Entweder-oder

Entweder entscheide ich mich für die Paarbeziehung. Oder ich entscheide mich dagegen. Mir ist die Wahl auferlegt worden. Das war nicht so geplant. Denn ich will mich nicht entscheiden. Weil wenn ich entscheiden muss, dann entscheide ich mich gegen die Paarbeziehung. Weil ich darin keinen Sinn und keine Identität finde.

Gewiss ist meine Paarbeziehung ein wenig komplizierter. Wir haben ein gemeinsames Schicksal zu bewältigen. Bekanntlich bin ich Vater geworden. Die Angehörigen leiden an einem sehr selten Geburtsgebrechen des Kindes, das kein “normales” Leben erlaubt. Stattdessen sind multiple IV-Fälle zu beantragen. Das Kindchen bemerkt davon nichts.

Als Paar haben wir uns auch einigermassen in Basel sozialisiert. Auch ich bin einigermassen integriert, nicht vorbildlich. Aber immerhin. Die Wohnung ist schick, die Lage ist ausgezeichnet, das Mobiliar ausgewählt. Alle weltlichen Dinge sind geregelt, Auto vorhanden, Versicherungen platziert, auch ein gütlicher Vorsorgeplan ist getroffen.

Die Vernetzung innerhalb beider Familien ist okay. Wir sind keine überschwänglich liebende Familie, aber wir vertragen uns einigermassen. Wir haben nichts Fundamentales zu bestreiten. Kurzum, technisch alles einwandfrei. Also muss ich überhaupt eine Entscheidung forcieren?

Entweder ich verpflichte mich nun zu dieser Paarbeziehung. Oder ich verneine sie komplett. Beide Optionen folgern Konsequenzen. Ich kann nicht fortfahren wie bisher. Ich muss etwas ändern. Beide Optionen sind beschwerlich und schmerzlichst. Entweder-oder. Ich kann mich nicht befreien, ich kann die Entscheidung nicht vertagen.

Das gemeinsame Schicksal mit dem eingeschränkten Kindchen beeinflusst meine Entscheidungsfindung erheblich. Alleine kann ich das Schicksal nicht optimal bewältigen. Ich müsste alle Hilfsmittel auch beschaffen und einrichten. Auch einfachere Aufgaben wie Wickeln, Füttern und Anziehen sind zu zweit komfortabler zu bewerkstelligen.

Alleine allerdings werden die täglichen Aufgaben immer anstrengender. Ich prognostiziere, dass ich in einigen Jahren das Kindchen in ein Heim abliefern muss. Diese ohnehin gegebene Frist könnte die Paarbeziehung noch um einige Jahre zusätzlich strecken. Das bedauere ich sehr, kann das aber selber kaum aufhalten.

Ebenso sind die sozialen Interaktionen in Basel ohne Paarbeziehung verloren. Alle bisherigen Kontakte werden mich als verantwortungslos, egoistisch und desolat verbrämen. Ich kann’s nicht einmal verübeln. Fortan würde ich Basel lediglich schlafen, eventuell trinken, manchmal mit dem Kindchen spazieren. Alleine sein.

Ich kann mir ein alleinerziehendes Betriebsmodell zwar durchaus vorstellen, aber nicht im Kontext der Geburtsgebrechen des Kindchens. Von den wenigen bekannten Fälle in der Schweiz lebt nur eine “Familie” in der Schweiz mit derselben Krankheit getrennt. Die restlichen zwanzig Familien sind – zumindest offiziell – intakt.

Ich kann das Kindchen wegabstrahieren für die Entscheidungsfindung, damit das mich nicht beeinflusst. Aber die Entscheidung muss ich holistisch erledigen. Ich kann einzelne Aspekte nicht verdrängen. Ich könnte die Paarbeziehung also akzeptieren, wenn ich vor allem die Bedürfnisse des Kindchens berücksichtige.

Doch meine Bedürfnisse sind ebenfalls nicht zu vernachlässigen. Ich muss bereits jetzt des Kindes wegen entbehren, was naturgemäss mir wichtig wäre: Nachlässigkeit, Verantwortungslosigkeit, Masslosigkeit, Widerstand, Sinnlosigkeit, Verzweiflung, Weltschmerz. Das Kind erzieht mich, das Kind sittet mich.

Ohne Kindchen könnte ich selbstbestimmter entscheiden also. Ich müsste keine Kompromisse annehmen. Das Kindchen legitimiert den Kompromiss, den ich naturgemäss verabscheue. Ich lebe bereits jetzt in einem grossen Kompromiss. Zu viele Kompromisse sprengen meine Identität. Also muss ich mich wieder radikalisieren.

Mir ist bewusst, dass Paarbeziehung Arbeit bedeuten. Dass Paarbeziehung per Definition grössere Kompromisse sind. Darin wird niemand wirklich glücklich, aber auch nicht komplett unzufrieden. Deswegen sind Paarbeziehungen auch so erfolgreich. Sie zwingen einen zu einer gewissen Mittelmässigkeit, Ausgeglichenheit und Stabilität.

Die nicht-existente Gesellschaft fragt solche Werte nach, damit wir wiederum besser funktionieren können. Funktionieren heisst, auf den ökonomischen Zweck reduziert zu werden. Gute, mittlerweile auch aufgeklärte und sensible Konsumenten zu sein, finanziert durch eine angemessene Lohnabhängigkeit, die irgendwie Sinn stiftet.

Zwar gilt die Liebe weiterhin als Widerstandsnest gegen die orange Leistungsgesellschaft. Dennoch sind die Paarbeziehungen als orange bishin grüne Zweckgemeinschaften mutiert, die bloss eine konstante Leistung garantieren sollen. Die Paarbeziehung ist keine Quelle der Liebe, sondern des Anstands, der Sitte, der Moral und der Leistungsbereitschaft.

Ich will dagegen kompromisslos leben. Ich will lieben, wie die Liebe fällt. Ich will mich nicht lebenslänglich versteifen. Ich fürchte mich nicht vor Einsamkeit im Alter. Niemand kann mich beschützen, niemand kann mich retten, niemand kann mich zum Besseren kehren. Ich muss das akzeptieren – oder mich organisch und nicht invasiv ändern.

Entweder-oder. Ich bin zur Entscheidung genötigt. Was will ich? Ich möchte aufrichtig fürs Kindchen sorgen. Sooderso. Ich möchte keine Kompromisse riskieren. Sooderso.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Immerzu alleine

Ich bin alleine auch dann, wenn ich nicht alleine bin. Ich fühle mich oftmals alleine. Wobei ich mich darüber nicht beschwere. Weil eine Grundeinsamkeit das Hintergrundrauschen des Lebens bildet. Ich bin überzeugt, dass wir alle vereinsamen. Trotz oder eben gerade wegen Paarbeziehungen. Die alles durchdringende soziale Kälte hat mich längst im Griff.

Ich bin sozial erkaltet. Ich habe Beziehungen reduziert. Mit wenigen Menschen fühle ich mich wirklich und tief verbunden, auch sprachlos verbunden. Ich kann einfach in ihrer Nähe sein und mich wohl, geborgen, beruhigt und entspannt fühlen. Ich muss mich nicht beweisen, rechtfertigen oder erklären. Sein im Dasein quasi.

Ich habe diesen Zustand in Paarbeziehungen selten erlebt. Wenn, dann bloss kurzweilig. Die wirklich tiefen Beziehungen überdauern Jahrzehnte. Diese aber sind nicht als klassische Paarbeziehungen motiviert. Sondern sind schön intrinsisch. Die Motivation darunter ist ehrlich, tief und frei von gemeinen Beziehungskonflikten.

Ohne diese Beziehungen fühle ich mich alleine. Alleine im Kopf, alleine in Gedanken, alleine im Sehnen, alleine im Versuch, mit Alkohol mich zu betäuben. Unsere Gesellschaft ist ohnehin fragmentiert, vereinzelt, dass man kaum noch etwas als Gesellschaft generalisieren kann. Das entschuldigt nicht, das erklärt bloss.

bd

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Sich verabschieden

Ich bin nicht besonders besinnlich. Ich verkenne den wahren Ernst eines Moments. Ich überspiele meine Unsicherheit mit einem zynischen Grinsen. Ich meide Situationen, die Andacht erfordern. Also habe ich die Verabschiedung eines Familienmitglieds verzögert bis zum letztmöglichen Termin. Bis jetzt.

Meine Grossmutter will sterben. Sie wird hoffentlich auch sterben. Denn ihr Lebenswille ist gebrochen. Sie siecht wortwörtlich in einem überteuerten Zimmer. Gewiss besuchen sie Verwandte und Bekannte. Doch sie möchte nicht so enden. Sie wünschte immer eine Erlösung, bevor sie ihrer Gebrechlichkeit sich schmerzlichst bewusst werden müsste.

Ich habe mich beeilt. Doch wie verabschiede ich mich würdevoll? Ich war nicht vorbereitet. Ich musste noch nie einen engen Verwandten plötzlich verabschieden. Entweder war ich zu weit entfernt und somit nicht wirklich betroffen – oder ich war zu jung, um die allgemeine Vergänglichkeit würdigen zu können. Diesmal bin ich mitten drin.

Ich habe meiner Grossmutter vermittelt, dass sie gehen dürfe. Sie müsse kein schlechtes Gewissen habe. Sie dürfe gehen. Ich habe mich aufrichtig bedankt. Ich habe aber nicht dramatisiert; also keine Tränen geweint, auch wenn mir zumute ist. Ich habe an die Momente erinnert, wo sie mich entscheidend prägte. Ihr ein gutes Gefühl hinterlassen.

Ein Gefühl, ein erfülltes, breites und langes Leben gelebt zu haben, das nun halt plötzlich sich änderte. Ich will, dass sie erlöst und zufrieden einschlafen kann. Ich will nicht über die Steuer diskutieren, nicht über verpasste Chancen meinerseits oder ihrerseits. Oder andere Lebensumstände, die sie formten. Ich will einfach, dass sie zufrieden gehen kann.

Ich habe so reagiert, wie es ebenfalls erwarten würde. Ich habe Mut zugesprochen, loslassen zu können. Ich habe im weitesten Sinne passive Sterbehilfe geleistet. Ich fühle mich nicht schlecht dabei. Sondern einfach nur menschlich und meiner Grossmutter angemessen. Sie war immer rauschend unterwegs, belebend, frech, unmittelbar.

So soll sie uns auch verlassen dürfen. Nicht als gebrechliche Grossmutter in einem Heim, die kaum sprechen, atmen und nicht selbständig sich bewegen kann. Meine Grossmutter war dem Leben zugeneigt, auch bis noch vor kurzem. Bis die längst diagnostizierte Krankheit sie vollends übermannte.

Sie wird hoffentlich bald sterben. Ich bin traurig, ja. Aber ich bin auch froh und erleichtert. Weil ich mindestens noch meine Dankbarkeit einigermassen mitteilen konnte. Ich hoffe, sie konnte sie annehmen. Das lehrt mir abermals die allgemeine Vergänglichkeit. Das Leben kann sofort enden. Ich könnte das (noch) nicht akzeptieren. Muss ich auch nicht.

bd

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Im Widerstand mit dem Beziehungsglück

Ich verweigere kein Glück. Ich definiere mich nicht durch Glück. Glück ist relativ, flüchtig und vor allem eine Verführung. Glück kann nicht überdauern. Alle Versuche, das Glück zu konservieren, verunglücken. Wonach ich mich sehne, ist ein Zustand der Entspannung, der Ruhe und der Geborgenheit gleichzeitig.

Diesen Zustand kann man gut und gerne in Paarbeziehungen vermuten. Dort kann man entspannen, ausruhen und geborgen sich wähnen. Das sind klassische Paarbeziehungen, wie milliardenfach während der Menschheit sich durchsetzen konnten. Aber ich konnte diesen Zustand nie länger als sechs Monate verwirklichen.

Meine Paarbeziehungen sind allesamt gescheitert. Sie endeten immer tragisch, weil ich sie nicht würdevoll und gesittet abschliessen konnte. Ich bin deswegen vernarbt und werde deswegen wohl auch immer wieder verletzen. Ich fühle mich schuldig und müsste eigentlich alle Bekanntschaften warnen, dass man mit mir nicht zusammenleben kann.

Sicherlich könnte ich mich beherrschen, wäre eventuell besser in Beziehungen als gedacht, ich könnte mich sicherlich reformieren. Doch letztlich bin ich leider unverbesserlich. Ich müsste eine durch und durch alternative Erfahrung erleben, die alles bisherige widerlegt. So hoffe ich mit jeder neuen Beziehung, dass jetzt alles sich ändere. Vergebens.

Ich habe nun viermal versucht, Paarbeziehung alternativer zu gestalten. Ich wollte bisherige Muster brechen. Doch viermal ist es mir misslungen. Lügen und betrügen konnte ich stattdessen immer besser. Ich wurde nicht geschickter, ich wurde bloss kaltblütiger. Anfänglich bereute ich noch, mittlerweile habe ich mich arrangiert.

Nunmehr kann ich mein Verhalten sogar rationalisieren. Damit spare ich mir die quälerische und selbstzerstörische Reflexion. Ich verknüpfe das Verhalten mit meiner Haltung, dass Liebe und Glück vergänglich sind. Dass man Glück in Paarbeziehungen nicht erzwingen kann. Sondern dass man sich bedienen muss, wo immer man kann.

Damit rechtfertige ich mein Verhalten. Dass ich dadurch Mitmenschen schädige, verschweige ich. Ich kann in solchen Situationen keine Empathie empfinden. Ich bin in solchen Situationen aufgrund des grossen Scheiterns ziemlich abgestumpft. Ich kann völlig erkalten. Und insgeheim bewundere ich mich noch dafür. Schrecklich.

Ich habe bereits mit dem Gedanken experimentiert, dass ich niemals in festen Paarbeziehungen konstant glücklich werden kann. So kann ich schlussfolgern, dass ich mich nicht in Beziehungen flüchten darf. Aber ich zweifle, ob ich der Versuchung widerstehen kann, mich einfach hinzugeben – sodann alles sich wiederholt.

Mir ist also bewusst, dass ich nicht beziehungsfähig bin, dennoch stürze ich mich in Beziehungen, weil ich so sehr nach diesem Zustand der Entspannung, der Ruhe und der Geborgenheit lechze. Ich kann allerhöchstens mein Verhalten transparent kommunizieren. Vermutlich erschrecke ich die meisten – oder man vergisst es einfach im Augenblick.

Ich möchte nicht nach Monaten glücklicher Paarbeziehung plötzlich erwachen, etwas verändern müssen, weil ich mich unglücklich, unverstanden fühle. Ich möchte dann nicht mies und hinterfotzig mich verhalten müssen, Menschen damit demütigen, die im Grunde mir sehr wichtig sind.

Ich leiste Widerstand – gegen mich selber, gegen das Glück, gegen das Konzept der Paarbeziehungen. In der Zwischenzeit versuche ich zu funktionieren, will möglichst nicht darüber nachdenken, programmiere meinen Roboter, reite mein virtuelles Pferd. Und arbeite natürlich. Ich will mich nicht auseinandersetzen.

bd

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Wieso ich keine Kinder möchte

Kinder sind etwas Schönes. Sie erinnern einen an die allgemeine Vergänglichkeit. Wenn ich Kinder habe, weiss ich, dass etwas mich überlebt. So zumindest die Theorie. Ich schaffe Nachkommen. Diese können meinen letzten Willen ausführen, ich kann ihnen alles vermachen, sie können mich kompensieren. So einfach?

Ich wollte eigentlich nie Kinder. Ich bin plötzlich Vater geworden, ich füge mich dem einigermassen schicksalhaft. Ich verantworte, was geschah. Doch mehr auch nicht. Gewiss habe ich mich gefreut, lächle ich, bin ich entspannt und ganz glücklich. Doch das war nie mein Lebenssinn, das war nie eine beabsichtigte Option.

Eigentlich verabscheue ich Kinder. Weil sie mich eben an meine Vergänglichkeit erinnern. Ich will mein Leben vergeuden, ich will mit Lust und Laune verjubeln, ich will keine Konsequenzen tragen müssen. Ich möchte unbeschwert leben. Ich möchte nicht zu viel Verantwortung tragen.

Ich will mindestens im Privaten einigermassen frei sein. Denn ich bin überzeugt, wir sind eigentlich zutiefst unfrei. Ich verneine ja bekanntlich den ultimativen freien Willen, ich verneine, dass mein Ich mich als Wesen komplett führt. Sondern ich werde verführt und geführt, woher auch immer und das ist auch Okay so.

Es ist Okay, nicht alles unter Kontrolle zu haben. Ich feiere deswegen den kontrollierten Kontrollverlust so ausgiebig. Ich teste meine Kontrollgrenzen. Und ich fühle mich einigermassen stets belastbar; ich kann aushalten, nichts halten zu können. Es ist Okay, so das Mantra, das mich immer wieder entspannt. Okay.

Kinder allerdings widersprechen dem. Sie versprechen stattdessen grosse Verantwortung. Man muss kontrollieren, korrigieren, kommandieren. Gleichzeitig verringern sie die persönliche Bewegungsfreiheit. Sie vertunneln die Wahrnehmung, reduzieren soziale Interaktionen, stören die persönliche Identität.

Weil Kinder naturgemäss Identität stiften, wirken sie nun als Identitätsparasit, schröpfen den vormals seiner selbst bewussten Wirt. Nach einigen Jahren der Verblendung muss man in einer Retrospektive anerkennen, dass man zu sogenannten Helikoptereltern verkam. Daneben verkümmern Sozialleben und persönliche Neigungen.

Ich will nicht mein Leben gegen ein anderes eintauschen. Ich will nicht Zeit investieren, die ich selber nicht habe. Ich will nicht dauernd hart priorisieren müssen und im Zweifel fürs Kind entscheiden, weil ich ja dafür verantwortlich bin und schlimmstenfalls auch haftbar gemacht werden kann. Ich will drauf los, schnell und peng.

Ich will mir auch nicht einreden müssen, dass ich weiterhin mein Leben verwirklichen kann trotz Kinder. Selbstredend kann ich mir die Gesamtsituation schönreden. Ich kann mir Nettofreizeit irgendwie erschleichen. Doch dadurch entsteht ein ungleicher Tausch, jemand muss sich immer um ein Kindchen kümmern. Wenn nicht ich, wer sonst?

Der Partner? Der Staat? Die Familie? Meine Nettofreizeit muss ich mir also irgendwie kaufen. Will ich das? Ein noch schrecklicheres Warensystem etablieren? Ist nicht schon alles genug Ware? Wenn ich in Waren-Kategorien denke, was nutzt mir denn ein Kind? Diese Ware kostet ja bloss im Unterhalt und der persönliche Mehrwert ist fraglich.

Ich will mich nicht belügen. Kinder sind anstrengend. Zwar werden sie irgendwann erwachsen. Dann muss man sich nicht mehr so gross bemühen als Eltern, sondern kann darf sich verdient ausruhen. Doch die Verbindung bleibt lebenslänglich bestehen. Weitaus dramatischer ist der Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes.

Typischerweise so um die dreissig werden Menschen in meiner Gegend erstmals Eltern. Okay. Dann dürfen sie mindestens sechzehn Jahren der Entbehrungen erwarten. Doch in diesem Altersbereich sind die Eltern grundsätzlich sehr schöpferisch – respektive sind es nicht und werden es nie mehr sein.

So ungefähr mit 50 ist die Familienplanung also abgeschlossen. Dann hat man Zeit für alles. Doch die letzten Jahrzehnte haben einen komplett ausgemergelt, entfremdet und entseelt. Man funktioniert gut im Alltag, kann zwischen Kita und Physio irgendwie haushalten, doch man ist nicht mehr schöpferisch.

Ich bin bereits jetzt sehr arm an Energie, ich verschwende den letzten Funken Lebensfreude gewiss am falschen Ort. Ich mag nicht noch mehr Energie versickern lassen. Denn ich brauche keine Kinder, um glücklich zu sein. Meine Identität ist anders gebildet. Mein Sinn sowieso. Ich will stattdessen einfach drauflos leben.

bd

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Wenn die Schweiz Südafrika wäre

Schweiz. Der Sonderfall? Was wäre, wenn die Schweiz Südafrika wäre? Ein vergangener Artikel der NZZaS inspirierte mich. Ich möchte hier die südafrikanische Verhältnisse auf die Schweiz portieren. Willkommen in meinem Gedankenexperiment.

Nach jahrzehntelanger internationaler Isolation aufgrund der faschistoiden Regierung der Liechtensteiner, welche als Minderheit die Mehrheit der stämmigen Schweizer beherrschten, erholt sich die Schweiz allmählich. Mit der Schweiz zu handeln ist nicht mehr verpönt. Die Schweiz gilt mittlerweile als anerkanntes Mitglied der internationalen Staatengemeinschaft.

Doch der soziale Frieden der Schweiz ist gefährdet. Obwohl die Liechtensteiner nicht mehr ausschliesslich die Regierung und die Eliten bilden, dominieren sie weiterhin das wirtschaftliche Leben und residieren in ihren Wohlstandsinseln um die grossen, aber verwahrlosten Städten des Mittellandes herum.

Ein Liechtensteiner verdient in Zürich immer noch zwanzigmal so viel wie ein Schweizer. Die jahrzehntelange systematische Unterdrückung der Schweizer zeigte sich exemplarisch an der Aufnahmebedingungen für die Eliteuniversität ETH Zürich. Dort waren Schweizer nicht zugelassen, sondern ausschliesslich Lichtensteiner und solvente Ausländer.

Die Liechtensteiner haben die Schweizer jahrzehntelange als unqualifizierte Arbeitskraft gezüchtet, die ohne Rechte als Wanderarbeiter in den Unternehmen der Liechtensteiner sich verdingten. Gewerkschaften waren bloss simuliert. Die Schulbildung war auf fünf Jahre begrenzt – gut genug für gängige Aufgaben.

Die Liechtensteiner haben zudem die Schweizer ausgebürgert. Damit waren sie de jure staatenlos, konnten weder verreisen noch fundamentale Menschenrechte beanspruchen. Der langwierige Freiheitskampf konnte immerhin diesen Zustand revidieren. Die Schweizer besitzen nun (wieder) den schweizerischen Pass.

Die heutigen Schweizer verehren den schweizerischen Freiheitskämpfer Adolf Ogi. Er begründete die Widerstandsbewegung Schweizerische Nationalvereinigung, kurz SNV. Diese leistete zunächst gewaltfreien Widerstand. In den 80iger allerdings radikalisierte sich die SNV. Ursache: die liechtensteinisch dominierte Geheimpolizei exekutierte den Bischof der Schweizer und Ogis Stellvertreter – ein von den Liechtensteiner bedauertes Versehen, weil das Ziel war Ogi selber.

Es war ein schmutziger Krieg. Ausserdem missbrauchte die Geheimpolizei die Schweizer für die Erprobung chemischer Waffen. Deren Steigerungsform: eine Waffe sollte nur die Schweizer töten. Zudem destabilisierte die Geheimpolizei die politische Situation der Nachbarländer Deutschland und Frankreich mit gezielten Bombenattentaten oder Waffenlieferungen.

Die Liechtensteiner haben Adolf Ogi auf der Festung Ufenau vor den Toren Zürichs verbannt. Dort und in weiteren Festungen verschwanden Schweizer spurlos, sobald sie sich für die Widerstandsbewegung SNV engagierten. Bis heute sind noch nicht alle Schicksale aufgeklärt. Adolf Ogi war jedoch um eine Aussöhnung bestrebt – keine Rache. Seit einigen Jahren ist aber auch Adolf Ogi altersbedingt verstorben.

Mittlerweile ist das Herrschaftssystem der Liechtensteiner abgeschafft. Die Schweizer sind de jure gleichberechtigt. Sie dürfen reisen, wählen und sich frei äussern. Dennoch besitzen die Liechtensteiner weiterhin 90% des Bodens und 95% der Unternehmen, obwohl sie bloss 5% der Bevölkerung bilden. Die vormals auch gesetzlich verankerte Ungleichheit ist nun bloss noch eine kapitalistische.

Denn die Liechtensteiner hatten während der ihrer Herrschaft einen zutiefst liberalisierten Staat geformt. Gesundheit, Energie, Bildung, Sicherheit – alles war privatisiert. Dieser liberaler Staat besteht weiter. Obwohl die Schweizer nun Schweizer sind, versorgt der Staat sie nicht. Die Rechte auf Gesundheit, Energie, Bildung und Sicherheit sind keine verbindlichen.

60% der Schweizer leben in den sogenannten Agglomerationen um die Grossstadt Zürich. Es sind Moloche wie Dietikon, Dübendorf oder Bülach, wo die Schweizer ohne Gesundheitsversorgung, ohne Energieversorgung, ohne Bildung und Sicherheit mehr hausen denn wohnen. Es sind Hütten aus Holz und Blech. Der Staat hat diese Gebiete längst aufgegeben. Gelegentlich partillouiert ein schwer bewaffneter Polizeitrupp.

Die Liechtensteiner wiederum verweilen vornehmlich in Küsnacht und Erlenbach. Das sind abgeschirmte Gemeinden, geschlossene Gesellschaften, die mit einem zwei Meter hohen Mauer und einem Elektrozaun gesichert sind. Innerhalb dieser Gemeinden haben die Liechtensteiner neue Schulen, Einkaufszentren, Krankenhäuser und Parkanlagen erschaffen – Zutritt nur für Berechtigten.

Derweil verkommen die ehemaligen Innenstädte des Mittellandes. Manche Schweizer haben ihre zuvor zugewiesenen Wohnstätten wie Dietikon oder Dübendorf verlassen und haben ehemals prächtige Altbauwohnungen in Zürichs Kreis 1 besetzt. Die Limmat ist unterdessen eine Kloake. Am Letten würde kein Liechtensteiner baden – die Schweizer aber trinken und waschen sich dort.

Die Liechtensteiner habe riesige Dämme in den Alpen errichtet. Sie verschwenden das Wasser in ihren Gemeinden; Garten, Parks und eine üppige Grosslandwirtschaft. Den Rest exportieren sie. Die einst mächtige Aare versickert im Bielersee. In der Regensaison füllt sich das Bett gelegentlich bis nach Aarburg, um dort zu verlanden. In Aarburg befindet sich daher auch eine grosse informelle Schweizer-Siedlung.

Die Schweizer haben keine Perspektiven. Die Kriminalität Zürichs ist weltweit die berüchtigste. Täglich werden Menschen entführt, an roten Ampeln wartende Autos ausgeraubt, Menschen wegen fünfzig Franken ermordet. Die Liechtensteiner meiden Zürich. Sie haben einen Autobahnring um Zürich gebaut. Firmen sind nach Küsnacht abgewandert.

Seit zehn Jahren hat der internationale Massentourismus die Schweiz entdeckt. Die Schweiz hat ihre landschaftlichen Reize. Die Schweiz ist abwechslungsreich. Hier das kosmopolitische Basel, dort das berüchtigte und wildernde Zürich. Hier die Strände Asconas, dort die malerische Voralpenroute von Interlaken nach Appenzell.

Die Touristen erfreuen sich der ursprünglichen und authentischen Heimatkunst der Schweizer: liebevoll geschnitzte Holzfiguren, die des Schweizers Motiv einer unbeschwerten Kleinfarm wiedergeben. Freilich im Kontrast der grossen und automatisierten Farmen des Mittellandes, betrieben durch rohe und dem Land zugewandte und in gesetzlosen Bürgerwehren organisierte Liechtensteiner.

Die Touristen absolvieren dasselbe Programm. Sie landen im kosmopolitischen Basel. Dort ist die Kriminalität noch vertretbar. Dort ist der ausländische Einfluss noch am grössten. Dort ist denn auch das touristische Komfortsbedürfnis befriedigt. Anschliessend fahren sie nach Luzern oder Bern. Das sind die Startpunkte für eben die schmucke Voralpenroute.

Viele Schweizer operieren auch als sogenannte Bergführer. Sie begleiten die Touristen auf ihren Voralpentouren. Der Höhepunkt einer Voralpentour ist, ein munteres Murmeli oder ein schlitzohriger Steinbock zu sichten. Das füllt die digitalisierten Fotoalben der dicken Touristen. Für die Schweizer reicht ein angemessenes Sackgeld, gelegentlich auch ein Fresspäckli grosszügiger Touristen.

Die übrigen Touristen folgen den Schritten der Liechtensteiner. Sie werden liechtensteinische Hotelketten beherbergt, speisen in für Liechtensteiner spezialisierten Restaurants und aktivieren sich mit typisch liechtensteinischen Tätigkeiten wie Golfen, Wandern, Jagen und Wein. Selten verlassen die Touristen ihre geschlossenen Gebiete. Zuhause schwärmen sie allesamt von der Schweiz.

Die Schweiz ist ein zerrissenes Land. Adolf Ogi hat zwar die grösse Versöhnung propagiert, doch die Politik ist hochgradig radikalisiert. Für die Schweizer polarisiert die SVP. Sie fordert eine Umsiedlung und Enteignung der verbliebenen Liechtensteiner. Zudem plädiert sie für einen radikalen Marxismus, der alle Industrien verstaatlicht und Schweizer in alle Schlüsselpositionen einsetzt.

Demgegenüber politisiert die Alternative Liste der Liechtensteiner für einen noch schwächeren “Nachtwächterstaat”. Die Alternative Liste ist von einem ausgeprägten Sozialdarwinismus überzeugt. Möge der Fitteste und Angepassteste überleben. Die Alternative Liste warnt vor dem Exodus der liechtensteinischer Intelligenz nach Übersee. Sie sind vom Auftrag erfüllt, die Schweiz zu zivilisieren.

Die einst mächtige Schweizer Armee hat man grösstenteils privatisiert. Adolf Ogi wollte keine mächtige und von Liechtensteiner dominierte Armee riskieren. Stattdessen hat er die in jahrzehntelanger Guerillakrieg und Aufstandsbekämpfung erwiesenermassen erprobte Armee in mehrere Sicherheitsfirmen ausgelagert. Diese bedienen nun Kunden auf allen Kontinenten für deren schmutzigen Interessen.

Leider haben sich diese Firmen mittlerweile verselbständigt. Sie firmieren nunmehr als Briefkasten auf diversen Kanalinseln und steuern wenig zum Bruttosozialprodukt bei. Ihr einziger Vorteil ist, dass sie das Potential junger und unzufriedener Liechtensteiner binden und sie von der Heimat fernhalten.

Die Schweiz bleibt ein spannendes Land. Die Einkommensschere vergrössert sich jährlich. Die Umwelt ist verschmutzt. Der soziale Friede fragil. Die Schweizer und die Liechtensteiner haben vollends sich entfremdet. Eine neuerliche Figur wie Adolf Ogi ist vonnöten, um die Schweiz zu einem Land der Liebe, der Toleranz und Güte zu entwickeln. In der Zwischenzeit lächelt der Spätkapitalismus schweizerischer Prägung.

bd

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Die Lust der Selbstzerstörung in der Europapolitik

Politisch äussere ich mich selten. Im Privaten nehme ich Diskussionen wahr und gelegentlich teil. Das Tagespolitische amüsiert, das Weltpolitische inspiriert und beseelt schliesslich. In meiner Gegend interessiert vor allem Europapolitik. Die Schweiz ist zwar faktisch vollständig westintegriert, aber kultiviert den Narzissmus der kleinen Distanz mit viel Pathos und Geld.

Das erzeugt permanent Spannungen auf beiden Seiten. Für die grosse EU ist die Schweiz das kleine, dicke und eklige Stachelschwein, das schonungslos profitiert und stets als Opfer sich inszeniert. Demgegenüber empfindet die Schweiz die EU als technokratisches Joch, das die Spezifika der schweizerischen Politik ignoriert und somit bedroht.

In der Schweiz dominieren Isolationisten. Das, obschon die Schweiz eine zutiefst globalisierte Nation ist, periodisch mit anderen vergleichbaren Stadtstaaten wie Singapur Ranglisten der am meisten vernetzten und kompetitivsten Volkswirtschaften anführt. Der UN-Beitritt erfolgte erst 2001 und war respektive ist nicht unumstritten.

Im Mittelland fühlen die Menschen noch bäuerlich, auch wenn bereits raumplanerisch verstädtert. Dank günstigen Zinsen errichte Reiheneinfamilienhäuser mit Bus- oder S-Bahn-Anschluss beherbergen die kräftigste politische Kraft: ein latent apolitische, aber selbstzufriedene Büroarbeiterschicht, welche täglich in die beschaulichen Zentren pendelt.

In diesem Milieu konnten sich Isolationisten durchsetzen. Denn die Globalisierung und Digitalisierung betrifft ebendieses Milieu. Das handwerkliche und lokale Gewerbe ist kaum bedroht, die ohnehin bereits globalisierten Spezialisten in den Grosskonzernen sind ausreichend kompetitiv und weltweit organisiert.

Das ist nicht genuin eine einmalig schweizerische Situation. Europa ist bedroht. Vor 1914 stellte Europa knapp einen Viertel der Weltbevölkerung, aber das Gros der Weltproduktion. Mittlerweile weder-noch. Die globale Konkurrenz ist erwacht, gewiss auch selbstverschuldet mit zwei Weltkriegen. Auch der Wertepartner USA fühlt sich herausfordert.

Wir ahnen und spüren also einen Untergang respektive einen langsamen, aber stetigen Verlust unserer Hegemonie. Aber anstatt die Nationen Europas sich zusammenschliessen, gemeinsam antworten und auf allen Disziplinen sich rüsten, verfällt die Büroarbeiterschicht der freudschen Lust der Selbstzerstörung.

Die Europäer wollen ihre Länder zurück. Sie verdrängen, dass gerade die Globalisierung und Digitalisierung ihre Länder bedrohen und dass eben bloss eine Föderation europäischer Staaten diese und weitaus dramatischere Herausforderungen der nahen Zukunft meistern kann. Insgeheim wünschen sie eine Epoche der Unruhe, der Anspannung.

Mit grosser Lust demontieren die Europäer ihre EU. Sie kokettieren mit ihrer Irrationalität. Sie beschwören eine Veränderung, einen Wandel. Teils konnten sie sogar einen harten Ausstieg wie einen Brexit durchsetzen. Sie suchen die Entscheidung, die Tat. Doch dabei verdecken sie bloss ihre allgemeine Ohnmacht.

Seien wir gespannt.

bd

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Was ist mir wichtig?

Kürzlich wurde ich gefragt, was mir wichtig sei im Leben. Das ist eine bemerkenswerte Frage, auf die ich nicht zweifellos antworten kann. Grundsätzlich ist die Frage anspruchslos, denn sie drängt auf die simple, aber akzeptable Antwort, dass Familie und so wichtig sei. Doch ich möchte nicht so abkürzen.

Als zutiefst leidenschaftlich-leidenschaftsloser Mensch ist mir nichts wichtig. Ich bin mir meiner Nichtigkeit bewusst, ich versuche mich nicht zu überhöhen. Ich versuche irgendwie widerstandslos zu fristen, ohne viel Energie zu vergeuden in noch unwichtigeren Angelegenheiten. Ich betreibe mich im batterieschonenden Modus.

Im Bewusstsein der Vergänglichkeit möchte ich nicht priorisieren, was wichtiger ist und weniger wichtiger. Ich behalte eine flache Liste möglicher Lebensaufgaben und bewältige sie mehr oder weniger routiniert. Wobei ich Hausarbeit so gut als möglich meide und darauf achte, dass ich mich nicht überanstrenge.

Was ist mir nun wichtig? Ich weiss es nicht. Ich will entgegen, dass mir wichtig sei, dass mein Umfeld gedeihe. Dass Menschen um mich herum reüssieren, einigermassen glücklich seien und eine kluge Art der Gegenwartsbewältigung praktizieren können. Ich will, allerdings habe ich genügend Menschen verletzt, dass ich nicht glaubwürdig bin.

Original und vermutlich Jahrzehnte zurück war ich durchaus motiviert, mein Umfeld gedeihen zu lassen. Ich wollte antreiben, herausfordern. Ich wollte ein Umfeld schaffen, wo alle sich verwirklichen und Glück erfahren durften. Irgendwann verirrte ich mich aber. Ich kann nicht mehr exakt rekapitulieren wann und wo und wie.

Vermutlich das erste Mal, als ich meinen verstorbenen Lehrmeister enttäuscht habe. Oder meine Familie. Ich weiss nicht. Vermutlich auch die erste Liebe mit knapp fünfzehn im Umland Oltens. Die Liebe, die ich mit einer perfiden Begründung boykottiert habe, sie sei nicht gesellschaftlich akzeptabel, auch wenn ich mich nie für Etiketten interessierte.

Ich könnte noch etliche Verfehlungen auflisten, die alle bloss meine Unglaubwürdigkeit bezeugen, dass ich meinen Mitmenschen Gutes tun möchte. Deswegen kann ich die initiale Frage damit nicht klären. Ich muss also weiter untersuchen, was mir denn wichtig sei. So elegant und selbstlos kann ich das Thema also nicht beenden. Weiter geht’s.

Was mir wichtig sei? Ich weiss es nicht. Möglichst viel Geld verdienen? Kaum, denn dazu habe ich den falschen Beruf oder das falsche Gefäss gewählt. Möglichst viel Liebe machen? Ebenfalls unwahrscheinlich, weil dafür habe ich das falsche Betriebssystem installiert. Möglichst viel rauchen und saufen? Gleichsam fraglich und nicht kompatibel.

Also was dann? Glücklich sein? Ich? Ich bin ein Glücksverweigerer. Ich verneine das Konzept des Glücklichseins. Leben bedeutet zu bewältigen. Ich beschreibe es als Gegenwartsbewältigung. Innerhalb dieses Rahmens darf man gelegentlich rebellieren, eskapieren. Solange man niemanden schadet.

Letztlich ist mir wichtig, im Leben nicht zu viel Widerstand leisten zu müssen. Ich möchte manchmal kapitulieren, nicht Zeit und Energie opfern, sondern mich treiben lassen. Ich möchte nicht entscheiden oder Wege errichten. Gleichzeitig möchte ich aber, wo ich keinen Widerstand zu befürchten habe, schöpferisch sein. Dort inspirieren.

Ich pendle zwischen Welten, gleichsam dem Zwischenwesen, das im Titel dieser Plattform angedeutet ist. Ich möchte dort, wo ich kann, mitwirken. Aber anderswo, wo ich nicht mag, es geschehen lassen, ohne opponieren zu müssen. Eine Art der Gleichgültigkeit, die sich aber ungleich verteilt. Das ist mir irgendwie wichtig.

Wie auch immer – diese Frage konnte ich nicht klärend beantworten. Stattdessen habe ich wohl weitere Fragen provoziert.

bd

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Unbedeutend sein

Ich kann derzeit mir nicht vorstellen, mein Leben hier und jetzt zu beenden – oder vielmehr beendet zu werden. Ich befürchte, dass ich noch nicht alles ausgekostet hätte. Ein Drittel des Lebens habe ich bewältigt, jetzt kommt das mittlere Drittel. Ich bin ausgereift, im Leben angekommen, habe wichtige Entscheidungen und so weiter getroffen.

Im letzten Drittel endlich werde ich bloss siechen dürfen. Ich werde fristen, bis ich sterbe, bis alle Bekannten und Verwandten mich vergessen. Vermutlich werde ich staatlich deponiert, schäme mich als Nettoempfänger des Gesundheitssystems. Später beerdigt man mich mit dem Restgeld, feiert und vergisst. Das Leben wie alle anderen. Tot.

Ich fordere für gewöhnlich, dass man jeden Tag sterben könnte. Man sollte dergestalt ausgeglichen, zufrieden und ausgeruht sein, dass man sterben könnte. Zufrieden, tiefenentspannt. Die Dinge geregelt wissen. Doch von diesem zeitlosen Zustand habe ich mich entfernt. Ich kann noch nicht sterben.

Ich hetze derzeit von Kleinigkeit zu Nebensächlichkeit. Ich bin vollends in der operativen Hektik gefangen. Der Beruf dominiert, die Familie erledigt den Rest. Ich werde immer schwerfälliger, ich reagiere statt zu agieren. Ich kann mich nicht zurückziehen und somit beruhigen. Lediglich der latente Alkoholismus tröstet.

Wenn ich heute verunfallen würde, vom Tram oder Auto überfahren werden würde, mein Pendelzug mit einem entgegenkommenden kollidieren würde, wenn eine unheilbare Krankheit ausbrechen würde, wenn ich mich verschlucken würde oder mein Herz kollaborieren würde – dann würde mich das bedauern.

Irgendwas hätte ich mir doch noch vorgestellt. Ich bin kein Narziss, der seine eigene Rolle überhöht. Keineswegs, ich bin mir meiner lokalen wie globalen Bedeutungslosigkeit bewusst. ich wehre mich dagegen nicht. Ich engagiere mich auch nicht für impact oder reach. Ich verkrieche mich im Beruflichen wie Privaten.

Dennoch flüstere ich mir selber ein, dass noch etwas fehle. Dass dieses kleine Oltner Leben doch etwas bewirken könnte. Dass ich gar etwas verpasse, was ich noch nicht kenne. Doch vermutlich irre ich bloss, bin durch das Zeitalter des totalen Individualismus dermassen verfremdet, dermassen dem Realitätsbezug entrückt.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Mein bevorzugter Zustand

Ich möchte nicht nachdenken, ich möchte nicht Konsequenzen tragen müssen. Ich möchte stets fliehen, rasen und hasten. Ich möchte vergessen, was geschah. Ich möchte alles, hier und jetzt, und morgen nachdoppeln. Ich möchte stets einen Zustand der endlosen Manie erleben, stets unbeschwert, enthemmt und entkoppelt mich fühlen.

Ich möchte weder Steuer erklären noch mit Geld haushalten, weder Toiletten schrubben noch Pflanzen giessen müssen. Ich möchte von alldem nichts wissen. Ich möchte immerzu jauchzen, ohne Bedingung leben, ohne Verpflichtungen sterben. Irgendwie alles zudem, aber nichts wirklich. Alles haben, nichts müssen. Und stets sein.

Ich möchte an einem Ort mich konzentrieren. Ich möchte alle Energie verdichten, ich möchte manisch tanzen, überborden; Sitte und Ordnung verlieren. Ich möchte ausbrechen, nicht mehr routiniert mich selber beüben, mich stets mässigen. Ich möchte mich nicht entscheiden, ich möchte nichts abwägen müssen.

Alles, und nicht nichts. Alles hier und jetzt. Ich könnte stundenlang darüber schwärmen. Ich könnte mein Umfeld anstecken und begeistern. Ich könnte motivieren, anstacheln, Ehen brechen, Abstinenzler überwinden. Alles verballern, alles riskieren, alles verlieren. Ich kann bloss so atmen, mich bewegen und überleben.

Alle Versuche, mich zu zähmen, sind gescheitert. Kein Kind kann mich jeweils domestizieren, keine Frau vermochte oder mag je vermögen, obwohl ich stets dafür tendiere. Auch die Arbeit, eigentlich die grosse Anstalt, kann mich nicht erziehen. Nichts, der Staat ist vollends gescheitert, wer aber zugegebenermassen nie beauftragt wurde.

Wie weiter? Ich geniesse diesen Zustand solange als möglich, solange ich noch kann. Bevor irgendwas, irgendwer mich zurückholt, wieder erdet, wieder erinnert, dass ich ebenso sterblich, ebenso vergänglich und ebenso gekettet bin wie alle anderen, die hier bloss einsam und unbefriedigt fristen, langsam sterben und sich selber bedauern.

bd

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