Wieso bin ich so liebeshungrig?

Auch alle Liebe der Welt wäre mir nicht genug, so bin mal herausgefordert worden. Gewiss will ich mehr von allem und von allem mehr. Ich giere nach Liebe, nach Anerkennung. Das überrascht niemanden. Heute möchte ich das Verhalten begründen.

Ich kann meinen Liebeshunger nicht isolieren. Dieser Liebeshunger stammt vom ganzgrossen und übergeordneten Lebenshunger. Ich will leben. Das beinhaltet, dass ich auch lieben möchte. Bekanntlich lebe ich nicht sparsam. Ich vergeude mein Leben. Ich beschleunige mein Leben. Also überrascht nicht, dass ich ebenso liebe.

Ich kann mich manchmal rasch verlieben. Dann verliebe ich mich unaufhaltbar. Ich kann mich selber kaum noch bremsen. Ich überreize, ich überfordere meine Liebe. Ich überspanne sie, dass man zuweilen mich fürchten muss. Ich verzaubere, aber ich fordere auch. Ich bin sehr fordernd. Ich verlange nämlich Aufmerksamkeit.

Aufmerksamkeit befeuert mich. Wir alle trachten nach Aufmerksamkeit. Doch ich bin süchtig; denn es ist meine Droge, so wie ich jüngst mich mal rechtfertigte. Man darf meinen Drang pathologisieren. Das ist er, sobald ich deswegen mich oder andere gefährde oder verletze. In der Liebe sind die Fronten wirr. Man wechselt immer die Seiten.

Weder Verfolger noch Opfer noch Retter sind eindeutig und zweifelsfrei zu identifizieren. Das klassische Dramadreieck kann das Scheitern menschlicher Beziehungen und insbesondere meiner Beziehungen nicht entschlüsseln. Wenn ich nach Liebe sehne, dann bin ich einerseits Verfolger, andererseits Opfer und schlimmstenfalls Retter. Als Einschub.

Denn damit kläre ich meinen Liebeshunger nicht. Damit kann ich bloss andeuten, wieso einige Beziehungen misslangen. Weil ich eben zuweilen zu hungrig war. Ich verfolgte, jagte mit übermässiger Liebe. Jede Zurückweisung verstärkte meine Liebe. Bis ich mich als untröstliches Opfer fühlte. Obwohl ich doch bloss retten, helfen wollte.

In meiner Bedienungsanleitung verkündete ich, man müsse mich bloss knutschen. Man müsse bloss tanzen, fragen und teilhaben. Grundsätzlich bin ich einfach gestrickt. Aber ich bin total. Ich beanspruche totales commitment. Ich übersetze das gerne mit totaler Einsatzbereitschaft; totaler Hingabe und Zugabe. Ohne Widerspruch.

Das entspricht dem Prinzip des Wenn-Schon-Dann-Schon. Das erlernte Verhaltensmuster bekräftigt mich, einmal getroffene Entscheidungen konsequent umzusetzen. Doch ich muss diese Entschlossenheit auch im Gegenüber spüren können, atmen sehen. Denn sonst zweifle, bremse ich. Dann strauchle ich.

Bin ich also gar nicht hungrig, sondern bloss intensiv und leidenschaftlich? Oder sind das weitere Euphemismen, welche meine Selbstwahrnehmung täuschen? Ich antworte im besten Beratersprech, dass it depends on. Tatsächlich bin ich intensiv und leidenschaftlich; damit betitle ich meine Totalität der Liebe.

Gleichzeitig bin ich hungrig-sehnsüchtig. Nach ebendieser Totalität. Ich hungere und sehne solange, bis ich die Totalität spüre und vor allem solange ich diese Totalität spüre. Sobald sie abschwächt, wenn und weil ich zu viel grüble und hintersinne, hungere und sehne ich wieder. Dann taumle ich im Dramadreieck. Dann katalysiere ich meine Beziehung.

Und dann leide ich, leidet meine Liebe. Alle leiden. Man verletzt sich unabsichtlich, nicht willentlich gegenseitig. Man zerstört damit die natürliche regenerative Kraft der Liebe. Denn Liebe kann sich grundsätzlich erneuern. Sie könnte, wenn man sich nicht im Anschuldigungsdreieck vergisst.


Eine Antwort zu «Wieso bin ich so liebeshungrig?»

  1. […] meine Forderungen radikalisieren. Ich werde heute die schnelle Liebe konzipieren für unsere liebeshungrigen Seelen in den grossen Städten der westlichen […]

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