Meine bürgerliche Sehnsucht

Bekanntlich verabscheue ich Mittelmässigkeit. Das bürgerliche Leben repräsentiert Mittelmässigkeit. Doch auch ich ersehne ich gewisse «Normalität». Ich mag kein blosses unstetes Leben, keine unendliche Hast, keine unendliche Rastlosigkeit. Ich mag’s gerne beständig. Weil ich Beständigkeit mag, habe ich es auch relativ lange in Lostorf «ausgehalten».

Ich habe in den letzten Jahren durchaus das Verlangen entwickelt, mich zu beruhigen, meinen Rhythmus zu entspannen. Ich mag nicht dauernd mich schmerzen, verletzen und quälen. Ich muss nicht immer damit spüren, dass ich noch existiere und irgendwie überlebe. Ich kann Glück abgewinnen davon, ein geregeltes, relativ normales und zuweilen unspektakuläres Leben zu führen.

Ich kann durchaus zweisam einen Wocheneinkauf meistern. Ich kann durchaus zweisam verreisen. Ich kann durchaus zweisam einen Haushalt bewirtschaften. Ich könnte technisch kochen, putzen und kleine handwerkliche Angelegenheiten regeln. Ich kann Katzen hüten und mit Kleinkinder spielen. Ich kann mich mit Schwiegereltern austauschen. Ich kann meinen Egoismus zügeln, ich kann mich zurücknehmen.

Ich kann mich auch fortpflanzen. Ich habe jahrelang «geübt», ich kenne diverse Praktiken. Ich hatte mich zeitlang auch ordentlich «ausgetobt». Aber ich verspüre keine Sehnsucht, mich weiter austoben zu müssen. Ich habe keine Lust. Ich erfahre zwar gerne Grenzen, ich übertreibe zuweilen. Aber gleichermassen wünsche ich mir gewisse Normalität. Ich will Alltag. Ich will Alltag.

Ich kann mir technisch vorstellen, eine Familie mit einer lieben Frau zu begründen. Eine Frau, die viel Liebe versprüht. Die fürsorglich ist. Die kochen kann. Die lachen kann, die manchmal tiefenentspannt ist. Die aber auch sich durchsetzen kann. Eine Frau, die gerne geniesst und lebt. Ich wünsche mir eine Beziehung als Team, eine Familie als Team. Ich wünsche mir das, bevor ich sterbe.

Ich habe bereits mit 27 mir geschworen, dass ich bürgerlicher leben wollte. Ich habe es versucht. Ich habe mich manchmal selber betrogen. Ich habe mich manchmal selber sabotiert. Die Umstände damals waren wohl nicht immer ideal. Ich hoffe, sie werden besser. Aber je älter man wird, umso schwieriger ist alles. Plötzlich ist man 40, mit Kindersehnsucht, mit Sehnsucht nach Häuslichkeit, aber alleine.