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Wer erinnert sich noch ans Millennium?

everything goes – so prahlten wir Ende Neunziger. Man verabschiedete die Weltgeschichte, man feierte das Internetz und eine komplett neue Industrie. Man beschwor die Automatisierung aller Bereiche. Man wähnte sich liberal. Man fühlte sich sicher. Man hatte gewonnen. Everything goes. Wir waren alle trunken.

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Was war geschehen? Sechszehn Jahre später? Sechszehn Jahre älter? Haben wir einen Kater?

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Die alles durchdringende Kälte

Ich sehe zwei Möglichkeiten, wie sich unsere Welt weiterentwickeln könne. Die eine ist die eines natürlichen Kältetodes. Die andere ist die einer klassischen Utopie gemäss Star Trek. Heute befasst ich mich mit dem Kältetod.

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In Adornos Dialektik der Aufklärung wiederholt sich der Begriff der bürgerlichen Kälte. Darin befürchtet Adorno eine lediglich funktionierende Warengesellschaft. Die Kulturindustrie Kaliforniens hat Adorno gewiss beeindruckt während seines Exils. Doch seitdem hat sich alles verändert. Aus heutiger Perspektive können wir bloss schmunzeln, dass jemand die Zerstreuung und die Kälte menschlicher Beziehung bemängelte. Wir haben uns längst daran gewöhnt und sind viel weiter.

1) Die künstliche Reproduktion

Die künstliche Reproduktion wird demnächst institutionalisiert. Die künstliche Reproduktion erlaubt eine selektive Zucht. Wir produzieren on demand und bedürfnisgerecht. Die Notwendigkeit, dass zwei Menschen sich paaren und damit Widerstand leisten, wird obsolet. Und wenn es keiner Notwendigkeit bedarf, wieso muss man also sich zusammentun? Wieso muss man sich zuweilen mässigen und arrangieren? Die künstliche Reproduktion wird die Art und Weise, wie Menschen zusammenleben, radikal verändern. Statt Fleiss, Ausdauer bishin Beharrlichkeit motivieren einen Vergnügen, Zerstreuung und Selbstverwirklichung.

2) Die Eigenverantwortung

Heute schimpft man, wer keinen Erfolg habe, sei selbstverschuldet. Demnächst werden alle Verantwortungen einen übertragen. Man wird verantwortlich gemacht, wenn man zu früh stirbt, zu spät stirbt, wenn man erkrankt, wenn man einen Job verliert, wenn man depressiv wird. Alles ist pathologisch und alles hat eine Ursache. Man ist default schuldig und hat seine Unschuld zu beweisen. Und damit radikalisiert sich das Verhalten der Menschen untereinander. Man rutscht wie in einen Reptilienmodus. Entweder stellt man sich tot, fügt sich einem “Schicksal”, man flüchtet oder man kämpft in einer Lose-Lose-Eskalationstufe. Jeder gegen jeden. Man fällt auf sich alleine zurück, man misstraut jedem.

3) Die Virtualität

Die moderne Maschine hat die klassische Kulturindustrie längst überholt. Bereits heute können wir uns in komplett austarierten virtuellen Welten vergnügen und zerstreuen. Wir müssen uns nicht mehr in der Realität binden und verpflichten. Wir können gezielt uns versenken. Demnächst können wir die Mensch-Maschine-Schnittstelle um weitere Geräte erweitern; Tastaturen und ähnliche Kontrollfunktionen werden überkommen. Wir verknüpfen unser Gehirn mit der Maschine und schaffen beliebige Welten. Diese Welten beherrschen wir. Wir können sie kontrollieren. Die Ungewissheit der realen Welt ist vergessen. Wir können uns entscheiden, ob wir unseren Lebensabend im Tessin oder als Millionär in einer weitaus gediegeneren Matrix geniessen wollen. Und Beziehungen werden funktional gesteuert, den momentanen Bedürfnissen entsprechend.

4) Die Ernährung

Das gemeinsame Mahl hat was Revolutionäres. Das letzte Abendmahl Jesu hat eine grosse Weltreligion begründet und überliefert die Gastfreundschaft eines gesamten Kulturkreises. Sich zusammentun, gemeinsam das wirklich Wichtigste zu vollenden, festigt menschliche Beziehungen. Dieser Event ist magisch. Wie viele Ideen, wie viele Kriege, wie viele Revolutionen, wie viele Entscheidungen wurden während einer gemeinsamen Mahlzeit getroffen? Wie viele Beziehungen gestärkt? Aber bereits heute haben wir eine stark erkaltete und isolierte Esskultur. Was in Adornos Kalifornien bloss eine Andeutung war, hat sich heute fast überall ausgebreitet. Und demnächst ersetzt der functional food das “echte” Essen. Und damit verlieren wir die Notwendigkeit, fürs gemeinsame Mahl uns zusammenzurotten. Und umso mehr wir uns auseinanderleben, umso kälter werden wir. Das Essen können wir vermutlich noch am längsten bewahren, wohingegen die Reproduktion, die Eigenverantwortung und die Virtualität uns längst besiegen werden.

bd

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Hungertod oder Heldentod?

Aus zeitlosem Anlass ein Zitat kurz nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Spenglers Untergang konstruiert einen Gegensatz zwischen Hungertod und Heldentod, worin er folgendes erkennt:

Die Politik opfert Menschen für ein Ziel; sie fallen für eine Idee; die Wirtschaft lässt sie nur verderben.

Wen die Armut plagt, der liest einen solchen Satz anders. Wer materiell einigermassen saniert ist, muss weder einen Hunger- noch einen Heldentod fürchten. Uns bedrohen keine Kriege. Wir kämpfen nicht für Ideen. Wir haben auch keine.

bd

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Die geheime Botschaft ist der Selbstmord

Aus Jean Baudrillards Der Geist des Terrorismus vorgelesen, eine schmucke Nachttischlektüre aus aktuellem Anlass:

Die geheime Botschaft ist ganz einfach der Selbstmord, der unmögliche Tausch des Todes, die Herausforderung an das System durch die symbolische Gabe des Todes. In gewisser Weise die absolute Waffe.

Wir schliessen das Thema. Mehr soll und kann nicht mehr gesagt werden. Eventuell werden Oli und Hessler neue Erkenntnisse gewinnen. Seien wir gespannt!

bd

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Wieso man Terroranschläge ignorieren muss

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Letzte Woche wiederholte sich das Spektakel. Im Januar resümierte ich, dass ein vergangener Anschlag demnächst vergessen sei. Der vergangene Anschlag schien denn auch vergessen – bis zum verhängnisvollen 13. November 2015. Seit dem vergangenen Anschlag kämpft der Schengenraum auch zufälligerweise mit dem sogenannten Flüchtlingsproblem. Man durfte Schlagzeilen wie Völkerwanderung oder auch Bleibt doch daheim! lesen. In der Zwischenzeit wählte der schweizerische Souverän noch eine neue Legislative. Soviel zum Tagesgeschehen.

Der heutige Terrorismus hat sich selber perfektioniert. Er setzt Zeichen. Er stammt aus der Hoffnungslosigkeit und Alternativlosigkeit der gegenwärtigen Weltordnung. Das Selbstmordattentat ist der letzte bewusste Akt, den ein Individuum als Widerstand noch aufbringen kann. Weil Widerstand ist zwecklos.

Die heutigen Vereinigungen, die terrorisieren, inszenieren sich und ihre Taten als Spektakel, das von der Empörung der westlichen Zivilisation zehrt. Hier und da werden Geisel medienwirksam geköpft, Zivilisten massakriert und Minderheiten eliminiert. Die Aktivitäten werden vermarktet, auf Youtube und Facebook hochgeladen, wo dann Kommentatoren sich zerfleischen.

Wir nähren den Terrorismus nicht nur, indem wir unsere Ordnung und unsere Werte der Peripherie der westlichen Zivilisation aufzwängen, sondern auch, indem wir angemessen reagieren auf solche Ereignisse. Jede Berichterstattung bestätigt den Terrorismus, jede öffentliche Kondolenz stärkt den Terrorismus. Und jeder Luftangriff legitimiert den Terrorismus.

Was kann man also tun? Widerstand ist zwecklos – das wissen auch die Terroristen. Sie wissen, dass sie die Welt nicht mehr umdrehen können. Sie mögen zwar ein Paradies sich geschaffen haben, wo ganz gewiss keine westlichen Bodentruppen einmarschieren werden. Doch ihre Wirkung ist begrenzt, lokal eingeschränkt. Sie wissen, dass sie die Welt nicht verändern können. Aber der Terrorismus will allen beweisen, dass er handlungsfähig ist – trotz alldem.

Was uns bleibt, ist reine Demut. Wir müssen solche Ereignisse so gut als möglich ignorieren. Wir dürfen keinesfalls Terroristen hetzen, wir dürfen sie nicht weltweit verfolgen. Wir müssen uns aus dieser Gefangenschaft befreien. Wir strafen den Terrorismus mit Ignoranz, wir vergiften seinen Nährboden. Wir bleiben ruhig. Denn wir haben längst gewonnen, ob wir wollen oder nicht. Die westliche Zivilisation wird fortbestehen, der Kapitalismus und die Weltordnung sind alternativlos.

bd

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Wieder reaktiviert

Die Ereignisse nötigen einen, Alt-Vergessenes zu reaktivieren. Ich will diese Hilfe im Internetz, die orientiert, aber auch desillusioniert, weiterhin offerieren. Gewiss reicht meine knappe Freizeit nicht, daher best effort.

Ich nutze diese Möglichkeit, zeitgleich die Technologie dieser Seite zu optimieren. Den Inhalt dieser Seite kann man nun bequem beliebten Netzwerken teilen. Ebenso kann man benachrichtigt werden, falls meine Kollegen oder ich neue Beiträge publizieren.

BTW: Ein Kommentar angesichts Hess’ Abwesenheit zum Tagesgeschehen folgt. Der Weltgeist ruft Hess, Hess aber treibt business mit den locals.

bd

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Währungskrise? – Wieder vergessen!

Die momentan noch als Hintergrundsrauschen wahrnehmbare Währungskrise wollte ich am Höhepunkt kommentieren. Leider habe ich diesen Höhepunkt verpasst. Nun verfault das Thema immer mehr. Doch das kommt mir entgegen.

Denn ich hätte nicht mehr verhindern können, dass ich mich ausgetobt hätte über Scheindiskussionen innerhalb des Spektakels. Ich verabscheue nämlich Sondersendungen, Sonderberichterstattungen und Sonderbeilagen. Sie alle verstärken bloss mein Gefühl, es sei surreal. Diese hypnotischen Wiederholungen und Beschwörungen betäuben einen fast.

Ich bin erleichtert, ist’s nun vorbei. Einige Nachzügler werden zwar noch einige Gedanken repetieren, damit ist’s aber auch wieder erledigt.

bd

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Sehnsucht nach Geselligkeit

Man schimpft Menschen als Geschöpfe, die in Gruppen gerne sich verschwören. Ich selber befürworte Verschwörungen, Verbrüderungen. Allerdings habe ich dieses Bedürfnis in den letzten Jahren vernachlässigt.

Verursacht hat dies – nicht überraschend – eine feste Beziehung, die sich unter anderem auch durch einen gemeinsamen Haushalt definiert. Ein gemeinsamer Haushalt erfordert automatisch mehr gemeinsame Aufmerksamkeit. Nebenbeschäftigungen werden daher immer mehr ausgedünnt.

Geselligkeit ist nicht bloss durch alkoholische Eskapaden exponiert. Geselligkeit ist auch, wenn man bloss zusammen ist – ohne dass man verbal kommuniziert. Ich verspüre kein Bedürfnis, immer zu reden, damit geredet ist. Denn eine gewisse Tiefe beschweigt man lieber. Aufgeregtes Palavern stattdessen kann die Tiefe stören, ja bishin verunmöglichen.

Trotz meiner Verfehlungen sind wohl manche Menschen mir weiterhin wohlgesonnen. Ich habe nicht alle enttäuscht und verletzt oder brüskiert. Manche erlitten keinen Nachteil, bloss weil sie mich kennen. Das motiviert. Daher habe ich entschlossen, zukünftig mehr Geselligkeit anzustreben. Ich will nicht über Probleme oder Gefühle langweilen, ich will bloss irgendwie sein.

Einfach sein, ohne mich zu behaupten, ohne mich zu rechtfertigen – aber auch ohne in Alkohol mich zu flüchten. Mich zurückziehen und Geselligkeit, Aufmerksamkeit teilen.

bd

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Gastautoren willkommen

Ich habe diesen Blog umgestaltet. Neu ist er als Mehrautoren-Blog konzipiert. Ich will damit eine Art Selbsthilfegruppe gründen.

Wer immer sich interessiert, anderen seine Erfahrungen mitzuteilen, kann sich registrieren. Ich werde dann die Berechtigung freischalten. Folgende Fragen sind jeweils zu stellen:

Wie werde ich glücklich?

Wie bewältige ich die Gegenwart

Wie kann ich eine bürgerliche Existenz regulieren und/oder begründen?

Zusätzlich kann und soll auch das Tagesgeschehen sinnig kommentiert werden.

bd

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