnte, flüchtete in flüchtige Beziehungen; in schnellen, oberflächlichen und unbefangenen Sex mit unbekannten Menschen, ebenso flüchtig kennengelernt um vier Uhr morgens oder im verruchten Internetz, wo vormals unvorteilhafte Frauen einen zweiten Frühling erleben.

Anderen konnten sich nicht mehr rechtzeitig retten. Deren Leben war immer mehr durchorganisiert. Nicht bloss die Paarbeziehung strukturiert den Alltag, sondern auch die nahenden Kindchen ruinieren den Rest der individuellen Selbstbestimmung. Kinder vernichten jeden Individualismus; sie entfremden vom eigenen Leben.

Seitdem trotten wir durchs Leben. Jeden vierten Dienstag im Monat dürfen wir zwei Stunden auswärts trinken. Doch maximal zweieinhalb Bier, nicht zu viel, denn wir müssen stets einsatzbereit sein. Das Natel observiert unsere latente Vergnügungssucht, Heimchen und Kindchen wachen und verurteilen jede Verspätung oder Nichtmeldung.

Wir freuen uns auf balde Ferien. Diese verdoppeln unsere Last. Wir spurten durchs fremdbestimmte Programm der Heimchen und Kindchen. Müssen entweder wochenlang an irgendwelchen fernen Stränden uns langweilen oder möglichst viele Sehenswürdigkeiten gleichzeitig besichtigen; irgendwelche aufregenden antiken Porzellansammlungen.

Glücklicherweise ist das Leben aber endlich. Man hat zwar gelebt, aber bloss ohnmächtig, ausgeliefert. Man ist zwar statistisch erfasst worden, doch einen Sinn konnte das Leben nicht stiften. Man stirbt als Sozialversicherungsnummer, die Nachwelt würdigt das Erbe und den steten guten Willen. Rasch ist man vergessen. So wie man sich einst selber.

bd

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Ein aktueller Zustand

Gewiss erwartet meine nunmehr verkleinerte Leserschaft einen Bericht über das Papiwerden, übers Wickeln und sonstigen neumodischen Vateraktivitäten. Oder wie ich das Kindchen auf Strassen Basels schubkarre. Oder wie die Paarbeziehung aufgrund erweiterten Ansprüchen komplizierter nun sich ausgestaltet. Nichtsda.

Ich überlebe wie gewohnt. Zwar müder, erschöpfter, schlafloser, manchmal allem mehr überdrüssiger als üblich. Ansonsten einigermassen stabilisiert. Nicht beruhigt, nicht gänzlich sediert und kastriert, aber immerhin den Möglichkeiten maximalst eingeschränkt. Das Haus spontan verlassen? In Olten feiern? Ausgeschlossen.

Ich habe jüngst die Göttliche Ordnung auf Basels Münsterplatz verfolgen dürfen, eine kurzweilige Komödie über den Sinneswandel eines gezähmten Heimchens, das in der fernen Grossstadt Zürichs ihren Tiger und den Mehrwert des hängigen Frauenstimmrechts entdeckt. Eine Art Heimspiel in Basel-Stadt, ein klassisch progressiver Halbkanton.

Gleichzeitig veröffentlicht der hier bereits im Stadt-Land-Kontext zitierte Benjamin seine Dystopie, eine radikalisierte Stadt-Land-Gesellschaft, die in der selbstgewählten Autonomie der Städte endet. Gleichzeitig brilliert Dimitri im Verdrängungskampf der Generationen. Und die Futuristen tobten, brüllten, tranken und vagabundierten mit Mutters Camper.

Und nebenbei durfte ich erfahren, dass Basel-Stadt den Erwerb eines elektronischen Stramplers mit ungefähr tausend Franken subventioniert, unabhängig des Realeinkommens, sondern im Giesskannen-Metapher. Ich hätte anders priorisiert, muss mich wohl aber erst an das politische System Basel-Stadts gewöhnen.

In diesem breiten Kontext altere ich. Ich werde privater, zurückgezogener. Ich werde automatisch häuslicher. Ich werde nicht mehr so oft ausbrechen können. Ich werde gewiss arbeiten, Geld verdienen und so weiter, dort weitere Geschichten bilden. Doch abseits davon muss ich haushalten, geduldig und nachsichtig bleiben.

bd

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Der Königsmörder

Eine kleine Kränkung, Verletzung kann dich ziemlich weit motivieren, antreiben; sie kann deinen Weg beschleunigen. Ich habe beobachtet, wie ein gewöhnlicher Angestellter, nicht übermässig engagiert, sondern mehr bestrebt, das Leben gemütlich sich einzurichten – also wie eine solche Person hinauswachsen konnte und politische Gegner niederstrecken musste.

Dessen schnelle Karriere beeindruckte mich. Man spekuliert über seine Anstellung, ob eine dritte Person die Entscheidung beeinflusste. Denn fachlich wie menschlich konnte er nicht überzeugen. Er ähnelte einem untersetzten Koch, der grösstenteils im Innenhof Nikotin verdampfte. Nebenbei konzipierte er seine Doktorarbeit über die Unternehmenskultur. Sehr ungleich.

Er nannte einige als Freunde. Der eine verantwortete, dass er dort war, die restlichen hat er im Nachhinein geschart. Sie alle stammen vom lokalen Mitbewerber; man kennt sich. Sein ehemaliger Vorgesetzter verfolgte andere Prioritäten und hat deswegen ein Team zurückgelassen, das er sofort übernehmen und im Portfoliosinn vergrössern konnte.

Die Beziehung zum ehemaligen Vorgesetzten war belastet; sie waren nun hierarchisch gleichgestellt. Er durfte mittlerweile über ein grösseres Budget walten als sein Konkurrent; auch organisierte er die wichtigere Projekte – doch bis auf das eine, das einer grossen Veränderung, die alles hinterfragt, alles umbaut und eigentlich jeden betrifft.

Im Verlaufe des Jahres hat sich die obere Führungsriege selber gesäubert. Ein neuer starker Mann sollte die überkommenen Strukturen aufbrechen, sollte das Unternehmen in ein goldenes Zeitalter grosser Gewinne zurückführen. Der ehemalige Vorgesetzte wollte sich positionieren, kommunizierte offen und ehrlich; er skizzierte eine gut dotierte Stabsstelle.

Doch unser gewöhnlicher Angestellter war nachtragend. Er war entschlossen, er wollte sich selber überwinden; er wollte Macht spüren, Macht ausüben – und die vergangenen Demütigungen vergessen. Er möchte niemals wieder Koch genannt werden. Niemals wieder; er der nebenbei doktoriert, Frauchen und Kindchen im Wiesental nährt.

Die Ambitionen seines ehemaligen Vorgesetzten waren offenkundig, sie wurden auch nicht ernstgenommen. Er agierte nicht ausreichend professionell-gerissen. Er war vom Typ vielmehr gutmenschlich und naiv, unbekümmert. Keine fiese, berechnete Ratte; kein Machtmensch, kein Politiker, obwohl er sich einredete, er sei politisch.

Unser gewöhnlicher Angestellter hatte sich rechtzeitig beim neuen starken Mann angebiedert, seine Dienste angepriesen, seine Doktorarbeit geschickt eingebettet. Er war plötzlich Einflüsterer, Berater. Denn der neue starke Mann misstrauten allen; er war nicht vom Fach, nicht von der Szene, nicht von hier. Er suchte Freunde statt einen Hund.

Gemeinsam planten sie eine Reorganisation. Fachlich ist sie gut, angemessen. Ein Schritt in die richtige Richtung; ich kann sowas schliesslich beurteilen. Und unser gewöhnlicher Angestellter hat das eigentlich beste Ressort geschaffen, thematisch einem noch weiteren Mitbewerber entrissen. Nun thront er.

Sein ehemaliger Vorgesetzter und vergangener Demütiger hätte sich als erster Untergebener einreihen müssen. Doch unser Kollege hat bereits am selben Tag zwei Königsmörder rekrutiert – und ihnen die Stelle des ehemaligen Vorgesetzten versprochen, falls sie sich öffentlich von ihm distanzieren würden.

Das war grandios. Der ehemalige Vorgesetzte war bereits mit dieser Tat, die allen bekannt ist, abgeschossen; es musste sich niemand mehr öffentlich distanzieren oder dergleichen. Er ist vernichtet, er musste vormittags sich mit Shots betäuben; er verlor alles, sein Projekt, seine Stelle, sein Gesicht. Er konnte bloss noch zurücktreten. Bedauerlich.

Die original angeschafften Königsmörder waren nicht mehr notwendig, dennoch konnte der eine die Stelle dankbarst übernehmen und sein Prestige erhöhen. Er hat nun eine bedeutungsvolle Kaderfunktion inne; mehr Gehalt, eine periodische Besprechung zum neuen starken Mann. Er muss bloss noch Gehorsamkeit beeiden.

Der ganze Ablauf hat mich beeindruckt. Jemand hat die Mechanismen der Politik gelernt und angewendet. Mit diesen Werkzeugen hat er es relativ weit gebracht für eine kurze Frist mit wenig Unterstützung, mit wenig einflussreichen Freunden in der Organisation. Nun kann er ein kleines Reich zimmern, mit treuen externen Berater und Untergebenen.

bd

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