Die schweizerische Egalität

Die Schweiz entstand aus der Ablehnung. Die Urschweizer verneinten die adlige Fremdherrschaft. Einige Bauer verbrüderten sich. Sie schworen Treue. Seitdem war die Schweiz unabhängig. Sie ist es formal auch noch heute. Aber die Globalisierung durchdringt alle Lebensbereiche; nivelliert Kulturen und Unterschiede.

Die Schweiz war eine wilde Horde unregierbarer Bauer. In den grösseren Städten etablierten sich scheue Patrizier. In den mehrheitlich protestantischen Städten dominierte eine beflissene Arbeitsethik. Die Handwerker regierten. Fleiss und Ordnung sind berühmte Sekundärtugenden der Schweiz.

Diese schimmern bis heute durch. Die Schweiz definiert sich durch Arbeit und Fleiss. Herkunft und Abstammung sind, sofern schweizerisch, unerheblich. Wir hatten keinen Adel, wir hatten keine obszöne Oberschicht. Niemand garantiert unseren Bundesräten einen Sitzplatz im IC von Zürich nach Bern. Unsere Politiker sind mehrheitlich Milizionäre.

Das ist eigenartig. Wir sind die perfekten Dienstleister. Wir hofieren alle Menschen, vorzugsweise die reichsten der Welt. Wir sind die produktivste und profitabelste Volkswirtschaft in der westlichen Hemisphäre. Wir finanzieren diverse Länder, unter anderem stabilisiert die SNB den gesamten Euroraum.

Ich mag die Schweiz, weil wir eine egalitäre Gesellschaft sind. Wir haben keine echten Eliten. Die Neunziger haben auch uns zwar einigermassen beeinflusst; seitdem ist Zürich nicht mehr eine biedere Bankenstadt, sondern auch für Vergnügungen, Küche und Sex bekannt. Seit den Neunziger darf man auch Schmuck öffentlich tragen.

Wir sind ein spannendes soziales Experiment. Das Experiment glückte grösstenteils. Aber ja, die Globalisierung begradigt auch uns, damit wir konformer werden. Ich beobachte diese Entwicklung aufmerksam. Der Aufstieg der SVP korreliert mitm Einfluss der Globalisierung. Aber ich bin zuversichtlich.

Denn eine gewisse Eigenheit werden wir immer bewahren können, wenn wir den nächsten Generation das Richtige richtig vermitteln. Wenn wir klarstellen können, dass egal wer du bist, woher du bist, dass everything goes. Du kannst alles hier erreichen. Oder wie mein Kollege A. am 1. August auf Facebook wiederholt:

Nur in der Schweiz kann ein albanischer Bauernsohn an einer Universität studieren und als Manager aufsteigen.

Das ist so und gilt weiterhin. Hier ist alles möglich. Deswegen mögen uns so viele. Man muss sich bloss anpassen und Demut zeigen.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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