Komplexität reduzieren

Im Beruf ist Komplexität oft als Totschlagargument bemüht. Komplexität mag niemand. Komplexität braucht Managementkapazitäten. Irgendjemand muss Komplexität verwalten. Organisationen wollen also allesamt Komplexität reduzieren. Ich gebärde mich gerne als verführerischer Vereinfacher. Ich simplifiziere.

Privat ist mein Leben einigermassen komplex und undurchsichtig. Ich könnte derzeit meine Herausforderungen nicht abschliessend auflisten. Weil ich nicht kann und nicht will. Einige Themen verdränge ich auch. Andere bearbeite ich bloss im Ereignisfall und operiere im maximalen Priorisierungsmodus wichtig-dringend sofort erledigen und den Rest ignorieren.

Daher pflege ich Bereiche meines Lebens, die ohne Komplexität auskommen. Die Körperpflege ist auf fünf Artikel beschränkt. Ein überteuertes Shampoo. Ein ordinäres Deo. Ein Universaldusch. Ein zerbrechlicher Rasierer. Und ein schlichter Nagelknipser.

Weisse oder blaue Hemder, blaue oder weisse Hosen und bunte Socken limitieren meine Kleiderwahl. Unterhosen sind Verbrauchsmaterial. Schuhe sind auf zwei Marken eingegrenzt, im Sommer trage ich ohnehin hauptsächlich Adiletten. Meine Morgenroutine ist dadurch sehr verkürzt.

Bei der Nahrungsmittelaufnahme, die ich gerne so expliziere, könnte ich wochenlang bloss mit Würstchen, Teigwaren und Burger überleben und dabei keinen Mangel empfinden. Ich muss nicht täglich unterschiedlich speisen. Die Nahrungsmittelaufnahme hat im Alltag auch etwas Funktionales.

Das Wetter beeinflusst auch nicht meine Stimmung. Ein verregneter oder sonniger Tag lässt weder mich vergraulen noch erfreuen. Ich beobachte das Wetter gelassen. Ich versuche mein Glück möglichst zu internalisieren und/oder auf Bereiche des Lebens zu dämmen, die ich auch mitgestalten kann, wenngleich mehr theoretischer denn praktischer Natur.

Ich weiss, ich habe noch genügend Komplexität abzubauen. Gewisse Beziehungen haben eine Historie, die mit Muster verfahren sind, die zu brechen zuweilen mich überfordert. In der zwischenmenschlichen Beziehungen gedeiht Komplexität. Letztlich soll, wer ohne Komplexität leben will, alleine bleiben.

Deswegen isoliere ich mich gelegentlich. Ich möchte niemanden treffen, kennenlernen oder begegnen. Ich möchte keine weitere Komplexität in eine Beziehung hinzufügen. Ich möchte gelegentlich bloss schweigen und aushalten. Doch ich bin ebenso destruktiv, dass ich Komplexität provoziere, indem ich sabotiere. Leider.

Ich sollte also mit der erhöhte Komplexität meiner Beziehungen, egal welcher Natur, mich beschäftigen. Weil das treibt und verursacht in Summe die Komplexität meines Lebens – nicht eine vermeintlich unermessliche Auswahl von Kleidungsstücken oder Nahrungsmitteln oder Wetterbedingungen.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Zwischenstand

Ich kann momentan mich nicht planen, prognostizieren und angemessen verwalten oder gar haushalten. Ich bin momentan taumelnd, verzweifelt und traurig. Ich kann gar nicht mehr klar denken, sondern versuche mit Aufbauspielen mich selber zu vertreiben. Ich will die Gedanken austreiben. Ich will den Ernst des Lebens vergessen. Ich will unbekümmert sein, einfach vergessen, sehr gerne auch mich abschiessen. Ich habe momentan einige Baustellen ruiniert. Ich bin eine einzige Bauruine derzeit. Überall begonnen, nirgends vollendet. Ich bin gerade nicht sonderlich geerdet. Ich werde mir eine Auszeit gönnen. Vermutlich werde ich nichts berichten, vermutlich werde ich mich hinterm Laptop verkriechen. Ich sehne mich nach einer Auszeit. Ich sehne mich auch nach Normalität und gewisser Beständigkeit. Ich möchte nicht länger dramatisieren. Ich möchte nicht stets gehetzt mich fühlen. Ich wünsche mir eine einigermassen normale Beziehung, ein normalisiertes Verhältnis zu meiner Mutter, zur Kindesmutter ebenfalls. Ich wünsche mir regelmässigen sozialen Kontakt, der nicht im Botellon endet.

bd

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Die befreite Brust

Ich mag keine BH. Sie verquetschen die Brust. Sie maskieren die Brust. In den westlichen Grossstädten wie beispielsweise Basel und Brussels tragen Frauen nicht zuverlässig oder konsequent einen BH. Ich kann den kulturhistorischen Kontext nicht einordnen. Vermutlich hat die Frauenbewegung die Brust vorm BH befreit.

Ich befürworte die Gleichberechtigung. Als Arbeitgeber sind Frauen bei uns nicht diskriminiert oder eingeschränkt. Im Gegenteil, Teilzeitpensen z.B. werden grosszügig honoriert, indem der versicherte Lohn stets 100% entspricht. Auch praktizieren wir kompromisslose Lohngleichheit. Keine sozialen oder demografischen Faktoren beeinflussen den Lohn. Einheitslohn halt.

Als Arbeitgeber bin ich also okay. Aber als Partner? Ich bin ja kein Spezialist in Hausarbeit. Ich kann sicherlich Fenster putzen, Teigwaren erhitzen, den Grill schrubben, Feuer entfachen, Geschirr einräumen, staubsaugen oder weitere klar definierte Aufgaben verantworten. Doch erfahrungsgemäss hat die Frau stets mehr geschultert als ich. 

Frauen ohne BH sind auf ihre Brüste reduziert. Automatisch. Man kann nicht wegschauen. Auch wenn man gerade befriedigt, entsaftet oder was auch immer ist, eine befreite Brust ist jederzeit reizend. Mich irritiert bloss deren Häufigkeit. Ich zähle nicht, doch ich verwette, dass hier in Basel-Stadt 20% der Frauen keinen BH tragen.

An der Feldberg- und Klybeckstrasse vermutlich noch häufiger, wobei ich mich dort auch regelmässiger tummle respektive verstecke. Ein Kollege in Babylon Europas konnte meine Beobachtung bestätigen. Am Place Eugene Flagey vermutlich auch vielfacher als im Europaviertel. Meine Brüsselerinnerungen sind ohnehin verdunkelt und kaum signifikant. 

Der Sexmarkt ist bekanntlich sehr kompetitiv. Die Frauen altern, der Körper verwest, die Männer können kaum noch Lust empfinden. Die Sexualität ist vielmehr eine Tragödie, sehr angestrengt und zumeist einseitig befriedigend. Die Männer verzögern das Altern mit Kokain, Skateboards und exklusiven Hobbys wie Biken, Bierbrauen oder Basejumping. 

Anatomisch ist die Sexualität stets auch ein Eindringen. Es ist etwas Ergreifend-Besitzendes. Die Frau ist ausgeliefert. Nicht bloss Krankheiten, sondern auch Säfte gefährden und beschmutzen die Frau. Die alternde Frau ist lediglich vor ungewollter Schwangerschaft einigermassen geschützt aufgrund der männlichen Unfruchtbarkeit. 

Die befreite Brust provoziert mich nicht. Ich schätze die Darbietung. Ich geniesse die Reize. Ich lehne mich zurück, blicke hin, inspiziere und studiere und vergleiche. Ich befürchte, das ist aber nicht im Sinne der Erfinderin. Die befreite Brust sollte gleichsam die moderne Frau in den westlichen Grossstädten befreien.

Der BH sollte das Patriarchat symbolisieren. Meinetwegen. Das Patriarchat hat sicherlich gut gelebt, so wie Göring bei seiner Verhaftung überliefert haben soll. Ich habe leider nie vom Patriarchat profitiert. Ich habe deswegen keinen besseren Job, nicht mehr Einkommen und auch sonst keine Vorzüge. Schade. 

Für mich ist das Patriarchat real nicht existierend. Der grosse Männer-Filz, entstanden durch Militär und FDP, ist ohnehin längst ausgestorben. Die Verhältnisse sind einigermassen entspannt. Frauen dürfen und können alles. Gewisse Branchen sind durchaus veraltet, müssen noch nachholen. Ich denke hier an die Sozialindustrie und an die Gastronomie.

Dort regieren oftmals männliche Gewaltherrscher, kleine, aber unbefriedigte Narzissten, welche die Schwäche jener Frauen ausnutzen, die typischerweise in diese Branchen sich verirren, weil sie keine Alternativen finden. Und dann sind diese Frauen diesen gewalttätigen Männern ausgesetzt. Keine schöne Beobachtung und mein Beileid. 

Ich bin also verunsichert, ob die befreite Brust etwas symbolisiere oder bloss eine modische Erscheinung sei. Vermutlich will die befreite Brust nicht politisieren. Vermutlich ist die befreite Brust bloss bequem, weil durchlässiger, frischer, gesünder. Auch reduziert die befreite Brust sicherlich Komplexität in der Morgenroutine.

Frauen spüren wohl, wenn man ihre Brüste überprüft. Ich habe mich bislang noch nie gemustert gefühlt, ausgenommen bei der Aushebung mit achtzehn. Das war aber staatlich angeordnet. Damals bin ich für untauglich erklärt worden. Vermutlich überschreite ich eine Grenze, wenn ich die Brüste angaffe. Vermutlich verletze ich die Intimsphäre damit.

Ich will mich dafür entschuldigen. Falls eine befreite Brust etwas Politisches ist, dann muss ich wohl alsbald aufgeklärt werden. Ich bin ziemlich unpolitisch, ich verfolge das Tagesgeschehen nicht. Ich vernehme gelegentlich Direktiven des Bundesrates über das neuartige Coronavirus. Ansonsten bin ich ziemlich isoliert und entfremdet. 

Ich bin ein grosser Anhänger der befreiten Brust. Sie ist natürlich einfach besser und hübscher anzusehen. Ich kann mich gut auf eine befreite Brust fokussieren und mich daran erfreuen. Ich möchte mich hiermit bedanken für alle diese Frauen in den westlichen Grossstädten, die das kultivieren. Ich bin entzückt.

bd

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Nach Corowahn

Der Ausnahmezustand ist ja bekanntlich gelockert worden. Die Menschen wollen sich wieder vergnügen. Die berühmten Strassen der grossen Städten sind wieder bevölkert, manche sogar überbevölkert wie die Steinenvorstadt Basels, wo Halbstarke und Arrangierte zum Cüpli und zur Stange in der Systemgastronomie sich verabreden. 

Auch ich habe mir bereits einen gewissen Eskapismus mikrodosiert. Ich sass einige Stunden in einer Bar, habe Weizenbier getrunken, die Menschen beobachtet, mich quasi versteckt; ich war ein kleiner geiler Voyeur. Ich genoss einen Abend ohne Verantwortung und Verpflichtung. Ich konnte einfach da sein und musste nichts. 

Die Clubs sind jedoch weiterhin geschlossen. Die Öffnungszeiten der Bars sind ebenfalls eingeschränkt. Die vormalige Ausgelassenheit ist höchstens im Privaten zu zelebrieren. Die Gesprächsthemen sind weiterhin von Corowahn durchsetzt. Wo übrigens auch jedermann hierzulande anknüpfen kann. 

Weil jeder hat seine persönliche Lockdown-Geschichte. Diese Geschichten können nun wieder geteilt werden. Das verbindet Menschen. Wer seit jeher leichte Gespräche sucht, findet sie mit Corowahn rasch. Selbst ich bin versucht, über Corowahn mich auszutauschen. Bislang konnte ich mich stets beherrschen. 

Ich persönlich genoss den Ausnahmezustand. Der Ausnahmezustand hat mir meine grundsätzliche Einsamkeit nochmals verdeutlicht. Ich habe deswegen auch mehr mit meiner Heimat mich sozialisiert und noch verbundener gefühlt. Ich reiste gelegentlich nach Olten, traf dort Freunde und schätzte die mir vertraute und sichere Gesellschaft. 

Neuerdings bin ich beruflich wieder unterwegs. Ich fahre Zug. Die Züge sind geringer ausgelastet als in den Sommerferien. Das entspannt das Zugfahren. Bislang ist der reguläre Fahrplan noch nicht vollständig reaktiviert. Manche Verbindungen sind noch unterbrochen. Das stört mich nicht sonderlich, ich wollte es lediglich erwähnt wissen. 

Ich werde Corowahn als maximale Einsamkeit erinnern. Ich konnte reflektieren. Beruflich konnte die Firma neue Ideen konkretisieren. Die Firma hat nun endlich einen Weg zum Nordstern skizziert. Corowahn hat uns befreit und bestätigt und schliesslich bekräftigt, etwas zu riskieren. Wir sind mutiger und entschlossener geworden. 

Manchmal müssen sich einfach die Verhältnisse ändern, damit die Menschen sich im Verhalten und somit in der Haltung irgendwann ändern. Ob im Beruflichen wie im Privaten. Nach Corowahn sind radikalere Veränderungen eher “toleriert”. Ob man sich vom Beruf oder Partner trennt, man ist nun eher verstanden. 

Doch das grosse gesellschaftliche Leben wird bald wieder normalisiert. Für eine grosse gesellschaftliche Veränderung war Corowahn doch zu gezähmt. Die Einschränkungen bedeuten lediglich gewisse Entbehrungen; die analoge Kulturindustrie war verboten, die digitale konnte stattdessen expandieren. 

Auch die Todeszahlen waren nicht so erheblich. Nicht jede Familie hat einen Sohn geopfert. Nicht jede Familie hat eine Tante oder einen Onkel verloren. Es sind bloss Einzelfälle, die zerstreut und nicht signifikant sind. Keine verlorene Generation, kein Massensterben, keine geschundenen Jahrgänge waren die Folge.

Der Kampf gegen den unsichtbaren Feind war auch keine klassische heroische Tat, die alle verbunden hat. Stattdessen verkümmern irgendwelche Forscher in irgendwelchen Laboratorien und tüfteln dort an einem möglichen Impfstoff. Die Mehrheit der Menschen ist hingegen ohnmächtig, ausgeliefert und weiss sich nicht zu schützen.

Es ist keine “Kraftakt” der Gesellschaft, um Corowahn zu besiegen, sondern, wenn überhaupt, die Tat eines kleinen Teams. Und überhaupt, noch ist Corowahn nicht erledigt. Vielmehr bedroht uns Corowahn weiterhin, obgleich latent, unsichtbar, im Verborgenen und lustigerweise mit einer Verzögerung von zwei Wochen. Es ist stets eine Rückblende.

Ich kann das Bedürfnis nach Eskapismus sehr gut nachempfinden. Auch ich hege den Wunsch, manchmal kontrolliert unkontrolliert zu sein. Die Menschen waren seit jeher für allerlei Rausche empfänglich; seien es Künste, Drogen oder Geselligkeiten. Die kurze Versorgungslücke wird rasch wieder gedeckt sein. 

Ich freue mich auf die nächsten Lockerungen und aufs grosse Vergessen.

bd

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Die Ohnmacht der Eltern

Ich mag keine Ohnmacht. Gefühlt bin ich stets ohnmächtig. Seien es die nicht veränderbaren Verhältnisse, sei es der Weltgeist, sei es die Liebe oder sei es die Erkrankung meines Mädchens. Das Gefühl der Kontrolle ist bekanntlich eine Komponente des Glücks. Ausgeliefert ist niemand gerne.

Auch ich nicht. Ich kann etliche Momente der totalen Ohnmacht erinnern. Ein jüngstes Ereignis ist besonders dramatisch. Der epileptische Anfall meines Mädchens. Man kann nicht prognostizieren, wann ein solcher Anfall sich ereignet. Meistens sehr unerwartet und natürlich auch sehr unwillkommen, weil man bereits verplant ist.

Das Mädchen ist dann nicht mehr ansprechbar. Es zuckt, bevorzugt mit dem rechten Arm und dem rechten Bein. Man fürchtet, sie zerbeisst die Zunge. Sie ist erstarrt und schlaff gleichzeitig. Man kann sie kaum tragen oder transportieren. Man muss dann einige Minuten warten, ob der Anfall zurückweicht. Diese Minuten ähneln Stunden naturgemäss.

Danach muss man ein Valium rektal einführen, oder so. Auch als Tollpatsch sollte man nichts verschütten. Nun bangt man erneut einige Minuten, ob sich das Mädchen beruhige. Falls nicht, muss man den Notarzt anrufen. Das vorletzte Mal habe ich im Affekt den Notarzt zu früh benachrichtigt. 

Diesmal habe ich gewartet. Als ich den Notarzt bereits meine Adresse mitteilen wollte, packte das Mädchen ganz belämmert meine Hand. Sie hat sich wieder “normalisiert”. Doch ihre Augen, ihr Mimik war betoniert, ausdruckslos, gefangen. Sie war seitlich gelagert aufgrund akuter Erstickungsgefahr durch Erbrechen. 

Eltern wollen sich ja um ihre Kinder sorgen, manchmal auch jenseits der gesellschaftlich tolerierten Altersgrenze. Eltern wollen ihren Kindern vermitteln, dass sie die Verhältnisse kontrollieren könnten. Eltern sind omnipotent, so die Perspektive eines bedürftigen, wehrlosen und verletzlichen Kindes.

Mein Mädchen kann ich aber nicht retten oder beschützen. Ich kann ihr auch nicht helfen. Ihre Erkrankung ist ursächlich nicht behandelbar, das alleine ist bereits eine unendliche Ohnmacht für die Eltern. Auch Symptome wie Epilepsie kann ich nicht verhindern. Ich kann bloss warten, die Minuten zählen und hoffen.

Wir haben uns alle an eine gewisse Ohnmacht gewöhnt. Wir können die kosmologische Konstante nicht beeinflussen. Wir können den Hunger der Welt nicht lindern. Wir können nicht allen Menschen eine Decke und Dach hierzulande garantieren. Wir können unsere liebgewonnenen Menschen nicht vor der Barbarei wahren. 

Das ist alles okay und einigermassen hinnehmbar. Wir sind diszipliniert, beherrscht und dürfen stets unsere Möglichkeiten vergegenwärtigen. Falls nicht, werden wir freundlich gemahnt. Aber falls du nicht einmal dein Mädchen behüten kannst, das ohnehin nicht alleine lebensfähig ist – dann fühlst du dich schon recht mies.

In diesem Moment erleide ich auch einen kleinen Anfall. Ich werde sentimentaler, emotionaler und bedürftiger als normalerweise. Ich fühle mich verletzt, einsam und hilflos. In solchen Situationen wünsche ich mir bloss Nähe und Geborgenheit oder radikaler Stressabbau, z.B. mittels Sexualität.

In diesem Moment falle ich maximal auf mich selbst zurück. Ich bin zwar geschult, dass dort nicht viel bis nichts ist, dennoch übermannt mich der Moment. Gewiss werde ich den nächsten Anfall meines Mädchens leichter, gefasster und abgeklärter bewältigen können. Ich war bereits jüngst viel entspannter und weniger verwirrter. 

Dennoch ist die Ohnmacht der Eltern, das Schicksal der eigenen Kinder nicht beeinflussen oder verändern zu können, wohl die grösste, die man irgendwie verkraften muss. Man kann bloss akzeptieren und sich arrangieren. Ich trainiere noch. Seien wir gespannt aufs nächste Mal.

bd

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Die Kind-Eltern-Beziehung

Menschen, die es gut meinen, sind die gefährlichsten. Alle Eroberer kamen stets im Frieden, alle Missionare stets in grösster Frömmigkeit und jede Mutter stets mit den besten Absichten. Die Beziehung zwischen Kind und Mutter ist ohnehin bereits belastet durch die Entbehrungen der Schwangerschaft und Schmerzen der Geburt der Mutter. 

Die reinen Opportunitätskosten der Aufzucht sind kaum zu beziffern und können durch organisierten AHV-Erziehungsgutschriften mitnichten abgegolten werden. Jedes Kind hat bereits seit Geburt solche Lasten zu schultern. Entweder verpasst die Mutter einen kritischen Karriereschritt. Oder sie erkrankt als Hausfrau psychisch und moralisch. 

Die Hälfte aller Eltern trennen sich früher oder später. Das gemeinsame Kind ist oft als Vorwand einer Zweckbeziehung missbraucht. Das Kind, seit Geburt moralisch aufgeladen, muss schlimmstenfalls das Paarunglück der Eltern verantworten, die in eine Beziehung sich zwängen, die ohne Kind längst sich aufgelöst hätte. 

Es ist verzeihlich, dass auch Eltern überfordert sind. Niemand hat sie ausgebildet. Sie selber konnten bloss von ihren Eltern lernen. Das Leben ist naturgemäss komplex. Eine Droge, die uns alle sediert und maximal vereinfacht, ist momentan nicht mehrheitsfähig. Die Beziehungen zwischen den Menschen werden immer anstrengender und mühsamer. 

Die Lebensmodelle sind fragmentiert. Vorbildfunktionen sind überkommen. Man kann überall und gleichzeitig nirgends sich orientieren. Der Staat hat die Aufgaben der Lebensschule erfolgreich delegiert – oder nie innegehabt. Wir sind alle irrend, suchend und verzweifeln mitunter mehr oder weniger offensichtlich.

Oftmals sind die Vorwürfe einseitig. Kein Kind beklagt sich jemals bei der Mutter, dass es vernachlässigt wurde. Die Mutter ist der erste Bezugsperson eines jeden Menschen. Das fördert die Demut des Kindes. Doch jede Mutter ist geübt, das Kind vorwurfsvoll zu konfrontieren, dass sie das eigene Leben fürs Kind geopfert habe. 

Oft spricht die Mutter nicht bloss in Vergangenheitsform, sondern bezieht sich auch auf die Gegenwart. Es genügt also nicht, über Schwangerschaft, Geburt und Aufzucht zu wehklagen, sondern auch für die aktuelle, persönliche und/oder exakte Misere der Mutter behaftet zu werden. 

Man kennt das Verhalten auch als psychologische Erpressung: Das Kind mit Schuldgefühlen solange zu belangen, bis das Kind die eigene Bedürfnisse gegenüber der Eltern zurückstellt und sich unterordnet, damit der Kindesbeherrschungstrieb der Eltern befriedigt ist. Denn alle Eltern wollen ihre Kinder “kontrollieren” und sie in einer Ko-Abhängigkeit einfangen. 

Das ist ganz normal. Wie soll man denn etwas “loslassen”, worin man so viel investiert hat? Alle diese Entbehrungen sind vergebens, sobald die Ursache der Entbehrung sich befreit und lossagt. Daher ketten Eltern ihre Kinder solange als möglich – entweder finanziell oder mindestens moralisch, fürdass der Narzissmus der Eltern gestillt ist. 

Die Mutter hüllt ihren Narzissmus aber stets mit guten Absichten. Sie sorge sich bloss, sie wolle doch bloss das Beste bezwecken. Keine Mutter begreift aber, dass das Zeitfenster mütterlicher Fürsorge längst geschlossen ist. Dieses fragile Fenster der Möglichkeit der Mutterliebe beschränkt sich im Wesentlichen auf die ersten sechs Lebensjahren.

Danach folgt die kontinuierliche Abnabelung und Verselbständigung des gesunden Kindes. Mutterliebe bei einem 40-jährigen Kind ist bloss noch absurd und narzisstisch und unterdrückt die Selbstentfaltung des Kindes. Ein Kind, das auch noch Jahrzehnte nach der schmerzvollen Geburt bemuttert ist, fällt eher der gesellschaftlichen Barbarei heim. 

Denn niemand kann das Kind retten. Es ist auf sich selber zurückgeworfen. Keine Mutter mag das Kind vor der gesellschaftlichen Barbarei und den Herausforderungen des komplexen Lebens schützen. Wir sind alle alleine. Wir können uns notfalls eine neue Familie zimmern, die mit einer ähnlichen Ausgangslage herausgefordert ist. 

Die Eltern sind keine Lebenshilfe mehr. Stattdessen erdrücken sie einen mit ihrem Narzissmus; mit ihrem penetranten Streben nach Anerkennung, Aufmerksamkeit, Ko-Abhängigkeit und das Beherrschen- wie Rettenwollen. Die Kind-Eltern-Beziehung ist dadurch künstlich erschwert und vor allem entfremdet.

Die Missverständnisse häufen sich. Nichts mehr ist einfach und umgänglich. Alle Handlungen und Worte werden stets interpretiert. Das Kind meldet sich nicht? Ein Vertrauensbruch für die eine Partei. Die Eltern wollen bloss das Beste? Eine Bevormundung für die andere Partei. Die Beziehung ist eskaliert, die Muster sind beinahe nicht zu brechen. 

Alsdann ist das Kind gefordert, Muster zu überwinden. Das Kind muss sich distanzieren und Grenzen markieren. Das Kind muss das eigene Schicksal selber bewältigen – ohne Hilfe, auch wenn gut gemeint, der Eltern. Das Kind muss sich selber behaupten. Und das Kind muss eine neue Familie etablieren, die denselben Fehler der Erziehung nicht wiederholt.

bd

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Gefangen in Basel

Ich bin hier in Basel gefangen. Ich werde lebenslänglich hier fristen müssen. Ich kann nie mehr anderswo wohnen. Die Steuern belasten mich nicht so sehr. Die KVG-Prämien sind ebenfalls bereits angewöhnt. Den weiten Arbeitsweg kann ich mit meinem unangepassten Laptop bewältigen. Die Mädchen wären technisch ebenfalls hübsch. 

Dennoch bin ich hier gefangen. Ich vereinsame hier. Ich habe eigentlich niemanden. Ich bin ohne Familie, ohne Freunde und ohne soziale Bindungen hier eingesperrt. Solange ich tagsüber herumreise, unterwegs bin, beruflich Menschen begegne, kann ich problemlos abends heimkehren und einsam sein. Ich kann dann mich distanzieren und zurückziehen.

Aber in dieser Ausnahmesituation harre ich meiner Wohnung. Ich kann niemanden spontan treffen, irgendwie mich verabreden und einfach plaudern. Nicht einmal die Kassierin versteht mich, weil sie Elsässerin ist. Vor der Ausnahmesituation versteckte mich in einer Bar, dort lauschte ich jeweils den Gesprächen der anderen Gästen. Ich notierte ihre Gedanken.

So konnte ich mich jeweils einseitig mit Basel-Stadt verknüpfen. Ich konnte spionieren, meine Gedanken vervollständigten Bewegungs- und Persönlichkeitsprofile. Diese Bar ist geschlossen, sie wird vorerst nicht öffnen. Vermutlich ist sie bereits bankrott. Das Gastgewerbe ist herausgefordert, eventuell unterstützt der Staat.

Grundsätzlich ist mir Einsamkeit nicht fremd. Tagsüber berausche ich mich in meinem Job, abends vereinsame ich. Teilzeit übe ich mich als Vater einer Tochter mit speziellen Bedürfnissen. Ich führe sie jeweils aus. Die Spielplätze sind sehr üppig ausgestattet. Wir können das Angebot jedoch nicht nutzen.

Auch dort kann ich mich nicht mit den Einheimischen verbinden. Meine Tochter wackelt nicht herum, sie spricht niemanden an, sie startet keinen Erstkontakt. Stattdessen werden wir beäugt oder ignoriert. Keine Gespräche können so wachsen. Wir durchqueren die Parks, wir weichen den glücklichen Familien aus. Wir leben in unserer Welt. 

Wobei meine Tochter ihre Welt nicht als Gefängnis erlebt. Sie hat bloss diese. Sie weiss nichts, sie spürt bloss, dass ich nicht glücklich bin. Daher schnappt sie dauernd meine Hand und will mit mir schmusen. Das tun wir. Auch im Park. Eine Berührung kann einen beruhigen und wortwörtlich berühren.

Dennoch bin ich einsam. Der Gedanke, hier in Basel-Stadt zu vereinsamen, ist sehr unbehaglich. Wenigstens hier vereinsamen als Kleinlützel, versuche ich mich zu beschwichtigen. Hier könnte man technisch Menschen kennenlernen. Die Region ist umfangreich und trinational. 

Momentan sind die Grenzen geschlossen. Die vergnügungssüchtigen Lörracher und Mühlhausener bleiben daheim. Die Baselbieter verbarrikadieren sich in Itingen und Otelfingen. Was gerade hier sich aufhält, ist wohl ausschliesslich Basel-Stadt oder stammt ausm ersten Agglomerationsring zwischen Birsfelden und Allschwil. 

Vermutlich müsste ich mich bemühen, Menschen kennenzulernen. Vermutlich schon. Doch ich bin ziemlich scheu, verschlossen, weil gleichzeitig extrovertiert. Ich bin ein introvertierter Extrovertierter. Ich kann bloss gut beobachten, aus sicherer Distanz, ich bin ganz Voyeur der Stadt. Dooferweise gefalle ich mich darin.

bd

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Mein Plan B

Ich wäre so gerne ein gescheiterter, depressiver, verdorbener Schriftsteller. Oja. Ich würde so gerne unfassbare Dystopien publizieren. Und darin alle Abgründe verewigen, in die ich stets beinahe gestolpert bin. Ich bin ein kleiner Voyeur, Spanner des Lebens. Ich schnüffle hier und da an der menschlichen Kaputtheit, um meine eigene zu verbergen. 

Ich verstecke mich momentan mehr schlecht als recht in der Privatwirtschaft. Irgendwann werde ich den Widerspruch aber nicht mehr aushalten können. Dann muss ich mich verabschieden. Meine schwerstbehinderte Tochter behindert mich derzeit. Ihr Schicksal verlangt, dass ich nicht mich verausgabe oder vollständig aufgebe.

Ich kann daher auch kein Leben mehr in Armut führen. Ich habe fixe Kosten, die ich irgendwie decken muss. Ich kann nicht bloss an mich selber denken, sondern verantworte auch das Schicksal eines kleinen Mädchens, das dauernd nach Aufmerksamkeit, Liebe und Geborgenheit sich sehnt – was ich ihr mittlerweile gut und gerne geben kann. 

Dennoch fasziniert mich die Idee des depressiven Schriftstellers. Ohne Frau, ohne Kind, ohne Kontakte, der vereinsamt und verausgabt ist. Der irgendwo an der Peripherie der Zivilisation in ärmlichen Verhältnissen haust, fristet aufs Lebensende, weil eigentlich bereits erloschen und gestorben ist. Eine sehr erbauliche Aussicht auf ein optionales Leben.

Ich könnte mich von aller Welt abschotten, verstecken, ich könnte mich einfach maximal entfremden und entfernen. Ich könnte mich in meinen Text verkriechen. Ich müsste mit keinen profanen Angelegenheiten mich mehr auseinandersetzen; keine Erwerbsarbeit, keine Beziehungsarbeit, keine Arbeit weit und breit. Bloss Lust und Text. 

Ein einfaches Schicksal für einen einfach Menschen, der keine Eigenschaften mehr haben möchte, weil lebensmüde. Ich konnte mich seit jeher für diese Idee begeistern. Zuweilen kokettiere ich im Privaten damit. Ich konnte den Plan auch bereits umsetzen in meiner Vergangenheit. Das tröstet mich, weil ich nichts verpasst habe.

Vermutlich werde ich irgendwann dennoch wieder zum depressiven Schriftsteller. Aber vermutlich noch nicht heute. Ich bin noch zu jung. Ich halte mich hier lediglich “fit” auf dieser Plattform. Damit ich später mich meinen Nordstern nähern kann. Freuen wir uns.

bd

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Was brauche ich in einer Beziehung?

Ich bin ja kein Experte für Beziehungen. Alle Beziehungen sind gescheitert. Manchmal mehr oder weniger meinetwegen. Ich habe immer gut beigetragen. Ich bin nämlich nicht immer so konstruktiv und besonnen wie ich gerne wäre. Ich kann auch sehr gut mein Glück sabotieren. Ich habe infolgedessen unlängst eine Bedienungsanleitung formuliert. 

In dieser Anleitung möchte ich gerne etwas ergänzen, was mir im letzten halben Jahr aufgefallen ist und das ich bislang auch so noch nicht kommunizieren konnte. Liebesentzug verletzt mich unheimlich, das irritiert mich und verursacht erheblichen psychischen Stress. Die Gefühle dadurch vermischen sich. Explosiv. Ich fürchte mich dann vor mir selber.

Der Liebesentzug kann in jeder normalen Beziehung entstehen, nicht einmal böse, beabsichtigt oder aufgrund einer “schlechten” Beziehung. Entweder ist der Lebenspartner verreist, beruflich stark gefordert oder entdeckt neue Freunde oder neue Hobbys oder hat einfach psychische oder physische Probleme, welche die Liebe stark einschränken.

Ich kann die Gründe für den Liebesentzug rationalisieren. Zumindest im Nachhinein. Aber im Moment des Fühlens bin ich überfordert und reagiere anhänglich, verletzt, verängstigt, verunsichert, enttäuscht und ohnmächtig. Ich fordere dann noch mehr Liebe, was ja aufgrund den oben genannten Gründen ziemlich ausgeschlossen ist.

In solchen Momenten genügt allerdings eine Umarmung. Man kann mich am Kopf streicheln, mich umarmen, mein Bein berühren. Mir einfach Wärme und Geborgenheit dadurch vermitteln. Mindestens eine Minute lang; eine einminütige herzliche, ehrliche und sanfte Berührung kann meine Psyche entwirren und entspannen. 

Manchmal ist es so einfach. Schade.

bd

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Warum flüchtest du?

Du magst dich nicht? Ich weiss. Du kannst dich selber nicht aushalten? Ich weiss. Du bist unzufrieden mit deinem Leben? Ich weiss. Du möchtest dich aber nicht auseinandersetzen? Ich weiss. Du kannst dir nicht verzeihen? Ich weiss. Du bist überfordert? Ich weiss. Du bist verängstigt? Ich weiss. Du misstraust den Menschen? Ich weiss. Du bist als Kind bereits verlassen worden? Ich weiss. Du hast Etliches verpatzt? Ich weiss. Was tust du nun? Nichts. Stattdessen schiesst du dich ab, stattdessen trinkst du. Stattdessen verlierst du den Mut. Stattdessen weigerst du dich, dir selber zu verzeihen. Stattdessen willst du dich selber umbringen. Stattdessen lehnst du alle Menschen um dich ab. Stattdessen flüchtest du. Stattdessen träumst du von einer Weltreise. Stattdessen schwärmst du von “Freiheit” und “Unabhängigkeit”. Stattdessen betrinkst du dich bereits morgens. Stattdessen schläfst. Stattdessen ignorierst du alle. Stattdessen verletzt du nicht bloss dich selber, sondern auch dein Umfeld.

bd

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