Amor fati

Ich könnte über die allgemeine Ohnmacht gegenüber der Verhältnisse, der Freunden und der eigenen Familie berichten. Man kann nichts beeinflussen oder verändern. Stattdessen hat man schicksalshaft sich fügen und zu akzeptieren, obwohl man nicht will, nicht kann und überhaupt nicht damit auseinandersetzen sich soll. Ich unterlasse es heute aber und verweise lediglich auf Amor fati, ein in diesem Blog gelegentlich indirekt zitiertes Motiv.

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Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Uwe, der Unternehmensberater

Unternehmensberater faszinieren. Sie sind gerissen, unruhig und meistens inkompetent. Wer sich nicht spezialisieren kann, wird Unternehmensberater. Eine Unternehmensberater wähnt sich gerne als moderner Universalgelehrter. Unterschiedliches Branchenwissen, allgemeine Bildung über Managementtheorien, exotisches unnützes Wissen – das genügt. 

Ich möchte nun Uwe fokussieren. Uwe war Bauernsohn aus fernen Toggenburg. Er verliess den väterlichen Hof bereits mit 18. Er wollte Grossstadt-Action. St. Gallen war keine Option, denn St. Gallen ist die einzige stagnierende grössere deutschsprachige Stadt – abgesehen von Olten und Langenthal, die aber ausser Konkurrenz, weil ohnehin hoffnungslos sind. 

Also übersiedelte der junge Uwe nach Zürich. Zürich, die grösste deutschsprachige Stadt der Schweiz, verführt alle Aar- und Thurgauer. Zürich ist cool für, wer aus Wohlenschwil AG oder Wittenwil TG stammt. Den eingeschleppten Dialekt gewöhnt man rasch ab. Man assimiliert sich ohne Widerstand. 

Uwe war hungrig. Also bemühte er sich um eine Festanstellung bei einer Grossbank. Grossbanken waren damals sexy. Sie waren gross. Und so. Vermutlich waren damals die Frauen hübscher, die Männer erfolgreicher und das Geschäftsmodell war idiotensicherer. Auch ein Affe hätte eine Grossbank kommandieren können. Aber das ist eine andere Geschichte.

In den 90er etablierten sich die ersten grossen Unternehmensberatungen. Die meisten dürfen nicht mehr mit ihrem originalen Namen firmieren, weil sie alle in Skandalen sich verausgabt hatten. Ein Rebranding war die Folge und muss zuweilen auch heute noch durchgesetzt werden, sobald eine Unternehmensberatung eine Wirtschaftskrise auslöst.

Uwe, der Bauernsohn ausm fernen Toggenburg, war beeindruckt. Uwe hat aber die falschen Schulen besucht. Sein Vater diente der lokalen vormaligen Bauernpartei. Sein Vater war mit dem Schreiner und mit dem Metzger des Dorfes vernetzt. Uwe hatte keine Freunde in Zürich, in Küsnacht, Feldmeilen oder Zollikon.

Uwe war ein Aussenseiter. Er besass Bauernschläue zwar, aber diese war nicht respektiert oder angesehen. Stattdessen beobachtete Uwe die Unternehmensberater. Der Unternehmensberater kämmte die Haare streng und kleidete sich stets überdurchschnittlich, damit er sich abgrenzen kann.

Der Unternehmensberater kann unterschiedliche Managementlehren kombinieren. Der Unternehmensberater kann stets parieren. Der Unternehmensberater kann stets zitieren. Der Unternehmensberater kann alle Probleme analysieren und eine Lösung beraten. Der Unternehmensberater ist der James Bond des Spätkapitalismus’. Und so fühlt er sich auch.

Aja, der Unternehmensberater ist männlich, gutaussehend, hat keinen Bierbauch, ist trainiert, ist sexuell potent und dementsprechend aktiv; der Unternehmensberater muss sich nicht verstecken. Er kann flirten, beeindrucken und vor allem Frauen aller Branchen erobern. James Bond halt. 

Uwe, sanft kleingewachsen, sanft dicklich, sanft nicht sonderlich intellektuell, wollte auch ein Unternehmensberater werden, mit einem Rollkoffer durchs Grossraumbüro flitzen, immer unterwegs, immer mit voller Agenda, alles ist wichtig und dringend, immer beschäftigt und stets eine kleine Kalenderlücke für eine empfängliche Frau. 

Uwe passte sich an. Uwe lernte rasch. Uwe konnte bereits als Jüngling Menschen beeindrucken wie beeinflussen. Uwe war geschickt. Uwe studierte Bücher, wie man das Auftreten optimierte, wie man in Meetings möglichst smart wirkte. Uwe lernte alle die existenziellen Floskeln im Managementalltag kennen. Ich will überliefert wissen:

  1. Das erhöht aber die Komplexität.
  2. Was ist das Problem-Statement?
  3. Können wir das skalieren?
  4. Wollen wir nicht alle einen Schritt zurückgehen?
  5. Die Ressourcen sind knapp. 

Uwe konnte sich zu einem sogenannten Projektleiter hocharbeiten. Er startete als Praktikant. Das war respektabel. Aber dennoch war Uwe weiterhin hungrig. Uwe wollte mehr. Uwe war nicht zu begnügen damit, in einer Grossbank Projekte mit einem Budget kleiner als einer Million Franken zu verwalten. 

Uwe wollte respektiert, anerkannt und gewürdigt werden. Uwe wollte irgendwann selber ein Büro am Paradeplatz. Ueli möchte nicht am Nebenschauplatz spielen. Uwe wollte Innenstadt, Downtown Zürich. Uwe wollte ein kleines Imperium schaffen. Uwe wollte nicht bloss seinem Vater demonstrieren, dass er besser sei. Uwe wollte es allen zeigen.

Insbesondere den reichen und fetten Zürcher, seinen Vorgesetzten, seinen Mitbewerbern mit den richtigen Schulen und gepflegteren Schuhen. Also wurde Uwe Unternehmensberater. Wie Uwe als Unternehmensberater reüssierte, später. Seine Anfängen waren bescheiden, aber Uwe war entschlossen und verfolgte einen grossen Plan. 

Was hat Uwe erreicht? Was macht Uwe heute? Interessiert?

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Ich und die Kolumnen

Vermutlich habe ich meine Kolumne verbockt. Ich habe vermutlich den Verleger provoziert. Sehr wahrscheinlich müsste ich mich entschuldigen. Ich weiss es nicht mehr. Kann durchaus passieren. Ich gefalle mir auch einigermassen darin. Daher bemühe ich mich nicht sonderlich. Ich will mich auch nicht beklagen.

Für fünf Minuten wollte ich mich auch für ein lokales Magazin bewerben. Danach habe ich erneut deren Webseite studiert und meine Texte verglichen. Ich glaube, das ist kein echter Match. Es wäre vielmehr eine Verlegenheitslösung. Ein Basler Magazin mit Fokus auf Frauenförderung und Alternativkultur würde mich kaum akzeptieren.

Ich habe mich bereits gewöhnt daran, für meine kleine Leserschaft unregelmässig hier etwas zu publizieren. Gewiss irrlichtert der Weitgeist gerade anderswo, gewiss sind andere Themen akuter oder präsenter als die Selbstoffenbarungen eines lustigen Kerls ausm Mittelland stammend. Ich möchte keine Relevanz mir attestieren.

Ich bin motiviert, hier gelegentlich zu trainieren. Ich probe bloss, ich spiele bloss. Ich will nichts, ich beabsichtige nichts. Ich versuche, nicht einzurosten. Ich will meinen Ausdruck schärfen, auch wenn Wortwahl und Geschichten sich stets wiederholen. Vermutlich, weil mein Leben relativ geordnet ist. 

Vermutlich muss ich eine weitere Figur ausm Universum der Unternehmensberater verballhornen oder verniedlichen. Ich denke hier insbesondere an Uwe, der andere Unternehmensberater. Eine andere Figur als Ueli. Ueli ist beinahe sympathisch, Ueli kann man mögen, weil Ueli tut alles mit besten Absichten.

Uwe hingegen ist gerissen, machthungrig, will seine Herkunft überwinden. Uwe würde sich niemals mit 500’000 CHF Jahreseinkommen begnügen. Uwe will keinen Camper. Uwe will impact & reach. Uwe will akzeptiert, anerkannt und gewürdigt werden. Uwe glaubt an nichts, ausser an sich selber. 

Seien wir gespannt, was Uwe so antreibt.

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Das Spiel

Derzeit baue ich meine Städte. Ich liebe Städte. Ich muss nicht zwangsläufig in einer Stadt leben. Diesen Drang habe ich überwunden. Ich könnte mich mittlerweile überall verstecken. Ich hause in Basel-Stadt bloss, weil ich muss und keine Alternative habe; mein kleines Gefängnis, das ich gerne inspiziere.

Gelegentlich profitiere ich auch vom grossstädtischen Angebot – aber zu selten, dass die Mehrkosten des Stadtlebens das rechtfertigen könnten. Ich vermute, den meisten Menschen ergeht es ähnlich; sie leben zwar in der Stadt, aber vereinsamen und verstecken sich in ihren überteuerten Wohnungen. Sie sind weder draussen noch irgendwo drinnen.

In meiner Privatzeit zerstreue ich mich neuerdings nicht mehr programmierend. Meine Programme sind erschöpft. Ich habe keine neuen Anforderungen mehr, die ich umsetzen könnten. Und ohne Use Case ist das Programmieren sinnlos und daher nicht energetisierend. Eventuell ermittle ich bald wieder Anforderungen.

In einigen Monaten darf ich eventuell eine Benchmark-Logik umsetzen. Also ein Werkzeug, das Ergebnisse von Umfragen systematisch vergleicht und einen Benchmark erhebt – einen Benchmark darüber, wie “stark” oder “fit” unterschiedliche Teams unterschiedlicher Organisationen sind. Darauf freue ich mich, endlich wieder programmierend mich ablenken.

Ich muss mich vor der Lieblosigkeit meines Daseins ablenken. Ich bin hier einsam und ohne Nähe, geschweige denn körperlicher Nähe. Ich könnte mich abends betrinken, bin manchmal auch dazu nicht motiviert, sondern will mich bloss verstecken und eben ein wenig zerstreuen. Mittags bin ich stets verabredet. Ich netzwerke und interessiere mich aufrichtig.

Gewiss könnte ich mich auch überarbeiten. Der berufliche Backlog ist stets präsent und gemahnt Disziplin, Selbstbeherrschung und Mässigung meiner privaten Zeit. Der Berufsarbeit fühle ich mich derzeit bloss verpflichtet; die Leidenschaft ist ausgelöscht vorläufig. Ich brenne nicht mehr sonderlich. Manchmal begeistert sie mich kurzweilig.

Der ausserordentliche Auftrag, ein Familienunternehmen zu begleiten, entzückt mich. Ich darf nächsten Freitag debütieren. Ich bin sehr neugierig. Vermutlich wird mir alles gelingen – oder mindestens 80%. Ich will das gegenseitige Verständnis erhöhen, die Familie einen und eine kraftvolle und verständliche Operationalisierung der Strategie erwirken.

In der Zwischenzeit beschäftigt mich das Spiel, das Städtebauspiel. Ich plane eine Stadt. Ich habe auch einen gewissen ästhetischen Anspruch. Ein schöner Hauptbahnhof mit einem angemessenen Viertel, einen IT-Cluster, Inseln voller Einfamilienhäuschen, urbanes Wohnen mit lärmiger Tram, daneben Industrie und Logistik.

Ich informiere mich im Internetz über die Ergebnisse anderer Spieler. Ich bewundere ihre schön gestalteten Städte und beneide sie um ihre Geduld und das erforderliche Geschick mit Tastatur und Maus. Ich studiere Tutorials, Anleitungen und sonstige Hilfestellungen der Community der Spieler. Ich bin beseelt und entspannt.

Wer nicht spielt, ist wohl krank oder allmählich erkrankt. Der spielende Mensch ist mir am liebsten. Ich misstraue jedem, der nicht spielen kann. Spielen ist lustvoll, entspannend, erzeugt Flow-Momente. Spielen beruhigt meine Psyche. Ich bin manchmal beinahe abhängig. Ich spüre bereits jetzt den Drang, täglich zu spielen.

Dadurch vernachlässige ich vermutlich andere Verpflichtungen. Aber ebendas will ich auch bezwecken; ich will meine Psyche spülen und die Verpflichtungen vergessen, die mich ansonsten einsperren und einengen würden. Das Spiel lässt auch meine sexuelle Frustration schwinden. Ich habe keinen Trieb mehr; ich empfinde nichts. 

Dafür Spass und Genugtuung im Spiel. Das tröstet.

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Uelis Camper

Ueli, der unbedeutende Unternehmensberater, besitzt nicht bloss Immobilien und mehrere Abwicklungs-Gesellschaften, die er dynamisiert, damit er nicht MWSt-pflichtig ist. Ueli hat auch heimlichen Fetisch. Es sind nicht Wachstropfen auf seinem Anzug, die ihn empören und entsetzen, damit er sich wieder einmal fühlt.

Es ist eine ganz klassische Verschwörungstheorie. Es sei angemerkt, dass Ueli zweifach promoviert ist, weil einfach nicht ausreicht als Unternehmensberater. Ueli nimmt das Zertifikatspielchen der Schweiz sehr ernst, weil er mittlerweile sich ausschliesslich in der Schweiz bewegt. Das war zwar nicht immer so, ist aber eine andere Geschichte.

Ueli ist nämlich überzeugt, dass wir allesamt in einer Art geopolitischem Vakuum fristen würden. Es ist nicht der nahende Endkampf zwischen der Absteigerin USA und dem Aufsteiger China. Nicht die Diskussion übers chinesische oder gar asiatische Jahrhundert. Vielmehr beschäftigt ihn, was der nächste Schritt der Nazi sein würde.

Nazis? Ja, Nazis, die sich aufm Südpol versteckt haben. Mit modernsten Massenvernichtungswaffen ausgestattet, die bloss auf die Rückeroberung der Welt warten würden. Hm. Nazis sind ja gute Unterhaltung. Aber weilen sie tatsächlich am Südpol? Werken an modernsten Waffen? Wollen uns blitzkriegartig mit Amphetamin überrennen?

Man mag zweifeln. Doch Ueli ist diesmal sehr beratungsresistent. Obschon sein wohlgesonnener anderer Unternehmensberater rät, die Quellen ausm Internetz kritisch zu würdigen, ist Ueli geradezu besessen und überzeugt, dass Nazis bloss noch den richtigen Moment abwarten würden, um die Welt zu erobern.

Psychologisch ist das natürlich sehr anstrengend. Du weisst, dass die Nazis jederzeit dich entmachten, enthaupten oder mindestens enteignen können – wie reagierst du als ein gewöhnlicher Mann angesichts dieser Anspannung? Diese Belastung zu schultern ist anspruchsvoll. Doch Ueli ist gerüstet mit der Leichtigkeit des Unternehmensberaterdaseins.

Die schlaflosen Nächten über die Sorge des drohenden Endsiegs sind akut, das Bedürfnis, zu spülen und das Bewusstsein zu verdrängen, sehr plausibel. Ueli ist nicht zu beneiden. Ueli muss enorm sich beherrschen und mässigen, nicht zu kapitulieren vor der drohenden Nazi-Übermacht ausm Südpol.

Wer das verinnerlicht hat, arbeitet ganz anders. Er arbeitet fortan bloss für sich. Für seinen kleinen mobilen Führerbunker irgendwo in einem Steuerparadies. Uelis Losung ist ein gediegener Camper. Mit dem kann er ortsunabhängig auch einen drohenden Angriff der Südpol-Nazis im Muotathal überleben. Das entspannt. 

Uelis grösste Alltagssorge ist folglich, ein angemessenes Wohnmobil mitsamt entsprechender Ausrüstung beschaffen zu können. Das dominiert den Berufsalltag. Es soll genug gross sein, um notgedrungen auch seine Frau und sein Töchterchen beherbergen zu können. Immerhin eine latente Fürsorge motiviert Ueli. 

Der Camper hat Ueli erfolgreich finanziert, er muss 1.5 Millionen CHF berappen. Seitdem ist er geschützt, er kann sich notfalls verbunkern. Die Südpol-Nazis haben keine Chance gegen Ueli, dem unbedeutenden Unternehmensberater, das fleischgewordene Provisorium. Ueli kann alles.

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Uelis Abwärtin

Ich glaube, ich spüre einen verwegenen Moment des Flows. Also möchte ich Uelis Geschichte fortführen. Uelis Werdegang wäre ebenso reizend und erzählenswert. Das eventuell bei Lust und Laune meinerseits. Vorläufig die nächste Episode mit Ueli, dem unbedeutenden Unternehmensberater in der Zentrale in der Innenstadt.

Ueli ist das fleischgewordene Provisorium. Obwohl bloss befristet engagiert, hat er knapp ein Jahr verrechnen können. Uelis Geschäftsreisen sind nachahmenswert. Uelis Leistungsausweis ist nicht signifikant. Ueli fristet in seinem Einzelbüro und im halböffentlichen Raucherbereich.

Seine heruntergekommene Immobilie besorgt und belastet ihn. Er sträubt sich, eine Verwaltung oder einen Abwart zu verpflichten. Er sei auf die Rendite angewiesen; seine Frau und seine Tochter seien zu kostspielig. Ausserdem spare er für ein wuchtiges Wohnmobil. Das sei alles zu viel und anstrengend und spülen müsse er auch noch.

Uelis Immobilie ist in zwölf Wohnungen unterschiedlicher Grösse separiert. Er verwaltet die Liegenschaft selber. Manchmal mehr oder weniger offensichtlich während seiner Dienstleistungen für den Kunden. Auch Ueli ist moralisch, kennt und respektiert den Kodex aller Unternehmensberater: Du sollst nicht zu offensichtlich zu viel verrechnen. 

Eigentlich könnte er ja die Aufgabe an seine gelangweilte Frau delegieren, damit sie beschäftigt ist und ihn fürderhin nicht alle fünfzig Minuten anrufen muss, ob sie beispielsweise die gelbe oder rote Regenjacke fürs verwöhnte Töchterchen im Globus kaufen solle – derweil sie überteuerte Unterwäsche inspiziert, um sich attraktiv zu fühlen.

Das wäre ein perfekter Match. Doch damit würde sein Frauchen auch gewisse Kompetenzen überschreiten. Das wäre für Ueli nicht angemessen. Die Frau ist da, weil es notgedrungen ist. Nicht weil er will, sondern weil er muss. Solange die Frau daheim und abhängig ist, kann er noch etliche Geschäftsreisen verköstigen – und tun, was er will.

Uelis Lösung dagegen überrascht nicht. Er hat eine ältere Mieterin in seinem Portfolio entdeckt. Eine Schweizerin. Sie beklagt den Verfall der Immobilie, das ausländische Gesindel, die Unordnung, den Dreck; alles sei ohne Anstand und Sitte. Bisher hat sie sich vor allem wegen Wehklagen, Beschwerden und Telefonanrufen bei Ueli unbeliebt gemacht.

Wie jeder guter Berater ist auch Ueli nicht gänzlich beratungsresistent und nutzt hier und da Dienste, Anregungen und Bemerkungen wohlgesonnener Unternehmensberater, die er häufig rauchend trifft. Unternehmensberater sind grundsätzlich derart unspezialisiert, dass sie alles und nichts beherrschen – aber dafür auftretend und rhetorisch stets imponieren. 

Ein exzellenter Unternehmensberater kann einen SMI-Konzern, eine Hundeschule und einen produzierenden Familienbetrieb gleichzeitig beraten, ohne das eine wie andere zu verstehen oder zu kennen oder mit seiner Unkenntnis gar aufzufallen oder sich zu blamieren. Das ist wohl das grossartigste Geschick des Unternehmensberater.

Und so beraten sich zwei Unternehmensberater über das Thema Liegenschaftsverwaltung, wovon beide eigentlich nichts verstehen. Jedenfalls hat der eine andere Unternehmensberater Ueli den Tipp geliefert, er solle doch das alte Grosi als “Abwartin” befördern, damit sie statt ihn alle anderen Mieter ständig belangen könne.

Eine grandiose Idee. Das Grosi ohne mehr Entgelt, Lohn oder sonstiger Entschädigung waltet fortan als legitime Anwältin Uelis. Sie sorgt für Ordnung und Sauberkeit und Sicherheit im heruntergekommenen Block in Wollerau, beste S-Bahn-Distanz nach Zürich, bekanntlich in einem steuergünstiger Kanton.

Das kleine und gewiss vereinsamte Grosi ist bedürftig nach Aufmerksamkeit und Anerkennung. Sie ist nun Uelis Frau fürs Grobe. Sie ist intrinsisch motiviert fürwahr. Seitdem stabilisiert sie Uelis Profit. Ueli muss lediglich einmal wöchentlich ihre Wehklagen erleiden, während er sich gepflegt abschiesst.

Ueli, der Unternehmensberater. Bald mehr?

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Das Ende meiner Sexualität

Ich möchte mich nicht wiederholen, ich möchte einfach nochmals deutlich, aber endgültig das Ende meiner Sexualität bedauern. Gewiss ist der Zeitpunkt ungünstig, gerade ist hier in Basel-Stadt Sommer, die Frauen sind allesamt leicht oder ohne BH gekleidet. Das ist durchaus reizend. Aber für mich unerreichbar.

Ebenso gewiss ist, dass der Geschlechterkampf unerbarmlungslos ist. Es ist eine freie Marktwirtschaft. Einige gewinnen, die meisten verlieren. Ich werde mich nun begnügen, dass ich abgehängt bin; eine verlorene Generation weisser Männer, die keine Sexualität mehr beanspruchen kann.

Technisch könnte möglicherweise reüssieren, ich bin noch nicht gealtert dergestalt, dass ich mich zurückziehen oder verstecken müsste. Auch bin ich irgendwo angestellt, ich könnte technisch einigermassen eloquent mein Schicksal und mein Leiden beschreiben. Auch meine Tochter müsste mich nicht behindern, sondern könnte gut assistieren. 

Ich darf und werde mich nicht mehr bemühen. Ich werde akzeptieren. Ich kann mich immerhin an eine Sexualität erinnern. Sie ist mir zwar fern und beinahe fremd geworden. Ich fühle mich untröstlich. Damit startet eine Phase maximaler und absoluter Sublimierung. Ich werde mich wieder anderweitig verausgaben müssen. 

Vermutlich werde ich mich zunächst masslos betrinken. Und komische Berater-Geschichten schreiben. Das regt mich durchaus an. Und eventuell hilft das auch, den Zugang zum Sexmarkt zu verkürzen oder gar zu ermöglichen. Bis dahin verhungere ich in Basel-Stadt. Bald besuche ich wieder Olten.

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Ueli der Unternehmensberater

Meine Bewerbung hat die erste Hürde genommen. Ich muss nun eine Probe liefern. Ich berichte aus dem Alltag abgetretener Unternehmensberater, die auch ihre Mütter sinnlos beraten würden. Es soll derb, sexistisch, lustig und vor allem anonymisiert sein. Es ist eine naturgemäss männliche Perspektive, weil Männer diese Branche dominieren.

Der Konzern. Die wuchtige Zentrale in der Innenstadt. Die Assistentinnen schnittig und adrett gekleidet. Die Bevölkerung weiss nicht, was und wie dort geschäftet wird. Offenbar ist alles sehr wichtig und dringend.

Unser Unternehmensberater Ueli hat sich auf Übergangslösungen spezialisiert. Er ist das fleischgewordene Provisorium. Er muss einen gefallenen, geschassten und/oder erkrankten Manager vorübergehend ersetzen. Seine Beratungsleistung ist minimal. Er muss einfach aushalten. Er kann im Jahr eine halbe Million Schmerzensgeld verrechnen. 

Er muss nicht brillieren. Er muss nicht politisieren. Er kennt auch niemanden. Er ist isoliert. Aber dennoch ist er hier. Eh da. Er stiftet auch wenig Mehrwert. Dessen ist er sich bewusst. Er will einfach möglichst sanft und widerstandslos am Erfolg partizipieren. Das ist okay, die Organisation toleriert.

Manchmal muss er hinhalten. Ein Ausschuss tagt, er muss vertreten, einen Misserfolg berichten. Die harten Kerle im Ausschuss im obersten Stockwerk der wuchtigen Zentrale in der Innenstadt listen Verfehlungen und Rückstände in Projekten und im Betrieb Uelis Vorgängers. Budget um 5% abgewichen, Lieferung verzögert, Umfang reduziert. 

Ueli nickt und protokolliert. Danach vernichtet er seine Notizen und entlädt das Bewusstsein in der verwegenen Bar in der Unterführung. Einmal wöchentlich den ganzen Dreck wegspülen, ist seine Maxime. Daneben finanziert er eine Familie, die in einem steuergünstigen Kanton haust. Er übernachtet unterwöchig Nähe der Zentrale in der Innenstadt.

Nicht weil er muss, sondern weil er nicht mit seiner Frau und seiner Tochter zu viel Zeit vergeuden möchte. Er arbeitet aber dennoch nicht häufiger, länger, mehr oder sonst überhaupt. Er trottet ca. um zehn Uhr in sein verstecktes Einzelbüro, raucht alle dreissig Minuten drei Zigaretten. Mittags trinkt er mindestens eine Maschine Weizen, meistens zwei.

Um vier verabschiedet er sich bereits. Gemäss eigenen Angaben muss er sich noch um andere Mandate kümmern. Das bedeutet, er muss sein Portfolio überwachen. Hier eine Immobilie, dort Spielgeld für Day-Trading. Alles erledigen, was er nicht zwischen den Zigaretten im eingeklemmten Raucherzimmer erledigen kann.

Er wird entsandt. Er muss einen fernen Lieferanten inspizieren. Warum und weshalb ist irrelevant. Er ist Bote, Richter und Henker zugleich. Eine Geschäftsreise, freilich verrechenbar. Die Anreise und Rückreise hat er mit einem grosszügigen Multiplikator belegt, eine ausserordentliche Spesenpauschale hat er selbstredend vereinbart. 

Geschickt hat er den Auftrag bereits an einen anderen Unternehmensberater delegiert. Er muss den Mehraufwand der Koordination zusätzlich verrechnen. Und ausserdem müssen die beiden Unternehmensberater zusammen anreisen. Er verrechnet 20% für seine Dienste, zumindest diesmal transparent.

Der beauftragte andere Unternehmensberater inspiziert den Lieferanten, kopiert die Beurteilung vom letzten Lieferanten, ändert das Logo, überprüft die Metadaten des Dokuments, perfektioniert hier und da Floskeln. Fertig. Sie haben fünf Tage Inspektion budgetiert. Faktisch brauchte der beauftragte Unternehmensberater bloss vier Stunden.

Derweil sündigen sie in der fernen Stadt des Lieferanten. Geschäftsessen sind selbstverständlich. Auch Bordellbesuche frappieren nicht. Einmal weilen sie erneut im Bordell. Sie haben vier Nutten bestellt. Omnipotent fürwahr. Eine genügt ja nicht, weil ja bloss Nutte. Die jeweils zugewiesenen Nutten müssen sich zunächst selber befummeln.

Das klappt. Die beiden Berater fühlen sich einigermassen angeregt, obwohl oder weil bereits betrunken. Die eine Nutte Uelis ist sehr motiviert. Sie nimmt wohl ihren Beruf ernst. Das ist okay. Sie will ihre Nutten-Kollegin für Wachsspielchen begeistern. Vermutlich sind Schmerzen aphrodisierend.

Sie hat eine ordentliche Kerze organisiert, die sehr wahrscheinlich tagsüber als sensibler und penisähnlicher Dildo fungiert. Den Wachs lässt sie langsam auf den Rücken der räkelnden Nutten-Kollegin tropfen. Die Darbietung gelingt. Ueli ist entzückt. Vergessen sind die Enttäuschungen, Erniedrigungen und Schmerzen im Ausschuss in der Zentrale.

Ueli nähert sich, will den semiblanken Po der Nutten-Kollegin tätscheln. Im kichernden Frohlocken allerdings der engagierten Nutte verschüttet sie versehentlich einen Tropfen Wachs auf die Anzugshose Uelis. Falls der Ständer wahr war, jetzt ist er hinüber. Ueli ist empört und rauft über die Inkompetenz der motivierten Nutte. Er hat die Kontrolle verloren. Er ist erneut Opfer.

Die Party droht zu enden. Doch die engagierte Nutte ist tatsächlich engagiert. Sie sucht ein Bügelbrett, ein Löschblatt und bemüht sich in knapper Reizwäsche, Uelis Hose zu säubern. Dennoch will Ueli nicht mehr. Man verabschiedet sich, Ueli bezahlt Nutten wie Champagner.

Die Inspektion war erfolgreich. Nun wissen alle, was alle ohnehin wussten, aber niemand wissen wollte. Endlich eine einigermassen sinnvolle Tat Uelis. Das Eskapaden der Geschäftsreise sind zwar privatisiert, indirekt aber durch die Gesellschaft finanziert. Er geniesst seine kleine, aber durchaus feine Genugtuung. 

Zwei Wochen später erkrankt Ueli. Er kriegt einen dicken Hals. Vermutlich mehr als eine blosse Metapher. Er muss sich kurz kurieren, kann dennoch wenigstens 50% verrechnen. Er möchte nicht mehr zurückkehren. Er tut noch mehr so als ob – bloss remote und mit Lync, der damals gängigen Corporate Collaboration Lösung. 

Was heute diese Unternehmensberater so tun, das nächste Mal.

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Kolumne ausm Herz des Kapitalismus’?

Wie ihr ja wisst, will ich bald mein Comeback feiern. Nicht als Party-Dave oder Rave-the-Dave oder was auch immer. Sondern als verdorbener und depressiver Schreiberling. Was ich stets war und auch bleibe – trotz geänderter Verhältnisse, die derzeit immer mehr mich fordern und meine Prioritäten verschieben.

Diese Plattform hier genügt mir durchaus. Ich kann meiner Leserschaft Links teilen. Manche kommentieren das Geschriebenen auf privateren Kanälen. Das freut mich jeweils. Ihr seid eine kleine Leserschaft von maximal zehn Lesern gemäss Statistik. Das soll sich auch nicht ändern. 

Ich bin aber erneut verführt, beim lokalen “Verleger” mich zu bewerben. Erneut. Meine letzte Bewerbung stammte ausm 2016. Glücklicherweise habe ich sie nie versendet. Denn man kann auf eine Stelle bloss einmal sich bewerben – und nicht zwei Jahre später mit einem anderen Konzept.

Ob ich diese Bewerbung jemals absenden werde, hängt von meiner Tagesform ab. Ich brauche keine Kolumnenplatz, weil ich hiermit mich ausreichend befriedigt fühle. Wenn, dann würde ich das tun, bloss um irgendwelchen hippen Grossstadt-Weibern zu gefallen. Ich könnte – als betrunken – herumposaunen und so jeden sozialen Kredit verspielen.

Das würde auch mir gefallen. 

Das Konzept wäre diesmals anders. Ich möchte über meine Berufszunft schreiben. Unternehmensberater sind nicht unbedingt angesehen oder vertrauenswürdig. Bloss Handyverkäufer und Versicherungsmakler gelten als dubioser und undurchsichtiger. Der Beruf hat kaum Reputation oder Glaubwürdigkeit. 

Unternehmensberater sind gefangene Kapitalisten, Statussymboljäger, unbefriedigte Narzissten, selbstherrliche Blender und verjubeln das Geld anderer. Sie verwirren mehr als sie vereinfachen. Sie sind verschworen und erkennen sich sofort. Sie haben alle dieselben Schulen besucht. Sie sind uniform und Kopfnicker. Und sie mögen schnelle Porsches.

In der Kolumne sollen weniger die gestressten, stets beschäftigten und eloquenten Männer fokussiert werden. Vielmehr soll das Absurde und Sinnlose des Geschäftsmodells kritisch gewürdigt werden. Ich möchte von Aufträgen erzählen, die unglaublich sind, weil sie sich stets wiederholen und in den grossen Zentralen der Firmen üblich sind. 

Ich glaube, die Kolumne könnte auch kurzweilig unterhalten. Sie soll keine Business Class gemäss Martin Suter nachspielen. Ich möchte bloss ausm Herz des Kapitalismus’ berichten. Dort, wo unsere wahre Lebenswirklichkeit sich ereignet. Dort, wo unsere Verhältnisse sich verfestigen und wo wir grösste Ohnmacht erdulden müssen.

Natürlich müsste ich alles anonymisieren. Die Firmen dürfen dabei nicht erkannt werden. Das ist Bedingung. Ich habe so viele Erklärungen unterschrieben, dass ich sie gar nicht mehr archiviere. In meinem Beruf müsste ich sehr verschwiegen sein. Mittlerweile weiss ich selber nicht einmal mehr, was ich eigentlich tue. 

Ich glaube, ich wäre der bessere Martin Suter, weil ich nicht dazugehören möchte. Vermutlich muss ich aber anfänglich mich auf ihn beziehen; Referenzen schaffen, Sicherheit simulieren oder so. Das wäre niederschwelliger, das würde meine Chancen erhöhen. Und sobald mal engagiert, würde ich dann wüten. 

Cool, oder?

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Warum ich mich nicht behandeln lasse

Natürlich sind wir alle verrückt, manche verrückter. Ein Viertel der Menschen hierzulande erkrankt früher oder später psychisch. Es ist der Alltag, der uns alle erdrückt; wir alle ähneln Sisyphos, quasi ein sinnloses und permanentes Mühen ist die Konsequenz. Zuweilen empfinden wir so, als würde uns das moderne Leben strafen. Alltag halt.

Ich leide nicht, ich erdulde. Ich bin manchmal betrübt. Ich muss mich wieder motivieren wie energetisieren. Ich bin nicht todessehnsüchtig dergestalt, dass ich mein Leben terminieren möchte. Ich bekämpfe bloss den Selbstzerstörungstrieb, der manchmal ausbricht und mein Glück sabotiert. Bislang gewann ich stets, obschon häufig als Pyrrhussieg.

Ich bin kein gebrochener Mann, der nicht mehr strebt, sondern bloss noch vom Mitleid attraktiver Frauen zehrt, sexuell kompensiert, den Selbstwert dadurch vergebens erhöht oder Drogen konsumiert. Ich überlebe, funktioniere und gedeihe weiterhin, auch wenn gestaffelt und unregelmässig und nicht immer berechenbar. 

Ich bin durch einen Nordstern beseelt, ich kann ausgiebig begründen, warum ich mich nicht umbringen werde, ich könnte Frauen erobern und meinen Samen verstreuen. Ich fühle mich nicht begrenzt oder eingeschränkt oder limitiert. Ich fühle mich relativ frei, wenngleich ich das Konzept des uneingeschränkt freien Willens ablehne.

Ich jammere nicht – es sei denn, die heimtückische und lebensbedrohliche Männergrippe befällt mich. Auch wenn mein Geld selbstverschuldet verknappt ist, beklage ich mich nicht einmal darüber, sondern ertrage die Last. Ich bin grösstenteils resilient gegenüber den Ereignisse meiner Verhältnisse. Eventuell bin ich ja bloss zu gleichgültig?

Ich verspüre keine Notwendigkeit, meine Psyche zu therapieren. Ich fühle mich als vollwertig, als vollendet, aber stets reflektiv und lernend. Ich fühle mich natürlich fehlbar, unvollkommen, unfertig – aber nicht derart, dass ich mich sorge oder aktionistisch mich gestalten und formen sollte hin zum anderen, vermeintlich besseren Menschen.

Einige Fehler habe in meinem Leben wiederholt, einige Krisen ähneln sich. Ich bin mit meinen Lastern aufgewachsen und habe mich mit ihnen arrangiert. Die Summe meiner Verfehlungen, die Summe meiner Aufgaben und die Komplexität meines Lebens bleibt dieselbe; die Inhalte, Themen und Prioritäten verschieben sich bloss.

Ich fühle keine zusätzliche Herausforderung, die meine Belastbarkeit strapaziert, sodass ich nicht mehr handlungsfähig sei. Gewiss endet meine Resilienz irgendwann und irgendwo, einige Triggers habe ich bereits identifiziert, die mich zweifelsfalls kurzzeitig aushebeln könnten. Ich agiere aber stets mit gedanklichen Szenarien.

Ich bin bereits für alle Szenarien geistig gerüstet. Ich könnte morgen ebensogut sterben und es wäre okay. Ich könnte morgen ebensogut meine Tochter verlieren. Ich könnte morgen ebensogut meinen Job kündigen. Alles ist bereits antizipiert. Ich fühle mich gerüstet. Ich wappne mich täglich mit allen Optionen. Ich bespiele Gedanken.

Was mich überdies auszeichnet, ist meine Anpassungsfähigkeit. Ich kann Ereignisse deuten und notfalls auch umschlüsseln. Ich bin zäh, robust und stur. Ich konstruiere mir die Welt, die Welt als Wille und Vorstellung habe ich verinnerlicht. Stets kann ich mich zurückziehen, stets betrete ich solche Lebensabschnitte. 

Ich überlebe gut. Ich muss nichts ändern. Ich schätze und würdige die Momente des Glücks, auch wenn sie naturgemäss selten und vor allem vergänglich sind. Das Futuristische ist nicht erloschen. Ich bin weiterhin zuversichtlich, ich glaube. Ich freue mich. Oder so. 

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