Month December 2018

Beim Coiffeur

Ich bin für den Alltag nicht sonderlich begabt. Ich verabscheue Hausarbeit, ich meide Ärzte und einkaufen will ich bevorzugt nur online, weil aufm Sofa hängend. Gelegentlich muss ich mich überwinden. Einmal jährlich besuche eine Dentalhygienikerin, die meine Zähne säubert. Und einmal quartalsweise bin ich beim Coiffeur, der meine Mähne stutzt.

Ich habe keinen bestimmten Coiffeur ausgewählt. Mein Coiffeur muss nicht in einem ehemaligen Bordell residieren, muss kein Wortspiel mit Haar im Namen riskieren, muss nichts Besonderes sein. Mein Coiffeur ist funktional, schneidet meine Haare, will nicht mit mir Freundschaft und Vertrautheit simulieren. Er schweigt und macht seinen Job.

Als ich noch in Olten wohnte, hatte ich automatisch den Coiffeur meiner Grossmutter genutzt, damit ich Coiffeur mit Besuch der Grossmutter kombinieren konnte. Das war sehr praktisch, zwei Termine mit einem Termin zu erledigen. Seit ich in Basel wohne, bin ich noch leidenschaftsloser bei der Wahl meines Coiffeurs geworden.

Ich favorisiere einen Coiffeur in meiner Nähe. Ich will nicht die halbe Stadt durchqueren. Ich will spontan vorbeilaufen, Termin vereinbaren und wieder mich verabschieden. Ich will nicht anrufen, weil das vergesse ich. Also suchte ich einen Coiffeur in meinem Viertel. Mein Viertel hat zwei Restaurants, eine Bar, eine Bäckerei, eine Apotheke, einen Kiosk, eine Post.

Und ungefähr zehn Coiffeurs. Ich habe die Strasse gewählt mit den meisten Coiffeurs. Ich habe um einen spontanen Termin mich erkundigt. Der erste Coiffeur, der gerade frei war, sollte meinen Default werden. Das war Gino. Ein lebensfroher Italiener, der gerne schöne Frauen beschäftigt. 62 mittlerweile, aber wirkt jünger.

Ich war in den letzten zwei Jahren ungefähr fünfmal dort. Ich habe mich anfänglich gegen Ginos Regime gesträubt. Ich wolle keine Haare waschen, ich wolle nichts zu trinken, ich wolle keine Unterhaltung erzwingen. Mittlerweile habe ich gänzlich kapituliert. Ich mache, was Gino fordert. Ich kaufe sogar seine überteuerten Produkte.

Vermutlich erzielt er mit diesen Produkten mehr Gewinn als mit dem eigentlichen Haareschneiden. Denn Produkte skalieren immer, Haareschneiden hingegen nicht, weil ist an der Ressource Mensch gebunden, die man nicht beliebig vervielfältigen kann. Jede Mitarbeiterin in Ginos Laden erhöht die Komplexität desselben.

Ich leiste noch einen kleinen Widerstand: Ich spendiere kein Trinkgeld. Weil das mir unangenehm ist. Ich will nicht anerkennen, dass Gino seine Frauen nicht ordentlich bezahlt. Ich will auch nicht Scheinheiligkeit belohnen. Ich wüsste auch nicht, wie ich das Trinkgeld bemessen soll. Nach Nettigkeit? Nach Brustumfang?

Meine Miene ist immer erstarrt. Ich kann einfach nicht lächeln. Auch wenn Gino lächelt, pfeift, summt und immer wieder seine Damen kommandiert. Ich sitze auf dem Stuhl, ich hoffe, dass Gino sich beeilt. Ich will nicht, wie und dass meine Haare geschnitten werden. Ich bin unruhig, ungeduldig, bishin mürrisch. Ich mag nicht dort sein.

Ebenso unangenehm ist das Haarewaschen. Immer dieselben Fragen: Ist der Druck angemessen? Ist die Temperatur wohltuend? Will ich ein neues Shampoo auf Ginos Empfehlung hin ausprobieren? Will ich einmal oder zweimal waschen? Wann habe ich das letzte Mal gewaschen? Und so weiter.

Glücklicherweise dauert der Besuch beim Coiffeur maximal dreissig Minuten. Ich entscheide mich immer für dieselbe Frisur. An der Seite bitte auf zwölf Millimeter kürzen. Ein wenig rasieren. Augenbrauen bereinigen. Fertig. Keine grosse Herausforderung. Ich bin wohl ein dankbarer Kunde; ich bin bequem, murre nicht, korrigiere nicht.

Den Tipp eines Arbeitskollegen werde ich nicht folgen, beim Coiffeur während des Termins sofort einen nächsten zu vereinbaren, damit man im Takt bleibt. Ich will mich nicht nötigen, wieder an den Coiffeur zu denken. Deswegen sind meine Zyklen unregelmässig und bishin quartalsweise. Für mich ist das okay so.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Im Raucherbereich

Ich verweile in einem Cafe, das einen alten Regionalzug der SBB imitiert. Hier ist Rauchen erwünscht. Das lockt einen besonderen Schlag Mensch hierher. Ich gehöre dazu, weil ich rauche. Es sind Franzosen und Asylanten hier, sozial Ausgestossene mit ihren eingereisten Frauen, die hier einfach sein dürfen.

Im Stockwerk darüber wartet eine grosse und prächtige Halle. Dort schmücken sich die Jungmütter und Jungvater mit dem Nachwuchs. Man plaudert und trifft sich hier, man fühlt sich dabei urban und modern. Die Limonaden sind teils lokal produziert, teils von Deutschland oder Frankreich importiert.

Wer will, kann auch eine Pizza bestellen, die mit hauptsächlich lokalen Zutaten hergestellt ist. Das Gebäude hat auch die vergangene Volksinitiative für ein bedingungslose Grundeinkommen ausgebrütet. Es thront neben der Hauptpost Basels, zentralste Lage somit. Das Personal ist ausgesucht sozial schwach.

Hier werden Minderheiten geschätzt. Asylanten sind willkommen. Auch Heimatlose wie ich dürfen hier sich wärmen. Die grossen Städte haben alle solche Orte, wo der Konsum zweitrangig ist und wo die spontane Begegnung mit allen Schichten stattfinden soll. Im Nichtraucher-Bereich sind Tageszeitungen ausgelegt.

Manche besuchen den Ort bloss, um einen Cafe zu geniessen und eine geistige Zeitung zu studieren. Es sind sozial höhergestellte Männer wie Frauen, die diese Institution öffentlichkeitswirksam unterstützen wollen. Denn im Cafe ist man ausgestellt. Die Flaneure der Stadt können einen beobachten.

Als Gast hat man die Wahl zwischen einem Blick nach Draussen oder nach Innen. Die Stühle sind sorgfältig sortiert und fordern eine Entscheidung. Ich entscheide mich für eine Innenperspektive. Wer an der Falknerstrasse spaziert, interessiert mich nicht. Wenn ich mich ablenken will, kann ich meinen Kopf drehen.

An diesem Ort fühle ich mich wohl. Ich muss nichts simulieren oder künsteln. Ich darf einfach mich absetzen. Ich werde nicht beäugt, weil ich alleine und ohne Gesellschaft hier bin. Dieser Ort ist auch für Telearbeit bekannt. Im Nichtraucher-Bereich sind Laptops deswegen verboten. Man will keine nicht persönlich kommunizierenden Wifi-Nomaden.

Telearbeit ist erwünscht stattdessen im oberen Stockwerk, in der grossen Halle. Dort hat man den selbständigen Entwicklern, Grafikern und Studenten eine Zone zugewiesen. Sie dürfen dort auf ihre silbernen MacBooks starren, mit dem obligaten Kopfhörer Schall dämpfen. Eine immerzu überlastetes Wifi ohne Garantie und Sicherheit ist offeriert.

Ich habe die Halle auch schon für einen beruflichen Workshop genutzt. Wir haben ein Packpapier an die Fensterfront geklebt. Die nicht mehr berufstätigen Müttern haben uns gemustert. Sind wir hippe Kreative? Wir haben lediglich eine klassische Retrospektive durchgeführt. Mehrere Kinder wollten mit unseren bunten Zetteln spielen.

Sie durften. Doch wir erklärten, dass wir das Arbeit nennen. Aussenstehende oder ehemals klassisch arbeitende Jungmütter können nicht reproduzieren, wie man in einem Cafe “arbeiten” kann. Immerhin tranken wir keinen Alkohol. Das ist ohnehin verpönt während einer Retrospektive, weil sie deren Ernst mindert.

Ich beende meinen Aufenthalt hier aber nach mindestens fünf Zigaretten. Danach bin ich vollgeraucht. Und ich möchte nicht riskieren, dass ich meinen Platz verliere. Denn hier ist man nicht bedient. Man kann zwar einen Platz andeutungsweise mit einer Jacke reservieren, doch das ist nicht verbindlich und ohne Gewähr.

So muss ich stets nach einer Ladung das Cafe verlassen. Das könnte ich vermeiden, wäre ich nicht alleine oder würde das Gespräch mit einem Nachbarn provozieren, der mir einen Platz freihalten könnte. Doch dazu bin ich selten fähig, wenn ich alleine hier bin. Dann will ich einfach alleine bleiben.

bd

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Meine Anti-Weihnacht

Weihnachten überlebt das Christentum. Die grossartige Idee der Nächstenliebe rückt in den Hintergrund. Maria und Josef waren Flüchtlinge. Sie begehrten Asyl. Der ärmste Stall ganz Bethlehems öffnete sich. Und dort ist Gottes Sohn geboren worden. Das ist diese urbane Legende, worauf schliesslich eine Religion sich beruft.

Weihnachten. Das ist heutzutage ein inszeniertes privates, berufliches wie wirtschaftliches Spektakel. Wir sind abgeklärt genug, um dosiert teilzunehmen, wo gerade erforderlich oder sich anschickt. Wir beklagen uns nicht, wir unterordnen stattdessen uns, damit wir sozial nicht geächtet werden.

Einige leisten Widerstand, jedoch vergebens. Es sind die ohnehin Ausgestossenen an den grossen Bahnhöfen der Schweiz. Sie betrinken sich gemählich als wäre der 24. Dezember ein beliebiger Tag. Sie überhohen den 24. Dezember nicht. Sie begnügen sich mit ihrem verlorenen Posten innerhalb unserer Gesellschaft.

Für die tagtäglich leidende Mittelschicht ist Weihnacht der Abend der grosse Projektion und somit automatisch der grossen Enttäuschungen. Man fiebert mit. Die Musik berieselt, der Weihnachtsmarkt beschwipst. Die Unternehmen empfangen zum Botellón. Selbst eine graue Behörde lockt und fordert Altherren und Jungfrauen gleichermassen heraus.

Der Weihnachtsbaum konzentriert die Aufmerksamkeit. Die sozialen Medien laufen über mit fröhlichen Stimmungen. Jede Familie behauptet öffentlichkeitswirksam, wie harmonisch, wie selbstsicher und wie selbstbewusst sie den Baum schmücke, das festliche Mahl zubereite und wie gehorsamst alle Verwandtschaft anreise.

Wir vergessen die Einsamen und Verlorenen. Gewiss mahnt uns die originale Weihnacht, wir müssen besinnlich sein. Hier und da werden wir nicht zerstreut, sondern medial betroffen. Das sind einmalige Effekte, die wir schon vorwegnehmen und damit wegabstrahieren. Wir haben uns mit dem Leid arrangiert und streben deswegen nach persönlichem Glück.

Ich feiere in diesem Jahr eine Anti-Weihnacht. Müsste ich nicht anderen Pflichten genügen, so würde ich mich einfach sinnvoll sinnlos betrinken. Ich habe in diesem Jahr kein Bedürfnis, irgendwas oder irgendjemanden zu simulieren. Ich werde mich stattdessen zurückziehen und warten, bis die Weihnacht wieder vergessen ist.

bd

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Das Paket

Ich warte seit einigen Wochen auf mein Geschenk. Ich habe ein neuen Laptop beschafft. Das Unternehmen ist ein typisches mit einem sozialen Zweck. Es will die Menschen und die Daten von der grossen Konzernen befreien. Denn die heutige Wahlfreiheit bedeutet, dass wir unseren Henker selber bestimmen dürfen. Cool.

Der Laptop ist ethisch korrekt entwickelt worden, alle Treiber sind open source. Das Betriebssystem ist standardmässig im Paranoia-Modus. Die Festplatte ist verschlüsselt. Der Browser verbietet Cookies. Alle Netzwerkfunktionen lassen sich mit einem Hardware-Button deaktivieren. Der Bootloader ist open source. Und so weiter.

Kein Logo brandmarkt den Laptop. Er ist einfach schwarz und unscheinbar. Kein grosses Unternehmen hat Bloatware installiert. Es ist ein auf freie Software reduziertes Debian. Alle zusätzlichen Quellen müssen manuell in die sources.list hinzugefügt werden. Und damit erlischt automatisch der Garantieanspruch auf ein pures System.

Ich habe mir einen solchen Laptop bestellt und ihn noch ein wenig aufgemotzt. Ich habe den Arbeitsspeicher verbessert, die Harddisk optimiert. Ich habe mich für ein deutsches Tastaturlayout entschieden. Ein schweizerisches ist nicht angeboten worden. Das amerikanische Layout irritiert mich zu sehr wegen der Y/Z-Problematik.

Den Laptop habe ich seit Monaten bestellt. Er war zeitlang “in Entwicklung”. Nun ist er “im Versand”. Seit einer Woche hängt das Paket in Zürich irgendwo. Es ist aus San Francisco via Philadelphia eingeflogen worden. Der Logistiker aktualisiert den Status bislang nicht. Ich prüfe jede Stunde dessen Webseite, obwohl ich bei einer Transition benachrichtigt werde.

Ich habe momentan einige Sorgen, einige Konflikte. Ich muss eine Familie auflösen, ich muss bald eine Wohnung suchen, ich muss zwei Kunden befriedigen. Und ich muss immer genügend trinken, damit ich im Pegel bleibe. Nebenbei fahre ich quer durch die Schweiz. Das beansprucht mich.

Der Laptop löst keine Probleme. Er schafft neue, denn ich muss ihn konfigurieren und optimieren. Das erhoffe ich mir auch. Ein neues Hobby, das mich ablenkt. Denn mein Roboter ist derzeit gerade “besetzt” durch einen Kunden. Den kann ich erst einmal Ende Jahr nach Hause nehmen und wieder tüfteln – über Weihnachten und Neujahr.

Unterdessen aktualisiere ich den Tracker. Wo ist bloss mein Laptop? Muss ich dich nun selber in Zürich holen? Ich will mich ablenken, was meinen Kopf leert, aber nicht unbedingt betäubt wie beispielsweise Alkohol.

bd

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Die erste Beerdigung

Ein Bestattungsritus ist etwas wesentlich menschliches. Ein Bestattungsritus kann eine Kultur begründen. Ich durfte erstmals bewusst als Direktbetroffener in der ersten Reihe diesem Ritual beiwohnen. Zuvor war ich in den hinteren Bänken versteckt, war mit der Trauerfamilie lose verknüpft und eigentlich gar nicht interessiert.

Die Abdankungshalle Meisenhard ist eng bestuhlt. Sie ist mässig geheizt. Die meisten Trauergäste tragen eine der Jahreszeit angemessene Jacke. Vorne rechts hat sich die Trauerfamilie organisiert. Dahinten sammeln sich ferne Verwandte, flüchtige Bekannte, Angehörige des lokalen Turnvereins.

Die Verstorbene ist meine Grossmutter. Meine Grossmutter hat mich gelegentlich als Lieblingsenkel betitelt. Vermutlich, weil sie stolz auf meinen Lebenswandel blickt. Ich kann das heute erwiesenermassen nicht mehr bestätigen lassen. Gewiss ist, dass ich meiner Grossmutter mich verbunden fühle. Daher ist diese Bestattung sehr relevant.

Das Ritual ist christlich motiviert. Ein lokaler Bruder führt durch die Zeremonie. Die ausklingenden Glocken lassen die Pforte schliessen. Ein warmes Orgelstück mahnt zur Besinnung. Die letzten Räuspern des angespannten Publikums verklingen. Der Bruder betritt das erhöhte Pult. Mit geübter und stabiler Tonalität zitiert er Rainer Maria Rilke.

Wenn du an mich denkst, erinnere dich an die Stunde, in welcher du mich am liebsten hattest.

Anschliessend deutet der Bruder das gegenwärtige Ereignisse in einen christlichen Sinn. Nunmehr also sei der Mensch Gottes Liebe nahe. Das grosse Motiv des Christentum ist bedingungslose Liebe, der unsichtbare, aber alles durchdringende Gott liebt jeden. Im Jenseits kann der Mensch die Liebe endlich empfangen, wonach lebenslänglich er sehnt.

Ich danke dem Christentum dafür, dass es Liebe verspricht, wo keine ist. Ich persönlich allerdings kann mich für solche Botschaften nicht begeistern. Ich überspringe gedanklich des Bruders Bibellese. Nun trägt der Bruder den Brief meiner Mutter vor. Der Brief resümiert in wenigen Absätzen das Leben meiner Grossmutter.

Das Leben meiner Grossmutter war beschwerlich, bishin tragisch. Dennoch hat sich meine Grossmutter immer gewieft durchgeschlagen. Sie war eine Überlebenskünstlerin. Eine Lebefrau. Eine untypisch unabhängige und selbstbewusste Frau der Kleinstadt, die gut vernetzt und integriert war.

Ich bin angespannt. Ich weiss, dass ich mich nicht selber konditionieren muss. Ich muss keine Gefühle verbergen. Ich kann wählen zwischen Starre und Trauer. Ich will nicht entscheiden, ich will es geschehen lassen. Die ersten Sätze im Lebenslauf meiner Grossmutter überwältigen mich.

Ich weine. Ich weine in Gegenwart Mitmenschen. Auch in Gegenwart meiner Mutter, ein durch die jüngsten Ereignisse belastetes Verhältnis. Neben meinem jüngeren Bruder. Ich weine. Das befremdet mich. Ich schliesse meine Augen. Ich verinnerliche die Trauer. Ich ignoriere das Umfeld. Ich weine lautlos.

Das Ritual basiert darauf, die persönliche, intime und zutiefst verletzliche Trauer zu veröffentlichen und damit schliesslich zu teilen. Die Trauergäste kreisen um die Trauerfamilie, kondolieren, umarmen, würdigen und verabschieden damit gleichermassen den Verstorbenen. Für gewöhnlich trauere ich hingegen alleine.

Die Trauer offenbart den Menschen. Die Trauer zeigt Empathie und Menschlichkeit und Barmherzigkeit. Eine veröffentlichte Trauer sendet ebendiese Botschaft. Mir fehlen zuweilen Empathie und Menschlichkeit, sie reagieren vielmehr situativ. Ich habe hier erstmalig das ehrliche Gefühl, meine Mutter umarmen zu wollen. Sie bildet den Kern der Trauerfamilie.

Dass ich öffentlich trauern kann, besänftigt mich. Das Weinen entkrampft mich. Es macht mich menschlicher. Meine Trauer gründet aber nicht im Vermissen meiner Grossmutter. Meine Grossmutter wollte die Welt nach kurzer Krankheit verlassen. Das kann ich ihr nicht verdenken. Meine Trauer entsteht aus den Lebensumständen meiner Grossmutter.

Der Lebenslauf ist traurig. Und doch hat meine Grossmutter ihn gemeistert. Sie hat die passende Musik dazu gewählt. Frank Sinatras My Way beispielsweise.

Ich fühle mit. Ich übertrage die Trauer automatisch auf meine persönliche Lebenssituation, die derzeit angespannt ist und nach einer Auflösung sich sehnt. Ich höre daneben meine Mutter weinend. Ich will vermuten, dass auch sie ihre Trauer auf ihren eigenen Lebensweg bezieht. Ich will beobachtet haben, dass die Trauer die persönlichen Werte verändern kann.

Nicht, weil man den Verstorbenen vermisst, sondern weil das Ereignis der Trauer neue Erkenntnisse durch eine neue emotionale Erfahrung festigt. Nebenbei appelliert ein Bestattungsritus an die allgemeine Vergänglichkeit, dass alles Leben ende und man sich beeilen solle. Die Trauer will uns zum Besseren lehren.

Der Lebenslauf ist abgelesen. Der Bruder widmet sich nunmehr der klassischen Exegese. Derweil zeigen Weinkrämpfe sich bei mir wiederkehrend. Meine Gedanken fluktuieren. Ich spüre sich bindende und lösende Synapsen. Die Gefühle und Gedanken verdichten sich in Wehmut und Trauer. Ein weckendes Orgelspiel unterbricht mich. Ich öffne meine Augen.

Der Bruder ruft zum Gebet. Die Trauergemeinde erhebt sich. Ich bin überfordert, wanke leicht. Ich stecke meine Hände in die Hosentasche. Der Respekt vorm Zeremonie verbietet mir das aber. Also wohin mit meiner Rechten und Linken? Weil mein Stolz verweigert mir eine Gebetshaltung. Also fasse ich mein Brillenputztuch.

Amen. Wir dürfen uns wieder setzen. Ich warte auf das Signal der eigentlichen Beisetzung im Gemeinschaftsgrab. Das ist ihr Wille. Sie will in der Masse sich anonymisieren. Eine Aussage. Doch zuvor bittet der Bruder um eine Opferhilfe für Kindern mit einem spezifischen Syndrom: das meiner Tochter.

Diesmal beherrsche ich. Das ist meine Nemesis. Diesmal will ich aushalten, was sonst so mich beelendet und zuweilen entseelt. Ich versperre mir meine Augen. Ich harre. Die Trauerfamilie darf aufstehen. Der Bruder begleitet meine Mutter. Ich verpasse die Möglichkeit der Umarmung.

Die ersten Zwischengespräche entstehen. Man verweist auf allgemeine Erinnerungen. Man huldigt. Ich habe mich mittlerweile wieder zusammengeflickt. Die vielen bekannten und auch unbekannten Menschen disziplinieren mich. Manche habe ich seit Jahren nicht getroffen. Ich führe Zwischengespräche.

Eine letzte Zeremonie am Gemeinschaftsgrab und dann ist der formelle Teil überstanden. Nun folgt ein kleiner Spaziergang zum nahegelegenen Wilerhof, dem Restaurant meiner Kindheit, wohin ich meine Grossmutter gut und gerne begleitet habe. Gewiss hat der Wirt gewechselt, der Spielplatz ist moderner geworden. Dennoch ein aufgeladener Ort.

Ich habe dort früher auch meinen Geburtstag mit meiner Grossmutter gefeiert. Das obligate Geburtstagsessen im Wilerhof. Nun sind wir wieder hier. Wir haben das Saal reserviert. Zwei Bänke. Auf der einen Seite die Familie meiner Grossmutter, auf der anderen Seite die meines Grossvaters, den ich leider nie kennenlernen konnte.

Das Personal füllt die Weingläser und serviert die Vorspeise. Mein Stiefbruder skizziert spontan einen Stammbaum, um die Verhältnisse zu veranschaulichen. Wir albern, wir lachen. Der Tod ist nicht vergessen. Der Wilerhof erfrischt die Erinnerungen an meine Grossmutter. Dieser Ort ist prädestiniert.

Nach zwei Stunden löst sich die Gesellschaft langsam auf. Ich trotte mit. Ich plane einen kleinen Spaziergang. Ich schlendere durch die Siedlungen des Wilerfelds. Ich beobachte den ersten Wohnblock meiner Grossmutter. Ich inspiziere meine vergangenen Wohnungen in diesem Quartier. Ich bin ruhig.

Das war meine erste “richtige” Beerdigung. Und vermutlich nicht meine letzte.

bd

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Eine gescheiterte Beziehung

A. ist ambitioniert, A. hat sich endlich befreit. Er hat sich der Beziehung losgesagt. Fortan will er bloss noch Un-Beziehungen kultivieren. Und zwar mit einer angemessenen Frau, vorzugsweise eine unabhängige, bewegende und stimulierende Frau. Eine typisch weltgewandte Frau. Mehrsprachig, herumgereist, sexuell faszinierend.

A. lernt zufälligerweise I. kennen. I. ist eine solche Frau. Sie hat lange dunkle Haare, das sich wellt. Morgens klopft I. die Haare zu einer improvisierten Frisur, die A. verzaubert. I. ist pragmatisch. Sie schminkt das Gesicht dezent. Die Kleidung ist ausgewählt, aber reduziert. Sie ist keinem gegenwärtigen Chic zuordbar. Dennoch ist I. zeitgeistig.

A. und I. eröffnen eine sogenannte Affäre. Zunächst unverfänglich. Sie begegnen sich erstmals in einem Vollrausch. Das zweite Mal nüchtern. Sie haben mehrheitlich Sex. Sie witzeln, scherzen. Sie kümmern sich nicht um tiefe Gespräche. Stattdessen zelebrieren sie ihre körperliche Leidenschaft, was harmoniert. Gewiss ist A. längst befangen.

A. ist aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen traumatisiert. Er lechzt nach seiner angemessenen Frau. In I. sieht er sie verkörpert. Er begreift, dass er wahrliche Zufallsbekanntschaft entdeckt hat. I. kann sich nicht dagegen wehren, wie A. sie allmählich einverleibt. Abseits der Sexualität lodern die ersten Diskussionen.

Anfänglich zögert A., er will I. mit unnützen Wissen beeindrucken. I. pariert. Das verstärkt wiederum A. Besessenheit. A. überhöht I. immer mehr. Er lässt seine Gefühle irgendwann als Liebe ausdrücken. Niemals zweifelt A., ob I. Liebe oder bloss Sehnsucht repräsentiert. Schliesslich konfrontiert A. damit I.

I. ganz erstaunt. I. hat keinen Sinn für Liebe. I. hat andere Herausforderungen zu bewältigen. I. muss ihre letzte Beziehung aufarbeiten. I. muss ihre Genesung forcieren. I. muss eine Aufgabe und einen Sinn im Leben identifizieren. I. kann und will keine übersteigerte Liebe erwidern. I. will und kann nicht.

Doch I. kann das A. nicht mitteilen. Sie schiebt Gründe vor, A. nicht mehr zu treffen. Nach kurzer Zeit erlischt die Sexualität, wo alles seinen Anfang fand. A. und I. sind sich nicht mehr zärtlich. A. unterdessen – ganz verkopft – fühlt sich bestraft. Er empfindet das als Liebesentzug. Er leidet, präsentiert sein Leiden ganz fordernd-narzisstisch I.

I. wiederum zieht sich zurück, immer mehr. Sie ignoriert. A. aber sehnt sich nach einem Liebesbeweis. Er muss sich beruhigen. Denn mittlerweile vermischt er Gefühle wie Eifersucht, Sehnsucht, Enttäuschung. Er kann nicht mehr differenzieren. Er tobt. Doch damit will er I. nicht belästigen. Sein innerer Konflikt bleibt verborgen.

Irgendwann schaltet A. um. Er schreibt I. ab. Keine I. mehr. Er stoppt seine Sehnsucht. Er unterbindet damit die Eifersucht und Enttäuschung. Er verabschiedet I. kurz, bedankt sich und verreist. Alkohol und unbedeutende Bekanntschaften trösten A. Doch A. versäumt die Reflektion. Warum ist er “gescheitert”?

bd

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Der Narzissmus

Bekanntlich habe ich “rote” Tendenzen. Ich bewundere machtvolle, impulsive, egozentrische und heroische Persönlichkeiten. Wohlgemerkt hauptsächlich Männer, die sich durchsetzen; Imperien bilden, erobern und beherrschen. Sie faszinieren mich, gleichermassen verabscheue ich sie.

Ich selber hatte auch Fantasien als Jugendlicher. Ich wollte ebenfalls “Reiche” errichten. Meine Fantasien waren weit fortgeschritten und diese habe ich teils auch niedergeschrieben. Sie schlummern in alten Tagebücher, die ich mühevoll digitalisiert habe. Einige warten noch auf die Archivierung in der Cloud, damit sie persistent bleiben.

Ich selber habe auch narzisstische Tendenzen. Ich liebe mich selber, ich überhöhe zuweilen mich selber. Ich befriedige uneingeschränkt. Ich kann nicht warten oder aushalten. Wenn ich beispielsweise mich langweile, masturbiere ich so viel wie ich kann, obwohl eigentlich “sinnlos” und eine blosse Verausgabung meiner endlichen Ressourcen.

Ebenso möchte ich besitzen, ausüben und beeinflussen. Ich fühle mich bestärkt, wenn ich Menschen beeinflussen kann. Ich praktiziere das hauptberuflich. Ich identifiziere mich als Inkubator, den man beliebig einsetzen kann. Ich kann die Verhältnisse einer Organisation radikal ändern durch meine Präsenz, mein Wirken.

Ich empfinde Lust, wenn ich die Verhältnisse mitgestalten kann. Ich träumte zeitlang davon, die Entwicklung der Menschen zu formen. Dieser Traum endete aber dummerweise damit, dass Menschen der Zukunft mich in meinem Tun in der Gegenwart hindern mussten, um Schlimmeres zu meiden. Das erklärt meinen Apolitismus seit meinem 18. Lebensjahr.

Alleine solche Aussagen könnte man als narzisstisch pathologisieren. Ich hatte nie einen erheblichen Einfluss auf die Welt – ich werde auch nie einen haben. Ich müsste dazu meinen Lebensentwurf komplett revidieren; ein anderer Job, andere Fähigkeiten wären gefordert. Ich müsste also entweder Politiker oder Manager werden. Beides kann ich nicht.

Ich fokussiere mich selber. Die Bedürfnisse meiner Mitmenschen kann ich ignorieren. Ich kann meine Empathie ausschalten. Ich kann meine Bedürfnisse durchsetzen, ich kann zuweilen manipulieren. Ich entspreche in solchen Situationen den “roten” Machtgöttern, mit denen ich ambivalent mich verbunden fühle.

Auch meine Nächstenliebe könnte man narzisstisch begründen. Ich helfe gerne, weil ich beeinflussen, wirken und gestalten kann. Damit zerstreue ich meine eigenen Ohnmacht – gegenüber mir selber, gegenüber der Welt. Eigentlich ein zutiefst hilfloser Helfer, der selber suchend ist, so könnte man in dritter Person über mich resümieren.

Die “roten” Machtgötter wiederum ekeln mich. Wenn ich einen solchen erlebe, fühle ich mich herausgefordert. Ich möchte das Unrecht rächen. Ich habe bereits etliche personifizierte kennengelernt, insbesondere im beruflichen Umfeld. Das sind meistens Männer, die herrschen können. Sie belohnen Gehorsamkeit.

Dadurch entstehen Konflikte, die ich unterschiedlich löse. Ein vergangener Konflikt endete vor dem Friedensrichter, wo ich mich als Opfer inszenierte. Ich behielt Recht in diesem Fall. Das war aber zufällig. Ich hätte auch eine gegenseitige Vernichtung akzeptiert, die letzte Eskalationsstufe. Ich kann all-in riskieren und fatalistisch sein.

Manchmal kann ich mich auch unterordnen. Manchmal akzeptiere ich eine Fremdherrschaft. Deswegen fühle ich mich in der Schweiz so wohl; kein Putin regiert absolut. Die Herrschaft ist diffus, durch unsichtbare Bundesräte repräsentiert. Ein “roter” Blocher als Bundesrat – undenkbar und innert kürzester Frist “abgewählt”, was er stets verdeutlicht.

Ich kann wunderschön über meinen Narzissmus reflektieren, ihn verharmlosen, ihn überhöhen – ganz narzisstisch. Doch im täglichen Verhalten kann er mich irritieren. Ich verhalte mich zuweilen, wie ich nicht befürworte, sondern ablehne. Ich habe gewiss mich arrangiert, zähme meinen Narzissmus.

Manchmal verliere ich. Ich unterstelle mich meinen eigenen Narzissmus. Ich operiere machtvoll, egoistisch, rücksichtslos. Ich beute aus. Bloss meine Möglichkeiten begrenzen mich. Was wäre, wenn ich tatsächlich machtvoller wäre? Wenn ich über zig Menschen gebieten könnte? Wie würde ich mich dann verhalten?

bd

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