Wie fühlt man depressiv?

Depressiv ist, wer seinen Anforderungen nicht entspricht. Wer sich selber einredet, er könne dies und das bewerkstelligen. Aber dann mitansehen muss, wie er scheitert und nicht einmal dies und das kann. Depressive Menschen überbeanspruchen sich selber. Sie sind die härtesten Kritikern. Sie zerreissen sich selber. Sie beklagen, dass sie nicht angetrieben sind. Sie jammern, dass sie nicht erreicht haben, wozu fähig wären. Sie zerstören sich selber. Sie fühlen Ohnmacht, weil sie immer wieder versagen, was sie eigentlich bewältigen könnten.

Wir erleiden eine Massendepression. Das ist unsere liebe Zeit. Wir alle sind depressiv. In meinem unmittelbaren Umfeld ohnehin. Ich kenne kaum Ausnahmen. Alle Menschen, denen ich mich nähere, fühlen, dass sie unter ihren Möglichkeiten, Optionen und Potentialen sich entwickeln. Unter ihrem Wert verkaufen müssen. Sie sind aufgefordert, mehr leisten zu können respektive zu müssen. Sie genügen sich nicht. Sie sind unendlich-faustisch. Sie quälen und verstümmeln infolgedessen sich selber. Sie leiden.

Sie leiden unverschuldet. Film und Buch verzehren unsere Realität. Dieses Getue über Generation Y verblendet uns. Wir überhäufen uns mit Anforderungen. Weil wir besessen sind, dass everything goes. Wir können nicht mehr anerkennen, dass wir alle begrenzt sind. Dass unsere Optionen verfallen, dafür neue erwachsen. Ich diagnostiziere eine Massendepression. Wir sind alle verfahren. Wir müssten bloss innehalten, wir müssten uns bloss konzentrieren und anerkennen, was wir gegenwärtig wirklich tun.

Wir müssen den Wert unserer aktuellen Situation bemessen. Wir dürfen unsere aktuelle Situation nicht vergleichen damit, was alles möglich, besser oder anders sein könnte. Es ist nicht anders. Wir sind so, wie wir gefangen sind. Wir werden unsere Gelegenheiten erhalten, neue Lebenssituationen zu schaffen. Wir müssen bloss ruhen. Wir müssen bloss unsere Anforderungen mindern. Das Leben ist gut und langatmig. Wir verpassen nichts. Wir verpassen aber ansonsten, dass wir in der aktuellen Lebenssituation glücken.


4 Antworten zu «Wie fühlt man depressiv?»

  1. […] schimpfen, wenn Asylanten ein iPhone besitzen. Sie hassen depressive Menschen. Sie sind einigermassen zielstrebig, wollen Haus und Kind. Sie erlangen höchstens einen […]

  2. […] Weil die geforderten Anforderungen und deren tatsächliche Erfüllung nicht korrelieren. Depressiv. Und spätestens dann sind sie gefangen. Sie werden nie mehr sich befreien können. Denn sie werden […]

  3. […] Mein Stoff muss reifen. Ich habe Skizzen. Ich habe einen Plot, eine Abfolge. Aber momentan vermisse ich die Notwendigkeit. Ich muss nicht unbedingt. Ich übe hier in meinem kleinen Blog. Eine bescheidene Leserschaft. Maximal zehn unterschiedliche Personen. Ihr seid die grössten insiders. Ich warte. Ich habe zwar keine Fakten oder irgendeine “wissenschaftliche” Evidenz. Aber ich ahne und spüre, dass demnächst alles sich verdichten werde. Mein Roman entwickelt sich selbständig. Er überfällt mich bereits jetzt. In der Dusche, während der Arbeit. Aufm Klo. Jetzt ist’s noch angenehm und “lustig”. Aber bald übermannt mein Roman mich totalst. Dann konkretisiert sich eine Notwendigkeit. Dann muss ich. Und dann wird’s genial. Ein Meisterwerk, das bloss scheitert, weil ich es mit meinen eigenen Anforderungen überfordere. […]

  4. […] Im Vario versteckt sich die Generation Golf. Sie hauert auf der Sitzbank, schlürft Weisswein. Die weiblichen Singles beklagen ihren unfreiwilligen Beziehungsstatus. Sie haben in eine ernsthafte Beziehung investiert. Doch vergebens. Die Beziehung scheiterte. Man hat sich entfremdet, auseinandergelebt. Man hat sich über die Familienplanung nicht geeinigt. Man hatte sich mit überhöhten Anforderungen überfordert. […]

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