Was verängstigt uns?

Eine Vertreterin unserer Generation bezichtigt unserer Generation, dass wir verängstigt seien. Ich mag nicht, wenn Journalisten meine Generation porträtieren. Sie kreuzen Allgemeinplätze. Sie fürchten, das wahre Wesen zu benennen, zu beschreiben, das unsere Generation geiselt. Nun ich.

Wir fürchten nichts und niemanden. Everything goes, wir fokussieren aufs Private und Persönliche. Wir wollen keine Welt retten oder verändern. Wir können ja nicht einmal unsere Liebsten beeinflussen. Wir wollen uns nicht engagieren oder bewegen. Wir wollen stattdessen konsumieren, feiern und kopulieren. Wir wollen beschleunigen.

So empfinde ich unsere Zwischenzeit. Wir können weder Utopien noch Dystopien entwerfen. Wir haben andere issues, die uns beschäftigen. Wo versündigen wir Silvester? Wohin können wir noch verreisen? Wie kleiden wir uns morgen? Wen küssen wir abends? Wo arbeiten wir im nächsten Jahr? Wem schreiben wir Kurznachrichten? Wann heiraten wir?

Wir zelebrieren den Hedonismus. Unsere Vorfahren ackerten, schufteten, krampften. Wir verprassen. Wir erleben einen einzigartigen Höhenpunkt sozialer Sicherheit, sozialer Chancengleichheit. Unsere Volkswirtschaft häuft Milliarden; uns geht’s verdammt gut. Wir müssen nichts bedauern oder bereuen. Wir müssen uns nicht sorgen.

Ich billige diese ganz futuristische Massenbeschleunigung. Wir rasen unaufhaltsam. Ich verwette mein Leben, dass wir unsere Geschwindigkeit dereinst mässigen werden. Aber nicht heute, noch nicht heute. Wir wollen Alkohol trinken und Zigaretten rauchen. Wir wollen unsere Jugend verblühen. Wir sind befeuert.

Denn wir wissen, dass die Vergänglichkeit bald uns einholen wird. Diese Zwischenzeit endet. Wir können aber keinen Zeitpunkt orakeln. Müssen wir auch nicht. Wir schmieden keine Weltgeschichte in persona. Der grosse Schirm westlicher Überlegenheit schützt unsere Lebensläufe, rechtfertigt unser Vergessen und legitimiert unseren Rausch.

Ich werde keinen Weltuntergang prophezeihen. Die Welt kann nicht untergehen. Die Menschheit wird Atomkriege, Naturkatastrophen, Selbstverstümmelungen überleben. Wir können genetisch uns aufwerten, wir können Reichtümer verschieben. Wir können Grenzen versetzen. Wir können Neuland besiedeln.

Ich kann mich nicht sorgen. Ich kann mich nicht fürchten. Ich bin weder eingeschüchtert noch verängstigt. Ich blicke erwartungsvollst und freudigst unserer und vor allem auch meiner Zukunft entgegen. Ich freue mich. Niemand muss sein Leben kastrieren, niemand muss sich einschränken. Everything goes.


2 Antworten zu «Was verängstigt uns?»

  1. […] fürchte ich mich nicht. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Sex-Roboter den Sexmarkt disruptiv […]

  2. […] Sinnlosigkeit unserer Kultur und die Ausschweifungen der Jugend. Ich habe jüngst meine Generation erklärt. Ich verurteile nicht, dass die westliche Zivilisation allmählich den uneingeschränkten und […]

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