Auftauend

Es ist nicht unbedingt der Krieg, der mich betrübt. Der Krieg dauert. In Rzeszów werden vermutlich Waffen verschoben, alle fünfzehn Minuten solle ein Transportflugzeug landen. Der Flughafen selber ist wie eine Frontstadt gesichert. Gerne würde ich diesem Schauspiel beiwohnen. Ich befürchte, dass die Waffenlieferungen unzureichend und verspätet sind.

Vielmehr versucht die EU den Weizen zu retten, weil auch abermals eine Nahrungsmittel globalen Ausmasses drohe. Zuerst kommt das Fressen, dann Moral, so will eine Oper uns überliefern. Vermutlich akzentuiert sich das nochmals, sobald wir hier frieren. Momentan ist der Winter aber weit weg; dazwischen liegt ausserdem noch ein Corona-Herbst. 

Nein, ich will nicht weiter über den Krieg oder den ungünstigen Kriegsverlauf mich beklagen, dass eine Handvoll Panzerhaubitzen noch keinen Krieg entscheiden oder dass die Waffenlager der Demokratien längst nicht geöffnet sind. Diesmal nicht, meine allgemeine Stimmung ist wegen anderen Gründen betrübt.

Nein, auch nicht die spezifische Ohnmacht bedauert mich, nichts entgegen oder bewirken zu können, stattdessen den Krieg erleben zu müssen wie ein Schauspiel – er ist zwar real existierend, aber dennoch abstrakt, fern und nicht spürbar. Nicht einmal weiblichen Flüchtlingen begegne ich. Auch MS Teams filtert die Sirenen mittlerweile heraus. 

Ich bin ja bekanntlich ein Glücksritter. Ich bin unruhig, strebsam. Ich fühlte mich vor einigen Jahren wahrhaftig angekommen und aufgehoben. Ich meinte, einer wunderbaren Frau begegnet zu sein. Wir waren losgelöst und liebten uns leidenschaftlich. Alles schien möglich, ich war sehr energiegeladen und futuristisch. Ich war sehr zuversichtlich. 

Doch diese Beziehung endete tragisch, unglücklich. Sie erkrankte ziemlich früh. Vermutlich war sie seit jeher veranlagt. Eine schwierige Geschichte rechtfertigt ja nicht, erklärt bloss ein wenig. Unsere Beziehung hat sich davon nicht erholt – vielmehr verschlimmert oder manchmal verschlimmbessert. Ich bin ja kein Experte in Beziehungen. 

Ich bin Täter wie Opfer und Retter in einer Person vereint. Wir haben das perfekte Drama gespielt. Ich habe den ungünstigen Verlauf begünstigt. Doch ich würde mir nicht erlauben, alle Schuld zu schultern für dieses Ende. Natürlich bewirkt man nicht immer das Gute, wenn man Gutes beabsichtigt. Das Gegenüber muss auch empfänglich sein.

Und sie war keineswegs empfänglich oder kompromissbereit. Vermutlich war sie benebelt von Schuldgefühlen, Psychopharmaka, Alkohol, Kokain und von den Geschichten ihrer Mitmenschen, die sie stets wichtiger nahm als ihre eigene, die deswegen kaum weiter gestaltet werden konnte. 

So stapelten sich hilflose Sozialisierungsversuche mit Menschen mit deutlich schlechterem Einfluss, angebrochenen Hobbys, stets verzweifelten Gebesserungsgelübnissen – während die Wohnung immer mehr verkam, verpackte Schuhe, luftige Kleidchen und Korrespondenz sich stauten und Lebensmittel verdarben. 

Ihre Kommunikationsfähigkeiten waren ebenfalls unterentwickelt. Vermutlich waren sie mal besser. Ich kann mich noch so knapp erinnern. Ihre Kommunikation basierte auf Trotz und Schweigen. Bloss wenn sie betrunken war, konnte sie «reden» – doch stets wiederholend und ohne Gedächtnis. Vor allem war es ein betrunkener Monolog. 

Sie erzählte ihre «Geschichte», die einfach nicht mehr weiterging. Man konnte jeweils ihre Reaktionsfähigkeit mit einem Zwischenruf testen. Kann sie noch empfangen? Kann sie noch auf das Gegenüber eingehen? Sie vermochte nicht. Irgendwann war ich zu abgemüht und abgekämpft. Ich war nicht wirklich traurig, sondern bloss abgestumpft. 

Traurig bin ich heute, weil ich solange meine Zeit verschwendet habe. Und weil ich wirklich verliebt war. Ich liess mich wohl von einem aufreizenden Körper täuschen und verführen. Vermutlich liess ich mich auch verzaubern von ihren gespielten Unbeschwertheit, die bloss ihre Sinnlosigkeit verdeckt. 

Ich habe drei Jahre verschwendet. Wenigstens bloss drei Jahre. Von diesen drei Jahren erlebte ich drei Monate Unbeschwertheit. Die Ausbeute ist ziemlich gering. Das einzige, was ich lernte, ist Sachen zu verdrängen und wieder zu programmieren. Die Lernkurve war beinahe negativ – das Verdrängen mittels Programmieren hat mich gerettet. 

Doch nun erwache ich allmählich. Ich bin nicht mehr so erstarrt und apathisch. Ich kann mir allmählich vergegenwärtigen, was geschah. Ich bin nun wieder zurück, aber beschädigter als vorher. Immerhin bin ich gewachsen an dieser Herausforderung. Ich hätte aber gerne darauf verzichtet. So dringend war diese Leidenserfahrung auch nicht. 

Meine Schwermut wird voraussichtlich noch einige Monate andauern. Ein baldiger Herbst wird wieder mich frohlocken lassen. Ich werde wie gewohnt in Como spazieren, essen, schlafen und eventuell Flüchtlinge beobachten können. Vermutlich werde ich mich bis dahin hier noch einige Male äussern.

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