Der kiffende Rausch

Ich kann mich noch an meinen ersten Rausch erinnern. Ich möchte hier nicht den Kontext darlegen, sondern vielmehr das Gefühl beschreiben, das mich damals befangen hat. Seit Jahrzehnten kiffe ich nicht mehr. Ich kiffe bloss, wenn ich zu besoffen bin. Dann überliste ich meine Selbstkontrolle und lasse mich unkontrolliert wieder der Welt aussetzen. 

Das Kiffen hat mir niemals meine Welt angenehm gefiltert. Das Kiffen hat im Gegenteil meine Wahrnehmung meiner selbst und meiner Umwelt verstärkt. Das Kiffen hat meine Sensibilität vergrössert. Ich konnte kiffend niemals abschalten. Stattdessen grübelte ich, die Gedanken brummten, die Gefühle schwankten. Intensiv.

So konnte ich bekifft jedes Haar spüren. Ich spürte, wie meine Haare langsam verfetten. Ich spürte, wie sie meine Kopfhaut belasteten. Ich trug überlanges Haar. Ich musste dauernd in meinen Haaren fummeln. Sie kämen, zurechtweisen, entfetten, wieder fein und geschmeidig lockern. Doch vergebens, nach einigen Stunden verfetteten meine Haare.

Ebenfalls konnte ich alle Poren meiner Haut spüren. Ich atmete durch meine Haut. Meine Haut war ein empfindsamer und verletzlicher Organismus, nicht bloss eine Hülle. Ich musste meine Haut stets mit meinen Fingern abtasten. Damit verdreckte ich meine ohnehin sensibel-problematische Haut. Ich spürte jeden Mitesser anschwellen.

Bekifft musste ich überdies bewusst atmen. Die Automatismen, die normalerweise Primärfunktionen regeln, waren wie bewusst geworden. Nunmehr musste ich für jede Atmung mich anstrengen. Auch schlucken war nicht mehr ganz so routiniert. Ich musste mich konzentrieren. Das konnte meine Aufmerksamkeit ziemlich lange beanspruchen.

Auch der soziale Umgang war erschwert. Ich war stets verunsichert, weil ich fühlte, was die anderen Menschen fühlten. Ich begegnete Menschen mit grösstmöglicher Empathie. Es erfüllte mich, wenn Menschen dieselben Gefühle hatte. Doch sobald eine kleine Unausgeglichenheit entstand, war ich besorgt, ob ich sie selber verursacht haben könnte.

Gewiss habe ich niemals eine Unausgeglichenheit provoziert, doch mit meinem nachträglichen Verhalten habe ich ebendiese heraufbeschwört, bis sie eingetreten ist. Einer selbsterfüllende Prophezeiung gleich, so wie mit den fettigen Haaren oder mit der unreinen Haut oder mit dem Schluck-Komplex. 

Bekifft konnte ich bloss mich tanzend oder schweigend ausdrücken. Ich konnte stundenlang in Gedanken versinken. Oder ich konnte stundenlang einfach tanzen. Tanzend war ich allerdings nicht interaktiv. Ich tanzte alleine, für mich und meinen Ausdruck. Ich konnte keinen Gegenpart integrieren, keinen Paartanz bewältigen. Ich war wortwörtlich in Trance.

Bekanntlich habe ich das Kiffen aufgegeben. Denn das Kiffen hat meine Selbstbeherrschung gestört. Das Kiffen hat mich natürlicher gemacht. Es hat meinen Empfindungen angeregt. Es hat meinen Selbstzweifel genährt. Ich schrieb unlängst, dass das Kiffen meine jahrelang trainierte Selbstbeherrschung aushebeln könnte. Das ist und bleibt wahr. Ich kiffe nicht.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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