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Wie man die Haltung und/oder die Verhältnisse ändert

Das Gehirn bleibt lebendig und plastisch bis zum Tode. Diese gute Nachricht mag wohl viele Menschen trösten. So auch mich. Ich weiss, dass ich bis zum Tode mein Verhalten ändern kann, indem ich entweder meine Verhältnisse oder meine Haltung hinterfrage und anpasse. Meine Psyche ist noch nicht vollendet, sondern entwickelt sich stets.

Allerdings kann man das Gehirn auch bis zum Tode nicht fordern oder fördern. Man kann lebenslänglich mit derselben Haltung sein Verhalten und seine Verhältnisse bedauern. Man kann feststecken. Die Nervenbahnen sind versteift und verkrampft. Kleinste Abweichungen stressen die Psyche und gefährden die Identität. 

Manche Menschen möchten ihre Haltung und/oder ihre Verhältnisse korrigieren, können aber nicht. Sie wiederholen sich stets. Sie sind bemüht, aber vergebens. Entweder über- oder unterfordern sie sich selber. Zu grosse Schritte frustrieren und dämpfen, zu kleine Schritte langweilen und trügen Sicherheit. Es enttäuscht und blockiert. 

Die Verhältnisse könnte man rasch wandeln. Man wählt sich seine Freunde selber aus. Die Familie ist zwar gegeben, die Intensität kann man aber justieren. Das persönliche Umfeld prägt. Wer bloss mit kaputten Menschen lebt, ist selber kaputt. Wer aber mit zu “gesunden” Menschen lebt, selber kaputt ist, fühlt sich ebenfalls unbehaglich.

Man sollte einigermassen gleichartige Menschen wählen. Gewisse Differenz kann hier und da stimulieren, damit zum allgemeinen Nachdenken anregen. Man sollte sich nicht überlegen oder unterlegen wähnen im Freundeskreis. Ähnliche Biografie beruhigen. Auch der Lebenspartner sollte einigermassen besonnen erkoren sein. 

Eine fordernder, weil z.B. bipolarer und/oder stets depressiver Lebenspartner frisst die eigene Lebensenergie und überdeckt die eigenen Herausforderungen im Leben. Man mutiert zum hilflosen Helfer. Ein abwesender, nicht interessierter Lebenspartner hingegen irritiert den Selbstwert und provoziert Trotzreaktionen oder Kompensationshandlungen. 

Auch die Erwerbsarbeit beeinflusst einen massgeblich. Netto verbringen wir mehr Zeit arbeitend als lebend. Ein Beruf, der einen anwidert, langweilt, überfordert, ekelt oder ein berufliches Umfeld mit Arbeitskollegen, die einen belästigen, verunsichern, bishin drangsalieren, zerstört jede Selbstachtung und nährt den Selbsthass. 

Daher ist eine angemessene Erwerbsarbeit unerlässlich für die innere Ruhe. Der schweizerische Arbeitsmarkt ist trotz Krise gut bestückt. Diverse Nischen können noch erfunden oder gefunden werden. Die Beschäftigungsmöglichkeiten sind vielfältig. Die Schweiz mit protestantischem Arbeitsethos unterstützt die Stellensuche aller Vermittelbaren. 

Weitaus anspruchsvoller als Freunde, Lebenspartner oder Beruf ist es, die eigene Haltung zu verändern. In der eigenen Haltung sind unsere bewussten oder unterbewussten Erfahrungen sowie unsere Werte und Vorstellungen vermengt. Das Leben hat unsere Haltung geprägt, wohlgemerkt gekoppelt mit Verhalten und Verhältnisse.

Die meisten Menschen sind nicht fähig, ihre Haltung zu verändern. Zwischen Haltung und Verhalten bildet sich der Widerspruch, der den Selbstwert stört und chronischen Stress verursacht. Der Wille ist zwar vorhanden, aber der Wille kann sich nicht durchsetzen. Ein nicht durchsetzbarer Wille erzeugt Spannungen. Die Krise ist die Folge. 

Kluge Fragen regen zum Nachdenken über die eigene Haltung an. Ein kluger Fragebogen kann die Haltung verändern. Auch Freunde mit klugen Fragen mögen helfen. Doch ebenso kann der kluge Psychiater mit klugen Fragen zum Nachdenken animieren und den Prozess der Bewältigung den Umständen entsprechend begleiten. Prozessberater quasi.

Kein Psychiater kann Rezepte oder Lösungen liefern. Ein Psychiater stellt bloss kluge Fragen. Einen Psychiater zu konsultieren, überfordert bereits die meisten Menschen und erlischt den letzten funktionierenden Selbstwert. Nun hat man quasi “kapituliert”. Man anerkennt, dass man nicht mehr “Herr” im eigenen Bewusstsein ist. 

Die Haltung verschieben sich mit den Jahren und Monaten. Ein Draufgänger gestern kann morgen ein Bünzli sein. Das Leben gleicht einer entwickelnden Spirale. Wir starten alle mit denselben Bedürfnissen als Säugling. Einige Menschen werden komplexer, andere verbleiben in ihren Haltungen und somit im Verhalten und in den Verhältnissen.

Selber eine spiralförmige Entwicklung sich zugestehen zu können, bedingt ausreichend Reflexionsfähigkeit. Manche Menschen werden diese “Stufe” niemals beschreiten. Sie sind in ihrer Haltung “vollendet” – doch das muss nicht sein. Jeder Mensch kann sich entwickeln; technisch sind wir allesamt gleich befähigt. 

Was fehlt, ist das Bewusstmachen der eigenen Entwicklung und der eigenen Haltung. Man muss seine eigene Haltung im Spiegel erkennen können. Man muss begründen können, warum man so ist wie man ist. Manche können das alleine – doch effektiver ist immer ein Spiegel; ein kluger Freund, eine Zufallsbekanntschaft, eine Familie oder ein Psychiater.

Manche Menschen fürchten sich, ihre Liebsten zu spiegeln. Sie wollen schützen und Gutes tun. Doch damit schaden sie mehr als sie nützen. Grundsätzlich müssten alle Menschen bemüssigt sein, zu allen anderen Menschen offen und ehrlich zu sein und als potenzieller Spiegel wirken zu können. Doch wer riskiert das schon? Wer brüskiert schon gerne?

Was fehlt, ist der “Hofnarr”. Jede Familie, jeder Freundeskreis, jede Organisation braucht einen Hofnarren, der ausspricht, was ist, der erhellt, wo dunkel ist, der spiegelt, wo man ohne Selbstwahrnehmung ist. Es sind nicht bloss Psychiater legitimiert, die grossen und wichtigen Fragen über unser Dasein zu stellen. 

Neben Fragen haben auch Suggestionstechniken einen gewissen Wert und eine gewisse Chance, die eigene Haltung zu verändern. Autosuggestion ist quasi eine Selbsthypnose; mit Wiederholung versucht man sich selber zu betören. Die Autosuggestion kann man mittels Modellen verstärken wie z.B. mit einem LEGO-Modell der eigenen Wunschidentität.

Autosuggestion kann das Abfederungsvermögen respektive die Gegenwartsbewältigung erhöhen. Ereignisse, die sich teils überschlagen, können mit Autosuggestion in einen Wunschkontext gerückt werden und dramatisieren dadurch weniger die Biografie und beruhigen die Psyche. 

Die Herausforderung der Selbstauseinandersetzung sind, dass die Selbstwahrnehmung oft verzerrt und eingeschränkt ist. Der blinde Fleck der Selbstwahrnehmung ist automatisch. Man beschäftigt sich zuweilen mit den “falschen” Herausforderungen, misstraut den eigenen Gedanken, man kann sich in Gedankenkreisen verfangen. 

Ein neutraler Psychiater, mit dem man eine neutrale Beziehung hat, die nicht verletzt, enttäuscht oder sonstwie betrübt werden kann, ist meistens der bessere Hofnarr und Gesprächspartner als das reine Zwiegespräch oder das Gespräch mit dem Lebenspartner, Familie, Freunden oder Zufallsbekanntschaften. 

Den Psychiater kann man nicht schocken und brüskieren. Man muss ihn nicht schonen. Man muss nicht schweigen. Der kluge Psychiater öffnet mit klugen Fragen bekanntlich die Selbstwahrnehmung und aktiviert den Prozess der Selbstreflexion; er stützt im Prozess, kann gezielt Impulse erzeugen. Das beruhigt. 

Man kann die Haltung, man kann die eigenen Verhältnisse verändern. Die Werkzeuge sind zugänglich. Das alleine kann die Menschen auch bereits trösten, dass man notfalls alles ändern könnte. Wenn man nichts ändern will, so soll man sich auch nicht beirren lassen. Dann bleibt alles wie es war.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Bin ich eine reife Persönlichkeit?

Kluge Frage. Teils sicherlich. Was ist eine reife Persönlichkeit? Ein Mensch, der bewusst erwacht ist, weiss, was er tut und sein Verhalten einordnen kann. Ich glaube, ich kann mich zu 80 Prozent selber erklären. Reif ist, wenn man auch sein Umfeld berücksichtigt und in der Wahrnehmung integriert. Man ist nie isoliert trotz des gegenwärtigen “Notstandes”. Alles, was man tut, beeinflusst das Umfeld. Manchmal fokussiere ich mich auf meine unerfüllten Bedürfnisse. Hier bin ich also bloss teils reif. Ich bin nicht ganz so selbstlos wie ich mich gerne verkaufe – ein Widerspruch, der nicht ganz aufgehoben ist. Reif hier ist, dass ich darüber nachdenken und reflektieren kann. Ich bin wesentlicher reifer geworden durch die eigene Firma und Tochter, die Selbstzerstörung hat abgenommen. Ich kann mich besser vor mir selber schützen. Das ist auch reif, will ich meinen. Dennoch bleibe ich stets ein wenig unausgeglichen. Der Widerspruch zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz, die Sehnsucht nach beiden Existenzen, sabotiert stets das fragile Glück, das ich hier und da zufälligerweise entdecke, das sich eben zu rasch verflüchtigt. Reif ist, den eigenen Widerspruch zu anerkennen und gesunde Strategien zu entwickeln, um meine Gegenwart bewältigen zu können, die aber jenseits blinder und tauber Selbstzerstörung sind.

bd

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Worauf ich mich freue?

Worauf ich mich freue? Die Gewissheit, dass ich jederzeit sterben könnte, tröstet mich. Ich könnte mich jederzeit umbringen. Nicht, dass ich müsste oder augenblicklich will – nein, aber ich bin technisch befähigt. Niemand könnte mich aufhalten oder hindern. Ich kann ebensogut im Affekt mich töten. Und darauf freue ich mich.

Absurd? Ich freue mich, dass ich überlebe. Ich freue mich, dass ich lerne. Ich freue mich, dass ich Muster breche. Ich freue mich, dass es mir manchmal auch einigermassen gut geht. Ich freue mich, dass ich manchmal ein wenig Glück und Normalität empfinden darf. Die Momente sind zwar rar, dennoch entdecke ich sie.

Ich freue mich, dass ich mein Glück selber gestalten kann. Ich kann selber Ereignisse deuten. Ich kann selber mich befriedigen und beruhigen. Ich kann selber überleben. Ich brauche technisch niemanden. Gewiss ersehne ich wie alle Menschen eine Art Verbundenheit und Vertrautheit; Geborgenheit und Liebe.

Ich bin kein radikaler Glücksverweigerer mehr. Ich bin vielmehr ein Glücksritter geworden. Unbändig und unstets. Ich bin manchmal zu rasend, zu hastig – aber ja, ich beruhige mich stets und stabilisiere mich wieder. Darauf freue ich mich, weil meine Zuversicht mich entspannt. Die Ereignisse können mich nicht betrüben. 

Ich freue mich auf die potenzielle Augenblicke des fragilen Glücks. Ich freue mich auf gewisse unbeschwerte Momente. Auf unbeschwerte Liebe und Zuneigung, auf Verbundenheit und Geborgenheit. Gleichzeitig freue ich mich auf Flow-Räume, wo ich mit einer Aufgabe verschmelze und Raum und Zeit verliere.

Ich freue, dass meine Umwelt mit mir kommuniziert, Feedback liefert, dass ich Menschen prägen kann. Ich freue mich, dass ich Hoffnung spenden kann, wo keine mehr ist. Ich freue mich auf die Bekanntschaften, die mein Leben bereichern. Ich freue mich auf meine Zukunft. Ich bin knapp in der Mitte des Lebens. Ich habe noch Etliches vor.

Und falls ich doch sterbe, dann kann ich zurückblicken und mein Leben feiern. Mir kann niemand vorwerfen, ich hätte nicht gelebt oder nicht geliebt. Ich war stets voller Lebensfreude und stets voller überschüssiger Liebe, die ich nirgends platzieren konnte. Ich war eigentlich stets froh und bisweilen manisch gar.

Darauf freue ich mich. Auf die Zukunft. Ganz futuristisch klassisch.

bd

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Die nicht nachhaltige Krise

Gegenwärtig ist der Staat reaktiviert. Der Bundesrat hat gewisse Autorität gewonnen. Das Parlament ist faktisch ausgeschaltet. Der Notstand regiert. Solange diese Zustand terminiert ist, bin ich entspannt. Die Bevölkerung ist hörig. Die Temperaturen steigen. Die Kulturindustrie flüchtet ins Virtuelle. 

Die Meme-Produktion blüht. Das Internetz ist voller Witz und Unfug. Das Internetz verbindet. Die grossen Pornoseiten trösten. Die sozialen Netzwerken sind plötzlich wieder hip und cool. Und Videokonferenzlösungen retten die Unternehmen. Man chattet, schreibt, telefoniert. Man ist vernetzt dank Internetz. 

Die ersten psychologischen Krisen überfallen einzelne Familien. In meinem Umfeld habe ich bereits einige registriert. Noch ist die Sinnkrise keine Pandemie. Das warme Wetter beruhigt. Auch ist die Corona-Lage nicht ganz so ausweglos. Bald muss der Bundesrat die Massnahmen lockern. Bald werden wir alle wieder ausgehen und feiern können.

Überhaupt spüre ich keine grosse Unruhe. Die Menschen sind wie Ratten und passen sich an. Ich hätte mehr Widerstand erhofft. Selbst im rauen Basel sind die Jugendlichen einigermassen gesittet. Grössere Gruppen werden nicht gebildet. Das nächtliche Besäufnis beschränkt sich in den eigenen vier Wänden.

Doch möglicherweise trügt die Ruhe. Ich freue mich auf jede weitere Woche Quarantäne. Ich beobachte das Schicksal der Bevölkerung neugierig. Werden wir doch noch alle wahnsinnig? Werden wir doch alle die Sinnlosigkeit unseres Daseins anerkennen? Oder werden wir doch normal funktionieren, arbeiten uns an die Empfehlungen halten? 

Ich hätte mir von Corona mehr Spektakel gewünscht. Es ist geradezu langweilig geworden. Auch die NZZaS, ansonsten brav alarmierend und stets aufgeregt, ist bereits Corona-ironisch. Mittlerweile werden die Vorteile der Selbstinhaftierung aufgezählt; die Luft sei viel sauberer geworden, die Natur könne Lebensräume zurückerobern. 

Ich leide, weil es nichts zu leiden gibt. Die Todesstatistiken berühren mich nicht. Die Todesfälle an der EU-Aussengrenze beschäftigen mich weitaus mehr; sie ergreifen mich. In diesem Jahr sind es “erst” 200 ertrunkene Flüchtlinge. Gleichzeitig sind in der Schweiz knapp 600 Menschen direkt-indirekt an Corona gestorben, davon 80% über 70-Jährige. 

Ich bin nicht erkaltet oder erstarrt. Ich relativiere diese Todeszahlen bloss. Die Flüchtlinge waren jung, hungrig und wollten ihre Verhältnisse ändern, damit sie wieder atmen und leben können. Unsere Senioren wären ohnehin gestorben – mit oder ohne Corona. Möglicherweise hat Corona etwas beschleunigt. 

Wir sind nun alle solidarisch. Das medizinale Personal ist plötzlich gewertschätzt. Man isst lokal, stützt die KMU. Man kauft füreinander ein. Man sorgt sich liebevoll um Senioren. Man kann die soziale Härte des spätkapitalistischen Systems beinahe vergessen. Wir feiern unsere neuen Helden; die Menschen an der Kasse, im Spital, in den Kasernen und sonstwo.

Doch es wird sich nichts ändern. Bald ist wieder business as usual. Alle Krisen sind vergessen. Die einzelnen Menschen mögen sich ändern. Aber die grossen Verhältnisse bleiben unverändert. Es ist das System, das uns erzieht und diszipliniert. Im System sind die Menschen stets anders als sie naturgemäss sind. 

Sobald das System wieder funktioniert, mit Beihilfe der Kulturindustrie zur Zerstreuung und Beruhigung der Massen, ist die nun erlogene Solidarität wieder verschwunden. Und wie nach jeder Krise müssen wieder nochmals “härter” werden, um die Folgen der Rezession abmildern zu können. 

Es werden ohnehin die geschickten und bereits erfolgreichen Unternehmen überleben. Die humanistischen Unternehmen werden aufgrund der Krise liquidiert. Wer gewinnt, sind die üblichen Verdächtigen. Die Technologiefirmen profitieren bereits jetzt. Sie sind Krisengewinner.

Sie werden noch mehr Daten sammeln und noch bessere Werbeinserate schalten können. Die jüngste Aufregung wegen der laschen Datenschutzpraxis von z.B. Zoom haben uns kurzweilig empört – wie vor einigen Jahren Facebook. Alles wird wieder business as usual, sobald der Bundesrat seinen Zügel loslässt. 

Ich will keine Zuversicht verderben, bekanntlich bin ich ja zutiefst zuversichtlich. Aber diese Krise war zu wenig dramatisch und vor allem zu temporär. Sie wird daher nicht nachhaltig sein. Tut mir leid. Mehr Corona bitte.

bd

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Der Suizid

Darf die Gesellschaft ein vierzehnjähriges Mädchen schützen, das aufgrund von Liebeskummer todessehnsüchtig geworden ist? Darf die Gesellschaft einer neunzigjährigen Frau das selbstbestimmte Sterben verbieten? Darf die Gesellschaft einer depressiven vierzigjährigen Frau den Selbstmord gestatten? 

Beim vierzehnjährigen Mädchen tendiert die Mehrheit zum Verbot des Selbstmordes. Bei der neunzigjährigen Frau duldet unsere Gesellschaft den Freitod. Bei der depressiven vierzigjährigen Frau jedoch zweifeln wir. Ein Selbstmord in diesem Lebensabschnitt ist kein Nein zum Leben, sondern ein Nein zum Leiden.

Empathisch wie wir sind, können wir das Leiden mitfühlen. Wir können verstehen und akzeptieren, dass jemand in der Mitte des Lebens sterben möchte. Als Angehörige wollen wir auch nicht länger ohnmächtig dem Leiden zuschauen müssen. Wir wollen z.B. die vierzigjährige Frau gehen lassen – und sie nicht zum Leiden zwingen.

Die Gesellschaft fordert, dass wir Todessehnsüchtige unverzüglich melden. Die grossen Kliniken haben Notfallnummer bereitgestellt. Ein Notfallpsychiater kann einen fürsorglichen Freiheitsentzug aufgrund akuter Selbstgefährdung verfügen. Damit gilt der Betroffene vorerst als weggesperrt und somit vor sich selber geschützt. 

Wir sind ermächtigt, über das Leben und Sterben zu richten. Alle Angehörige dürfen einen Notfallpsychiater konsultieren. Auch ich war schon in einige Ereignisse involviert und habe bereits dieser Nummer gewählt. Habe ich damals diese Person bevormundet? Habe ich selber entschieden, was richtig oder falsch ist? Durfte ich das?

Ich bin laizistisch. Ich kenne die menschlichen Abgründe, ich glaube, sie verinnerlicht zu haben. Ich kann den Wunsch nach der Erlösung nachempfinden. Ich kann niemandem den Tod verwehren. Ich will nicht darüber entscheiden. Ich könnte niemandem verbieten, zu sterben in dieser Welt. Ich bin ja selber technisch akut und stets suizidal. 

Allerdings habe ich eine “rote Linie”. Manchmal bin ich emotional diskreditiert. Ich bin nicht ganz unvoreingenommen. Wäre ich bloss neutraler Beobachter, wäre ich emotional distanziert, dann könnte ich noch mehr loslassen. Ich würde den Freitod eines Angehörigen akzeptieren und als Überforderung, Ohnmacht und Kapitulation deuten. 

Aber bin ich enger verbunden, bin ich emotional aufgeladen und habe bereits viel investiert, dann spüre ich auch den Drang, zu helfen und den Selbstmord zu unterbinden. Weil ich diese Person vermutlich sehr mag oder gar liebe. Ich würde mich zwar zum Sterben anbieten, das Einschlafen begleiten, passive Sterbehilfe quasi. 

Aber ich müsste innerlich kämpfen und mich überwinden. Ich müsste meine eigenen Bedürfnisse unterdrücken. Ich würde den Selbstmord widerwillig billigen. Ich würde mir sogar meine “Unschuld” oder meine unterlassene Hilfeleistung bescheinigen und absichern lassen wollen. Sicherheitshalber. 

Eine unterlassene Hilfeleistung bei einer Suizidankündigung ist nicht automatisch strafbar zwar, aber moralisch insbesondere im Umfeld der Betroffenen fragwürdig und bestreitbar. Ich, der den Suizid nicht verhinderte, müsste nachträglich die Angehörigen trösten? Wie fühle ich mich dabei? 

Mit diesem Soundtrack: 

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Über die Eifersucht

Komischerweise habe ich noch nie etwas über die Eifersucht publiziert, obwohl ich mich an zwei Ereignisse erinnern kann, die damals meinen Verstand beinahe ruiniert haben. Vermutlich habe ich das erfolglos verdrängt. Die Eifersucht ist ja auch ein Gefühl, das den meisten Menschen (leider) vertraut ist.

Eifersucht ist Liebesentzug. Oder zumindest die Ahnung von einem baldigen Liebesentzug. Es ist die Angst vorm Liebesentzug. Oder der Liebesentzug ist bereits eingetreten. Beispielsweise ist der Aufmerksamkeitsspiegel gesunken oder die kleinen Alltagssymbole der Zuneigung und Wertschätzung sind vermindert und/oder verzerrter. 

Was Eifersucht nährt, sind triviale Ereignisse. Der Partner schützt plötzlich das Natel. Das stimmt anfänglich misstrauisch. Oder bekannte Liebkosungen entfallen. Plötzlich ist die Umarmung oder der Kuss frühmorgens nicht mehr so ganz freiwillig und spontan, sondern gefühlt erzwungen. 

Die Eifersucht blockiert die Psyche. Plötzlich werden alle Ereignisse im Kontext der Eifersucht gedeutet. Der Partner kehrt später heim als üblich? Eifersucht. Der Partner praktiziert eine Notlüge? Eifersucht. Der Partner verbirgt etwas? Eifersucht. Der Partner ist auf der Toilette am Natel? Eifersucht. 

Auch ist die Eifersucht immer eine Projektion. Zu welchen Handlungen bin ich selber imstande oder fähig? Könnte ich meinen Partner ebenso grausam, hinterfotzig und kaltblütig verlassen und betrügen? Die Angst vor dem eigenen Verhalten, vor dem eigenen Selbst begünstigt und nährt schliesslich die Eifersucht. 

Die Eifersucht ist fortgeschritten, wenn man eine Entscheidung forcieren möchte. Ein eindeutiges Bekenntnis zur eigenen Person. Entweder ja oder nein. Man ersehnt die Gewissheit und Wahrheit. Bilde ich mir das alles bloss ein, trügen meine starken Gefühle bloss mich? Oder ist die Eifersucht gerechtfertigt?

Die Maxime, lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende, motiviert dabei. Einzig die Gewissheit, ob man halluziniert oder eben nicht, kann einen befreien. So verhält man sich automatisch destruktiv. Man überlistet sich selber, man spioniert beispielsweise auf Facebook und protokolliert Bewegungsprofile. 

In diesem Zustand ist die Eifersucht schwierig zu überwinden. Beinahe die letzte Eskalationsstufe ist damit gelungen. Spieltheoretisch ist die Beziehung danach unberechenbar. Sie ist endlich komplex. Der Partner hat sich vermutlich bereits an die Eifersucht gewöhnt, ist ebenso destruktiv und fördert sie ebenso unterbewusst.

In diesem Zustand muss eine Partei das Muster brechen. Entweder beschwichtigt der Partner unaufgeregt, erklärt die Handlungen in einem anderen Kontext statt der Eifersucht. Oder der Fühlende akzeptiert die Eifersucht und entwickelt alternative Bewältigungsstrategien, die nicht in der stetigen Konfrontation enden.

Falls die Eifersucht jedoch sich bewahrheitet, ob selbsterfüllend oder nicht, so sind beide Parteien gefordert, möglichst rasch die Situation zu klären. Die Wahrheit kann vielfach entspannen. Sie könnte sogar die Beziehung wiederbeleben. Sie könnte die Grundlage fürs spätere Vertrauen bilden. 

Eine einseitig verdrängte und unterdrückte Eifersucht belastet jede Beziehung. Beide Parteien müssen die Eifersucht ausdiskutieren und vor allem “rote Linien” vereinbaren können. Wann bin ich getriggert? Was provoziert meine Eifersucht? Wie kann ich meine Eifersucht verarbeiten? 

Die meisten Beziehungen jedoch sind oberflächlich und können niemals diese Tiefe erreichen. Stattdessen rumort eine einseitige Eifersucht die Beziehung, sabotiert diese, wo sie kann und minimiert den ehrlichen Austausch auf Augenhöhe. Oftmals ist der Fühlende in seiner Eifersucht auch “diskreditiert”.

Der Fühlende solle nicht so kindisch sein, solle endlich erwachsen sein, solle endlich wieder funktionieren und sich beherrschen. Mit solcher Argumentation untergräbt der Partner automatisch die Würde des Fühlenden. Der Fühlende fühlt, das Gefühl ist wahr, es ist da. Und es ist zu intensiv, alsdass man es einfach ignorieren könnte.

Diese Art der Missverständnisse verschlechtern die Beziehung. Diese Art der Missverständnisse können jedoch gelöst werden, indem die eine Partei sich selber eben verzeiht und akzeptiert oder die andere zuhört und versteht und nicht bagetallisiert oder die Eifersucht zurückspielt oder gar alles verheimlicht, was Eifersucht verursacht. 

Die unausgesprochene oder die nicht angesprochen dürfende Eifersucht ist die schwierigste und schlimmste. Ein Partner, der sie bloss verharmlost, nicht ernstnimmt oder sogar ächtet, riskiert einen Vertrauensverlust. Die vernachlässigte Eifersucht stiftet abermals Eifersucht. Eifersucht ist manchmal auch bloss ein Sehnen nach Aufmerksamkeit.

Eine verletzte Eitelkeit kann ebenfalls Eifersucht verursachen. Eitelkeit ist eine verbreitete Eigenschaft der neurotischen Menschen. Solche Menschen hängen von konstanten Aufmerksamkeitsdosen ab. Die Dosierung muss stets ausgeglichen sein. Eine kleine Abweichung kränkt die Eitelkeit und hat Eifersucht zur Folge. 

Diese Eifersucht kann vom Fühlenden selber behandelt werden. Die Selbstauseinandersetzung hilft. Warum bin ich so angewiesen auf Aufmerksamkeit? Warum bin ich so verletzlich? Wie reduziere ich meinen Bedarf an Aufmerksamkeit? Oder können alternative Aufmerksamkeitsquellen kompensieren?

Die Eifersucht gestaltet eine Beziehung komplex. Dadurch reift die Beziehung, dadurch können sich die Parteien mehr binden. Die Eifersucht ist nicht zwangsläufig destruktiv, sondern kann auch aktiviert werden. Schliesslich beweist Eifersucht, dass man irgendwie abhängig ist. Abhängigkeiten sind gesund in Paarbeziehungen. 

Weil ohne Abhängigkeit kann kein Vertrauen entstehen. Verletzlichkeit, Schutzlosigkeit – das fördert Vertrauen. Im Augenblick, als der Fühlende Eifersucht zeigt, ist er verwundbar, verletzlich, ganz schutzlos, und damit ganz menschlich. Diese Chance der Verbundenheit aufzugreifen, ist für den Partner geboten.

Wer die Eifersucht des Partners akzeptiert, wertschätzt den Partner als natürlichen Menschen mit natürlichen Bedürfnissen und Gefühlen. Woher die Eifersucht auch stammt, selbstverschuldet durch Eitelkeit, fremdverschuldet aufgrund Spannungen in der Aufmerksamkeit, sie bildet den Menschen und die Beziehung. Das gilt es zu würdigen.

Ein Leben ohne Eifersucht ist nicht möglich – es ist jedoch möglich, mit Eifersucht zu leben.

bd

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Mühsal der Selbstauseinandersetzung

Der Notstand provoziert die Selbstauseinandersetzung. Zuhause gefangen, isoliert, ohne Kulturindustrie fällt der Mensch plötzlich auf sich selber zurück. Dasselbe Schicksal teilen die Aufgeklärten, Depressiven und Grübler dieser Welt, die irgendwann – meistens zu spät als zu früh – mit dem Nachdenken und Sinnieren unbeholfen starten. 

Unbeholfen deswegen, weil weder Eltern noch Schule die Selbstauseinandersetzung uns lehrten. Wir alle beginnen mit denselben Unerfahrenheit. Plötzlich, vermutlich allerspätestens mit 40, versuchen wir unser Selbst zu verstehen. Meistens nicht, weil wir wollen, sondern weil wir müssen.

Entweder sind unsere bisherigen Gegenwartsbewältigungsstrategien gescheitert oder nicht mehr angemessen für die jüngsten Ereignisse. Oder die äusseren Verhältnisse haben sich gewandelt dergestalt, dass wir notgedrungen uns auseinandersetzen müssen, wovor wir stets geflohen sind. Das auslösende Ereignis ist – einmal mehr – irrelevant.

Jetzt sind wir unbeholfen, unerfahren – und müssen uns auseinandersetzen. Wir müssen reden, Zwiegespräche führen. Plötzlich ist nicht mehr alles ganz einfach, die Leichtigkeit des Daseins ist verflüchtigt. Plötzlich sind alle Gedanken schwer, jede Tat bedenkenswert. Wir zweifeln hier und da. Die Gedanken wiederholen und kreisen. 

Die Selbstauseinandersetzung ist keine exakte Wissenschaft. Kochbücher, Anleitungen helfen nicht. Sie verunsichern. Die Selbstauseinandersetzung ist, sobald einmal eingetreten, ein immerwährender Prozess und kann nicht storniert werden. Ein Status quo ante kann nicht hervorgerufen werden. Entweder ist man drin – oder nicht.

Ein Prinzip der Selbstauseinandersetzung ist, dass man selber Bewältigungsstrategien entwickeln muss. Man kann zwar sich inspirieren lassen, doch umsetzen muss man selber. Es ist eine Adoption. Die Bewältigungsstrategien entstehen aus gesammelten Erfahrungen. Wir können unsere Strategien teilen, wir können Mitmenschen teilhaben lassen.

Doch bewältigen müssen wir unser Selbst selber. Niemand kann das schultern. Auch kein Psychiater oder Heiler. Der Psychiater bietet Hilfe zur Selbsthilfe. Klassische Ausdruckstechniken können unterstützen. Sie entlasten die Psyche, reinigen. Doch sie erzeugen keine neuen Erkenntnisse. 

Wer bloss ausdrückt, ist irgendwann entleert. Er muss sich wieder frisch stimulieren, wieder dramatisieren – aber ist doch ohne Erkenntnis und Gewinn. Der Ausdruck stärkt die Selbstauseinandersetzung insofern, als man über den Ausdruck reflektiert, man die Botschaften liest und allmählich zu begreifen versucht. 

Wer also ein ausdrucksstarkes Tagebuch schreibt, soll die Botschaften nicht bloss archivieren, sondern regelmässig interpretieren und stets angesichts jüngster Ereignisse bewerten. Oder wer ausdrucksstark tanzt, soll seinen Tanz aufzeichnen, im Nachhinein studieren und Befindlichkeiten in einen Kontext setzen. 

Effektive Methoden, den Ausdruck zu begünstigen, sind alle modellhaften. Ob LEGO oder eine sonstige Knetmasse, ob semiformale Visualisierungen oder Graphen mit Kanten und Knoten. Modelle abstrahieren, vereinfachen und vor allem repräsentieren sie. Man kann ein Modell reformen, zerstören, bewusst überwinden. Und man arbeitet mit Hand und Kopf. 

Es ist stets das Modell, das man betrachtet – und nicht das eigene Selbst. Man kann sich auch distanzieren. Man ist die dritte Person singular. Dadurch kann man ehrlicher, direkter und unmittelbarer interagieren. Man ist authentischer; Selbstbetrug ist minimiert. Und wenn das Modell nicht mehr passt, kann man es entsorgen, ohne die Persönlichkeit zu verletzen.

Doch auch mit geeigneten Ausdruckstechniken gleicht die Selbstauseinandersetzung einer Hydra. Sobald man aus einer Gedankenspirale entwunden ist, folgt die nächste, die einen erstarrt. Die befreienden Erkenntnisse rücken zeitversetzt nach. Was heute absurd ist, ist in einem Jahr plausibel. Kann man diesen Prozess aushalten? Fraglich.

Die Selbstauseinandersetzung in letzter Konsequenz ist grausam, schonungslos. Wir sind perfekt ausgebildet, selber uns zu belügen. Die kleine Notlüge sei ganz harmlos, wollen wir meinen. Schliesslich brüskieren wir damit ja auch keine Mitmenschen – bloss uns selber. Das ist doch hinnehmbar? 

Mag sein, dass eine einzige Notlüge unsere Psyche beruhigen kann. Vielmehr ist es die Summe der Notlügen, die besorgen muss und die Selbstauseinandersetzung insgesamt verunmöglicht. Wer einmal sich selber belügt, kann es mit 50%iger Wahrscheinlichkeit auch ein zweites Mal. Und dadurch verlieren wir uns im Kreislauf des Selbstbetruges.

Hier irgendwann zu bremsen, das grosse Muster zu brechen, kann einen erschüttern und den gesamten Lebenssinn rauben. Man muss eingestehen, was man verfehlte. Man muss seine komplette Biografie neu klären. Ein grausamer, mühseliger Prozess. Es ist durchaus menschlich, die Selbstauseinandersetzung konsequent zu scheuen. 

Ich will meine Leserschaft dennoch zur Selbstauseinandersetzung motivieren. Gemeinsam schreiten wir durchs Tal der Tränen und schöpfen Erkenntnis. Die Selbstauseinandersetzung als Prozess verspricht durchaus Zuversicht und Kraft, weil man stets sich nähert. Mögen Rückschläge uns verwirren, doch letztlich ist jede Selbsterkenntnis wertvoll und stiftet Sinn.

bd

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Warum bin ich so zuversichtlich?

Ich besitze tatsächlich eine Zuversicht. Ich bin zuversichtlich der Welt gegenüber, dass die Menschheit dereinst vereint sei und nach anderen Werten statt Geld strebe, dass Kriege und Umweltverschmutzungen überwunden seien. Ich zweifle bloss, ob ich diese grosse Transformation einigermassen geistig bewusst miterleben kann.

Vom Mitgestalten habe ich mich längst losgesagt. Ich bin zuversichtlich mir selber gegenüber, dass ich mich immer wieder anpassen kann, dass ich mein Verhalten den mir zugetragenen Verhältnissen variieren kann. Ich bin nicht bloss ein Verpackungs- und Verdrängungskünstler, ich bin auch ein Verwandlungskünstler und Prototyp.

Die Verhältnisse kann ich nicht immer bestimmen. Ich wähle zwar meine Freunde, meinen Filter, ich reduziere oder vergrössere meine Wahrnehmung – doch ich kann nicht alles filtern und selektieren. Manche Ereignisse sind verkettet, manche erfüllen sich selbst. Ich bin zuweilen ohnmächtig und ausgeliefert. 

Allerdings kann ich selber die Ereignisse lesen und einordnen. Ich könnte alles dem strafenden Gott überantworten. Gott müsse mich bestrafen, weil ich unartig, unangepasst oder sonstwie unbequem und verantwortungslos war – was ich auch war und bisweilen bin gewiss. Oder ich kann alle Ereignisse als Bereicherung meiner Persönlichkeit verstehen.

Alle Ereignisse erhöhen die Komplexität meiner Persönlichkeit. Weil ich stets wieder Muster brechen muss, obwohl ich nicht kann, manchmal nicht will. Weil ich stets mich anpassen und umschulen muss. Ich bin zwar oftmals reaktiv, ich lerne bloss durch die Retrospektive statt Prospektive. Aber ich sammle durch jedes Ereignis neue Erkenntnisse. 

Technisch könnte ich mich zurücklehnen und beobachten, was mir passiert. Ich muss nichts fürchten. Ich habe etliches überlebt. Ich werde auch weitere Ereignisse verkraften. Weil ich mich anpasse. Ich schätze das Leben als stetige Transformation. Meine Haltung und mein Verhalten entwickeln sich. Ich bin noch nicht fertig gebaut – ich bin überhaupt nicht fertig.

Ich bin unvollkommen. Erst der Tod beendet und vervollkommnet mich. Bis dahin bin ich lernend. Ich lerne, neuartige Ereignisse auf mein Leben, auf meine Haltung und auf mein Verhalten zu übertragen. Ich lerne, deren Einfluss zu kanalisieren und damit meine Entwicklung gewissermassen zu steuern.

Ich bin daher so zuversichtlich und beinahe unverwüstlich. Aber auch ich habe meine Momente, wo ich zweifle, grüble und meine Gedanken kreisen. Dann fühle ich mich für einige Minuten, Stunden ohnmächtig und ausgeliefert, schutzlos und verloren. Es ist nicht einfach. Es ist nie einfach.

Im Gegenteil, ich glaube, die Selbstauseinandersetzung wird mit dem Alter mühsamer, anstrengender, weil die Persönlichkeit weitaus komplexer ist als z.B. in der Adoleszenz. Ein Jüngling zu transformieren, ist rasch erledigt. Die meisten Jugendlichen wechseln Weltanschauungen wie Sexualpartner. Heute Hip-Hop, morgen Metal.

In meinem Alter ist die Transformation schleichend, kontinuierlich und kann selten an einem einzelnen Ereignissen sich akzentuieren. Vielmehr ist es die Summe der Ereignisse, welche die Summe der Persönlichkeit gestaltet. Diesen Prozess der Transformation zu bejahen, spendet Zuversicht und entspannt schliesslich. Ich bin beruhigt.

bd

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Die Zweckbeziehung

Eine Zweckbeziehung ist nicht zu unterschätzen. Die Gefühle wechseln nicht, weil keine da sind. Stattdessen hat man sich auf einen Zweck verständigt. Der Zweck können gemeinsame Kinder, einen gemeinsamen Haushalt und/oder das gemeinsam Vereinsamen sein. Weitere Zwecke können vereinbart werden. Diese Beziehung ist nicht komplex.

Stattdessen ist sie routiniert und vereinfacht. Die Tage sind strukturiert. Niemand wird überrascht. Eventuell verreist man und spielt ausnahmsweise das Paar. Ansonsten garantiert die Zweckbeziehung Kontinuität und Stabilität, Einfachheit und Beherrschbarkeit. Die Zweckbeziehung bedingt bloss einen gemeinsamen Zweck, den man aushandeln muss.

Plötzlich ist das Zeitempfinden relativiert. Die Jahre vergehen. Eine zweckmässige Heirat krönt die Beziehung. Gleichzeitig gesundet der Körper, beruhigt sich die Seele; die Rastlosigkeit endet, man muss nicht mehr suchen und streben. Stattdessen ist man “angekommen” und häuslich geworden, spart fürs Eigenheim und für weitere Reisen. 

Die Zweckbeziehung entschlackt das Leben. Die Zweckbeziehung ordnet. Die Zweckbeziehung reduziert stets auf den Zweck. Man erinnert sich, warum man zusammengezogen ist. Man ermahnt sich in “Ausnahmesituationen” gegenseitig, dass man den Zweck nicht vernachlässigen dürfe. Man heiligt sich. 

Die Zweckbeziehung entzaubert. Sie schafft stattdessen psychische Stabilität, die wiederum in körperlicher und finanzieller Gesundheit resultiert. Die Zweckbeziehung ist der wahre Kitt der Gesellschaft. Ohne Zweckbeziehungen wären die Menschen längst wahnsinnig geworden. Hurra den Zweckbeziehungen.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Der Corana-Wahnsinn

Der aktuelle Virus befriedigt nicht bloss den latenten Selbstzerstörungstrieb der Menschen, der wegen Spannungen in der Anpassung mit der Kultur sich bildet. Der aktuelle Virus bedroht auch den ohnehin fragilen Lebenssinn der Menschen. Der aktuelle Virus schafft Transparenz, wo wir keine wahrhaben können.

Vor dem Virus waren die zwischenmenschlichen Beziehungen bereits angeschlagen, die Lohnabhängigkeit bereits mühsam, die Sinnlosigkeit der eigenen Existenz bereits durchschimmernd. Die massenhafte Verbannung der Menschen in ihre eigenen vier Wänden vernichtet jedweden Eskapismus. Die Kulturindustrie, sonst treuer Lieferant, ist kollabiert. 

Die Berufsjugendlichen können nun nicht mehr feiern und koksen, die ausweglosen zwischenmenschlichen Beziehungen sich nicht mehr auflockern. Die vermeintlich frei machende Arbeit zerstreut nicht mehr. Stattdessen sind nun alle im Homeoffice und rätseln, was sie überhaupt tun angesichts beispielsweise der gleichzeitig desolaten Zuständen in den Kliniken.

Manche Familien werden zerbrechen. Kinder, Frau, Mann – allesamt beisammen, gezwungenermassen, weil ansonsten brav abgetrennt, fragmentiert und jeder in seiner Welt geschützt. Nun muss man sich verständigen, ausdrücken herrje. Unweigerlich ist man den sogenannten Psycho Dad aus einer Schrecklichen Netten Familie erinnert. Man lese:

Who’s that riding in the sun?

Who’s the man with the itchy gun?

Well, who’s the man who kills for fun?

Psycho Dad, Psycho Dad, Psycho Dad!

A little touched or so we’re told.

Killed his wife ’cause she had a cold.

Might as well, she was gettin’ old.

Psy-cho Dad, Psycho Dad, Psycho Dad!

He’s quick with a gun, and his job ain’t done.

Killed his wife by twenty-one

Shot her ’cause she weighed a ton

Psy-cho Dad, Psycho Dad, Psycho Dad!

Who’s the tall, dark stranger there.

The one with the gun and the icy stare.

Holding the scalp of his ex-wife’s hair.

Psy-cho Dad, Psycho Dad, Psycho Dad

Häusliche Gewalt wird in den nächsten Wochen zunehmen. Das auslösende Ereignis, der sogenannte “Trigger” ist dabei unerheblich. Ist es die persönliche Sinnlosigkeit? Ist es die fehlende Realitätsflucht, die derzeit technisch kaum noch praktiziert werden kann? Ist es es der Mangel an gesunder sozialer Distanz? Ist es auch bloss die Hyperrealität des kollektiven Virus-Wahns? Was auch immer einen kleinen Amoklauf auslösen mag, ist irrelevant – viel wichtiger ist, dass es passieren wird. 

Doch nicht alle Verzweiflung muss in einem mörderischen oder sozialen Amoklauf vollendet werden. Der Amoklauf ist bloss eine Variante, die Überforderung mit der Welt primitiv, aber effektiv zu verdeutlichen. Die wahrscheinlichste Form des Ausdrucks ist die Selbsteinweisung. Die psychiatrischen Kliniken, ohnehin bereits herausgefordert, werden in den nächsten Wochen gestürmt. Wir sind alle eingesperrt, wir dürfen uns kaum noch bewegen, wir sind klassisch auf uns selber zurückgeworfen worden. Und dort ist ja bekanntlich nicht viel bis nichts. 

Das ist untröstlich. Denn die Isolation führt zur Selbstreflexion, wozu wir aber nicht fähig sind, weil wir alle Evidenzen der Sinnlosigkeit unseres absurden Daseins bislang erfolgreich verdrängen konnten – beispielsweise mithilfe der Kulturindustrie oder ablenkender Lohnabhängigkeit im Grossraumbüro, wo ebenso absurde Sorgen unsere eigenen Bedenken überdeckten. Und jetzt wird es daher endlich kritisch.

Noch berichten die Medien nicht über die kollektive Psychose, die uns bereits infiziert hat. Das einzige wirklich ansteckende dieses Virus ist der Wahn desselben. Und diese Pandemie überbordert bereits jetzt. Sie ist weitaus gefährlicher, weil sie existenziell und philosophisch ist. Sie kann nicht mit Atemmasken, Desinfektionsmittel oder sonstigem Gerät gelindert werden. Unsere normalen Hausmittelchen versagen. Wir sind ohnmächtig und hilflos.

Es genügt nicht, dass der unsichtbare Virus unsere Gesundheit ernsthaft angreift. Das wäre irgendwie zu bewältigen. Der Virus ruiniert vielmehr unsere simulierte Selbstsicherheit, unsere gespielte Identität, unseren sinnlosen Sinn und zerstört unsere bereits zerbrechlichen Gemeinschaften. Das ist weitaus dramatischer. Ob die Menschen nach zwei Wochen Inhaftierung in ihren eigenen vier Wänden sich weiterhin anpassen und unterordnen werden, ist fraglich.

In den nächsten Wochen werden Tumulte uns überraschen und empören. Denn die Ersten werden Widerstand leisten. Weil wir sind nicht so geübt in Autokratie. Wir sind eine verdorbene Gesellschaft von Hedonisten. Wir wollen bloss vergessen, feiern und manchmal so tun als ob uns die Umwelt wie Umfeld interessiere. Momentan sind die Städte noch gesittet. Doch wie lange?

Denn bald folgt die existenzielle und philosophische Krise, verursacht durch die soziale Isolation. Und sobald der Mensch sich sinnlos empfindet, ist er zu allem fähig. Die Shoa wäre ohne das lebensphilosophische Vakuum der Zwischenkriegszeit undenkbar gewesen. Und die Plünderungen und Ausschweifungen in der Grossstadt infolge des Viruses ebenfalls nicht ohne die Isolation und anerkannte Sinnlosigkeit der eigenen Existenz.

Ich will nichts beschönigen. Momentan sitzen die Privilegierten in ihren Homeoffices, skypen sich Mut und Zuversicht zu, tüfteln nach Methoden, wie man Remote Sessions optimieren könnte. Die Stimmung ist geradezu beschwingt. Man prostet remote, man klatscht und singt vom Balkon. Niedlich und herzlichst.

Doch bald werden die Ersten zusammenbrechen. Denn sobald das psychologischen Rabattmarkenheftchen gefüllt ist – und man normalerweise im Supermarkt die nächste überflüssige und qualitativ minderwertige Pfanne abholen könnte – dann werden die Menschen “durchdrehen”, und zwar schön individualisiert und jeder in seiner Passion. Familien erschiessen? Möglich. Züge sprengen? Möglich. Supermärkte plündern? Möglich. Parks verwüsten? Möglich. Alles ist möglich, weil wir ja so einzigartig sind.

Daher rate ich meiner geschätzten Leserschaft, das Spektakel weiterhin zu geniessen. Die nächsten Wochen werden dramatischer. Achtet nicht bloss auf die Opfer der Virus-Erkrankung. Sondern späht nach den Nebenerscheinungen. Die Auslastung der psychiatrischen Kliniken indiziert die allgemeine psychische Verfassung einer Gesellschaft. Und jene unserer Gesellschaft wird bald abnehmen. Versprochen!

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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