Die unbekannte Schmerzgrenze

Das Volk ist beunruhigt. Die allgemeine Digitalisierung vernichtet Arbeitsplätze. Die Wirtschaftsflüchtlinge unterminieren den Sozialstaat. Der Städter trennen sich vom kantigen Mittelland. Obama verabschiedet sich von der Weltpolitik, die Briten verbarrikadieren sich auf einer Insel. Die Terroristen durchqueren den Schengen-Raum.

Mich überrascht nicht, dass das grosse Unbehagen sich entladen muss. Mich überrascht nicht, dass man den Unmut den Fremden zuschiebt, dass man die Fremden beschuldigt. Die Fremden müssen “herhalten”. Denn bloss sie sind fassbar, sie zeigen sich. Sie kann man erkennen respektive unterscheiden und somit beschimpfen.

Der abstrakte Feind der globalisierten Digitalisierung kann man nicht verorten. Er versteckt sich hinter, in Logen grosser Netzunternehmen und Beratungsdienstleistern. Man kann dagegen keinen Widerstand leisten; man ist einmal mehr ohnmächtig. Auch Terroristen enttarnen sich naturgemäss nicht. Genauso der intellektuelle Stadt-Land-Graben.

In der Schweiz kann man keinen Graben identifizieren. Wer mitm Interregio von Zürich nach Basel via Baden fährt, wähnt sich dauernd in einer gigantischen Stadt mit sechs Millionen Einwohnern. Die in der lokalen Kulturindustrie beschönigte Schweiz ist mindestens hundert Kilometer entfernt, quasi kaum existent.

Anfangs Jahr berichtete die NZZaS über organisierte Krawallen gegenüber Ausländern in Polen. Gewiss ist Polen weit entfernt, gewiss kann man polnische Zustände nicht mit den Rankwogs und Chalchofens der Schweiz vergleichen. Unsere Rechten wie Linken sind gemässigt, sind allesamt gebändigt.

Ich befürchte also nicht, dass freitags ein Mob Muhens im dortigen Flüchtlingsheim zündelt, Frauen und Kinder aufspiesst und die Nachbarschaft aufschreckt. Ich glaube nicht. Ein kleines Zeichen aber könnte mich umstimmen. Ab einer allgemeinen Arbeitslosenquote von 10% könnte ich mir eine gewisse Radikalisierung vorstellen.

Die Schweiz dümpelt aber seit Jahren unterhalb der 4%-Marke. Wir feiern eine quasi Vollbeschäftigung. Wir sind einigermassen gesättigt. Die Jugendarbeitslosigkeit ist vernachlässigbar, jeder Pensionierte startet mit einer minimalen Pensionskasse von einer halben Million. Die soziale Situation ist entspannt.

Ich bin überzeugt, dass die allgemeine soziale Stimmung einer Nation deren Alltags- und Wahlverhalten beeinflusst. Der Aufstieg radikalisierter Gruppierungen wie beispielsweise in Frankreich, Deutschland und Italien und schliesslich in den USA beweist, dass eine Nation sozial nicht mehr ausreichend geeint und befriedet ist.

Ich möchte gerne eine “Schmerzgrenze” erraten, ab wann sich eine Nation fundamental wandelt und allen den Krieg erklärt. Ab wann die Öffentlichkeit toleriert, dass fremde Mitmenschen gejagt und gedemütigt werden können. Denn im allgemeinen Umgang mit Armen und Fremden messe ich den Grad der Zivilisation und Vernunft.


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