Ich an Apéros

Mein Beruf erfordert, dass ich gelegentlich mich austausche. Leider keine Körperflüssigkeiten. Nein, ich darf mich sozialisieren. Ich darf netzwerken. Ich darf mitreden. Fünf Personen zwängen sich um einen Apéro-Tisch. Lachsbrötchen, Käsebrötchen, Schinkenbrötchen, Gemüsestangen sind angerichtet. Jemand lenkt die Diskussion. Die umliegenden vier nicken. Der eine toppt, der andere floppt. Der Rest schweigt.

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Ich mag nicht netzwerken. Kraft meiner Rolle bin ich aber verpflichtet. Ich muss. Ich nenne es sogar Arbeit. Also benehme ich mich, als ob ich arbeite. Ich heuchle Interesse. Ich kommentiere gefällig und berechenbar. Ich lasse ausreden; ich empfehle nichts. Ich höre bloss. Denn ich darf kraft meiner Rolle mich nicht in den Vordergrund drängen. Mich nicht überhöhen.

Ich habe mir mittlerweile einen Fragekatalog erarbeitet, der einigermassen mich sicher durch den Abend rettet. Es sind keine existenziellen Fragen, mit denen beispielsweise die geschätzte M. mich locken kann. Ich will nicht den Sinn des Lebens wissen. Mich interessiert auch nicht, welches Ereignis meinen Apéro-Partner am meisten beeinflusste. Ich erkundige mich bloss, wie derzeit die Rolle des Projektleiters im Kontext der agilen Transformation herausgefordert ist.

Also harmlos. Und harte Arbeit. Meine Arbeit ist darin, einerseits mich nicht zu betrinken. Weil sonst werde ich über Themen witzeln, die nicht konform sind. Und andererseits mein Interesse zu dosieren. Ich darf nicht zu interessiert sein; ich muss ja locker und cool mich distanzieren. Denn sonst klammert sich der Gesprächspartner, der ja ebenso verloren ist. Dennoch muss ich gewisses Interesse wahren, damit das Gespräch überhaupt rollt statt stockt.

Mühsam. Diese Woche darf ich dreimal Apéro simulieren. Dreimal einen unterschiedlichen Kontext. Einmal im Hauptquartier meines Arbeitgebers im Kreis 1, einmal an einem Fachkongress und einmal als Alumni. Mit allen diesen Menschen teile ich gewisse Interessen, ansonsten verbindet einen nichts. Gespräche können sich nicht vertiefen. Hier und da kann man scherzen. Aber im typischen Fachgespräch erfahre ich keine Verbundenheit.

Andere empfinden anders. Ich kenne Menschen, die können sich hineinsteigern. Die identifizieren sich. Die erblühen. Natürlich kann ich mich auch für gewisse agile Themen begeistern. Aber es ist mein fucking job, das zu tun. Ich bin Berater. Ich verkaufe Ideologien. Also muss man mir nicht verdenken, wenn ich manchmal ermüde. Heute war ich denn auch bloss vermittelnd. Ich habe Menschen einander vorgestellt. Ich habe Gespräche losgetreten. Und dann geraucht und Bier getrunken.


Eine Antwort zu «Ich an Apéros»

  1. […] Vorträge der immer gleichen Exponenten unterbrechen die immer gleichen Gesprächen über momenten Auftrag, Wohlbefinden und Zivilstand. Ich kann jeweils mit Zivilstand verblüffen. […]

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