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Das zweiunddreissigste Lebensjahr

Ich unterbreche eine repetitive, aber notwendige Arbeit. Ich vergesse meinen prallen Backlog. Ich versuche innezuhalten, meinen morgigen Geburtstag zu reflektieren. Morgen zähle ich zweiunddreissig Jahre. Ich bin angejährt, ich bin gealtert. Meine Haare ergrauen, mein Bauch schwillt, ich schnarche regelmässiger. Soweit bekannt.

Grundsätzlich bin ich zufrieden. Ich habe zwar einige Leichen produziert, ich habe einige Menschen enttäuscht; ich mag nicht zählen. Ich habe durchaus Leiden verursacht. Andererseits habe ich viele Menschen beeinflusst, habe Gutes geschaffen, ich habe inspiriert und begeistert, ich habe immer wieder motiviert.

Ich habe auch geholfen, war loyal, verständnisvoll, geduldig, wo andere längst davonrannten, wo andere sich längst trennten. Gewiss ich nachträglich anders reagiert, gezielter unterstützt, einige Konflikte anders geschlichtet, nicht gewisse Muster wiederholt, nicht gewisse Menschen ausgenutzt. Ja, späte, aber richtige Einsicht.

Ich kann gewissen Erfolg bilanzieren. Mein Lebenslauf kann durchaus verblüffen. Kürzlich wollte mich F., der seine Lehrzeit im selben Unternehmen abdiente, vor versammelter Alumni bei Bier und Burger mich überhöhen. Ich konnte bloss herunterspielen, relativieren und Demut wahren. Weil sonst hätte ich meinen Selbstwert überladen.

Vermutlich kann ich faszinieren. Manchmal überrasche ich mich selber, inwieweit ich mich verändern, anpassen und lernen kann. Aber wiederum wiederhole ich mich gerne, ich verfalle denselben Mustern. Wenn ich unruhig bin, irre ich. Wenn ich sehnsüchtig bin, erkalte ich. Ich bin freilich unvollkommen und stets unvollendet.

Also, zweiunddreissig Jahre. Mein kleiner Zirkel, verstreut lebend, aber ausm Mittelland stammend, teilt mein Schicksal. Wir müssen resümieren. Wir müssen schlussfolgern. Wir müssen neue Lebensabschnitte riskieren. Wir können nicht weiterhin uns im Tag verwirklichen, sondern müssen allmählich das Gross-Ganze planen.

Denn wir vergehen allmählich. Ich muss mich beeilen. Ich erlebe nun nochmals dreissig Jahre ähnlicher Blüte, mit hoffentlich höherem Nettoeinkommen. Doch der körperliche Zerfall limitiert die Schaffenskraft. Bald beansprucht mich eine kleine Tochter. Das Leben hier in Basel fordert. Die Firma will auch, der kleine Zirkel, der Master, alles will mich.

Ich spüre bereits jetzt, dass mir die Momente fehlen, dass ich zurücklehnen und entspannen kann. Ich flüchte stattdessen ins Velo. Ich werde tausende Franken in ein überschickes Elektrovelo investieren. Damit durchlüfte ich bloss, aber hintersinne damit nicht. Du kannst nicht nachdenken, wenn du radelst, wenn der Sport alles überdeckt.

Sport ist keine Lösung, Sport ist bloss Eskapismus, gleichwertig wie Alkohol, ebenfalls mit Nebenwirkungen, es könnte mich ebenfalls töten. Aber im Sport vergesse ich, muss nichts nachdenken, weil ich nicht kann, weil ich mich nicht konzentrieren kann. Meine Hirnaktivitäten werden aufs Wesentlichste reduziert. Ich funktioniere.

Doch mit zweiunddreissig will nicht nur funktionieren. Ich will diesen Blog weiterhin nutzen. Ich muss begreifen, dass ich trotz Familie weiterhin Zeit reservieren sollte: für die gewisse Stille, für die gewisse Einsamkeit, nicht die velofahrende Hast, nicht die alkoholisierte Manie, keinen Betrug bitte.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Mit mir selber

Ich beschäftige mich bevorzugt mit mir selber. Ich habe früher schon stundenlang gespielt, meine Legowelten erschaffen, darin Geschichten erzählt. Niemand konnte je teilhaben, niemand liess ich teilnehmen. Ich war Schöpfer meiner eigenen Welt. Niemand konnte mich beeinflussen, mich stören oder sonstwie verändern.

Später erschuf ich virtuelle Welten, grossartige Netzwerke, Verbindungen. Gemeinnützige Server, liberale Ideen; ich lebte einen gewissen internationalen und digitalen Idealismus vor. Ich war aber ziemlich alleine physisch. Niemand verstand, was ich dort tat. Ich traf mich selten mit diesen virtuellen Personen.

Ich konnte ihnen bloss in Basel und Bern und Brugg begegnen, allesamt fern meiner Heimat Olten. Ich war in den virtuellen Welten ein Meister, ein Schöpfer; ich war mit mir selber beschäftigt. Ich konnte stundenlang basteln, mit Ports und Konfigurationen experimentieren, einen kleinen Cluster errichten, Netze knüpfen. Und so weiter.

Ich war alleine, ich war auch glücklich. Dasselbe in der Sexualität. Ich kann mich selber perfekt steuern. Niemand kann das so gut wie ich. Ich kann voraussagen, wann ich komme, wie ich komme. Ich kann meine eigene Sexualität kontrollieren. Ich hänge nicht von der Erfahrung oder vom Können einer Drittperson ab. Manchmal ist das einfach besser.

Oder ich träume alleine. Ich kann meine Träume nie teilen. Sie sind nicht teilbar, weil ich sie (noch) nicht richtig artikulieren kann. Irgendwann kann ich sie ausdrücken, ich kann sie der Welt zugänglich gestalten. Doch bis dahin bin ich einsam damit. Ich erprobe Kunstformen, um diese Visionen und Träume zu vergegensächlichen. Bislang vergebens.

Ich kann einfach zurücklehnen, irgendwohin starren und dann alle Gedanken rasseln und purzeln lassen. Ich kann so stundenlang verweilen, gedanklich hoch und hinabsteigen. Ich phantasiere dann von anderen Zeiten, ich erweitere meinen Lebensentwurf. Ich bin dann einfach froh, glücklich. Diese Momente kann ich leider nicht vermitteln.

Leider ist letztlich Vieles niemals oder schwer vermittelbar. Die Kunst war stets ein Ausdrucksmittel einsamer Stunden. Man wollte Gedanken, Phantasien, Gefühle, Ideen kommunizieren. Oftmals misslang das Anliegen, man verstand selten, meistens missverstand man bloss. Man konnte stets überinterpretieren, verfälschen.

Das viele mit-mir-selber allerdings hat aber den Effekt, dass ich mich zu oft bloss auch mich selber drehe und meine Mitmenschen vernachlässige. Alleine dieser Blog nährt meinen kleinen Narzissmus. Doch ich muss, ich war schon immer so. Ich muss irgendwie überleben, irgendwie auch mich selber überlisten – mich selber.

bd

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Ich kiffe nicht

Ich meide Drogen, die ich nicht kontrollieren kann. Ich bevorzuge üblicherweise Alkohol. Doch früher konsumierte ich auch Marihuana, das robuste und zähe und hier heimische Kraut. Das meine Generation entfesselte, das gleichzeitig beinahe legalisiert wurde, das die gesamte Freizeitkultur steuerte.

Alle waren kiffend. Der Tag war kiffend strukturiert. Zunächst musste man Gras beschaffen. Dazu konnte man entweder in die liberalen Kantone reisen oder selber anbauen. Ich fuhr viel ins Baselbiet. In Sissach versorgte ich mich bevorzugt, notfalls auch in Olten. Aber dem Oltner Shit misstraute ich – wie die meisten.

Anschliessend musste man sich zum Kiffen verabreden. Kiffen vernetzte, verstärkte soziale Bindungen. Die weiteren Aktivitäten umrahmten bloss das Kiffen; Kiffen war stets Primärzweck. Surfen, Boarden und Skaten durften das Kiffen begleiten; gerne auch das Knutschen oder Vögeln oder Saufen.

Am nächsten Tag wiederholte sich das Muster. Der Kiffeffekt war bei mir auch stets derselbe. Eigentlich war er sehr unangenehm. Das Kiffen verstörte mich. Denn das Kiffen intensivierte meine Sinne. Eine Zugfahrt konnte mich durchschütteln. Weil ich spürte jede Beschleunigung, jedes Bremsen, jedes Ruckeln.

Ich fühlte mich der Umwelt ausgeliefert; kein Schutzschild schirmte mich. Die Umwelt durchdrang mich, wehrlos und nackt war ich. Nicht bloss die Umwelt, auch die Musik bewegte mich, lenkte meinen Sinne und meine komplette Gemütslage. Die Musik konnte mich aufhellen oder verstimmen. Sie kontrollierte mich.

Zusätzlich beeinflussten mich die Menschen meiner Nähe. Ich spürte ihre Gegenwart, ihre Gefühle, ihre Gedanken. Ich konnte vorausahnen, was sie erzählen würden. Ich fühlte mich entlarvt, gleichzeitig schuldig, dass ich sie so intensiv wahrnehmen konnte. Das würde nämlich besagen, dass ich sie bislang ignoriert habe.

Das alles überreizte mich. Meine Mechanismen waren ausgehebelt, mein System aufgeflogen. Ich war schutzlos. Ich konnte mich nicht wehren, ich funktionierte und diente gewissermassen bloss noch. Ich habe mich dem Endzustand tiefster Ohnmacht genähert. Die Vorstufe einer zeitlosen Gleichmut.

Das verursachte Unbehagen. Wenn Menschen spüren, dass sie die Selbstbeherrschung verlieren, und zwar im vollsten Bewusstsein wie anfänglich an Demenz Erkrankte, dann kann das einen verzweifeln. Ich wollte zwar ankämpfen, ich wollte mich zwar mässigen, mich disziplinieren, doch meine Selbstbeherrschung versagte.

Ich habe mitm Kiffen aufgehört, weil das Kiffen mein Selbstsystem, meine Selbstfunktion, meine Selbstkontrolle, meine Selbsteinschätzung unterminierte. Ich kann besser funktionieren, besser sozial interagieren, einfach besser sein, wenn ich nicht kiffe. Ja, ich hadere dann weniger, ich zögere weniger.

Ich will nicht als gesellschaftlichen Problemfall ausgemustert werden. Deswegen kiffe ich nicht mehr. Deswegen schule und trainiere ich meine Selbstbeherrschung. Gewiss verweigert sie manchmal Gehorsamkeit, sie missfällt im Ausbruch, in der Verschwendung, in der Beschleunigung; meine Selbstbeherrschung ist ein lebenslänglicher Kampf.

Lebenslänglich muss ich balancieren, muss ich mich wieder erinnern und immer wieder zähmen. Ich muss mich disziplinieren. Ein Joint kann die jahrzehntelange Aufbauarbeit verpuffen. Mit einem Joint kann ich alles und jeden wieder verlieren. Mein System ist und bleibt verletzlich, jederzeit kann alles zusammenstürzen. Willkommen.

bd

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Zu viele Brüste

Das Geschlecht identifiziert uns. Fickend wissen wir wieder, wer wir sind. Der Fortpflanzungstrieb dominiert unser Leben. Sobald die Jahreszeit es erlaubt, flanieren und vergnügen wir uns erneut. Wir kultivieren unseren Geschlecht; wir präsentieren unsere Titten, Ärsche, unsere Bretter und Hoden.

Eine Industrie des Kultes begleitet uns. Sie stimuliert und inspiriert uns stets. Wir optimieren unseren Körper, wir steigern unsere Wettbewerbskraft. Wir vernetzen uns gezielt, wir knüpfen die richtigen Gesprächsfaden, wir wetteifern stets. Wir überbieten uns, wir überhöhen uns. Wir alle wollen bloss geliebt werden – und ficken.

Ich verweigere mich nicht. Ich spiele mit. Ich kann mich nicht immunisieren. Ich bin ebenso übers Geschlecht geprägt. Ich muss mein Glied in einen empfangenden Frauenmund schieben. In der Zwischenzeit beobachte ich den knapp verdeckten Busen, die joggenden Bald-Muttis, die schwangeren Vollfrauen, die bemüht Studierenden.

Ich möchte mich zuweilen auch kostümieren, mich inszenieren als angesagte, begehrenswerte oder erfolgreiche Persönlichkeit. Mich mit akzeptierten Hobbys schmücken, mit gut ausgestatteten Freunden zieren. Irgendwie etwas simulieren erneut, um damit meinen Durchschlag zu maximieren. Aber stattdessen verzichte ich.

Ich betrinke mich. Ich erwarte nichts. Ich will nichts. Ich will keine Brüste mehr sehen, ich will nicht mehr kämpfen müssen. Ich bin einfach ermüdet. Ich sehne mich nach Ruhe, Normalität einerseits, nach Unruhe, nach Wildheit und Exzess andererseits. Irgendwas dazwischen zerreisst mich. Was fehlt mir bloss?

bd

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Hoch hinaus, aber vergebens

Ich will alles verspielen, alles riskieren, gewinnen oder verlieren. Ich bin ein kleiner Spieler, unanständig, unbändig, ich möchte nicht verharren, ich möchte nicht warten und mich langweilen. Ich wünsche mir die Gefahr, die Auseinandersetzung; die Geschwindigkeit. Ich provoziere die Lust, ich vergesse alle Konsequenzen. Ich will leben ohne Folgen.

Ich missachte Geschlechtskrankheiten, ich verneine Schwangerschaften, ich leugne meinen Körper. Ich ruiniere meine Finanzen. Ich verprasse und verschnelle. Ich kann in diesem Zustand selig und endlos werden. Ich kann mich nicht anders mässigen als darin, mich stets wieder zu entfesseln. Ich will ausbrechen.

Doch letztlich züchtige ich mich selber. Ich bin längst erloschen, ich bin längst bürgerlich erwachsen. Mein Leben ist ziemlich routiniert und geregelt. Ich besiege keine Feinde, kämpfe keine Kriege, ich erobere keine Frauen. Ich kann mich höchstens täglich betrinken, meinen Umsatz marginal erhöhen.

Ja, mein Leben ist quasi erschöpft. Ich befremde mich in Illusionen, dass ich mich und das Leben ändern könnte, dass ich Welten entdecken, Geheimnisse lüften und so weiter könnte. Ich simuliere mir einen Zauber, wo alles entzaubert ist. Letztlich kann ich bloss fristen, bis ich die nächste Stufe der Gesetztheit erreiche.

Kein Stattdessen vertröstet und befriedigt mich. Ich lebe in einer grösseren Stadt, keine Weltstadt zwar, aber mindestens anständige Grossstadt gemäss schweizerischen Perspektive. Ich bewohne eine seriöse Altbauwohnung, ich teste das Abenteuer Vaterschaft, ich investiere in Beziehungen. Ich habe ein Unternehmen begründet.

Ich bin aber nicht der Meinungsträger, der Schriftsteller und Liebling der Massen geworden. Ich werde teils geliebt, teils gehasst. Ich bin umstritten; manche möchten mich töten, ausschlachten, andere ehren und schätzen mich eben so wie ich bin. Mein impact und reach sind unbedeutend im lokalen wie globalen Kontext. Tja.

 

bd

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Frühlingsschlaf

Ich möchte mich nicht wiederholen, ich möchte nicht wieder diese Sommerfrische beklagen, die kurzen Röckli bedauern, das Ableben als weltfremder Altherr beweinen, mangelnde Potenz attestieren, letzte Vitalität im Alkoholkonsum verorten. Nein, ich müsste nicht die Muster repetieren, ich möchte mich nicht selber langweilen.

Doch ich bin ziemlich herausgefordert. Ich pausiere an den bekannten Promenaden meines Wohnortes. Ich will mich konzentrieren, ich will arbeiten, mich weiterbilden. Doch ich werde abgelenkt. Das frühlingsfrische Leben belästigt mich. Die Menschen verabreden sich, sie wetteifern, sie stählern ihre Wettbewerbskraft.

Ich? Ich warte, ich müsste meine Sinne fokussieren. Doch die fruchtigen Brüsten, die wehenden Kleidli, die gesunde Gesichtsfarbe, die erwartungs- und verheissungsvollsten Augen müssen jeden Altherren aufs Neue traumatisieren. Wenn nebenan die Jugend wegzischt, das Leben auskostet, man selber aber verdurstet, dann darf man verzweifeln.

Ich möchte das nicht auf mich übersetzen, aber ich muss darüber berichten. Ich identifiziere mich mit den Kellerkindern meiner Art, die einsam, aber irgendwie verschworen der Welt trotzen und damit Widerstand leisten. Wo verstecken sich die Einsamen, die Hässlichen, die Ungefickten, die Gestressten? Wo sind sie bloss?

Vermutlich überfordert mich die Vielfalt der grossen Stadt. In Olten war alles einfach; kaum Konkurrenz, kaum Weiblichkeit, kaum Reize. Alle kannten alles. In Basel allerdings strotzt die Lebensfreude. Eine gewisse Internationalität verjüngt das Schweizertum; begüterte Südamerikanerinnen, die frontal flirten. Unvorstellbar in Oltens Nicht-Nacktbars.

bd

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Kein Hobby

Ich kann mich nicht entscheiden, wie ich mich weiterhin ausfüllen soll. Welche Hobbys soll ich anstreben? Bald erwarten mich väterliche Pflichten. Bald muss ich mich um mein Studium kümmern. Und irgendwann meinen Master abschliessen. Irgendwie. Und meine Firma verlangt Aufmerksamkeit. Ich kann also kaum Hobbys intensivieren.

Stattdessen vertrödle ich meine Zeit lustvoll. Ich möchte nicht mich beüben. Ich geniesse, wenn ich meine Zeit vergeuden kann. Ich liebe die Verschwendung, ich liebe die Verausgabung. Und das feiere ich privat, wo ich nur kann, wo ich es mir leisten kann, wo ich niemanden verletze oder verärgere.

Denn ich kann selber gebieten, wie ich meine rare, vergängliche, meine bald schwindende Freizeit investiere. Ich muss mich nicht einmal rechtfertigen. Ich habe mich entschieden. Ich kann in Parks weilen, die Mütter beobachten, ich kann in Olten ausgehen, meinen dortigen Status zelebrieren, ich kann meine Drohne ausreiten.

Ich bin privilegiert derzeit. Ich habe bloss die anfänglich genannten Pflichten. Ich muss glücklicherweise nicht um mein Überleben bangen. Ich bin relativ entspannt. Ich muss mich auch nirgends behaupten, ich muss niemanden mit exklusiven Hobbys beeindrucken. Ich muss meinen Selbstwert nicht mit Extremsportarten steigern.

Das beruhigt ungemein. Ich spare damit Geld und Zeit, die ich gerne anderweitig verschwende. Nämlich in maximaler Unproduktivität; in Abhängen, in Abkacken, in Alkohol, in Blödeln, in Palaver, in Sinnlosigkeit. Weil ich kann und möchte, weil ich damit mich regeneriere. Damit ich morgen wieder ernsthaft sein kann.

Damit ich morgen wieder den Widerspruch leben kann. Als Grenzgänger, als Zwischenwesen wandeln, sodass ich mich spüre, sodass ich mich vergewissere, dass ich lebe, auch wenn ich mich damit verletze und damit erneut Kredit verspiele. Doch tue ich es nicht, sterbe ich. Dann schlafwandle ich bloss noch.

bd

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Die ländliche Mutter

Irgendwie verehre ich die bodenständige, die vitale und energische Mutter, die aufm Land lebt, täglich kocht, die Kindchen füttert, das Heim umzäunt. Ja, irgendwie. Ich weiss nicht, ob meine Melancholie herausbricht. Ob ich damit mein Unbehagen mit der dekadenten, entfremdeten, auf Asphalt errichteten Zivilisation ausspreche.

Ein bäuerlicher Dialekt, ein hängender Busen, das ungekämmt-gezähmte Haar. Kaum geschminkt, eine zu tief sitzende Hose. Eine zweckmässige Kleidung, ein beruhigter, abgeklärter, weil geerdeter Blick; dunkle Augen. Das Haar leicht gewellt, bald angrauend. Die Latschen von Adidas. Oder so idealisiere ich die ländliche Frau.

Die Mutter ist roh, aber fürsorglich. Sie kann zupacken. Sie kann entscheiden, sie kann weinen, sie kann lachen. Sie lebt, weil sie mit den Jahreszeiten den bescheidenen Garten hegt. Sie ist nicht antiintellektuell, sie ist interessiert, doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Sie befürwortet gewiss den (städtischen) Atomausstieg.

Sie ist nicht kalt, sie erwärmt jeden. Auch Fremde. Sie öffnet Türen, sie verurteilt und verachtet nicht. Sie würde niemals sich überhöhen. Im Gegenteil, sie krüppelt mit grösster Demut. Sie verzeiht stets, sie erbarmt. Sie glaubt offensichtlich ans Gute des Menschen; deswegen verleiht und verschenkt sie wie sie kann.

Sie verausgabt sich mit unendlicher Mutterliebe. Man kann sie kaum ausschöpfen. Sie wird ihre Kindchen stets unterstützen. Sie wird nicht über eine vermeintlich falsche Berufswahl lamentieren. Sie wird keine Matura forcieren. Sie appelliert an Glück, Eigenverantwortung und Selbstzufriedenheit. Sie spart.

Gewiss kann man mit dieser Mutter keine Weltreiche errichten, man kann keine fremden Länder ausbeuten, minderjährige Kinder unterentwickelten Ländern schänden; man kann keine Wirtschaftskriege entscheiden. Man kann stattdessen ein Haus bauen, man kann Glück konservieren, man kann die Brut wärmen.

Ich kann kein Heimchen aushalten. Finanziell durchaus. Ich bin ein Grenzgänger. Ich kann die ländliche Sehnsucht nachempfinden, aber ich kann und will sie nicht verwirklichen. Ich kann mich diesem Agglomerationsideal nicht anfreunden. Ich kann nicht plötzlich mich in ein Einfamilienhaus zwängen. Gut, muss ich nicht.

bd

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Die Geschichte unseres Freundes B.

Es fällt mir manchmal alles so einfach, es fällt mir alles in die Hand. Ich fühle mich wie ein Hochstapler. Mir gefallen Hochstapler. Mir gefallen Aufstiegsgeschichten. Ich möchte die Geschichte weiterschreiben. Ich möchte aber nicht meine eigene missbrauchen, mein Leben zum Katz inszenieren, mein Umfeld damit verletzen.

Also möchte ich die Geschichte eines Sohnes meiner Heimatstadt erzählen. B. wuchs an der Ziegelfeldstrasse auf. Damals eine vielbefahrene, stickige und lärmende Kantonsstrasse. Der ferne Kanton verantwortete den Unterhalt. Doch der klamme Kanton musste gerade seine Kantonalbank an den Bankverein verschachern. Er musste dringendst Liquidität sichern.

Unser Freund B. besuchte die Primarschule im Bannfeld. Er hat sich sozial integriert, spielte Caps, konnte mitm Ball einigermassen jonglieren, konnte aufm Gerobaum 3 neben den blauen Matten die erste Schwierigkeitsstufe erklimmen. Im Stafettenlauf konnte man sich auf ihn verlassen. Er dominierte aber nicht alle Disziplinen; er konnte zweckmässig sich einreihen.

Während den kleinen Pausen spielten die Buben Rondo, die Mädchen versteckten sich am Weiher und tratschten. Eines Tages verspätete sich B.. Vermutlich war er erkrankt. Auch nach zwei Wochen fehlte B.; sein Meerschweinchen wäre längst verhungert, sein Absenzenheft längst gefüllt. B. war verschwunden.

Noch ein Woche später salutierte der Schulpsychologe R., der Mann fürs Grobe. Wenn Kinder sterben, untertauchen oder weggeschafft werden, durfte R. die Geschichten verpacken, versüssen und als Stellvertreter den Bannfeldern vermitteln. R. war angespannt, R. hatte seinen Notizblock geöffnet. R. trug langes, aber bereits ergrautes Haar, das er locker zum Schwanz zusammenband.

In der Freizeit penetrierte R. die Klassenlehrerin der 2A. Manchmal küsste R. sie leidenschaftlich im Klassenzimmer. Die Mädchen am Weiher konnten die spontane Intimität beobachten; vermutlich hat sie das Ereignis vergrault. Seitdem kultivierten sie eine Keuschheit, die erst der sanfte Drogenkonsum mit 16 in Frohheims Veloparkplätzen sprengte.

Der gewohnt nervöse Schulpsychologe R. verliebte sich in Palavern, in Unschärfe, bis endlich er nach gefühlt dreissig Minuten verkünden durfte, dass der Kollege B. vorläufig ausfalle. Der Kollege B sei verunfallt, tragisch verunfallt. Doch niemand müsse sich sorgen, B. werde genesen und bald dem Unterricht teilnehmen.

Kein Thema, denn bislang war B. nicht aufgefallen. Sein Leben schien bislang unspektakulär. Eine solide Mittelklasse, weder zu gut noch zu schlecht, weder zu beliebt noch zu unbeliebt. Ein Kind ohne Eigenschaften. Wie so oft im angepassten Mittelland, einer Gegend ohne Identität, bloss die Aare, die Jurasüdfusslinie und die A1 sowie A2 verbinden.

Doch der Unfall erweckte B. Das war sein Erlebnis. Denn seitdem hat er sich geschworen, dass er nicht in Mittelmässigkeit fristen werde. Er werde sich niemals mit einer gewöhnlichen Anstellung begnügen. Er werde immer nach Höherem, Weiterem und Schnellerem streben. Er werde niemals bremsen, er werde sich ganz der Beschleunigung hingeben.

Damit war ein gewisser Futurist entschlossen, sein noch unschuldiges und junges Leben komplett zu verändern. Seine Herkunft, seine Abstammung jedoch verweigerten das sorglose Leben; ein Leben in einer Bildungsbürgerblase. Wo man mittags über Manieren feilscht, abends über den zweiten Bildungsweg der Altersgenossen schnippt.

Der Intellekt war unschuldig, die Prinzipien der schweizerischen Leistungsgesellschaft, die keine Schöngeisterei toleriert, höchstens als Dandy und als Erbreich, waren noch nicht durchgedrungen. Die Eltern sprachen nicht einmal Hochdeutsch, sie waren kürzlich eingewandert, Ausländer niederen Ranges, rechtlich den deutschen Fachkräften gleichgestellt.

Überdies waren sie schwarz. Damit waren sie ohnehin stigmatisiert. Nicht unbedingt an der Ziegelfeldstrasse, dort waren sie eine schweigende Mehrheit. Doch im Kontext der schweizerischen Leistungsgesellschaft waren Schwarze seltene Gäste. Es sei denn, sie parkierten Blutmillionen auf Nummernkonten der Bankgesellschaft.

In den USA verkündete der eine Bill den zweiten Haushaltsüberschuss, der andere Bill revolutionierte die damals sogenannte old economy. Apple musste gerettet werden. Die jüngsten Rassenunruhen waren in den prosperierenden Endneunziger wieder vergessen und in der allgemeinen Millenniumseuphorie übertüncht.

In diesem Kontext wollte B. sein Leben reformieren. Nach einem halben Jahr kehrte B. zurück. Wieder zurück. Er humpelte noch, doch innerhalb eines Jahres war er komplett wiederhergestellt. Die Narben zeugten zwar noch von einem Schicksalsschlag, doch sie waren bloss den Eingeweihten und Suchenden sichtbar. Der erste Sieg.

Sobald Menschen die Vergänglichkeit ihres Seins zu spüren bekommen, sobald sie bemerken, dass sie begrenzt sind, sobald sie ihr Potential endlich einordnen können, sobald sie begreifen können, dass die Schweiz sozial sehr durchlässig, sehr flüssig ist, dass Herkunft, Hautfarbe einen nicht stoppen können, dann werden sie entfesselt.

Unser Freund B. schien seitdem wie entfesselt. Rasch steigerte er seinen Notendurchschnitt. Die gewohnt entspannten Klassenbesten mussten sich plötzlich sorgen. Sie liessen den Aufsteiger aufm Nachhauseweg einschüchtern. Sie bannten ihn aus dem Klub der angesagten Kinder. Er war nun unheimlich geworden. Weil er beanspruchte Chancengleichheit.

Das überraschte in der Tat seine Zeitgenossen. Die ersten näherten sich an, sie verbrüderten sich. Leidgenossen. Sie vereinigten sich, um anderen zu schaden. Sie wollten Aufmerksamkeitskartelle bilden. Sie wollten sich verständigen, sicher fühlen, sie wollten einen Heimathafen für ihre Operationen. Wir alle brauchen Freunde.

Unser B. hat sich nun Freunde klug ausgesucht. Er hat sich gezielt zwischen Freundschaften gestellt. Er hat Gefälligkeiten ausgetauscht, er hat anfänglich gewiss mehr spendiert, doch später dezent seine Ansprüche eingefordert. Er hat stets kalkuliert; kein Grüssen war mehr zufällig, kein Geschenk unbedeutend oder unpersönlich. Alles war eingeplant.

Damit verlieren menschliche Beziehungen ihre Unschuld. Sie werden beliebig, weil verhandelbar. Sie werden in letzter Konsequenz durch Geld ersetzt. Doch wir sind ohnehin alle verhandelbar; wir alle können spontan einen Preis nennen, der uns befeuert, der uns unsere Mütter töten lässt. B. kannte den Preis seiner Mutter gut und erhöhte ihn jährlich.

Nach einigen Jahren war abgesichert. Er hat sich mit einigen einflussreichen Persönlichkeiten vernetzt. Der eine mauserte sich zum erfolgreichen Jazzmusiker, der die grossen Bühnen der grossen Städten bespielte. Der andere zum lokalen Anwalt für Arbeitsrecht. Eine andere Investition war ein respektierter Kantonspolitiker.

Er arbeitete hart, er finanzierte sich selber eine Matura. Er startete ein Hochschulstudium, das er erfolgreich absolvierte. Er bezeichnete den Zürcher Kreis 1 zeitlang als seinen primären Wohnsitz. Er kleidete sich wie die jungen Schnösels Münchens oder Hamburgs. Er verfeinerte den Stil mit dem dezenten Zürcher Schick, der erst für Eingeweihte auffällt.

Er bereiste Südafrika, Israel und die Westküste so wie als eine gesamte Generation tat. Er inszenierte sich weltgewandt, weil er die neuesten Cocktails aus den lokalen Reiseführern rezitieren konnte. Weil er übers Essen und Wetter parlieren konnte. Er war Schwiegermutters Traum, auch gerade wegen seiner ungewohnten Hautfarbe.

Doch in den Endzwanziger harzte seine Karriere. Die meisten Menschen konsolidieren in den Endzwanziger ihre Beziehungen, ihre sozialen Kreise. Danach bilden sie bloss noch Zweckgemeinschaften wie Ehe, Nachbarschaft oder Kindesbekanntschaften. Die Menschen fokussieren sich auf einen primären Kreis, ersten Kreis.

Unser Freund B. hat aber seinen primären Kreis versäumt. Er hatte komplizierte Tauschbeziehungen gestrickt. Doch diese verursachten einen unökonomisch hohen Aufwand. Die Ertragsseite war immer schmäler geworden. Der Prozess war schleichend, doch plötzlich war der soziale Bankrott nicht mehr abzuwenden. Er hatte sein Sozialkapital verspielt.

Gewiss grüsste man noch in Oltens Lokalen. Man kannte sich schliesslich. Wenn man nicht gerade den lokalen grossen Boss beleidigt, kann man entspannt tanzen, trinken, sich vergnügen und Mädchen fingern. In Zürich, der zeitlang primäre Wohnsitz, konnte er sich nicht durchsetzen. Die grosse Konkurrenz konnte er nicht in der Jugend einlullen und verketten.

Dort konnte seine Beziehungsmasche sich nicht verfangen. Er fütterte seinen Zürcher Status bloss mit Oltner Nachschub, Zuzügler. Als dieser endete, verflüchtigte sich sein dortiger sozialer Stand. Gewisse Arbeitskollegen konnte er mit Gefälligkeiten über einige Monate retten. Ein letzter Auftrag eines Oltners finanzierte ihn noch für einige Monate.

Irgendwann konnte er nicht mehr überleben. Er hätte sich zwar anstellen lassen können. Er hätte sich in einem Konzern verdingen lassen können. Doch das war nicht mehr genehm. Er suchte die Herausforderung der Gründerszene. Nicht der Alltag. Sondern das Prestige. Nicht das Prestige einer UBS. Nein, das Prestige eines Startups.

Also war er erneut entschlossen. Er war entschlossen zu glauben, dass die Schweiz ihn beenge und einschränke. Also auf nach Berlin. In die wirklich grosse deutschsprachige Stadt. Wo everything goes, wo man neue soziale Netzwerke gründen kann. Wo man wirklich noch etwas bewegen kann. Wo alle bisherigen Beziehungen vergessen kann. Wo man neustarten kann.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Was geht mit Frankreich?

Frankreich wählt. Ich gestehe, ich habe das Land nicht gross bereist. Ich bin kaum auskunftsfähig. Ich könnte über den Stadt-Land-Konflikt schwadronieren, ich könnte das Charisma der Tat beschwören, ich könnte irgendwas ausm Archiv buddeln und mit Frankreich vermengen. Ich könnte Paris der Dekadenz bezichtigen. Ich könnte.

R. war kürzlich dort. Dessen Lebensgefährtin stammt aus der Bretagne, eine für mich fremde Gegend; davon ist der Atlantikwall eine dumpfe Ahnung, angrenzend soll auch Mont Saint-Michel überragen, vermutlich eine begehrliche Trouvaille dort. Ich verstehe Frankreich nicht. Ich habe die Sprache verlernt. R. beginnt sie zu beherrschen.

Ich verstehe aber, wenn die Menschen protestieren, wenn sie Widerstand leisten. Sie kompensieren das grosse Unbehagen mit der Kultur. Wir erleben eine Politik der Zeichen. Seit einigen Jahren ist sie offensichtlicher geworden; die toten französischen Philosophen können posthum doch noch triumphieren.

Doch Frankreich hat weitaus grössere Probleme als das schlichte und allgemeine Unbehagen, das derzeit viele Menschen irritiert und ergreift. Frankreich ist meines Erachtens degeneriert, verklemmt und hat zu viel in Elitenförderung investiert; zu viele staatliche Akademien und Hochschulen; eine zu fette Kulturindustrie.

Doch zu wenig Fachschulen, zu wenig Risikokapital, zu wenig flexibilisierte Arbeitsmärkte, zu wenig schlanke Prozesse und Organisationen. Irgendwie ist alles vermodert. So jedenfalls poltern wir am Stammtisch. Das sind für uns die Welschen. Wir attestieren ihnen mangelnde Sekundärtugenden. Dass Frankreich bald einen Schlächterin bestimmt, überrascht also nicht. 

bd

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