Wie alleine muss man sein?

Letztlich stirbt jeder alleine. Die Welt betritt man noch durch Mutters Schoss. Die Welt verlässt man auf-sich-alleine-gestellt. Und auch zeitlebens ist man alleine, wenn die Not am grössten ist.

War ich jemals alleine, auf mich selber gestellt? Total zurückgelassen geworden? Durfte ich jemals erfahren, was es bedeutet, niemanden und nichts zu haben? Bloss alleine zu sein? Oder stürze, flüchte ich mich in Bekanntschaften, Liebschaften, in Gefühle oder in Arbeit? Ich bin hier Sowohl-Als-Auch.

Das Auf-Sich-Selbst-Zurückgeworfen-Sein

Die Moderne zwingt einen, und mich besonders als ihr bester «Prototyp», sich pur und total zu individualisieren. Hier anders, dort anders, hier sich abgrenzen, dort sich abheben. Hier die eigene Bedürfnisse stillen, dort andere für eigene Interessen einspannen. Doch diese Individualisierung empfinde ich nicht bloss materiell und im Dschungel der Privatwirtschaft. Vielmehr empfinde ich diese Individualisierung auch geistig und im Sinne der Lebensphilosophie-Weltanschauung. Wir sind alle verloren, wieso nicht, wer wir sind und wieso wir hier sind. Wir können fundamentale Fragen nicht zweifelsfrei beantworten.

Das Experiment

Vor geraumer Zeit durfte ich erleben, was es bedeutet, total auf sich selber zurückgeworfen-zurückgefallen zu sein. Geistig wie materiell. Ich war physisch und psychisch alleine. Ich hatte kein Geld. Ich irrte durch Deutschland. Im Dschungel Afrikas, in der Steppe Asiens, wohl überall könnte man mit einem Dollar, mit einem Euro pro Tag überleben. In der westlichen Zivilisation stirbt man aber. Ein Dollar, ein Euro genügen nie. Sie entwürdigen. Sie vernichten dich. Sie beschämen dich. Du bist total ausgeliefert. Du bist keine Existenz mehr. Du bist Abfall. Und du bist alleine. So alleine. Die Menschen scheuen deinen Anblick. Sie ignorieren dich. Sie verachten dich, sie stigmatisieren dich, sie pathologisieren dich. Du bist selber schuld.

Du lungerst alleine durch teuerste Passagen. Du bettelst, du gestaltest Plakate. Doch dir ist nichts vergönnt. Du weisst nicht, wo und wie du schlafen wirst. Du weisst bloss, du wirst alleine irgendwo-irgendwie nächtigen müssen. Du löst immerhin Probleme seriell; zuerst kommt das Essen, dann der Schlaf.

Die ewige Einsamkeit

Das alles ist längst vorbei. Mich tröstete damals, dass ich das Experiment jederzeit abbrechen konnte. Schliesslich habe ich es auch vorzeitig abgebrochen. Ich habe gestoppt. Ich konnte irgendwann nicht mehr. Ich war zerfetzt, ich war gebrochen. Ich war zerstört. Ich war nicht ansehnlich. Diese Einsamkeit aber wurde ich nicht los. Ich war seitdem mehr als vorher einsam. Ich wusste, dass in Zeiten grosser Not ich alleine sein werde. Aber auch in Zeiten grossen Glückes ich niemanden hatte, der es mit mir teilen konnte oder es zu würdigen verstand.

Ich hatte mich damit abgefunden, ich war resigniert. Ich war zeitlebens in Beziehungen, aber fühlte mich gleichzeitig einsam und unverstanden. Ich fühlte mich zuweilen ausgegrenzt und verachtet. Auch entfremdete ich mich immer mehr von meinem Umfeld; ich bin zu zynisch und zu abgeklärt geworden. Irgendwann rettete mich die Berufsarbeit. Doch das linderte nicht meine tiefe Einsamkeit. Das tröstete mich bloss. Berufsarbeit schenkt Aufmerksamkeit, Anerkennung und gewisse Würde. Und sie löhnt einen mehr oder weniger angemessen. Das kann das Leben versüssen. Drogen tun das Ihrige. Sie säuseln, versprechen Eskapismus.

Das private Glück

Ich idealisiere, romantisiere keine Einsamkeit. Ich bin mir der Einsamkeit bewusst und gewahr. Ich verteufle sie nicht, ich praktiziere sie. Aber Einsamkeit verneint mir nicht Geselligkeit oder eine Beziehung. Einsamkeit kann man denn auch teilen. Mit Teilen meine ich nicht, man solle Einsamkeit lindern, sich gegen die Einsamkeit verschwören. Mit Teilen meine ich, man solle gemeinsam sich bewusstmachen, dass man prinzipiell und letztlich immer einsam ist und auch bleibt. Das, auch wenn man sich noch so anstrengt. Einsamkeit ist eine Zivilisationskrankheit, verursacht durch gefühlte Entwurzelung, niedergerungene Religionen und das Fernbleiben grosser Ideen und Geschichten, verstärkt durch die totale Ökonomisierung aller Lebensbereichen und den ewigen Konkurrenzkampf aller Akteuren.

Wahr ist, dass ich mich in letzter Zeit nicht mehr so intensiv einsam fühlte wie noch vor einiger Zeit. Ich erwache zwar noch sporadisch in der Nacht und fürchte mich vor der Dunkelheit, weil ich mich nicht orientieren kann, weil ich mich nicht sicher fühle. Aber ich meine, dass das ewige Band der Einsamkeit weniger leistet als noch zuvor. Vermutlich hebt die Zeit das Band an und ab. Ich werde mich irgendwo nivellieren, aber gänzlich entfernen und kann ich meine Grundeinsamkeit, die grundlos ist, nie.