Ich mag nicht reisen

Ich mag nicht reisen. Ich mag nicht mit irgendwelchen fremden Menschen Gespräche erzwingen müssen. Ich mag meine Route nicht erklären. Ich mag keine Motivation begründen, wieso ich hier und nicht woanders bin. Ich mag nicht über die Schweiz und die Schweizer schimpfen. Über die Enge, über den stieren und strengen Alltag. Ich mag nicht unsere Frauen verunglimpfen und als frigide betiteln.

Ich mag einfach nicht. Ich mag auch nicht fremde Kulturen kennenlernen. Denn ich zweifle, inwieweit wir wir uns noch selber referenzieren können, wenn wir ohnehin von der grossen westlichen Kultur durchdrungen und verludert sind. Ich mag nicht exotisches Essen schmecken, wenn ich im Wilerhof weiss, was ich erwarten kann. Wenn ich im Rathskeller immer dasselbe bestellen kann.

Ich mag nicht interessante Persönlichkeiten entdecken, die durchs Leben irren. Ich mag nicht sie nicht zweifelnd und jammernd hören. Ich mag nicht ihre dritte Adoleszenz begleiten müssen. Ich mag nicht abends mich mit Alkohol betäuben. Ich mag nicht Feste feiern, die mir nicht passen. Ich mag nicht irgendwo torkeln, wo ich meinen Heimweg nicht intuitiv finde.

Ich mag nicht sein, wo man mich nicht kennt, wo man keinen Kontext über mich hat. Wo man stattdessen immer die komplette Lebensgeschichte schildern, aber die gewichtigen Details aussparen muss, weil man ansonsten verurteilt wird. Ich mag mich nicht mehr beweisen müssen. Ich mag nicht, wenn man mich unter- oder überschätzt. Ich mag nicht spielen, mich überhöhen und inszenieren.

Ich mag es gemütlich, geborgen. Ich mag die Schweiz. Ich mag nicht nach Berlin auswandern. Ich mag nicht mich karikieren. Ich mag, wenn ich mich entspannen kann. Ich werde Berlin gewiss noch beeindrucken. Weil ich nicht aus Berlin stamme. Sondern bloss in Berlin bettelte. Ich mag auch nicht in Australien mich zu sonnen. Ich mag auch keine Expeditionen durch Südostasien organisieren. Ich mag nicht.

Ich muss nicht, ich muss nicht. Ich werde nicht gedrängt oder gezwungen. Ich fühle nichts, was mich in die Welt treibt. Ich habe genug Welt in mir. Ich bin Kosmopolit. Ich träume stattdessen von einer Vereinigten Föderation der Planeten. Von einer wahrhaftiger Weltregierung. Von einer Welt ohne Geld, ohne Unterschichtsfernsehen, Satire und Gewalt sowie Kriminalität. Wirklich.

Ich mag nicht reisen, um mich kennenzulernen. Denn ich lerne mich kennen, wenn ich in mich kehre. Das kann ich überall. Dazu brauche ich keinen Dschungel, keinen Strand und noch weniger irgendwelche andere Selbstfindungstouristen. Die ohnehin bloss ganz egoistisch ihre Selbsterkenntnisse verkünden wollen. Die mich bloss zureden würden. Und irgendwann damit enden, ich solle noch mehr reisen. Damit ich noch mehr erfahren werde, aber noch weniger begreifen könne.

Aber ich möchte niemanden verhindern. Ich möchte niemanden verurteilen. Alle dürfen reisen, so viel und so gerne wie sie wollen. Ich werde niemanden aufhalten oder bremsen oder zurückhalten. Ich lasse alle Menschen gehen und forttreiben. Man darf sogar auswandern, ich billige das. Aber ich möchte bloss, dass man mich versteht, dass ich kein Bedürfnis habe. Ich muss nicht, ich muss nicht. Nichts befeuert mich.


Eine Antwort zu «Ich mag nicht reisen»

  1. […] Gemütlichkeit und Entspanntheit. Sie beruhigt mich. Sie stabilisiert meine Beziehungen. Sie hemmt meinen Reisedrang. Aber gleichzeitig verringert sie meine Wettbewerbsfähigkeit. Weil trotz all dem […]

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