Gefangen in Basel

Ich bin hier in Basel gefangen. Ich werde lebenslänglich hier fristen müssen. Ich kann nie mehr anderswo wohnen. Die Steuern belasten mich nicht so sehr. Die KVG-Prämien sind ebenfalls bereits angewöhnt. Den weiten Arbeitsweg kann ich mit meinem unangepassten Laptop bewältigen. Die Mädchen wären technisch ebenfalls hübsch. 

Dennoch bin ich hier gefangen. Ich vereinsame hier. Ich habe eigentlich niemanden. Ich bin ohne Familie, ohne Freunde und ohne soziale Bindungen hier eingesperrt. Solange ich tagsüber herumreise, unterwegs bin, beruflich Menschen begegne, kann ich problemlos abends heimkehren und einsam sein. Ich kann dann mich distanzieren und zurückziehen.

Aber in dieser Ausnahmesituation harre ich meiner Wohnung. Ich kann niemanden spontan treffen, irgendwie mich verabreden und einfach plaudern. Nicht einmal die Kassierin versteht mich, weil sie Elsässerin ist. Vor der Ausnahmesituation versteckte mich in einer Bar, dort lauschte ich jeweils den Gesprächen der anderen Gästen. Ich notierte ihre Gedanken.

So konnte ich mich jeweils einseitig mit Basel-Stadt verknüpfen. Ich konnte spionieren, meine Gedanken vervollständigten Bewegungs- und Persönlichkeitsprofile. Diese Bar ist geschlossen, sie wird vorerst nicht öffnen. Vermutlich ist sie bereits bankrott. Das Gastgewerbe ist herausgefordert, eventuell unterstützt der Staat.

Grundsätzlich ist mir Einsamkeit nicht fremd. Tagsüber berausche ich mich in meinem Job, abends vereinsame ich. Teilzeit übe ich mich als Vater einer Tochter mit speziellen Bedürfnissen. Ich führe sie jeweils aus. Die Spielplätze sind sehr üppig ausgestattet. Wir können das Angebot jedoch nicht nutzen.

Auch dort kann ich mich nicht mit den Einheimischen verbinden. Meine Tochter wackelt nicht herum, sie spricht niemanden an, sie startet keinen Erstkontakt. Stattdessen werden wir beäugt oder ignoriert. Keine Gespräche können so wachsen. Wir durchqueren die Parks, wir weichen den glücklichen Familien aus. Wir leben in unserer Welt. 

Wobei meine Tochter ihre Welt nicht als Gefängnis erlebt. Sie hat bloss diese. Sie weiss nichts, sie spürt bloss, dass ich nicht glücklich bin. Daher schnappt sie dauernd meine Hand und will mit mir schmusen. Das tun wir. Auch im Park. Eine Berührung kann einen beruhigen und wortwörtlich berühren.

Dennoch bin ich einsam. Der Gedanke, hier in Basel-Stadt zu vereinsamen, ist sehr unbehaglich. Wenigstens hier vereinsamen als Kleinlützel, versuche ich mich zu beschwichtigen. Hier könnte man technisch Menschen kennenlernen. Die Region ist umfangreich und trinational. 

Momentan sind die Grenzen geschlossen. Die vergnügungssüchtigen Lörracher und Mühlhausener bleiben daheim. Die Baselbieter verbarrikadieren sich in Itingen und Otelfingen. Was gerade hier sich aufhält, ist wohl ausschliesslich Basel-Stadt oder stammt ausm ersten Agglomerationsring zwischen Birsfelden und Allschwil. 

Vermutlich müsste ich mich bemühen, Menschen kennenzulernen. Vermutlich schon. Doch ich bin ziemlich scheu, verschlossen, weil gleichzeitig extrovertiert. Ich bin ein introvertierter Extrovertierter. Ich kann bloss gut beobachten, aus sicherer Distanz, ich bin ganz Voyeur der Stadt. Dooferweise gefalle ich mich darin.


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