Wo sind die EU-Befürworter?

Anlässlich der gestrigen Europatagung in der Eventfabrik Bern, wo rare Befürworter der EU sich eingemietet haben, möchte eine Brandrede für Europa fiktionalisieren. Gewiss bin ich weder geladen noch aufgefordert. Als radikaler EU-Enthusiast fühle ich mich jedoch berufen.

Die EU ist kein Projekt oder eine Kompromissmaschine. Die EU ist keine Wertegemeinschaft. Die EU ist kein schnöder Wirtschaftsraum. Die EU ist vielmehr eine Idee und eine Erzählung. Die EU ist die letzte Erzählung der Menschheit. Es ist die letzte Idee, die einigermassen inspiriert und Menschen allerorten beseelt. 

Die EU ist das notwendig gewordene Übel der Menschheit. Die EU ist der Zwischenschritt zum Nordstern einer Weltföderation. Die EU ist das Modell und Beispiel des Fortschritts und der menschlichen Einigung. Die EU ist die Vorbedingung der Besiedlung und Erkundung der nächsten natürlichen Grenzen: unseres Sonnensystems. 

Nationalstaaten können den Weltraum nicht alleine erforschen. Die grossen Projekte der Raumfahrt sind bereits internationalisiert. Nationalstaaten sind stets begrenzt. Selbstredend können Nationalstaaten auch das Klima nicht ändern. Das gelingt höchstens in Peking während der grossen Spielchen. Alle Herausforderungen sind globale. 

Gewiss ist die Schweiz isoliert. Die Schweiz ignoriert ihren einzigen ernstzunehmenden Handelspartner. Bekanntlich hat die EU die Schweiz längst umzingelt. Die Schweiz ist mental sehr lokal, interessiert sich kaum für Welt und Forschung. Die Schweiz hat jüngst das Rahmenabkommen mit der EU blockiert. 

Kein Politiker hierzulande befürwortet einen offenen EU-Beitritt. Die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Dossiers ist geleugnet. Das irritiert. Der EU-Beitritt ist unausweichlich, bloss eine Frage des Zeitpunkts. Momentan sind wir einigermassen gerüstet, einigermassen stabil, noch nicht gänzlich der Launen der Welt ausgeliefert. 

Doch ob das bleibt, ist ungewiss. Ich wünsche meinen EU-Beitritt jetzt, in der Position der Stärke, der Verhandlungssicherheit – besser als in zwanzig Jahren, wenn Industrien wie Pharma bereits ausgesiedelt, ganze Mittelschicht verarmt und Ghettos in Dietikon, Pratteln und Köniz gebildet sind. Die Schweiz als Nische ist global nicht lebensfähig.

Die Schweiz könnte der letzten Erzählung der Menschheit partizipieren. Die EU ist das komplexeste soziale System der Menschheit; eine Vorstufe der Weltföderation, welche den Planeten eint und für die solaren Herausforderungen vorbereitet. Planetare Verteidigung ist keine Aufgabe eines begrenzten Nationalstaates. 

Das EU-Dossier hierzulande ist einseitig emotionalisiert. EU-Bashing funktioniert, ist geradezu mainstream. Von links bis rechts ist die EU verurteilt, ja bishin verteufelt. EU ist der grosse Feind der Schweiz. Die wenigen Befürworter – grösstenteils alte und weisse Männer, die sich hinter einer Maske verstecken müssen – schweigen. 

Selbst die als nonkonformistisch bekannte Weltwoche, welche prinzipiell dagegen ist, kann sich nicht für die EU begeistern. Ich lese und finde nichts, nicht einmal im Medium der Randständigen und Entfremdeten Nebelspalter. Das irritiert, wäre das EU-Dossier doch die ideale publizistische Nische, wer sich profilieren möchte. 

Der schweizerische Ableger der VOLT besteht aus einer simplen Facebook-Seite. Sie hat halb so viele Follower wie der in Basel populäre Club Nordstern, wo Berufsjugendliche nicht altern wollen. Vermutlich treffen sich die VOLT-Anhänger in den Katakomben Zürichs, wo sie den wenigen Märtyrern wie Christa Markwalder und Roger de Weck gedenken. 

Vermutlich warten die meisten auf ein Schlüsselereignis, das politisch sie erweckt. Als ein mögliches Ereignis könnte die Corona-Pandemie gelten, die erneut zeigt, dass auch Nationalstaaten eine Pandemie nicht eindämmen können. Alle Grenzen, die in den letzten zwei Jahren wieder gezogen wurden, konnten Corona nichts anhaben. 

Die Europatagung könnte beispielsweise mich erwecken. Ich habe selten so eine langweilige und abgelöschte Tagung einer Vereinigung erlebt, die für die grossartigste Idee der Menschheit kämpfe. Es war vielmehr ein Lecken der Wunden, eine grosse Rechtfertigung und man überbot gegenseitig sich zu ernüchtern. 

Jede SP- oder SVP-Versammlung ist dagegen intensiver, kämpferischer, solidarischer und vor allem energischer. Warum kann man die Geschichte nicht weitererzählen? Die Geschichte der Einigung der Menschheit, die Formung eines sozialen Planeten? Die gemeinsame Expedition zur nächsten natürlichen Grenze? 

Muss ich mich wohl etwa berufen fühlen? Den Quotenrebellen hierzulande mimen? Öffentlichkeit suchen? Roger Köppel für eine EU-Kolumne anfragen? Was legitimiert beispielsweise mich? Muss ich mich als «Unternehmen» betiteln? Der bessere Wirt? Gibt’s nicht andere? Ich bin verunsichert.