Der Rücken der Welt

Ich kann nicht bloss in den ewigen Klassikern tummeln. Ich muss manchmal auch ans Zeitgenössische wagen. Die berühmte Houellebecq-Serie beendete ich im Frühherbst. Anschliessend studierte ich Thomas Melles Die Welt im Rücken. Darin dokumentiert Melle seine bipolare Störung. Eine Krankheitsgeschichte.

Ich kann nicht recht final urteilen. Anfänglich war ich unmotiviert. Der übertriebene und offenkundige Wahnsinn Melles ermüdete mich. Wieso sollte ich dessen Irrsinn begleiten? Wieso teilhaben? Schliesslich kenne ich dessen Biografie nicht; wir sind uns nie begegnet. Autobiografisch kann ich bloss, wenn ich mich darauf beziehen kann.

Auch mit Melles Krankheit konnte ich mich nicht identifizieren. Melles Wahrnehmung war ist mir zu verzehrt. Er konnte Wirkliches und Fiktionales nicht mehr unterscheiden. In seiner grossen Manie zertrümmerte er sein Leben. Er wähnte sich im alles entscheidenden Disput mit allen gegenwärtigen und historischen Geistesgrössen. Eklig.

Alles Weltgeschehen, alle Medienproduktion, alles Geschriebene oder Gesagte, ob aktuell und jemals dargelegt, referenzierte Melle, so seine Selbstwahrnehmung. Eine grosse Paranoia verschlang ihn, formte und verstörte sein Leben. Er konnte nicht ausbrechen. Erst die späte Medikation beruhigte ihn einigermassen. Sie relativierte alles.

Ich konnte nicht grosse Erkenntnisse gewinnen. Nach der Lektüre bist du weder reicher noch erfahrener. Du hast bloss einige Stunden deiner Lebenszeit mit einer Krankheitsgeschichte vergeudet. Melle wollte nichts erklären oder begründen. Melle konnte bloss beschreiben und erzählen: seine persönliche Geschichte, die ohne Weltbezug ist.

Er ist kein Resultat einer gescheiterten Generation, einer verlorenen Gesellschaft. Er ist einfach krank. Er kann nichts delegieren. Die Krankheit hat er nicht einmal selber zu verantworten. Kein Drogenexzess verursachte die Krankheit. Die Krankheit hat er geerbt; ein natürlicher Defekt, vom Leben gestraft und ohne Schuld. Das ist hart und auch manchmal langweilig, weil alltäglich.

Als blosse Krankheitsgeschichte überzeugt, ja begeistert Melle. Als Literatur enttäuscht er aber. Die Geschichte ist die seine, sie ist noch nicht abgeschlossen. Sie lebt in seiner realen Figur fort. Er kann jederzeit zurückfallen. Vermutlich kann er die Krankheit niemals überwinden. Mit Lithium kann er einigermassen funktionieren. Immerhin.

Wer sadistisch ist oder sich fürs Elend und Scheitern einer wildfremden Person entzücken kann, empfehle ich jede Seite. Denn alleine die Sprache ist gewaltig. Daran «scheitert» Melle nicht. Manche Referenzen schmeicheln auch den Bildungsbürger. Diese versteckten Zitationen. Sie ironisieren und distanzieren Melle zuweilen. Das entspannt alles.