Der erfolglose Karrierist

Er atmet Grossstadtluft. In der Schweiz. Er wohnt angemessen. Er arbeitet durchaus solide. Das Gehalt entschädigt für die Längizyt. Seine Anzüge sind geschneidert, seine Schuhe geschustert. In der Newsbar ordert er sein feierabendliches Heineken Lagerbier. Dort versammeln sich die Arbeitskollegen. Ein-zwei Bierchen, danach ins nahe Movie.

Die Anstellung definiert, wer und was er ist. Die Visitenkarten sind stets griffbereit, im preisunsensitiven Piquadro Leder-Etui einsortiert. Ein englischklingender Titel imponiert. Mit 30 zuletzt noch Associate, einige Jahre später eventuell Consultant. Vermutlich bald das nächste Lohnband erkämpfend. Ein SSC in Breslau digitalisiert seine Belegspesen.

Er wühlt im Verteilungsdschungel eines weltweiten Grosskonzerns. Wo EOB immer eine Frage der Zeitzone ist. Wo die Miezen kostümiert, parfümiert und geschminkt sind. Wo die Altherren meliert, klobige Uhren tragend und Geckos Weisheiten posaunend sind. Wo es sich anschickt, Überzeiten zu vertuschen und Schwächen auszunutzen.

Davon erzählt er stets. Er will aber nicht bemitleidet werden. Er will anerkannt werden. Dass er dort überleben kann. Auch wenn sein MD ihn wieder piesackt; ihn zu Mehrarbeit drängt, Verrechenbarkeit verlangt. Er wünscht, dass er mich beeindruckt. Er möchte, dass ich ihn billige. Doch ich verwehre. Ich frage, wer und nicht was er ist.

Danach schweigt er. Er schluckt. Die Jahre fristet er. Doch bewirken kann er nichts. Die interne Prozesse lähmen und paralysieren ihn. Er muss Stellvertreterkriege führen. Er muss sich politisch äussern. Er muss Loyalität simulieren. Er muss Kunden melken. Er muss Kennzahlen optimieren. Nach zehn Jahren landet er im Partner Fastrack.

Bis dahin hat er sich verausgabt. Zwischenzeitlich inspiriert ihn House of Lies. Alle fünf Minuten beteuert er seinem Mitbewohner, dass die Serie bloss Tatsachen spiegle, dass sein Konzern nicht besser sei. Er schmachtet im kokettierenden Zynismus. Er sei halt ein harter Krieger, jahrelang erprobt und erfahren.

Jahre später zerstört ein weitaus agiler, weil anpassungsfähiger Mitbewerber aus dem Mittelland, aus einer unscheinbaren Adresse Oltens, das komplette Geschäftsmodell. Die Kunden bezahlen nicht mehr den Namen, sondern die Leistung. Der Kunde ist fortan ein Prosumer. Der Kunde ist autonom, selbständig und unabhängig.

Er bewirbt sich, aber vergebens. Er gilt als ausgestorbene Rasse, die nicht mehr vermittelbar ist. Die Jahre des Verteilungsdschungels, der unsäglichen Budgetdebatten und queren Politik haben ihn verdorben. Er kann nicht mehr den Kundennutzen fokussieren. Er verliert seine Anstellung. Er ist arbeitslos. Was nun?


Eine Antwort zu «Der erfolglose Karrierist»

  1. […] Das Christentum beseelt uns längst nicht mehr. Wir identifizieren uns mitm Sonderfall Schweiz. Die übrigen mit ihrem Job und/oder […]

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