Die Brieffreundschaft

Wer schreibt, wird wahrgenommen. Schreiben befreit, orientiert und entkrampft. Den therapeutischen Effekt habe ich bereits gewürdigt. Wer bloss alleine schreibt, verkümmert aber. Tagebücher alleine retten nicht, sie lindern bloss. Umso wichtiger empfinde ich, dass man sich austauscht. Dass man liest und gegenliest.

Die Brieffreundschaft kann das bezwecken. Ich hatte früher analoge wie digitale Brieffreundschaften. Die rein analogen endeten jeweils noch einigen Jahren. Ich kenne diese Menschen nicht mehr; ich kann mich kaum noch erinnern. Ich habe mal einem Mädchen geschrieben, vermittelt durch ein Inserat in einer Jugendzeitschrift.

Später schrieb ich analoge Briefe mit Bekanntschaften, die irgendwo fern von Olten waren. Die Mädchen waren hier beflissener. Sie parfümierten und schmückten ihre Briefe. Meine waren nüchtern, immerhin grösstenteils aber lesbar. Wir haben unser Wesen und unser Umfeld reflektiert. Wir haben jeden Brief sorgfältig und mit Bezugnahme, also direkten und indirekten Zitaten beantwortet.

Später folgten Emails. Ich debattierte über Gott und die Welt per Emails. Ich hatte einige digitale Brieffreunde. Manche habe ich auch persönlich getroffen, manche gebumst, manche nie gesehen. Die Themen waren stets intim. Es war nie für eine Öffentlichkeit bestimmt. Manche Krisen meines Lebens habe ich auch so kommuniziert und mitgeteilt. Manchmal war ich schreibend ehrlicher und zugänglicher als sprechend.

Seit mehr als fünf Jahren bewirtschafte ich keine Brieffreundschaften mehr. Ich habe keinen Kanal, dem ich mich öffnen und wo ich empfangen kann. Ich schreibe gelegentlich dem fernen R. Vielleicht schreibe ich ebenfalls der fernen M. Ich vermisse die brieflichen Auseinandersetzung. Wenn ich mit einem «Ziel» schreibe, fühle ich mich ich fleissig-flüssiger. Ein leeres Tagebuch kann einen denn auch blockieren und hemmen.

Mal sehen, was passiert.