Ich kiffe nicht

Ich meide Drogen, die ich nicht kontrollieren kann. Ich bevorzuge üblicherweise Alkohol. Doch früher konsumierte ich auch Marihuana, das robuste und zähe und hier heimische Kraut. Das meine Generation entfesselte, das gleichzeitig beinahe legalisiert wurde, das die gesamte Freizeitkultur steuerte.

Alle waren kiffend. Der Tag war kiffend strukturiert. Zunächst musste man Gras beschaffen. Dazu konnte man entweder in die liberalen Kantone reisen oder selber anbauen. Ich fuhr viel ins Baselbiet. In Sissach versorgte ich mich bevorzugt, notfalls auch in Olten. Aber dem Oltner Shit misstraute ich – wie die meisten.

Anschliessend musste man sich zum Kiffen verabreden. Kiffen vernetzte, verstärkte soziale Bindungen. Die weiteren Aktivitäten umrahmten bloss das Kiffen; Kiffen war stets Primärzweck. Surfen, Boarden und Skaten durften das Kiffen begleiten; gerne auch das Knutschen oder Vögeln oder Saufen.

Am nächsten Tag wiederholte sich das Muster. Der Kiffeffekt war bei mir auch stets derselbe. Eigentlich war er sehr unangenehm. Das Kiffen verstörte mich. Denn das Kiffen intensivierte meine Sinne. Eine Zugfahrt konnte mich durchschütteln. Weil ich spürte jede Beschleunigung, jedes Bremsen, jedes Ruckeln.

Ich fühlte mich der Umwelt ausgeliefert; kein Schutzschild schirmte mich. Die Umwelt durchdrang mich, wehrlos und nackt war ich. Nicht bloss die Umwelt, auch die Musik bewegte mich, lenkte meinen Sinne und meine komplette Gemütslage. Die Musik konnte mich aufhellen oder verstimmen. Sie kontrollierte mich.

Zusätzlich beeinflussten mich die Menschen meiner Nähe. Ich spürte ihre Gegenwart, ihre Gefühle, ihre Gedanken. Ich konnte vorausahnen, was sie erzählen würden. Ich fühlte mich entlarvt, gleichzeitig schuldig, dass ich sie so intensiv wahrnehmen konnte. Das würde nämlich besagen, dass ich sie bislang ignoriert habe.

Das alles überreizte mich. Meine Mechanismen waren ausgehebelt, mein System aufgeflogen. Ich war schutzlos. Ich konnte mich nicht wehren, ich funktionierte und diente gewissermassen bloss noch. Ich habe mich dem Endzustand tiefster Ohnmacht genähert. Die Vorstufe einer zeitlosen Gleichmut.

Das verursachte Unbehagen. Wenn Menschen spüren, dass sie die Selbstbeherrschung verlieren, und zwar im vollsten Bewusstsein wie anfänglich an Demenz Erkrankte, dann kann das einen verzweifeln. Ich wollte zwar ankämpfen, ich wollte mich zwar mässigen, mich disziplinieren, doch meine Selbstbeherrschung versagte.

Ich habe mitm Kiffen aufgehört, weil das Kiffen mein Selbstsystem, meine Selbstfunktion, meine Selbstkontrolle, meine Selbsteinschätzung unterminierte. Ich kann besser funktionieren, besser sozial interagieren, einfach besser sein, wenn ich nicht kiffe. Ja, ich hadere dann weniger, ich zögere weniger.

Ich will nicht als gesellschaftlichen Problemfall ausgemustert werden. Deswegen kiffe ich nicht mehr. Deswegen schule und trainiere ich meine Selbstbeherrschung. Gewiss verweigert sie manchmal Gehorsamkeit, sie missfällt im Ausbruch, in der Verschwendung, in der Beschleunigung; meine Selbstbeherrschung ist ein lebenslänglicher Kampf.

Lebenslänglich muss ich balancieren, muss ich mich wieder erinnern und immer wieder zähmen. Ich muss mich disziplinieren. Ein Joint kann die jahrzehntelange Aufbauarbeit verpuffen. Mit einem Joint kann ich alles und jeden wieder verlieren. Mein System ist und bleibt verletzlich, jederzeit kann alles zusammenstürzen. Willkommen.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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