Plötzlich Vater

Ich wollte eigentlich nie Vater werden, ich wollte nie erwachen, plötzlich für Frau und Kind sorgen dürfen, täglich mich koordinieren müssen; wer was erledige, wer wen zeitnah unterstütze, wer das Kindchen füttere, wer haushalte und so weiter – ich wollte das alles eigentlich nie, ich wollte stattdessen als verdorbener Schriftsteller scheitern.

Doch ich kann mich anpassen. Ich wage die baldige Vaterschaft. In wenigen Tagen darf ich meine Tochter empfangen – sofern die planmässige Geburt glückt; die Mutter sich nicht verletzt, das Kindchen gesund und lebensfähig langsam die Augen öffnet und vermutlich noch längst nicht das Geschenk des Lebens würdigt.

Ja, und gewiss bin ich nicht vorbereitet. Das Zimmer des Kindchen ist zwar bestens ausgestattet, formell sind wir gerüstet; uns fehlt bloss ein Familienwagen mit lokalem Kennzeichen und grosszügiger Versicherung – aber gedanklich bin ich bloss abstrahierend; das nahe Kindchen begreife ich als fernes Experiment.

Doch in wenigen Tagen und folglich Stunden bin ich unmittelbar herausgefordert. Keine Abstraktion schützt mich mehr. Auch dieser Blog, dieser Beitrag ist dann überkommen. Ich werde meine Lebenskraft anderswo investieren, ich werde mich nicht mehr in diesem beispiellosen Masse verausgaben dürfen. Ich werde verantworten und so.

Ich bedauere nichts, denn ich habe mich entschieden. Ich hätte jederzeit stoppen und abbrechen können. Ich hätte fliehen und auch Verantwortung abstreiten können. Ich will nun riskieren, nichts experimentieren, sondern übernehmen, haften und vor allem viel lieben und wertschätzen, geduldig wachen, sorgsam entwickeln lassen.

Ich bin aber ausreichend realistisch gesinnt, ich kenne meine Stärken und Schwächen; meine Fähigkeiten sind begrenzt. Ich werde nicht als Übervater imponieren. Ich werde stattdessen das Kindchen kitzeln, ich werde herumalbern und trollen; ich werde mich nicht immer durchsetzen können, oftmals werde ich bloss nachgeben.

Ich werde auch viel nebenbei arbeiten. Ich werde mein Töchterchen vermutlich netto vorläufig drei Stunden täglich durchschnittlich erleben können – schliesslich muss ich arbeiten, eine Firma vergrössern und einen Blog erhalten und meine Drohnen fernsteuern und meinen Geist weiterbilden und meine Beziehung pflegen.

Vermutlich werde ich priorisieren, die einen oder anderen Aktivitäten vernachlässigen. Glücklicherweise erkenne ich meine Muster; ich werde erfahrungsgemäss mich übernehmen, indem ich alle Aktivitäten zu vereinen strebe – und dann überall nicht überzeugen, weil ich meine Kraft verzettele. Vermutlich.

Im Gewöhnlichen paralysiere ich mich nicht mit zu vielen Gedanken. Vielmehr lebe ich drauf los, unbeirrt, ungestüm – und zwar ganz futuristisch, ich fürchte im Moment der Tat keine Konsequenzen. So startet auch das Wagnis Vaterschaft in wenigen Tagen verhältnismässig unreflektiert; ich habe keinen mühsam zusammengetragenen Sorgenkatalog.

Anschliessend schlendere ich ins lokale Geburtshaus und denke mir einfach “Okay”. Okay, nun stehe ich hier, überschreite diese Schwelle, begleite meine Frau in den Saal, denke mir nichts dabei. Eventuell esse ich zuvor noch ein Sandwich, trinke einen Kaffee, poste auf Slack in #random noch ein Selfie. Völlig unbedarft, unkompliziert.

Danach plötzlich Vater.


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