Der überraschende Amokläufer

Der Amokläufer war stets integriert. Er grüsste die Nachbarschaft. Er war nicht sonderlich auffällig. Er engagierte sich im lokalen Verein. Er musizierte mit einer Trompete in der dörflichen Guggenmusik. Er hatte sogar eine Freundin, eine kleine, leicht mollige Blondine aus dem Nachbardorf. Dieselbe seit acht Jahren.

Sie war durchschnittlich hübsch, ihr rundliches Gesicht und ihr hängender Busen versprachen Devotheit, entsprachen ganz den Vorlieben des Amokläufers. Man wollte glauben, sie führten eine gesunde Beziehung. Die Frage nach dem Kind war die einzige unbeantwortete. Aber so ist halt die heutige Generation, hat man sich beschwichtigt.

Seine Kindheit war unbescholten. Er wurde nie Opfer eines Skandals, er hat nie randaliert, man erwischte ihn auch nie beim Kiffen. Er musste auch nie nachsitzen. Einmal hat mit zehn Jahren ein wasserlösliches Tattoo in der Bravo-Zeitschrift geklaut. Nur eines, und er hat das gross bereut, Demut gezeigt, sich bei allen Beteiligten entschuldigt.

Die obligatorische Schule absolvierte er ohne Widerspruch. Er war zwar nicht überdurchschnittlich, aber auch nicht unterdurchschnittlich. Er war stets im Gleichschritt. Die Pubertät überstand er innert Monaten. Er wollte weder seinen Vater ermorden noch mit seiner Mutter schlafen. Er war stattdessen sportlich und sozial begnügt.

Er startete eine Lehre als Polymechaniker. Das ist der Beruf an der Schnittstelle zwischen Maschine und Material. Er programmierte CAD-Programme. Er beherrschte die Axiome der Mathematik. Nach dreijähriger Festanstellung hat er sich zum Eidg. Dipl. Betriebswirtschafter weitergebildet. Das festigte seine berufliche wie soziale Stellung im Dorf.

In seiner Single-Dasein besuchte er regelmässig eine beliebte Tanzstätte in der Region. Dort gönnte er sich das sogenannte “Flatrate”-Trinken. Für bescheidene 35 Franken durfte man den Abend lang so viel trinken wie man möchte. Er war vielmehr besorgt, dass er die 35 Franken auch wirklich wieder reinholen könnte.

Denn er interessierte sich nicht für den Rausch. Dass alle um ihn herum weitaus mehr als für 35 Franken tranken, hat ihn nicht motiviert. Im Gegenteil, die ultimativ besoffenen Zeitgenossen haben ihn verstört. Für ihn war wichtig, dass er niemals die Kontrolle verlieren konnte. Seine grösste Angst war, dass die Ambulanz ihn abtransportieren müsste.

Dass er morgens ohne Erinnerungen in einem Spital erwachen müsste. Und dass er sich nicht einmal an den Abendverlauf erinnern könnte. Er hat sich somit bloss selber geschützt. Also fuhr er mit dem letzten Bus in sein Dorf, wo er auch als Erwachsener stets wohnte. Er war nie ambitioniert, das Dorf zu verlassen.

Warum auch? Er fand Gefallen, er kannte die Nachbarschaft. Er war integriert. Er gehörte dazu. Er war respektiert. Er bezahlte seine Steuern in Akonto und pflichtbewusst. Er leistete Dienst in der Feuerwehr. Er unterstützte diverse Vereine, war in der Guggenmusik verpflichtet. Er half beim Dorffest.

Er bewohnte vor dem Zusammenzug mit seiner Freundin eine kleine Dachwohnung einer frischen Überbauung. Das heisst man heutzutage Maisonette-Wohnung. Sie war ordentlich, strukturiert und ohne Zufall. Das war die inoffizielle Junggesellenwohnung des Dorfs. Der Vormieter flüchtete nach Mietschulden und Alkoholmissbrauch in die ferne Grossstadt. Alle waren erleichtert.

Er lernte seine Freundin an einem Konzert seiner Guggenmusik kennen. In der Region treffen sich alle Guggenmusikgesellschaften einmal jährlich zu einem monströsen Konzert. Obwohl maskiert, geschminkt und unvorteilhaft gekleidet, haben sie durch ihre Körpersprache Interesse signalisiert und schliesslich beide geschickt reagiert.

Doch bevor der erste Kuss vollstreckt werden konnte, mussten sie sich näherkommen. Er führte sie zweimal ins Kino aus. Er wählte sorgfältig einen Film, der ihr auch gefallen konnte. Der erste war Shutter Island, ein langwieriger bishin zäher Krimi, aber dafür mit DiCaprio gut bestückt. Seine Freundin war begeistert, weil keine Comicverfilmung.

Der zweite Film war gleichsam erlesen, Black Swan mit Frau Portman. Ein Frauenversteher wohl. Die beiden Filme kombinierte er mit Nachtessen in einem angemessen bepreisten Lokal. Nicht zu hochgestochen, nicht zu dekadent, aber auch nicht zu billig und einfältig. Sondern exakt treffend. Einmal waren sie auch einen Cocktail geniessend.

Er bestellte einen Mojito. Sie ein wenig unsicher, verlegen, bestellte ebenfalls einen Mojito. Ein Cocktail genügte, um das Gespräch anzuregen. Mehr oder ein anderer Cocktail wären auch ein wenig zu angeberisch gewesen. Sie hatten ausreichend Zeit beim Nachtessen und Cocktails, die Vorlieben und Interessen zu erkunden.

Es war ein Match, würde man heutzutage verkünden. Nach einem scheuen ersten Kuss folgte das zurückhaltende Petting. Es war seine erste Freundin. Er hatte vorher noch keine Gelegenheit, sexuelle Erfahrungen zu sammeln. Doch das verstimmte ihn nicht. Bei ihr war es genauso. Obwohl beide Anfang Zwanziger, waren sie selbstbewusste Jungfrauen.

Als er das erste Mal mit seinem Finger in ihre glühende Vagina eindringen konnte, völlig überrascht und völlig unvorbereitet, bloss durch die Lust und Extase des Augenblicks angestiftet, übermannte ihn das Schwindelgefühl tiefsten Glücks. Er musste innehalten. In diesem Moment ejakulierte er in seiner verschlossenen Hose.

Das war der einzige Moment, als er sich deplatziert fühlte. In diesem Moment hat er versagt, würde man heutzutage urteilen. Doch der Umstand beeinflusste seine Freundin. Sie entkrampfte. Weil das der Freundin unmissverständlich bewiesen hatte, dass er sie begehrte. Auch sexuell, da das vorher nicht immer zweifelsfrei war.

Fortan übernahm die Freundin die Initiative. Sie schenkte ihm etliche Orgasmen. Er später lernte auch ihre Sexualität zu verstehen und konnte sich revanchieren. Das Liebesglück entstand und wuchs gleichsam. Sie haben ihre Sexualität aber gezielt dosiert, sie nicht überbeansprucht. Sie haben gut gehaushaltet. Wohl ihr Erfolgsgeheimnis.

Nach zwei Jahren Beziehung haben sie sich entschlossen, eine gemeinsame Wohnung zu suchen. Er hat in der Zwischenzeit gespart. Auf seinem Säule 3a Konto haben sich bereits 50’000 CHF angehäuft. Das ist viel für ein 25-Jähriger. Viel, aber machbar. Er verfügte ausserdem über 30’000 CHF, die ungebunden auf dem Postkonto lagern.

Auch seine Freundin war genügsam. Sie konnte in Summe 40’000 Franken einbringen. Damit hatten sie zusammen Eigenkapital von 120’000 Franken. Rein rechnerisch könnten sie damit eine Wohnung im Wert von 600’000 Franken bei einer Eigenkapitalquote von 20% finanzieren. Mit 600’000 Franken lässt durchaus was bauen oder kaufen.

Sie wollten aber nicht bauen. Sie haben schon zu viele Baugeschichten erzählt gehört. Sie wollten stattdessen kaufen. Also haben sie fixfertiges Musterhaus erworben. In derselben Überbauung, wo er schon seine Junggesellenwohnung hatte. Er musste somit nicht einmal die Nachbarschaft wechseln. Sie haben ein Häuschen für 540’000 Franken erworben.

Sie mussten somit nicht alle Ersparnisse aufgeben. Die schweizweite Nummer 1 in der Immobilienfinanzierung gewährte eine übliche 1. und 2. Hypothek mit unterschiedlichen Bedingungen. Sie konnten den Traum vom Eigenheim nach zwei Jahren Beziehung bereits verwirklichen. Es glückte.

Sie beide waren berufstätig. Er, gelernter Polymechaniker, nunmehr Betriebswirtschafter. Sie gelernte Kauffrau, nun in der Weiterbildung zur Fachfrau Personal. Beide in der Guggenmusik involviert, aber in unterschiedlichen, damit man zuhause spasseshalber einander schelten und ecken kann. Beide integriert.

Aber er war Amokläufer. Völlig überraschend.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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