Die Verantwortungs-Falle

Ich lebe derzeit prekär. Ich muss erstmals grosse Verantwortungen schultern. Nichts kapselt oder beschützt mich. Der Überlebenskampf ist besonders im Geschäftsalltag brutalst. Alle existenziellen Situationen durchbohren mich. Ein neuer Mitbewerber räkelt sich, ein ehemaliger CEO droht; ich werde hinterfragt, ich werde herausgefordert.

Früher bewahrte mich eine grosse Gelassenheit, ich wurde nicht unruhig. Doch mittlerweile werde ich affig, ich brunze und brülle. Ich will einschüchtern. Mein Ego überspannt. Das Verhalten irritiert meine Kollegen; sie kennen mich nicht so. Bislang ist’s dreimal ereignet. Erst, ja. Dreimal zu viel aber, denn erst jetzt konnte ich das Muster reproduzieren.

Jede Eingangsrechnung belastet mich. Wenn das Kontokorrent das einbezahlte Aktienkapital unterschreitet, muss ich durchseufzen. Wenn der Kunde eine Rechnung zwei Tage verspätet bezahlt, besorgt mich das. Alles ist so unmittelbar. Niemand filtert; niemand deckelt das unternehmerische Risiko. Ich fühle mich totalst tiefergelegt, näher am Asphalt.

Ja, und deswegen bin ich überreizt und überreagiere beruflich. Ich bin ziemlich angespannt; ich kontrolliere täglich das Kontokorrent. Obwohl ich weiss, dass ich weder einen grossen Zufluss noch Abfluss befürchten müsse. Meine Kollegen sind diesbezüglich entspannter. Sie tragen bereits Verantwortung; sie haben bereits eine kleine Familie zu nähren.

Ich konnte mich bislang durchmogeln. Ich konnte mich in Kommunen verstecken. Ich konnte mich immer irgendwo versorgen. Mich knapp ernähren, manchmal Geld leihen, eine grosse Liste führen. Doch nun haben sich die Verhältnisse geändert. Nun will man sich auf mich verlassen können. Ich werde erwachsener, ich werde ruhiger.

Die berufliche wie private Verantwortung intensivieren das Leben. Plötzlich betrifft einen alles. Man kann nicht mehr hinwegsehen, etwas weglächeln oder auch wegtrinken. Man muss sich immerzu stellen, man kann nicht mehr sich verkriechen. Man muss stattdessen Herausforderungen meistern. Jetzt zeigt sich erst wahre Gleichmut, wahre Gelassenheit.

Jetzt erst trennen sich Selbstwahrnehmung und Wirklichkeit. Wie cool bin ich wirklich? Ich fühlte mich früher im verantwortungslosen Zustand immer cool. Rückblickend kann man denn das auch stimmig begründen. Werde ich in verantwortungsvoller Zukunft weiterhin cool bleiben? Oder werde ich eine kleine Diva, eine kleines Sensibelchen? Ein Dramaqueen?

Wie cool bin ich, wenn die konservative Finanzplanung einen Verlust von 9’000 CHF jährlich vorrechnet? Wie cool bin ich, wenn die Anwaltskosten sich noch verdreifachen können? Wie cool bin ich, wenn ich als Privatperson rechtlich belangt werden kann? Wie cool bin ich, wenn ich einige einflussreiche Feinde kenne? Wie cool bin ich mit knapp 8’000 CHF monatlichen Fixkosten? Ziemlich uncool, oder?

Ich glaube, ich muss mich erst an diese grosse Verantwortungen gewöhnen. Mich einleben und arrangieren. Ich darf nicht erwarten, dass ich bereits heute alles locker-flockig wegstecke, locker-flockig durch den Alltag tänzle, locker-flockig auf Konfliktsituationen antworte, locker-flockig unter der Dusche Diskodauerbrenner nachäffe. Alles muss ich mich gedulden; mal schauen.


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