Das Beziehungs-Testen

Wir messen nicht bloss Beziehungen; wir testen sie auch. Wir operieren immer mit einigen Annahmen. Diese bilden unser Verhalten. Wenn wir uns beispielsweise einbilden, wir werden nicht geliebt, dann testen wir unsere Beziehung explizit darauf. Wir provozieren mit Aussagen und erwarten darauf bestimmte Reaktionen.

Wir formulieren Testfälle mit Akzeptanzkriterien. Diese sammeln wir in Testsets, die wir beispielsweise am Beziehungssonntag durchackern. Solange, bis das Testergebnis unseren Erwartungen entspricht. Denn unsere Grundannahme hat uns längst einvernommen; wir können gar nicht mehr abweichen, und wenn würden Abweichung bloss bestätigen.

Der Liebst-du-mich-noch-Test kann sowohl in der Start- wie auch in einer unbewusst längst eingetretenen Endphase einer Beziehung praktiziert werden. In der Sexualität unterlässt man den ersten Schritt. Man zählt die Wochen, bis der Partner eine Initiative ergreift. Ein gefühlter Wert begrenzt die Toleranz; ist er überschreiten, ist die Liebe vergangen.

Diese Tests mögen zwar rasch und einfach angewendet werden, sind aber schwierig zu vergleichen. Die Testergebnisse können nicht reproduziert werden, da der Mensch nicht wie eine Maschine immer wieder deterministisch reagiert. Vermutlich mag man einen solchen Test auch nicht wiederholen. Vermutlich beendet man die Beziehung vorher. Auch gut.

Auch ich teste. Ich ermittle damit einen Beziehungsindex, den ich bisherigen Beziehungen gegenüberstelle. Werde ich mehr geliebt oder weniger? Wie absolut oder wie engagiert respektive verpflichtet ist die Liebe? Man kann eine Wissenschaft entdecken, wie man eine Beziehung bewertet; eine Menschenleben darin investieren.

Doch das alles überzeugt mich nicht. Ich muss mich zuweilen selber überführen, wenn ich irgendwelche Testfälle definiere, die überhaupt nicht reproduzierbar sind. Testfälle für Situationen entwerfe, die überhaupt nicht testbar sind. Und mich in eine Scheinsicherheit verlasse, die ich zutiefst verabscheue.

Was empfehle ich? Wir müssen bloss und mehr spüren. Beieinander nahe sein und empfinden, nicht bloss Geschlechtsverkehr ausüben. Nicht nur, aber sicherlich auch. Einfach nahe sein, näher sein und durchatmen. Oder bloss an einem Tisch sitzen; seine Beziehung beobachten und anlächeln. Einfach dasein. Achtsam sein. Und dann fühlen.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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