Vorgeschobener Jahresausblick

Soll ich übers Jahr resümieren? Bald ist wieder Jahreswechsel. Voraussichtlich werde ich den Silvester unspektakulär fristen, höchstwahrscheinlich ihn verschlafen oder lustlos die Sekunden nachzählen. Beide Aussichten sind nicht so erstrebenswert. Ich habe alle Resozialisierungschancen vertan. Ich bin weiterhin gefangen und untröstlich. 

Es ist erneut ein verlorenes Jahr emotional und sozial. Ich bin weiterhin nicht angekommen hier. Ich sehne mich weiterhin. Manchmal kann ich kurzweilig ausbrechen, mich befreien und rare Momente des Losgelöstseins empfinden. Diese Augenblicke werden seltener, weil ich sie bereits in dummer vorauseilender Gehorsamkeit unterbinde. 

Gewiss kann ich mich vertröste. Ich kann ja bekanntlich sanft programmieren und mich ebenso sanft betrinken. Ich kann ertragen und erdulden. Ich verschwende ja bloss meine Lebenszeit. Weil ich altere, beschäftigt mich das umso mehr. Ich kann die aktuellen Lebensverhältnisse nicht ewigs fortführen.

Vermutlich verhalte ich mich gleich wie meine Sucht nach Star Trek. Ich schaue stets die immergleichen Episoden. Ich geniesse zu wissen, was genau sich ereignet. Ich entdecke eventuell hier und da eine weitere Zitation, weil eben ein Meisterwerk der Unterhaltung gleich wie GTA. Aber ja, schlussendlich ist mein Erkenntnisgewinn ziemlich reduziert.

So ähnlich verhalte ich mich auch privat. Ich darbe weiterhin, ich entdecke hier und da neue Nuancen des Leidens, doch ich schaue permanent die Wiederholung. Ich kann die Folgen und Ereignisse antizipieren. Vermutlich gefalle ich mir in dieser scheinbaren Kontrollierbarkeit gewisser Abläufe meiner Existenz.

Gerne erwidere ich Forderungen nach Veränderungen auch mit dem Spruch «Mal schauen». Mittlerweile bekommt dieser Spruch einen ganz wortwörtlichen Sinn. Mal schauen. Ich schaue mal, was passiert. Obwohl mir gewiss ist, was passiert, schaue ich weiterhin einfach zu. Vermutlich ist der Akteur längst entrückt in mir.

Ich könnte unterschiedlich psychologisieren, warum ich nicht ans Subjekt glaube. Das letzte Subjekt der Weltgeschichte war ja bekanntlich Hitler – der letzte Irrer, der die Weltgeschichte tatsächlich – wenn auch nicht in seinem Sinne – beeinflusste hatte. Ich fühle mich statt Subjekt als Objekt – und verhalte mich dementsprechend als Objekt.

Insgeheim wünsche ich mir den handelnden, zur Tat schreitenden Mann in mir – der mit allem bricht und alles seiner persönlichen Befriedigung unterwirft. Der wahre Akteur, Gestalter des Lebens und ungestüm, futuristisch ganz. Nicht diese Existenz, die bloss harrt und wartet, solange die Gesundheit noch andauert. 

Glücklicherweise kenne ich meinen handelnden Mann. Technisch bin ich befähigt, ich hatte zwar einige «Rückschläge» zu verarbeiten, die meine Ohnmacht blossgestellt haben. Aber grundsätzlich bin ich weiterhin fähig. Aber ja, das schlummert leider bloss, wartet gleichermassen wiederentdeckt zu werden. 

Vermutlich soll das nächste Jahr es richten. Das nächste Jahr entspannt sich denn auch meine finanzielle Situation. Das könnte mich momentan hindern. Aber ja, grundsätzlich ist auch das bloss vorgeschoben und möchte mich von der Tat abhalten, meine Entschlossenheit rational schmälern. 

Mal schauen. Ich habe keine Lust mehr. Es ist alles so anstrengend. Manchmal möchte ich einfach bloss funktionieren und vergessen, nicht fühlen, nichts wollen, nichts streben, mich einfach verstecken und nicht weiter ringen müssen. Ich möchte kein Glücksritter sein, der unablässlich strebt. Aber ja, vermutlich bleibe ich Futurist. Und muss. Keine Chance.