Der Prototyp

Ich fühle mich als Prototyp. Als Prototyp für diese Welt. Ich fühle mich gleichzeitig gescheitert. Ich kann mir meine Welt konstruieren. Ich kann seiltanzen, mit dem menschlichen Abgrund liebäugeln. Ich kann gleichzeitig mich unterordnen und tarnen, nicht sonderlich auffallen. Ich operiere aber im Inkognito Modus.

Ich habe persönliche Abwehrstrategien entwickelt, die mich vor dem Elend der Welt und meiner eigenen bescheidenen Existenz schützen. Sie lassen mich nicht verzweifeln. Stattdessen treibe ich weiter ganz futuristisch. Ich bejahe bloss die Zukunft, das Kommende und vergesse das Vergangene.

Ich bin zäh einerseits, verletzlich andererseits. Die Verhältnisse bringen mich nicht um. Ich kann ungesund mich ernähren, meinen Körper verschwenden und ruinieren. Ich bin furchtlos, ungestüm und selbstzerstörerisch. Ich kann funktionieren, auch wenn ich ohne Funktion bin. Ich lasse keine Möglichkeit ungenutzt.

Gleichzeitig bin ich verletzlich. Ich möchte wehklagen, alles Elend bedauern, meine Fehler bereuen, meine Unachtsamkeiten wiedergutmachen. Ich kann empfinden und verstehen. Ich kann etliche Fragen beantworten oder die Beantwortung anleiten. Man kann mich als Gesprächspartner und Vertrauter schätzen.

Ich vereine unterschiedliche Kompetenzen. Ich bin bemerkenswert breit, gleichzeitig bin ich beschämend flach, sobald Tiefe erforderlich ist. Ich habe kaum eine Disziplin in ihrer Totalität verinnerlicht. Das qualifiziert mich als Prototyp. Deswegen kann ich in dieser Welt überleben und stets angemessen mich neu erfinden.

Schliesslich praktiziere ich einen Generationsberuf. Ich bin ein Nichtsmacher und Allessager. Ich verkaufe Mut, Kühnheit, Sicherheit und Gelassenheit gleichermassen. Ich spezialisiere mich nicht, ich sammle bloss weitere Erfahrungen und Referenzen. Ich kombiniere das zu einem einzigartigen Profil.

Ich werde mehrheitlichs als Inkubator eingesetzt, stets befristet. Ich unterstütze die Kunden beim Wirken. Ich potenziere. Ich stelle dabei nichts her, ich erarbeite auch nichts, sondern ich handle. Ich gestalte die Lebenswirklichkeiten meiner Mitmenschen. Im Jargon bin ich Influencer mit einer bezahlten Reichweite.

Ich fühle mich als Prototyp. Ich fühle mich gerüstet für die Herausforderungen der Gegenwart. Ich kann irgendwo verarmen und meine Unfähigkeit der Erwerbsarbeit bejammern. Ich kann ebensogut in einer überteuerten Stadtwohnung mit Koks und Nutten meine Restgesundheit verspielen. Ich bin zu beidem fähig und auch willens.

Ich bin beliebig und ganz ohne Eigenschaften. Ich kann wandeln, maskieren, verstecken und fliehen. Gleichzeitig kann erledigen, was erforderlich ist, unterordnen, wo gerade schicklich, antworten, was gehört werden will. Ich kann Normalität simulieren. Ich kann Illusionen produzieren.

Dennoch versterbe ich zu früh. Denn ich bin bloss ein Prototyp. Die marktfähige Version wird bald folgen und das 21. Jahrhundert erobern. Ich bin das nicht. Das werde ich auch niemals sein. Und deswegen sollte ich mich auch nicht vermehren. Ich kann nichts lehren. Ich kann bloss überleben.


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