Endlich der Virus

Endlich der Virus. Er entfacht den Selbstzerstörungstrieb. Nicht verwunderlich, dass der Virus wegen guten Quoten fortgeführt wird. Wir alle sehnen uns nach einer Kraft, die unsichtbar ist, alles beeinflusst und jeden treffen kann. Seit mehr als zweitausend Jahren war es der monotheistische Gott, der überall und alles ist. 

Vor mehr als zweihundert Jahren war es die unsichtbare Hand, welche die Märkte dieser Welt geschickt bespielte. Die Märkte wie Gott sind längst angezweifelt. Keine Identität ist mehr gesichert. Alle Lebenskonzept sind fraglich und herausgefordert. Der Sinn und Zweck der Existenzen sind ausgehöhlt und bloss noch funktionale Fassaden. 

Nun also der Virus. Die Grenzen werden erwartungsgemäss geschlossen. Was die Flüchtlingskrise bereits angedeutet hat, nämlich wie fragil die offenen Gesellschaften Europas sind, wie sensibel die Zivilität auch hierzulande ist, verwirklicht der Virus nun vollends. Die Nationalstaaten sorgen sich wieder um die Eigenen. Europa ist endgültig tot.

In Berlin – und wo sonst? – haben die Berufsjugendlichen das letzte Mal den Eskapismus gewagt. Empörend und verantwortungslos, monieren die Berufsmoralisten. Die Menschen ergattern das letzte Toilettenpapier. Die Regale der Supermärkte leerten sich samstags erschreckend. Man rüstet sich, man verbunkert sich. Man wartet auf den Untergang.

Alle Menschen lieben und hassen das Leben gleichzeitig. Das Gefühl der Überforderung und Unterforderung ist gleichzeitig. Wir haben alle ein ambivalentes Verhältnis zum Leben. Manchmal sind wir manisch, manchmal depressiv. Wir sind alle unausgeglichen. Manche unausgeglichener, manche ausgeglichener. Doch letztlich ist die Identität zerbrechlich.

Ein Virus stimuliert unseren Selbstzerstörungstrieb, unsere latente Todessehnsucht. Todessehnsucht, Angst, Unbehagen verkaufen sich bestens. Die Medien und Politik befeuern das Unbehagen mit der Welt. Sie können Bedürfnis anerkennen und mit Lösungen antworten. Das beruhigt, beruhigt Medien und Politik gleichermassen wie die Bevölkerung.

Ich geniesse derweil das Spektakel. In Europa beginnt bald der Frühling. Die Liebe sucht sich ihren Weg. Eros ist ebenso machtvoll wie der Todestrieb. Bald werden die ersten trotzen und sich wieder küssen. Bald werden wieder frische Paare spriessen – so wie das Grün unserer gezähmten Pärken. Bald ist der Tod vergessen.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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One thought on “Endlich der Virus

  1. […] aktuelle Virus befriedigt nicht bloss den latenten Selbstzerstörungstrieb der Menschen,  der wegen Spannungen in der […]

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