Das Eskalationsspiel

Du-Botschaften sind rasch ausgestossen. Ein falsch platzierte Socke, ein allgemeines Missverständnis, eine nicht definierte Fahrtrichtung, ein offener Witz, Kleinigkeiten des Alltages ermuntern einen, seinen Partner zu beschuldigen. Das sind gnadenlose Du-Botschaften; immer ignorierst du mich, nie fragst du mich.

Ob beabsichtigt oder nicht, solche Du-Botschaften verletzen immer. Aber hier die Gegenpartei zu beklagen, wäre wiederum verfehlt. Konflikte bedingen immer zwei Konfliktparteien. Es ist eine Art Spiel, das sich bloss erhält, solange beide Parteien es anfeuern. Bis jemand zurücktritt, die komplette “Schuld” übernimmt.

Diese Partei bemitleide ich. Sie muss nachträglich alles schultern; in künftigen Konflikten darf man sie beargwöhnen, man darf immer wieder auf vergangene, freimütig geschulterte Konflikte verweisen. Das verschlechtert die Ausgangslage dieser Partei für kommende Ereignisse. Wie im Kleinen, so auch im Grossen beobachte ich das Verhalten.

Ich erprobe seit Jahren Methoden, um dem Spiel auszubrechen. Doch dazu müsste man sich totalst beherrschen, alle Gefühle, alle Eitelkeit, alles unterdrücken und sich totalst rationalisieren. Eben darin bin ich nicht (mehr) geübt. Und so begehe ich selber diverse Fehler, die das Spiel unabsichtlich verlängern.

Beispielsweise erwarte ich, dass man das Spiel gleichsam durchschaut und an eine prompte Auflösung interessiert ist. Ich unterstelle hier meiner Gegenpartei dieselbe Intention wie mir selber. Ich bin ohnehin auf Harmonie gepolt; also möchte ich Spiele verkürzen. Andere Menschen möchte Spiele ausreizen; alleine des Spieles willen. Hier verallgemeinere ich.

Ich testete auch mal eine entschlossene Gegenreaktion. Doch das polarisiert den Konflikt bloss. Rasch verliert man das Gesicht, entwirft Drohstrategie, bis man bloss noch gemeinsam in den Abgrund schlittern kann. Und dann muss sich noch eine Partei bemüssigt fühlen, alle Fehler auf sich sitzen zu lassen. Sehr unwahrscheinlich.

Was sind also meine Rezepte? Ich habe keine. Ich erwarte nicht viel, ich erwarte bloss Reflexion und manchmal eine Art Entschuldigung. Dass sich solche Spiele halt ereignen, dass man sich halt verärgert. Und dass man sich halt gewiss wieder zusammenfindet. Auch ich muss mich laufend verbessern und hinterfragen. Anstrengend, ich weiss.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Ein schlankes Strategie-System

Alle Strategie-Systeme versichern einen; sie simulieren Genauigkeit, wo per Definition keine ist. Sie simulieren Vorausschaubarkeit. Man ist prospektiv. Es konkurrieren etliche Techniken, wie man eine möglichst plausible Strategie konstruieren kann, die möglichst auf Zahlen und Fakten basiert.

Ich habe keine Lust, Geld für Wahrsagerei zu vergeuden. Wenn wir wissen, dass wir nichts wissen, können wir uns doch wenigstens daran messen, welche Annahmen wir überprüfen möchten. Denn damit sind wir doch herausgefordert: fiese, fette und verhängte Annahmen, die unser Tun und Denken leider stets beeinflussen.

Also organisieren wir eine Firma nach Annahmen, nach “Wetten” quasi, die es aufzulösen gilt. Wir formulieren zum Beispiele eine Annahme “Der nackte Agile Coach verschwindet” und strukturieren unseren Backlog so, diese Annahme zu überprüfen. Wir wissen heute nicht, ob wir uns irren oder nicht. Macht auch nichts; denn wir brauchen eine Richtung.

Meine Firma soll maximal drei solche Annahmen parallel validieren. Welche das sind, möchte ich gerne in einem baldigen Strategie-Workshop im Plenum konkretisieren. Das spart viel Zeit; wir verkürzen den Strategieprozess. Um die Annahmen zu formulieren, möchte ich die Teilnehmer mit einer kleinen Kontext-Analyse aufwärmen.

Eventuell irre ich mich grundsätzlich. Ich kann doch nicht nebenbei ein neues Führungssystem erfinden und sofort ausprobieren? Vermutlich kann ich doch, werde ich es tun, und das System weiter verfeinern. Ich werde heute meine Kollegen unterrichten, mit ihnen erste Thesen testen. Seid gespannt.

bd

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Der sichere Hafen im 2017

Ich kann die Wirkung eines sicheren Hafens immer wieder loben. Der sichere Hafen ist eine Stimmung, kann auch sich als Ort zeigen, wo man sich zurückziehen kann, wo man sich erholen kann. Wo man einfach sein kann, wer man ist, wo man sich nicht verstellen, verkünsteln muss. Wo man geliebt und geborgen ist, lieben und bergen kann.

Wir alle sehnen uns, wo wir bedingungslos anerkannt und gewertschätzt werden. Das sind Grundbedürfnisse. Auch die superlativ bösen Diktatoren konnten sich irgendwo zurückziehen, ihr Safeword nutzen; sie durften baumeln und mal Mensch und nicht Diktator sein; sie durften mit Hund und Katze kuscheln und schmusen.

Solange man keinen solchen Ort kennt, irrt man stets. Man geistert durch Städte, man verabredet sich durch alle Schichten; man betrinkt sich in der Freizeit und bedauert den allgemeinen Sittenverfall. Man wähnt sich zwar jugendlich, ungestüm, unabhängig, doch man verendet moralisch; man verwahrlost bald sozial.

Einen möglichen sicheren Hafen kann man nicht mehr wahrnehmen. Schliesslich entwöhnt, ja entliebt man sich. Man verliert die Liebensfähigkeit, aber ahnungslos. Das Christentum beseelt den Menschen mit einem sicheren Hafen der bedingungslosen Liebe; der ehrlich-aufrichtigen Hingabe. Alle Religionen basieren auf solchen “Häfen”.

Ich möchte einen sicheren Hafen für jedermann bieten. Eine Alltagsphilosophie, erschwinglich, praktisch und einigermassen universell. Sowohl für die modernen Menschen in den grossen Weltstädten als auch für die beschaulichen Menschen in den Peripherien geeignet. Eine übergreifende Philosophie, die jedem einen sicheren Hafen bietet.

FYI: Im 2016 schrieb ich bereits über den sicheren Hafen.

bd

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Mein Safeword

Ich nutze hier und jetzt mein Safeword. Ich pausiere damit die Qualen, die Schmerzen, ich stoppe damit das Ringen und Bangen. Ich werde kurzzeitig austreten, ich werde mich verabschieden. Denn ich muss kurz innehalten, ich muss entschleunigen und mich beruhigen. Die Ereignisse überlasten meine Nerven. Ich kann nicht mehr standhalten.

Ich entschuldige mich für Schmerzen, die ich verursacht habe und allenfalls noch werde. Ich scheitere zuweilen kommunikativ, weil ich mein Unbehagen nicht ausdrücken kann. Ich harre, bis ich ventiliere. Das wiederholt sich, wenn ich nicht schreibe und reflektiere, mich hier und damit entspanne und wieder allmählich lockere.  

Ich fürchte mich vorm Erwachsenwerden. Ich möchte nicht erschlaffen, mittelmässig erwachen. Darüber habe ich jüngst geklagt. Heute möchte ich nachdoppeln. Ich möchte mein Safeword nutzen. Ich möchte mich einfach kurz entkoppeln. Ich möchte nicht mehr unmittelbar beeinflusst und geformt werden.

Ich möchte, dass man mich befreit. Ich möchte nicht mehr länger verkettet sein. Ich möchte nicht länger bespielt werden. Ich möchte wieder selber bestimmen und beherrschen wollen. Ich möchte meinen Individualismus wiedererlangen. Ich möchte das Spiel unterbrechen. Ich möchte mir eine Auszeit gönnen. Ich möchte einfach im Bett kuscheln.

Ich möchte nicht denken, nicht arbeiten, nicht handeln. Ich möchte nicht verbrennen, ich möchte bloss vergessen. Ich möchte einfach sitzen, starren; streicheln und schmusen. Ich möchte lieben und geliebt werden. Ich möchte nicht weiter mich anstrengen und beweisen müssen. Ich möchte einfach mal stoppen. Mein Safeword.

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Wie immer

Manchmal befürchte, ich könne das Leben verpassen. Denn plötzlich erwacht man, ist Vater, lebt mit einer Familie, zahlt regelmässig Steuern und begnügt sich mitm Alltag. Ich kann mich zwar gut und lange “begnügen”, aber ich würde mich damit bloss betrügen. Denn früher oder später möchte ich wieder himmelhoch streben.

Ich verschiebe bereits jetzt meine Masterarbeit; ich muss sie nächstes Jahr nachholen. Ich verliere meine Freunde, weil ich mich anders fokussiere. Meine Haare ergrauen, meine Penis schwächelt; ich altere. Die Frauen verehren und überfallen mich nicht mehr; die Kulturszene ignoriert und vergisst mich. Ich werde weniger eingeladen.

Mein Schreiben reduziere ich auf höfliche Emails, unsichere Rückfragen und vergessene Brieffreundschaften. Manchmal füttere ich meinen Blog, doch es fühlt sich wie Arbeit und eine Verpflichtung an. Dabei möchte ich nicht verpflichtet sein. Ich möchte ungestüm trachten, mich verausgaben und schliesslich glorreich verbrennen.

Stattdessen werde ich mittelmässig, ich verliere meinen Hunger. Ich trotte mit, ich rede übers Wetter, ich kusche vor Manager; ich sterbe. Ich zügle meine Sprache, ich leugne meine Herkunft. Ich werde bürgerlicher, langsam spiessiger. Mir fehlt bloss noch eine fruchtige Bionade und eine schmucke Altbauwohnung. Zweiteres folgt.

Ja, diese Furcht motiviert diesen Blog. Ich weiss, dass ich noch mehr weghauen, übertreffen und durchstarten kann. Ich erträume mir weiterhin ein Wirken als dandyhafter Autor, der an der Perpherie der Zivilisation haust und sich dort glücklich wähnt. Doch ich muss meinen Wunsch vertagen, halt schwäbisch schaffen und sparen.

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Die Ein-Mann-Regierung

Ein Individuum, ein Akteur steuert den Ablauf, lenkt und entscheidet die Geschicke. Der potente und entschlosse Mann begeistert. Wir vermuten hinter jeder charismatischen Regierung eine solche Eminenz, die alles wacht und kontrolliert sowie kommandiert. Wir überschätzen den Menschen bishin. Kürzlich die flinke NZZaS über Trumps Einflüsterer.

Hitler war das letzte Individuum. Vermutlich vor zehn Jahren in einem verwegenen Kanal habe ich das kundgegeben. Ich war damals frustriert; ich gewöhnte mich an die allgemeine Ohnmacht, an meine spezifische aber besonders; diese radikalisierte mich. Statt die Tat zu rühmen, zitierte ich den zwecklosen Widerstand.

In jüngster Vergangenheit triumphieren entschlossene Männerfiguren. Diese Figuren erinnern mich an Cäsar. Sie wollen allesamt die innere Dekadenz überwinden. Sie wollen allesamt die Gesellschaft erneuern, von Schmutz und Dreck befreien, wie das rohe New York der Siebziger vergleichend, stilisiert in Taxi Driver.

Ernsthaft? Nicht einmal Trump kann uneingeschränkt regieren. Der historische Absolutismus krönte diese Herrschaftsform. Doch der Absolutismus hat gleichzeitig die Bürokratie etabliert, die seitdem das Leben der Menschen verwaltet. Diese Bürokratie kann nicht ignoriert oder umgangen werden.

Trumps superprovisorisch Erlasse signalisieren bloss dessen Ohnmacht. Welcher echter Herrscher müsste denn irgendeinen “Erlass” unterzeichnen und damit irgendwelche Behörden anhalten, zukünftig die Gesetze “grosszügiger” auslegen zu dürfen? Das verblüfft doch. Das funktionierte zuletzt noch im Führererlass.

Doch wer regiert uns stattdessen? Eine verborgene Eminenz? Ein Einflüsterer, Berater? Die Ehefrau, der Schwiegersohn? Die undurchsichtige Weltverschwörung, ein Kombinat aus Religion und Finanzindustrie? Oder ein abstrakter, alles durchdringender Gott, der ohnegleichen ist? Wer beeinflusst den Weltgeist?

Leider niemand, niemanden, den wir beschuldigen könnten. Niemand, den wir benennen könnten. Wir haben niemanden. Niemand, den wir anrufen könnten. Das können wir nicht wahrhaben. Deswegen interessieren uns Figuren, die das Gegenteil versprechen. Putin, Trump und Erdogan profitieren davon.

Bis eine Entscheidung umgesetzt werden kann, sind unzählige Handgriffe notwendig. Das politische System lebt von diesen kleinen und vielen Interaktionen. Bis irgendwann ein Gesetz in Konkordanz verabschiedet werden kann, kann das halbe Parlament ausgewechselt oder ein Tunnel durch ein Berg gebohrt worden sein.

Es ist keine personifizierte oder konzentrierte Macht, die alles bestimmt und regelt. Selbst das Volk ist ein ziemlich diffuser und indifferenter Körper. Das Volk ist alles und nichts und gliedert sich in tausende Lebenswirklichkeiten, die sich kaum füreinander interessieren; im Gegenteil einander sich abstossen und ekeln.

Daher belächle ich Ambitionen, die den Weltgeist formen, prägen wollen. Ich masse nicht an, den Weltgeist irgendwie bändigen zu können. Ich kann ihn nicht einmal sehen, auch wenn er in der Nähe galoppieren solle. Auch wenn das Ende der Geschichte wohl vergessen ist. Ich warte zu, ich versuche ihn zu ertappen bald.

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Die Berliner Basels

Olten setzt bekanntlich keine Trends. Wir ignorieren sie. Wir versauern in Oltens Wirtshäuser, gründen Parteien, pflegen urbane Gärten und feiern exzessiv; wir zertrümmern Lebensläufe, verlieren Gspändli und pendeln der Arbeit wegen. Seit einigen Monaten tummle ich mich in Basel. Ein sozialer Rückblick.

Tatsächlich kann man Basler auch in Quartiere vierteln. Ultimativ ist, wer in Kleinbasel wohnt. Natürlich ist Kleinbasel ungleich Kleinbasel. Ich bewege mich derzeit unweit der Kaserne. Das ist ziemlich flott und frech. Hier dürfen die Berliner Basels in ihren würdigen Altbauwohnungen hausen und irgendwo sich verdingen.

Die Lokale beeindrucken; hier bedienen einen Mädchen mit undefinierbaren Frisuren, mit ungewohnt geschnittenen schwarzen Shirts, mit lässig ausgetretenen Turnschuhen, mit unauffälligem Modeschmuck, mit flachen Brüsten, mit überrunden Brillen. Sie grüssen einen freundlich, unaufgeregt und gewissermassen abwesend.

In den oft frequentierten Cafés parkieren junge und alleinerziehende Mütter vermutlich im Internet erstandene Vintage Kinderwägen. Sie kleiden sich bewusst modisch; Mode aus Boutiquen, wo Frauen jenseits der Dreissiger sich noch verwirklichen dürfen. Sie treffen ihre Kolleginnen, wollen zwanghaft über alles ausser Kinder reden.

Nebenan motzen kultivierte Deutsche über die Rückständigkeit der Schweiz. Sie prahlen, dass ein Getränk bereits vor zwei Jahren in München kultig war; nun gewiss verspätet endlich auch die Schweiz erreiche, doch der Schweizer Bauer interessiere sich nicht. Ich kenne das Getränk auch nicht, vermutlich habe ich etwas verpasst.

Gegenüber starren aufgehübschte Studentinnen in aufwendig formatierte Zusammenfassungen. Sie müssen sich vermutlich vorbereiten; sie werden bald geprüft. Sie verplempern Papas Lohn und dürfen die Leichtigkeit des Seins beweisen. Ihre Brillen sind handgefertigt. Sie studiere etwas mit Menschen; etwas Soziales, etwas Sinnvolles.

Dahinter prahlen die jungen Berufseinsteiger über ihre materiellen Errungenschaften. Die brav frisierten Herren vergleichen Natels, Uhren, Einkommen und ihren aufregenden Job; leider nicht ihre Frauen. Das hätte mich mehr interessiert. Denn ihre alltägliche Arbeit ist aus meiner Perspektive nutzlos wie perspektivlos. Sie werden meinetwegen bald arbeitslos.

Freilich kann ich mich nicht abheben. Ich bin auch gewählt gekleidet, meine Brille ist ebenfalls handgefertigt. Auch ich studiere nebenbei etwas mit Menschen. Ich sitze hier, trinke mein Bier. Ich gehöre dazu. Ich flüchte in meinen Laptop, sollte meinen Backlog fegen, stattdessen beobachte ich Menschen.

bd

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Die Leichtigkeit des Seins

Ein ehemals geflügeltes Wort hat sich angesichts der erbarmungslosen Lebenswirklichkeiten erübrigt. Ich beobachte nirgends und mitnichten eine permanente Leichtigkeit. Wir alle kämpfen, hadern und zaudern zuweilen. Wir verlieren uns. Wir stemmen uns gegen den wirtschaftlichen und sexuellen Verteilungskampf. Wie lange wir noch standhalten können?

Wir sind alle verpflichtet, müssen arbeiten oder Partnerschaften pflegen. Manche verantworten bereits einen Kleingarten, andere Kleinkinder. WIr müssen unsere Verwandte treffen, mit unseren Freunden ausgehen; wir müssen uns weiterhin sozial auffrischen, verjüngen und stets den Wettbewerbsernstfall proben. Wir sind stets gefordert.

Gelegentlich vertrösten wir uns mitm Eskapismus der zeitgemässen Kulturindustrie, streamen, fernsehen; durchklicken kuratierte Playlisten. Manche verreisen, weitere betäuben sich jeden Freitag; sie spülen den Zivilisationsdreck weg. Sie reinigen den Körper mitm grössten rezeptfreien Gift Alkohol. Das verbessert keine Gesamtsituation.

Die Leichtigkeit des Seins empört mich. Wir können das Leben durchaus vereinfachen, wir können Unangenehmes ignorieren, das Ausgesprochene unaussprechen. Wir können uns bishin verstecken. Wir können Konflikten ausweichen. Ja, wir können die Leichtigkeit simulieren. Doch später erwachen wir immer wieder; die harte Lebenswirklichkeit existiert.

Wir sollten uns alle mal entspannen und beruhigen; wir sollten Geschwindigkeit drosseln, wir sollten gelegentlich pausieren, die Umgebung erkunden. Wir sollten Zwischenhalte einplanen. Doch wir wir fürchten, dass wir etwas verpassen können. Deswegen beschleunigen wir unser Leben. Aber wir versäumen die Leichtigkeit des Seins.

Stattdessen pulsieren wir, wir überdrehen, wir überfordern unseren Körper. Wir können nicht Lebenszeit verschwenden. Deswegen verausgaben wir uns; wir intensivieren die Jahre der begrenzten Schaffenskraft. Damit drangsalieren wir die eigentlich angeborene Leichtigkeit des Seins; diesen grossen Gleichmut des Weltgeistes gegenüber; eine Gelassenheit.

Ich berate Menschen in Gelassenheit; sie sollen keinem unternehmerischen Aktionismus verfallen. Doch Menschen wollen stets reagieren, sie wollen Handlungsfähigkeit vorzeigen. Sie wollen nicht hinnehmen, sie können nicht akzeptieren. Aber manchmal muss mal warten; abwarten, aussitzen. Man muss nicht immer eine Gegenreaktion provozieren.

Gewiss kann ich nicht uneingeschränkt Gelassenheit und Leichtigkeit predigen. Ich bin meistens mindestens acht Stunden täglich angespannt; ich prüfe mich selber, ich notiere ständig Verbesserungen; unternehmerische oder persönliche. Ich kann nichts weglassen; ich bin befähigt und ausgebildet, Systeme zu verbessern, immer weiterzuentwickeln.

Ich bin ein Gegenteil der Leichtigkeit und Gelassenheit. Dennoch möchte ich verfügen, dass wir gelegentlich verzeihen, gelegentlich erdulden, gelegentlich einfach gestatten. Wir müssen nicht alle Konflikte austragen, wir müssen nicht die Welt retten, wir müssen nicht unsere Mitmenschen bekehren und belehren. Wir müssen uns einfach arrangieren.

Passt das?

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Masterarbeit verschoben

Ich muss serialisieren. Ich kann nicht alles gleichzeitig erledigen, ohne irgendwo meine Qualitätsanforderungen zu reduzieren. Ich muss fokussieren. Mein ehemaliger Arbeitgeber hat mir das ebenfalls attestiert; ich war eine Art “Gemischtwarenladen”. Ich beherrschte viele Disziplinen und Künste, ich konnte sie einmalig kombinieren. Doch ich war keine Marke.

Denn ich hatte keinen Fokus; kein eigentliches Kernthema. Dieses Thema habe ich mir vor allem im 2015 und 2016 erarbeitet; ich drängte und stürmte aufm Markt. Jetzt bin ich längst unterwegs zum nächsten Thema. Weil ich mich nicht lange thematisch fesseln kann. Das erklärt, wieso ich Unternehmensberater bin. Vier Jahre im selben Büro kann ich nicht.

Jetzt zumindest habe ich mich befreit von einer Last. Ich habe meine Master Thesis verschoben; vermutlich in den nächsten Zyklus. Ich hatte in weiser Voraussicht meine vormals ambitionierten Anforderungen bereits gedämpft. Nun beende ich das komplette Vorhaben. Gewiss kränkt das meine Eitelkeit, meinen Stolz. Ich schwächle.

Und ja, ich habe auch das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Ich verliere mein Gesicht; der unbesiegbare, unaufhaltsame David genügt sich. Er bremst. Obwohl er noch nicht müsste, obwohl er noch rasen könnte. Was ist los? Bin ich vernünftig geworden? Werde ich alt? Ist etwas vorgefallen? Wo bleiben Hochmut und Entschlossenheit?

Ich bedauere meinen Entscheid nicht. Ich möchte mein Leben zunächst stabilisieren; beruflich wie privat. Ich habe genügend Themen zu bewältigen. Beruflich bin ich selbständig; ich arbeite selber und ständig. Ich geniesse jeden Abend noch ein bis zwei Stunden Nacharbeit. Die Auftragslage ist zwar gut, aber kann sich sofort ändern.

Auch privat ist meine Situation noch nicht vollends geklärt. Noch habe ich keinen Betriebsmodus finalisiert, der mir eine sichere Basis bietet, wovon ich operieren kann. Ich bin noch zu sehr schwebend; es sind noch nicht alle Abläufe eintrainiert und abgestimmt. Unerwartete Ereignisse können das ganze System destabilisieren.

Ich will die Zusatzbelastung einer Masterarbeit erst hinnehmen, wenn der “Rest” einigermassen funktioniert. Ich würde mir selber vertrauen, dass ich alles irgendwie hinkriege. Aber ich würde damit meine Mitmenschen vernachlässigen. Ich würde berufliche wie private Kontakte auslassen. Dort, wo ich nicht sparen möchte.

Ich schütze eigentlich nicht bloss mich, sondern auch mein direktes Umfeld. Ich werde weniger schluderig, ich bin weniger gereizt, weil weniger gestresst und schlaflos. Ich verfüge dann noch Kapazitäten, unerwartete Ereignisse verarbeiten zu können. In einer Daueranspannung könnte eine Bagatelle mich jedoch auseinanderbrechen.

Vermutlich werde ich einfach älter.

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Das ewige Machtringen

Beziehungen erfordern Gleichgewicht. Wir balancieren zwischen Selbstaufopferung und Selbstüberschätzung. Zuweilen verschütten wir etwas; wir überladen uns, den Partner und riskieren damit den Fortbestand der Beziehung. Ich selber pendle zwischen Aufopferung und Überschätzung. Ich übertreibe in beiden, allen Extremen.

Einerseits: Du willst alles tun, du würdest dich totalst aufopfern; du investierst, du verausgabst dich. Du willst alles geben, alles zeigen, allen beweisen, wie sehr du jemanden magst. Du verknappst deine eigenen Ressourcen, Ansprüche; du reduzierst, du schweigst bishin. Du erduldest fast alles. Du bist wahrhaft verpflichtet und fühlst dich gut dabei.

Andererseits: Du sehnst nach Anerkennung, Bestätigung. Du rast, du zweifelst konstant. Du fühlst dich nicht ausreichend gewertschätzt, ausreichend gewürdigt. Du bist schliesslich ohnegleichen; ohne Beispiel und wahrlich ein flotter Gewinn. Du erwartest, dass man in dich investiert, dass jemand alles für dich aufgibt, dich überallhin begleitet und hochblickt.

Eine ausgemittete Beziehung kann gut funktionieren. Aber sie entwickelt keine Spannung, weil niemand angespannt ist; man ist stets sicher, sicher seiner selbst oder auch der Liebe des Partners. Man kann heimkommen und muss nichts befürchten. Man ist gemeinsam routiniert; man hat sich seit Jahren bereits arrangiert, bishin eine Erziehung geteilt.

Menschen mit ähnlicher Persönlichkeitsstruktur stimulieren, überfahren einander. Wenn beide einerseits himmelhoch nach Anerkennung jauchzen, nach Selbstaufopferung gieren und andererseits gleichzeitig mit sich hadern, sich überfordern und Anspruch und Wirklichkeit verwechseln, dann ist eine “lebendige” Beziehung vorherbestimmt.

Denn ansonsten würde ein Partnerteil automatisch glätten, abfedern; die Beziehung insgesamt beruhigen und damit entspannen, eben auch Spannung entladen und so verlangsamen. Ich könnte gut funktionieren; ich kann monatelang schweigen und ausharren, ich kann warten. Aber ich muss gelegentlich ausbrechen und eine Linie markieren.

Mit Selbstüberschätzung argumentieren. Ich bremse die Selbstaufopferung. Ich kann bissig, irrational sein und mich zuweilen selber verschrecken. Doch ich stabilisiere mich schnell wieder; ein lieber Satz, eine liebe Geste und oder eine späte Selbsteinsicht normalisieren mich. Ich taumle dann wieder regulär zwischen Selbstaufopferung und Selbstüberschätzung.

Ich habe vielfach beobachtet, dass Paare einander mit Machtspielchen anketten. Sowohl Mann wie auch Frau verfügen über eine gewisse naturgemässe “Hausmacht”. Der Mann droht mit fehlender Aufopferung, die Frau mit fehlender Zuneigung. Sie können sich tagelang ignorieren und aneinander vorbeileben. Eine kleine Gest kann’s unterbrechen.

Ansonsten eskaliert das Machtspiel. Denn wenn beide einigermassen “ebenwürdig” sind, möchte niemand sich zurückziehen, so sich blossstellen und vermeintliche Schwäche offenbaren. Im Machtspiel muss man Härte und Entschlossenheit strotzen; man simuliert Unbeirrtheit und Unfehlbarkeit, obwohl alle wissen, dass wir uns selber täuschen.

Ich habe unlängst übers Wechselwirken geschrieben. Das Machtspiel steigert das natürliche Wechselwirken innerhalb einer Beziehung. Die Intensität hat sich erhöht, was vor einigen Monaten noch harmlos war, kann sich nach Monaten folgenschwer und als verletzend herausstellen. Denn die Verletzungsgefahr wächst; man ist nicht mehr so immun.

Man schwankt immer mehr. Die Alternative wäre, dass man nichts mehr zulässt oder wahrnimmt, der Partner bloss noch da, daneben und selbständig lebend ist. Man sich also allmählich entzweit, dennoch gut funktioniert. Selten darf man sich überschneiden; gemeinsame Kinder können das begünstigen.

Eine Konklusion? Man soll sich nicht entmutigen lassen. Man soll weiter seiltanzen. Beziehungen erfordern kontinuierliche Aufmerksamkeit und Achtsamkeit. Man darf vor allem nicht bloss den anderen beschuldigen; man haftet immer gemeinsam, man bürgt gemeinsam. Und sobald institutionalisiert, bis zum Tod.

bd

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