Month October 2016

Die bedingungslose Liebe

Bedingungslos zu lieben bedeutet, dass man liebt, ohne dass man die Liebe an Bedingungen knüpft. Dass ohne deren Erfüllung keine Liebe mehr fliesst. Dass wahlweise Liebe man minimiert oder sofort entzieht. In der Praxis aber koppeln wir Liebe immer mit Bedingungen. Wir sind so konditioniert.

Beispielsweise belohnen die Eltern ein gutes Benehmen eines Kindes mit Liebe, bestrafen andere, vermeintlich ungünstige oder anstössige Verhaltensmuster mit Liebesentzug; mit Ignoranz oder Ablehnung. Das Kind lernt, das Kind lernt sich anzupassen. Das Kind schliesslich verinnerlicht solche Muster.

Also verzahnen auch wir Erwachsenen Liebe mit allerlei Bedingungen. Der Partner muss sich ansprechend kleiden beispielsweise. Der Partner muss mindestens eine gewisse Grösse überschreiten. Der Partner muss täglich uns Komplimente herantragen. Der Partner muss uns stets bestätigen und nicht hinterfragen. Und so weiter.

Die grösste Bedingung allerdings ist, bloss so viel zu lieben wie man geliebt sich fühlt. Man steuert seine eigene Liebesintensität aufgrund einer ohnehin vagen und fragilen Wahrnehmung einer Liebesintensität eines Partners. Man reguliert die Liebe aufgrund schlichten Annahmen, die nicht reproduziert werden können.

Ich empfehle, bedingungslos zu lieben. Zwar riskiert man damit, dass die Liebe entweder nicht oder nicht ausreichend erwidert wird. Oder dass man einen Liebesamok läuft; blind herumliebt und -tollt, ohne Resonanzen zu berücksichtigen. Aber man spielt keine undurchsichtigen und nicht formalisierten Spielchen.

Man quält den Partner nicht. Man erleichtert, vereinfacht das eigene Liebesleben. Man verkompliziert nicht seine Gefühle. Sondern liebt einfach. Ohne Widerrede, ohne Bedingungen. Und das ist irgendwie schön in einer von Liebe armen Welt.

bd

Ich seiltanze zwischen bürgerlicher und antibürgerlicher Existenz. Mit diesem Blog versuche ich mein Gleichgewicht zu halten. Ich stamme vom Mittelland.

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Angststörung nach negativem Feedback

Manchmal fürchte ich mich vorm Scheitern. Daher beginne und starte und wage ich nicht und nichts. Ich zaudere und hadere. Ich riskiere nichts. Ich übertreibe nicht. Ich investiere nicht. Ich warte bloss, ich friste. Ich hoffe, dass der andere mich führt. Ich kenne mein Muster. Ich vergleiche das mit der Schule.

Du bist vorwitzig, beantwortest eine Frage eines Lehrers. Aber leider irrst du. Fürderhin schweigst du. Du willst dich nicht mehr exponieren. Dein Fehler beschämt dich. Du bevorzugst also die Passivität und harrst, bis jemand dich wieder auffordert, deine Meinung kundzugeben.

Manchmal fühle ich mich auch so; in gewöhnlichen wie ungewöhnlichen Alltagssituationen. Ich fürchte mich momentan vor einer gewissen Annäherung. Aber eigentlich müsste ich mich annähern, um Gewissheit zu erlangen. Denn wie bei einem Aidstest muss im positiven Falle der Test wiederholt werden.

Ich muss also meine Versuche repetieren, mindestens dreimal, bis ich mich vergewissern darf. Bis ich mich festlegen darf, dass ich gescheitert bin. Ich gebe manchmal zu rasch auf. Manchmal auch nicht. Aber manchmal eben schon. Immer wenn ich direktes, negatives Feedback erhalte, das mich berechtigterweise bemängelt.

Ich will mir hiermit Mut einreden, dass ich meine Versuche nochmals starten solle. Gewisse Versuche stapeln sich im Backlog. Sie erinnern mich an meine eigene Unzulänglichkeit in einer Domäne, die mir zuvor ziemlich zugewandt und vertraut schien. Bevor ich also kapituliere, billige ich mir noch eine weitere Chance.

Direktes Feedback hin oder her. Das vermeintlich negative Feedback soll mich nicht einschüchtern. Sondern anspornen, mich zu verbessern, mich zu ändern. Es soll mich nicht deprimieren. Es soll mich nicht hemmen. Schliesslich tüftle ich auch beruflich solange, bis ich glücke. Wieso nicht auch privat?

bd

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Wie dominant bin ich?

Dominiere ich? Oder werde ich dominiert? Beeinflusse ich? Oder werde ich beeinflusst? Ich kann’s nicht abschliessen. Leider bin Sowohl-Als-Auch. Und leider gleichzeitig. Ich kann dominieren, werde aber gleichzeitig dominiert. Ich kann beeinflussen, werde aber dadurch gleichzeitig beeinflusst. Ich kann’s nicht eindeutig klarstellen.

Man attestiert mir einen gewissen Hang zu leicht dominanten Frauen. Das bestätige ich. Ich bevorzuge keine reinen Subs. Ich mag fordernde Frauen. Sie dürfen mich gerne zuweilen auch überfordern. Sie dürfen meinen Grenzen und Möglichkeiten ausreizen. Sie dürfen mich durchaus begrenzen. Sie dürfen mich spüren lassen, dass ich menschlich bin.

Ich möchte niemanden, der mich pausenlos überhöht, vergöttert, anbetet oder alles tut. Das möchte niemand. Das ist unattraktiv, sagt man und sage ich. Hier muss man ein Gleichgewicht bewahren. Man muss wechselwirken. Mal dominieren, mal dominieren lassen. Ausgleichen, ausbalancieren.

Fast alle Frauen, die ich liebte, beherrschten diese Kunst. Sie konnten einerseits mich beeinflussen, wurden zeitgleich von mir beeinflusst. Ich kann solche Situationen nicht spieltheoretisch formalisieren. Ich kann bloss meine bescheidene Literatur bemühen, um diese Wechselkräfte zu veranschaulichen, die aufeinanderwirken.

Ich schaffe eine Allegorie mittels der doppelten Buchführung. Man darf meinen Versuch belächeln. In der Liebe versagen meine Worte, obwohl alle Musik sie besingt, alle Literatur sie beschwört und alle Kunst sie abstrahiert. Die Herkunft der Liebe verbuche ich passiv, die Verwendung aktiv. Jede (Liebes-)tat muss auf der Aktiv- wie Passivseite kontiert werden.

Die Herkunft der Liebe ist ein Vorschuss; ein Vertrauensvorschuss. Ein Wohlwollen. Ein Gutdünken. Ein Verliebtsein aber auch. Jede Liebe lebt, zehrt davon, manchmal jahrezehntelang. Diese Herkunft investierst du; in die Verwendung. Das können klassische Bekundungen sein. Aber auch gemeinsame Ferien, Mobiliar, Immobilien und so weiter.

Aktiv- und Passivseite müssen stets ausgeglichen sein. Jede aktive Liebe muss also passiv finanziert sein. Aktivsein bedeutet, dass man sich dominieren lässt. Passivsein bedeutet, dass man dominiert. Und damit sein grössenwahnsinniges Ich befriedigt, das seine Umwelt, seine Natur beherrschen und kontrollieren möchte.

Eine Beziehung sollte ja positiv erfolgswirksam sein. Und nicht bloss die Aktiven oder Passiven tauschen oder eine Bilanz verkürzen oder verlängern. Das ist nicht nachhaltig, kann womöglich augenblicklich glücken. Aber so überlebt keine Beziehung. Damit eine Beziehung erfolgreich wirken kann, muss sie arbeiten.

Die Beziehung arbeitet im und mitm Wechselwirken. Sie arbeitet in der Kunst, zu dominieren und sich dominieren zu lassen. Das erwärmt, das belebt. Ansonsten verkleinert sich die Bilanz; sowohl aktiv wie auch passiv. Das verelendet die Beziehung, da die aktiven Formen der Liebe verarmen, weil sie nicht mehr passiv gedeckt sind. Sie stirbt langsam, aber stetig.

Das gegenseitige und wechselwirkende Dominieren also verjüngt, kuriert und erneuert schliesslich eine Beziehung. Man muss spüren und sich spüren lassen gleichzeitig. Manchmal nachgeben, manchmal einfordern. Entweder neue Absatzmärkte erobern oder neue Produkte der gemeinsamen Liebe entwickeln. Und stets die Liquidität achten.

Wieder zurück. Was will ich damit eigentlich aussagen? Ich will darlegen, dass ich Sowohl-Als-Auch bin. Ich bin dominant. Aber ich werde auch gerne dominiert. Weil ich überzeugt bin, dass das eine Beziehung verschönert und streckt. Man muss schliesslich stets sich gegenseitig reizen, necken und herausfordern.

bd

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Der frivole Sex-Roboter

Ich erwarte, dass die menschliche Sexualität bald befreit werde. Befreit werde vorm Zwang und Zweck der menschlichen Reproduktion. Ich knüpfe hier an Houellebecqs nurmehr möglichen Möglichkeit einer Insel. Sexualität als Antidepressiva fasziniert mich. Dass kürzlich die NZZaS über Sex-Roboter aufklärte, bekräftigt mich. Sehr schön!

Gewiss verängstigt uns, dass Sex-Roboter dereinst Perversionen befriedigen können. Perversionen, die den gegenwärtigen Konsens unserer Moral unterminieren. Ein Kinder-Sex-Roboter? Ein Würge-Sex-Roboter? Ein Keller-Sub-Roboter? Ein Analdehn-Roboter? Etliches ist denkbar, wenn man das Internetz als Referenz wertet.

Bekanntlich fürchte ich mich nicht. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Sex-Roboter den Sexmarkt disruptiv radikalisieren. Eine kleine Minderheit frönt “realen” Sex, gleichwohl ob käuflich oder nicht. Eine grosse Minderheit muss virtuellen, mechanisierten Sex tolerieren. Wir vergrössern die Zwei-Sex-Klassen-Gesellschaft, die bereits heute sich ankündigt.

Aber die Sex-Roboter können die Menschen trösten. Wir müssen gleichzeitig bloss in die künstliche Reproduktion investieren. Wir müssen endlich einen Menschenpark entwerfen und bauen. Alle Sex-Revolutionen bedingen eine verbesserte künstliche Reproduktion. Wir müssen die natürliche Auslese perfektionieren.

Ich fordere deswegen, dass wir Menschenfabriken mindestens anstreben. Gewiss werden wir noch etliche Jahrzehnte darin forschen müssen. Doch alle grossen Menschheitsprojekte sind nunmal aufwändig und intensiv. Siehe ITER oder ISS oder CERN oder UNO oder EU. Diese Projekte glückten erst Jahrzehnte später oder womöglich Jahrhunderte. 

bd

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Was verängstigt uns?

Eine Vertreterin unserer Generation bezichtigt unserer Generation, dass wir verängstigt seien. Ich mag nicht, wenn Journalisten meine Generation porträtieren. Sie kreuzen Allgemeinplätze. Sie fürchten, das wahre Wesen zu benennen, zu beschreiben, das unsere Generation geiselt. Nun ich.

Wir fürchten nichts und niemanden. Everything goes, wir fokussieren aufs Private und Persönliche. Wir wollen keine Welt retten oder verändern. Wir können ja nicht einmal unsere Liebsten beeinflussen. Wir wollen uns nicht engagieren oder bewegen. Wir wollen stattdessen konsumieren, feiern und kopulieren. Wir wollen beschleunigen.

So empfinde ich unsere Zwischenzeit. Wir können weder Utopien noch Dystopien entwerfen. Wir haben andere issues, die uns beschäftigen. Wo versündigen wir Silvester? Wohin können wir noch verreisen? Wie kleiden wir uns morgen? Wen küssen wir abends? Wo arbeiten wir im nächsten Jahr? Wem schreiben wir Kurznachrichten? Wann heiraten wir?

Wir zelebrieren den Hedonismus. Unsere Vorfahren ackerten, schufteten, krampften. Wir verprassen. Wir erleben einen einzigartigen Höhenpunkt sozialer Sicherheit, sozialer Chancengleichheit. Unsere Volkswirtschaft häuft Milliarden; uns geht’s verdammt gut. Wir müssen nichts bedauern oder bereuen. Wir müssen uns nicht sorgen.

Ich billige diese ganz futuristische Massenbeschleunigung. Wir rasen unaufhaltsam. Ich verwette mein Leben, dass wir unsere Geschwindigkeit dereinst mässigen werden. Aber nicht heute, noch nicht heute. Wir wollen Alkohol trinken und Zigaretten rauchen. Wir wollen unsere Jugend verblühen. Wir sind befeuert.

Denn wir wissen, dass die Vergänglichkeit bald uns einholen wird. Diese Zwischenzeit endet. Wir können aber keinen Zeitpunkt orakeln. Müssen wir auch nicht. Wir schmieden keine Weltgeschichte in persona. Der grosse Schirm westlicher Überlegenheit schützt unsere Lebensläufe, rechtfertigt unser Vergessen und legitimiert unseren Rausch.

Ich werde keinen Weltuntergang prophezeihen. Die Welt kann nicht untergehen. Die Menschheit wird Atomkriege, Naturkatastrophen, Selbstverstümmelungen überleben. Wir können genetisch uns aufwerten, wir können Reichtümer verschieben. Wir können Grenzen versetzen. Wir können Neuland besiedeln.

Ich kann mich nicht sorgen. Ich kann mich nicht fürchten. Ich bin weder eingeschüchtert noch verängstigt. Ich blicke erwartungsvollst und freudigst unserer und vor allem auch meiner Zukunft entgegen. Ich freue mich. Niemand muss sein Leben kastrieren, niemand muss sich einschränken. Everything goes.

bd

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Die schweizerische Egalität

Die Schweiz entstand aus der Ablehnung. Die Urschweizer verneinten die adlige Fremdherrschaft. Einige Bauer verbrüderten sich. Sie schworen Treue. Seitdem war die Schweiz unabhängig. Sie ist es formal auch noch heute. Aber die Globalisierung durchdringt alle Lebensbereiche; nivelliert Kulturen und Unterschiede.

Die Schweiz war eine wilde Horde unregierbarer Bauer. In den grösseren Städten etablierten sich scheue Patrizier. In den mehrheitlich protestantischen Städten dominierte eine beflissene Arbeitsethik. Die Handwerker regierten. Fleiss und Ordnung sind berühmte Sekundärtugenden der Schweiz.

Diese schimmern bis heute durch. Die Schweiz definiert sich durch Arbeit und Fleiss. Herkunft und Abstammung sind, sofern schweizerisch, unerheblich. Wir hatten keinen Adel, wir hatten keine obszöne Oberschicht. Niemand garantiert unseren Bundesräten einen Sitzplatz im IC von Zürich nach Bern. Unsere Politiker sind mehrheitlich Milizionäre.

Das ist eigenartig. Wir sind die perfekten Dienstleister. Wir hofieren alle Menschen, vorzugsweise die reichsten der Welt. Wir sind die produktivste und profitabelste Volkswirtschaft in der westlichen Hemisphäre. Wir finanzieren diverse Länder, unter anderem stabilisiert die SNB den gesamten Euroraum.

Ich mag die Schweiz, weil wir eine egalitäre Gesellschaft sind. Wir haben keine echten Eliten. Die Neunziger haben auch uns zwar einigermassen beeinflusst; seitdem ist Zürich nicht mehr eine biedere Bankenstadt, sondern auch für Vergnügungen, Küche und Sex bekannt. Seit den Neunziger darf man auch Schmuck öffentlich tragen.

Wir sind ein spannendes soziales Experiment. Das Experiment glückte grösstenteils. Aber ja, die Globalisierung begradigt auch uns, damit wir konformer werden. Ich beobachte diese Entwicklung aufmerksam. Der Aufstieg der SVP korreliert mitm Einfluss der Globalisierung. Aber ich bin zuversichtlich.

Denn eine gewisse Eigenheit werden wir immer bewahren können, wenn wir den nächsten Generation das Richtige richtig vermitteln. Wenn wir klarstellen können, dass egal wer du bist, woher du bist, dass everything goes. Du kannst alles hier erreichen. Oder wie mein Kollege A. am 1. August auf Facebook wiederholt:

Nur in der Schweiz kann ein albanischer Bauernsohn an einer Universität studieren und als Manager aufsteigen.

Das ist so und gilt weiterhin. Hier ist alles möglich. Deswegen mögen uns so viele. Man muss sich bloss anpassen und Demut zeigen.

bd

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Die Dinge erledigen

Ich geniesse derzeit eine Zwischenzeit. Ich verzögere einige Aktivitäten, einige issues, die bald unvermeidbar sind. Das ist zwischenzeitlich allen bekannt, mehrfach auch in diesem Blog erwähnt und durchdiskutiert worden. Ich geniesse meine Schonfrist, eine gesunde Ruhe vorm Sturm.

Ich möchte darlegen, wie ich meine Dinge erledigen. Ich verkaufe das Konzept des letzten vernünftigen Moments. Bis wann kann ich eine Aufgabe aufschieben, bis wann kann ich eine Entscheidung vertagen, bis sie nicht mehr vernünftig erledigt werden kann? Das herauszufinden ist meine grosse Lebenskunst.

Mein Leben ist bewegt. Ich erinnere mich gerne an mein comeback im 2008, das sehr rauschhaft und fantastisch war. Ich verschleuderte alles. Doch bereits im 2009 musste ich mich wieder einordnen; ich startete meine erste Weiterbildung nach der Grundausbildung. Diese dauerte berufsbegleitend drei Jahre.

Danach wechselte ich die Seiten; zum Lieferanten. Ich lernte einen T. beim Rauchen kennen. Ich folgte ihm. Ich war fortan im Kreis 1 festangestellt. Ich reiste quer durch die Schweiz. Sammelte Zertifikate, besuchte Fortbildungen, referierte an Fachhochschulen und Fachtagungen.

Ich arbeitete unermüdlich. Ich lernte und las viel. Ich hatte einige Innovationen erfunden, die heute Standard sind bei grossen Unternehmen. Ich überraschte mit Kreativität, Ausdauer und Verlässlichkeit. Man schätzte mich als einen beflissenen und strukturierten Mitarbeiter. Ich war der Backlog-Gott.

Seit ich im September mein letztes CAS abgeschlossen habe, seit ich meine Facharbeit zuhanden eines internationalen Standardisierungsausschusses verhauen habe, seit ich mich privat neu orientierte, seit ich gekündigt habe, spare ich meine Kräfte und Energie für den nächsten Schritt.

Ich erledige meine Dinge sorgsam und ausgewählt. Mein Backlog wächst dadurch. Aber das ist gut so. Ich erhole, entspanne mich. Ich geniesse derzeit wahrhaftig unbeschwerte Momente. Das schlechte Gewissen plagt mich manchmal, es überfällt mich. Manchmal erinnere ich mich, dass ich noch dies und das zu bewältigen habe.

Aber ja, ich gewähre mir noch eine kurze Frist. Bald geht’s los. Bald werde ich wieder dampfen und rauchen müssen. Bald werde ich mich beruflich und schulisch verausgaben müssen. Ich sehe mich bereits allabendlich Dokumente studierend, zitierend, kalkulierend, akquiriered, netzwerkend.

Ich bin ein Mann unter Strom, ich bin befeuert. Ich bin hungrig. Lebenslänglich arbeiten und lernen bejahe ich. Auch später, als verkommener Schriftsteller dann, werde ich niemals haushalten oder mich einschränken. Ich werde immer exzessiv mich weiterbilden. Ich strebe, ich bin zielstrebig. Ich werde meine Werke schaffen.

bd

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Die Liebesblase

Eine Blase schützt dich. Sie isoliert dich vorm Umfeld, von der Realität. Du schwebst lautlos. Du schwimmst darin. Mal bäuchlings, mal kopfüber. Du drehst, wälzst dich darin. Die Aussenwelt schimmert durch. Doch du erkennst nichts. Du willst nicht erkennen. Du bist der Aussenwelt entrückt.

Du bist nicht alleine. Du willst die Zeit konservieren. Du willst nicht grübeln, ob und wann deine Blase platzen möge. Du willst dich nicht erinnern, dass alles, was entsteht, auch irgendwann-wie zugrunde geht. Du flatterst stattdessen, du betörst dich. Du betäubst dich. Du vergisst dich.

Deine issues werden dringlicher und wichtiger. Du musst dich bald entscheiden und wieder fokussieren. Du musst entweder lernen, dich weiterbilden oder beruflich aufsteigen. Du musst Arzttermine vereinbaren, soziale Verpflichtungen erfüllen. Du musst dich austauschen und vernetzen. Du musst allerlei.

Aber du schwebst weiterhin meterhoch überm Boden der üblichen Lebenswirklichkeit. Du bist abgehoben, aufgehoben und enthoben. Weder Wagner noch Coldplay können dich herunterholen. Du versprichst, dass du alles tust, damit die Blase nicht platzt. Du erstrebst diesen gleitenden Endzustand.

Ich wünsche mir allen frischen und jungen oder alten Pärchen, dass sie jederzeit eine Blase bilden können, wo sie sich zurückziehen und geborgen fühlen können. Eine Blase, jederzeit abflugbereit, jederzeit empfänglich. Eine Blase ohne Bedingung oder Widerstand. Wo man sein und daheimsein darf.

bd

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Dynamische Preise

Zurück zum Tagesgeschäft. Die Preise im Grossverteiler können bald variieren. Das Mad Wallstreet, eine Abfüllkette ausm Hinterland, hat seinerzeit die Getränkepreise dynamisiert, der Preiselastizität angepasst. Die Bierpreise wechselten stündlich. Das verführte das Publikum, lieber jetzt als später massenhaft Bier zu bestellen.

Auch im Flugverkehr ist der Preis undurchsichtig. Verworrene Mainframe-Systeme, die mittels virtualisierten Schnittstellen und verklungenen Webservices gekapselt sind, kalkulieren aufgrund überlieferten Geschäftslogiken minütliche Preise für jeden Sitzplatz. Ob hier Nachfrage einen Preis festlegt, ist nicht nachweisbar.

Wenn Grossverteiler nun also wenigstens Rabatte agilisieren wollen, wie die NZZaS enthüllen durfte, freut mich das. Denn die Grossverteiler sind momentan noch etwas sehr Sozialdemokratisches. Alle bezahlen gleich viel. Ob der facettenreiche Fredi oder die generösen Gieblers. An der Kasse sind sie schliesslich, so Gottlieb, alle gleich.

Aber nun erobert der späte Kapitalismus die letzte sozialdemokratische Bastion. Ich frohlocke, weil damit totalisiert der Kapitalismus unser Lebensgefühl, dass wir vollständig den Marktgesetzen ausgeliefert sind. Wir werden ohnmächtig und können fürderhin keinen Preis mehr reproduzieren.

Ich als 3+ würde ein fingiertes Format lancieren, das gescholtene Nachbarn spioniert, wie viel sie für eine Milch berappen müssen.

bd

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Erkrankt

Derzeit beklage ich eine kleine Erkältung. Eine sogenannte Männergrippe, die vermutlich schlimmste Krankheit, die grösste Geisel der Menschheit. Sie verursacht mehr Leiden als Aids. Wir sollten ihretwegen challenges viral verbreiten statt für irgendwelche unbedeutende und abstrakte Nervenstörungen, die niemand aussprechen oder verstehen kann.

Diese kleine Erkältung behindert meine allgemeine Produktivität. Ich bin dann einigermassen gelähmt-blockiert. Ich kann bloss im Bettchen hausen, warten, fristen, bis ich allmählich gesunde. Ich kann künstliche Vitamine konsumieren, die mir das Vitamininstitut Lausannes deutlich bestätigt. Ich kann Katzenvideos studieren, mich belämmern.

Verständlicherweise droht mir in solchen Situation eine sanft-leichte Depression. Mein Gemüt verdunkelt. Wo ich kürzlich noch himmelhoch jauchzte, bin ich fortan zu Tode betrübt. Das verzehrt Lebensenergie. Weil ich nach dieser Phase wieder aufrappeln muss. Ich muss wieder aufstehen, wieder die Welt erobern und erkunden.

Ich nutze diese Phase, um den grossen und weiten Backlog zu ordnen. Die issues sammeln sich; ich habe viel zu tun. Ich könnte mich zwar auch masslos betrinken und alles vergessen und sexuellen Eskapismus frönen, aber das würde meine issues bloss hinausschieben, nicht einmal vertagen; sondern bloss noch dramatisieren und jedwelche Frist verkürzen.

bd

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