Meine Beziehungsängste

Wir altern, wir werden unbeweglicher. Wir werden gewöhnlich auch interessanter. Ich habe vor mehr als fünf Jahren eine unbeschwerte Bedienungsanleitung formuliert. Leider sind Beziehungen umso schwieriger je mehr man durchlitten hat. Die Liste der Belastungsstörungen kann stets ergänzt werden. 

Fürs hypothetische Szenario einer Partnersuche zwecks Vermählung möchte ich gerne die wichtigsten Belastungsstörungen aufdatieren. Diese sollen einerseits abschrecken, andererseits ein mögliches Zusammenleben begünstigen. Jede Dating-Plattform müsste statt Interessen die Belastungen ausweisen. Das würde das Filtern erleichtert.

Angst vor Liebesentzug

Mit dem Liebesentzug soll der Partner gestraft werden. Der Liebesentzug ist sehr generalisiert, meistens äusserst er sich durch Absenz oder Kommunikationssperren. Spieltheoretisch ist der Liebesentzug selten wirkungsvoll, führt bloss zu einer Verloren-Verloren-Situation. Ich kann darauf nie angemessen reagieren. Manchmal flüchte ich in die Liebesdusche; überschütte den Partner deswegen mit Liebe. Oder ich antworte ebenfalls mit Liebesentzug. Beide Varianten sind nicht konstruktiv, ich habe beide getestet und dann folgt sofort die Angst vor Überforderung. 

Angst vor Kommunikationssperren

Kommunikationssperren sind eine spezialisierte Form des Liebesentzug. Man schweigt. Man hat bewusst nichts mehr zu sagen. Man teilt nicht mehr. Man lässt gleichzeitig auch nicht mehr teilhaben. In manchen Fällen ist die Kommunikation aufs Funktionale beschränkt. Man kommuniziert lediglich noch das Minimale wie allfällige Einkäufe oder gemeinsame Zwecktermine. Kommunikationssperren überfordern mich. Ich bemühe sodann mich um eine partizipatorischen Kommunikation, dass sie zu beflissen und zu aufgesetzt wirkt. Damit verschlimmere ich aber die Kommunikationssperren, weil meine Anstrengungen zu angestrengt ankommen. Ich kann mich selber auch mehr richtig ernstnehmen. Und so überkommt mich allmählich die Angst vor Überforderung. 

Angst vor Ablehnung

Der Vorwurf der allgemeinen Ablehnung ist ein schwerwiegender. Ich fühle mich rasch abgelehnt. Eine Kommunikationssperre oder ein Liebesentzug bestätigen mir, dass ich abgelehnt werde. In dieser Phase der gefühlten Ablehnung suche ich noch mehr Liebe und Anerkennung, die unterschiedlich transportiert werden kann. Was mit einer mittleren Wahrscheinlichkeit funktioniert, ist das Sexuelle. Dadurch kann ich mich wieder anerkannt und geliebt fühlen – allerdings bloss eine leidenschaftliche und authentische Sexualität. Eine meinetwegen erzwungene erhöht das Gefühl der Ablehnung. Dann lieber gar keine – dafür eine aufrichtige Anteilnahme.

Angst vor Veränderungsdruck

Ich ändere mich ungern, insbesondere nicht wegen den gutgemeinten Ratschlägen eines Partners. Meistens betreffen sie auch immer dieselben Themen: Ernährung, Körperpflege, Kleidung, Wahl der Freunde, Ferienorte, Zukunftsziele. Vermutlich wollte man mich schon öfters umerziehen oder disziplinieren. Meistens passe ich mich ohnehin automatisch an; die Veränderung ist schleichend und daher nachhaltiger als eine invasive. Ich reagiere gewöhnlich trotzig, zickig, falls man mich bevormunden möchte. Meistens quittiere ich Ratschläge mit der blossen Kenntnisnahme und kommentiere sie nicht wirklich. Ich ignoriere sie lediglich. Deren Wiederholung verstimmt mich, ich fürchte mich dann vor Ablehnung, dass ich nicht akzeptiert bin – dass ich nicht genüge wie ich bereits bin. 

Angst vor Überforderung

Ich bin stets herausgefordert und kann nicht einmal alle Baustellen seriös aufzählen, die mich beschäftigen oder meine Aufmerksamkeit verlangen. Ich balanciere auch stets zwischen unterschiedlichen Anspruchsgruppen, die irgendwie besänftigt werden müssen. Das ist nicht bloss beruflich so, sondern auch privat. Ich bin belastbar mit den Summen aller Problemen, die ich bereits zu bewältigen habe. Aber neue, unbekannte oder bislang verborgene Probleme drohen mich zu überfordern. Eine Beziehungskrise ist für mich sofort eine existenzielle Krise. Ich werde dann schlaflos, dadurch noch gehässiger und enttäuschter. Ich werde sofort Entweder-Oder respektive «Alles-oder-nichts». Ich verlange nach Aufmerksamkeit, Anerkennung, nach einem Liebesbeweis – irgendeine Geste, die mich beruhigt. Sie kann auch bloss körperlicher Natur sein; Küssen, Schmusen lösen meine Anspannung unmittelbar. Falls ich mich nicht entkrampfen kann, verkrampfe ich mich umso mehr; ich steigere mich hinein. Meine Augen glühen, ich bin wie blockiert und kann mich selber kaum noch befreien. Ich verfalle zeitweise dem Wahn.

Angst vor fehlender Anteilnahme

Anteilnahme bedeutet, dass man sich ein wenig interessiert. Interessiert, was der Partner denkt, fühlt, wie es ihm ergeht, was er so tut, wo er war, wohin er geht. Nicht nur so als ob – sondern aufrichtig. Lieber sich wenig interessieren als gar nicht oder bloss Interesse heucheln. Ich kann nicht gut damit umgehen, falls jemand nicht anteilnimmt, nicht teilnehmen möchte – sondern einfach sich zurückzieht. Fehlende Anteilnahme wiederum provoziert die Angst der Ablehnung. Man fühlt sich nicht ernstgenommen, man fühlt sich auch nicht «wahrgenommen», bishin nicht existent. Ich antworte mit fehlender Anteilnahme für gewöhnlich ebenfalls mit Anteilnahmslosigkeit oder versuche ich zu interessieren – dabei ertappe ich mich selber, dass mein Interesse nicht aufrichtig ist, sondern erzwungen ist als Reaktion auf die fehlende Anteilnahme. Hier kann ich bloss schwer wieder durchbrechen, ich bin auch ganz verkrampft und will unbedingt Anteilnahme signalisieren – womit ich potenziell natürlich jemanden aufschrecke und versteife. 

Ich bin eigentlich schon recht einfach zu bedienen, gleichzeitig leider auch recht rasch bei diesen Ängsten zu triggern. Aufgrund negativer Erfahrungen bin ich derzeit beschädigt. Mir ist bewusst, dass man nichts stets 100% aufmerksam, anteilnahmevollst, verständlichstvollst, anerkennend und so weiter als Partner sein kann. Mein Kompass ist hier derzeit gestört. Ich weiss, dass manche Menschen halt manchmal auch bloss erschöpft und ermattet sind und dadurch keinen Liebesentzug oder eine Ablehnung aussenden wollen. Manchmal ist alles viel trivialer als man sich vorstellt. Aber manchmal nicht, vor allem nicht, wenn es chronisch ist und ein Dauerzustand, den man irgendwie überdauern muss.

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