Über die Liebe und ihre Simulation

Ich bin grundsätzlich nicht zur Liebe unfähig. Ich bin grundsätzlich nur der Liebe entfremdet, weil die Liebe mich angreifbar und verletzlich macht. Ich möchte nicht lieben, sondern leben, damit ich alles wieder beenden und beherrschen kann. Ich möchte alle meine Lebensabschnitte kontrollieren können.

Die Liebe hingegen kann ich nicht domestizieren. Deswegen fürchte ich sie so sehr. Ich versuche mir stets eine Ausrede bereitzuhalten, nicht lieben zu müssen. Ich mag nicht, wenn ich geöffnet und nackt bin. Wenn man mich einfach begriffen hat. Ich bleibe lieber unnahbar, distanziert und verstecke mich.

Ich kann selber aber gut lieben, ich habe einen Überschuss produziert, den ich gerne teile, gerne selbstlos verschenke. Ich könnte die komplette Welt lieben, alle Menschen, alle Frauen, alle Objekte. Ich kann mich rasch begeistern und dann liebe ich ungestüm. Ich will mich dann nicht zurückhalten.

Gleichzeitig bin ich unfähig, Liebe zu empfangen. Weil ich mich dafür offenbaren müsste. Nicht gezielt, ausgewählt offenbaren, hier und da einige Details verraten, die Vertrautheit simulieren, sondern mein komplettes Wesen und meinen kompletten Widerspruch, den ich täglich aushalten muss.

Ohne gemeinsame Erfahrungen echter und nicht bloss körperlicher Intimitäten kann keine Liebe erwachsen. Diese gemeinsamen Erfahrungen sind aber bloss in einem empfänglichen und geöffneten Zustand möglich. Wenn der eine simuliert, erlischt die gemeinsame Erfahrung, weil sie nicht gemeinsam ist.

Jede Liebe gründet auf gemeinsamen Erfahrungen. Sie erhöht dadurch das gemeinsame Verständnis. Sie bedingt aber eine gewisse gemeinsame Erfahrung der Zeit vor der gemeinsamen Liebe. Die Lebensläufe müssen sich nicht unbedingt ähneln. Es sind einfach einsam gemeinsam erlebte Gefühle notwendig.

Sobald ich diese tiefe Verbundenheit spüre, die eigentlich nicht beschreibbar ist, die ich eigentlich bloss erahne und nicht einmal wirklich weiss und verstehe, werde ich verunsichert, nervös und flüchte erfahrungsgemäss. Ich blockiere. Ich will nicht zulassen, dass hier Liebe ist und weitaus mehr Liebe entstehen kann.

Ich kann auch ebensogut zum Schein lieben, wo eigentlich keine Liebe ist. Ich kann die Liebe als Arbeit und Projekt betiteln, das lediglich meine Aufmerksamkeit fordert. Ich kann alles ausblenden und ignorieren, ich kann Liebe simulieren, wo bloss ewiges Unverständnis und Misstrauen ist.

Ich habe selten einen Moment des Verständnisses und der Geborgenheit gefühlt. Ich bin die meiste Zeit beschäftigt, den Menschen gerade das zu liefern, was sie selber wollen. Ich selber vernachlässige aber mich, muss mich arrangieren und Kompromisse aushalten, die ich verabscheue.

Ich habe schon etliche Jahren gelitten in einer simulierten Liebe. Ich musste mich stets anpassen, wo ich überhaupt nicht wollte. Ich musste einseitiges Verständnis aufopfern, wo ein gegenseitiges per Definition ausgeschlossen ist. Ich konnte mich nicht verwirklichen und konnte darin auch nicht gedeihen; es war wieder nur funktionierend.

Ich habe solche Beziehungen auch ausserhalb der meinigen beobachtet. Das sind Zombie-Beziehungen, die bloss durch die Arbeit und Vernunft zusammengehalten werden. Die Paare sind im Innersten einander fremd, sie heucheln sich Abhängigkeit vor, wo nicht einmal eine richtige ist. Sie leben fern, schlafen gleichzeitig im selben Bett.

Ich kann mich selber gut verstehen, dass ich die nicht zähmbare Liebe fürchte. Diese Liebe überlebt alles. Sie produziert echte Abhängigkeiten. Ich könnte mich dann nicht mehr einfach lossagen, von heute auf morgen die Beziehung kündigen. Ich kann dann nicht mehr gleichgültig durch die Welt stolzieren. Ich bin dann aufrichtig interessiert.

Ich würde mich zuweilen sorgen, ich würde viel nachdenken, viel diesen Menschen vermissen, trauern, ich wäre emotional gekoppelt. Ich könnte meinen Überschuss sinnvoll investieren statt ihn beliebig zu vergeuden an zufällige Menschen. Diese nicht simulierte Liebe käme mir also sehr entgegen.

Die Liebe zu meinem kleinen Mädchen ist deswegen so unkompliziert, weil sie mich niemals lieben kann. Bloss ich liebe, bloss ich kann selbstlos lieben. Ich werde niemals verletzt, enttäuscht, verlassen oder sonstwie getrügt werden. Ich muss mich nicht einmal sonderlich öffnen. Ich muss mich gleichzeitig nicht verstecken.

Ich werde mein kleines Mädchen immer lieben, auch wenn die Krankheit fortschreitet und mein eigenes Leben erschwert. Wir werden nicht in einer klassischen Paarbeziehung erstarren und gegenseitig uns etwas vormachen müssen. Sie wird stets meine bedingungslose Liebe erhalten können.

Ich simuliere diese Liebe nicht. Muss ich auch nicht, ich muss mich auch nicht vor meinem kleinen Mädchen schützen. Sie wird mir niemals etwas antun können. Das beruhigt mich. Doch das ist bekanntlich eine einseitige Liebe, die vom Überschuss zehrt, meinen Haushalt durcheinanderbringt. Das ist nicht das Ideal des Lebens.

Ich blicke also vorwärts auf eine offene, nicht simulierte Liebe, die mich vollständig umschliesst, begreift, aber auch abhängig, verletzlich und somit menschlich macht. Sodass ich mich nicht als Maschine fühlen muss, wenn ich in der Sache der Liebe mit Menschen interagiere.


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